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Andreas Schindler

Geschichten vom Ende des Ölzeitalters. Wurm- und Mikrobenlobbyismus, permakulturelle Gedankenwut.

31. 1. 2012 - 15:53

Ja, natürlich ...

... zurück zum Ursprung, dort erwartet uns Natur pur. Clemens Arvay, der Autor von "Der große Bioschmäh", zu Gast bei FM4

BIO-Produkte verheißen die Möglichkeit, mit gutem Gewissen zu konsumieren. Seit Mitte der 90er Jahre werben Supermarktketten mit BIO-Produkten. Das BIO-Gütesiegel findet seither wachsenden Zuspruch und ist heute kaum noch aus den Regalen wegzudenken. Beworben werden BIO-Produkte mit dem Hinweis auf deren Natürlichkeit, Naturbelassenheit, Umweltverträglichkeit. TV-Spots zeigen Bilder von glücklichen Schweinderln, urigen Bauernstuben und idealistischen Produzenten.

Der Agrarökologe („mein Herz schlägt für den Ökolandbau“) Clemens Georg Arvay hat sich die Produktionsrealitäten der BIO-Massenware genau angesehen. Seine Rechercheergebnisse hat er jetzt in dem sehr empfehlenswerten Buch Der große Bioschmäh – wie uns Lebensmittelkonzerne an der Nase herumführen zusammengefasst und veröffentlicht. Sein ernüchternder Befund:

Clemens Georg Arvay

Clemens Georg Arvay

BIO kills the Ökolandbau

Warum dem so ist und warum KonsumentInnen gut daran tun genauer nachzufragen, das hat uns Clemens Arvay gestern im FM4 Interview erklärt. Hier seine zentralen Standpunkte und Argumente.

Warum dieses Buch?

Mein Buch richtet sich nicht gegen die BIO-Idee. Wo BIO draufsteht, ist tatsächlich auch BIO drin. Die Frage ist nur: In welche Richtung entwickelt sich die BIO-Landwirtschaft? Es gibt natürlich noch immer Ökobauern, die die ursprüngliche Idee ernst nehmen und den Erwartungen der Konsumenten entsprechen. Mein Buch will aufzeigen wo die Unterschiede zwischen Massenmarkt und Nischenmarkt liegen - kurz: zwischen BIO und öko.

Ökolandbau vs. BIO-Massenproduktion

Mit unglaublich schweren, riesengroßen Maschinen über Monokulturen zu fahren ist zwar erlaubt in der BIO-Landwirtschaft, widerspricht aber dem Gedanken der ökologischen Landwirtschaft. Die meisten Bauern der Öko-Nische sprechen sich für Mischkulturen aus, für eine kleinstrukturierte Landwirtschaft, für mehr Landschaftselemente. Der Technikeinsatz ist auch in der Mischkultur möglich, muss aber angepasst sein an die Umwelt und den Menschen und nicht an irgendwelche Bedürfnisse von Konzernen.

Die Folgen der BIO-Massenproduktion

Die ökologische Landwirtschaft unterliegt mitlerweile den selben Zwängen des Marktes wie die konventionelle. Das wirkt sich natürlich auch auf die Produktionsrealität aus, die überhaupt nicht mehr so ist wie sich das Konsumentinnen und Konsumenten vorstellen. Die ursprüngliche BIO-Idee ist anscheinend durch Supermarkt- und Diskontkonzerne mit ihrer Herangehensweise sehr schwer umzusetzen. Der Preisdruck führt natürlich zu einer Intensivierung der Landwirtschaft und so findet man jetzt auch BIO-Tierfabriken.

Die Verlierer des Massenmarktes

Aus heutiger Sicht ist der zentrale Misstand das Aussterben der Klein- und Mittelbetriebe in der Biolandwirtschaft. Diese Betriebe, die ja eigentlich als die Akteure der Ökolandwirtschaft gedacht werden, kommen extrem unter Druck und können auf diesem Massenmarkt gar nicht mehr bestehen.

Der Anspruch auf Regionalität

Regionalität gehört zur Philosophie des Ökolandbaus. Supermärkte und Diskonter sind einfach nicht dazu geeignet einen ernsthaften Regionalitätsbegriff umzusetzen. Ein Beispiel: BIO-Eier aller österreichischen Supermärkte werden aus den Bundesländern zu großen, industriellen Packstellen gefahren und dann wieder von dort in die Bundesländer-Filialen zurück. Regionalität heißt: „aus der Region in die Region“ und nicht: „aus einer Region in eine ganz andere und dann wieder zurück.“

Wie einkaufen?

Es wäre wichtig wieder den Nischenmarkt zu unterstützen und zu fördern, denn es gibt ihn noch. Wir brauchen ein dezentrales Netzwerk aus Klein- und Mittelbetrieben, die es ernst nehmen mit der ökologischen Landwirtschaft und die sich nicht nur an den Zwängen der Marktwirtschaft orientieren. KonsumentInnen haben natürlich eine ungeheure Macht, indem sie diese Strukturen unterstützen und aktiv danach fragen. Das ist vielleicht am Anfang ein bisschen anstrengender als einfach ums Eck in den nächsten Supermarkt zu gehen, aber langfristig ist das die Lösung.

Kann man acht Milliarden Menschen mit Reformladenware ernähren?

Dass die Menschheit nur durch große Industriebetriebe ernährt werden kann, ist ein Märchen, das ganz besonders der Industrie gefällt, aber einfach nicht stimmt. In Wirklichkeit wird auch unter Agrarwissenschaftlern schon lange diskutiert, ob nicht die Ausweitung der Klein- und Mittelbetriebe zu einem nachhaltigen, dezentralen Netzwerk auch eine Alternative wäre, um genug für alle zu produzieren. In der Mischkultur sind die Erträge um einiges höher. Außerdem sind sie langfristig nachhaltiger als jede Monokultur. Industrialisierung ist gerade in Zeiten der Erdölknappheit ein totaler Irrweg, aus dem wir raus müssen. Die BIO-Landwirtschaft ist aber gerade drauf und dran genau diesen Irrweg einzuschlagen.

Transkription: Andreas Schindler

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Forum

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  • rriotrradio | vor 912 Tagen, 5 Stunden, 35 Minuten

    das buch wird sich mit sicherheit sehr gut verkaufen...

    ist herr arvay doch jetzt auf allen kanälen damit präsent.

    es gibt mit sicherheit vieles, was man an der biologischen landwirtschaft kritisieren oder noch verbessern kann und muss. der in diesem buch präsentierte zugang ist mMn aber auf ungute art und weise elitär. sollen biologisch angebaute/produzierte lebensmittel einer grösseren zielgruppe als der bildungs- und einkommens-elite zugänglich sein, dann kommen wir an einer teil"industrialisierung" nicht vorbei. ja...ich stehe auch auf all diese handwerklich produzierten spezialitäten die ich beim rochushof (salzburg) oder bei diversen hofläden bekomme. aber das zeug kostet halt auch richtig geld. wir könnten natürlich darüber diskutieren, dass lebensmittel insgesamt zu günstig sind und dass das prinzip des preismarketings gerade bei den lebensmitteln durchbrochen werden sollte.

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  • wer66ner | vor 912 Tagen, 21 Stunden, 58 Minuten

    Einheitsware im Kapitalismus oder "One Size Fits All"

    Solange Ware von mittlerer Art und Güte (§ 905b ABGB) gefördert wird, hat der Kleinst- und Kleinbetrieb immer den Wettbewerbsnachteil, weil hier die Stückzahl (Quantität) die Beschaffenheit (Qualität) bestimmt.

    Gleichwohl enthebt die Regelung den Käufer von der sorgfältigen Prüfung der Ware (nach Erkundigung über die Eigenschaften), die bei schwindender Freizeit den Doppelverdienerehepaaren und im Versandgeschäft den Postboten und Ausfahrern ohnehin nur noch ausnahmsweise zumutbar zu sein scheint.

    Ein Apfel wird "Apfel". Man interessiert sich nicht für Herkunft, Geschmack, Zubereitungsmöglichkeiten, Haltbarkeit, Farbe, Geruch, u.s.w.

    Das eigentlich Witzige daran ist, dass die von den Kapitalismusverfechtern oft in die Diskussion geworfene Argument der Vielfalt im Sortiment nun von den Prozessoptimierern der Controllingabteilungen wegrationalisiert wird.

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