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Musik, Film, Heiteres

Robert Rotifer London/Canterbury

Themsenstrandgut von der Metropole bis zur Mündung: Bier ohne Krone, Brot wie Watte und gesalzene Butter.

22. 2. 2012 - 11:12

What the Dickens!

Her mit dem Gesinde! Der britische Arbeitsmarkt modernisiert sich mit Volldampf zurück ins 19., nein 18. Jahrhundert.

Sklavenarbeit war ein populäres Thema in Großbritannien in den letzten paar Wochen. Nicht historisch gesehen oder in Zusammenhang mit Schlepperbanden, sondern die staatlich organisierte Variante.

Ich hab über das Thema ja schon letztes Jahr geschrieben. Es hat nur wie üblich eine Weile gedauert, ehe das Thema so richtig durchgesickert ist.

Inzwischen sind bereits tausende Jugendliche des Nachts Regale schlichtend durch die Gänge der britischen Supermärkte gegeistert, verhasst bei ihren KollegInnen, deren Jobs sie gefährden und deren Löhne sie drücken, unbezahlt an der Arbeit, um ihre 53 Pfund wöchentliche Job Seekers' Allowance behalten zu dürfen.

Eine Betätigung, die sie - in den Worten des liberaldemokratischen Vizepremiers Nick Clegg – "vom Fernsehen abhält".

Sowas: Snobs wollen Lohn für Arbeit

Iain Duncan Smith, der konservative Work and Pensions Secretary, der in der abgemeldeten Phase der Tories einmal erfolgloser Parteiobmann war, dann in die politische Wildnis geschickt wurde und dabei sein wohltätiges Interesse für den untersten Rand der Gesellschaft entdeckte, bezichtigt die Kritiker seines "Work Experience"-Programms des "Snobismus". Sie wüssten nicht, was es für minder privilegierte Arbeitssuchende bedeute, einmal einen Fuß in die Tür zum beschäftigten Leben zu zwängen.

Es ist schwer zu glauben, aber weder Duncan Smith noch Clegg sind geborene Zyniker. Aus ihnen spricht vielmehr die Lebenserfahrung des Patriziers, der schon seit Jahren gewohnt ist, die Kinder nach dem Uni-Abgang in unbezahlte Jobs im Lobbying, als Interns ins Unterhaus oder etwa in einflussreiche Anwaltskanzleien zu schicken, auf dass sie dort Kontakte knüpfen.

Gerade Clegg, ich entsinne mich, kritisierte noch vor ca. anderthalb Jahren lautstark diese Praxis, weil er richtig erkannt hatte, dass die Erwartung der unbezahlten Arbeitserfahrung jene aussperrt, die sie sich nicht leisten können.

Neue Lohnkategorie "JSA plus expenses" - Arbeitslosengeld plus Kostenersatz

Umso erstaunlicher, dass die Regierung nun nicht verstehen will, was unbezahlte Beschäftigung für den Hilfsarbeitsmarkt bedeutet.

Denn bei all der berechtigten Empörung, die sich gegen die vielleicht sogar illegale, institutionalisierte Nötigung zum Verschenken der Arbeitskraft regt, bis hin zur offiziellen Petition an die Regierung, ist mir bisher gerade jenes Argument abgegangen, das die Konservativen besser verstehen sollten als alle anderen:

Die unzulässige staatliche Manipulation des Arbeitsmarkts.

Wir alle kennen die gegen höhere Steuern für Superreiche, gegen Obergrenzen für Banker-Boni und jede Einschränkung der explodierenden Spitzengehälter aufgefahrenen Thesen vom internationalen Markt, gegen den man nicht ankönne, weil all jene Bestverdiener sonst augenblicklich das Land verlassen und anderswohin bestverdienen gehen.

Am unteren Ende des Arbeitsmarkts dagegen scheint es ganz okay, eine staatliche Konkurrenz für bezahlte HilfsarbeiterInnen aufzubauen.

Workhouse in London 1903

public domain

St Marylebone Workhouse 1903

Im Fall der Supermarktkette Tesco äußerte sich das etwa darin, dass neue Jobs gleich als JSA plus expenses (Arbeitslosengeld plus Kostenersatz) ausgeschrieben wurden.

Wären diese ArbeitslosengeldbezieherInnen Konsumgüter, würde das Verschenken ihrer Leistungen an die großen Supermärkte als glatte Wettbewerbsverzerrung gelten.

In der Zwischenzeit verjagt die Flut von Gratis-Arbeitskräften die NiedriglohnbezieherInnen, bloß nicht wie die Superreichen in Richtung internationaler NiedriglohnbezieherInnenparadiese, sondern in die Arbeitslosigkeit, aus der sie dann mit etwas Glück wieder auftauchen könnten, indem sie denselben Job wieder ohne Lohn antreten.

Demonstrant mit Plakat: Tesco Exploitation: Every little helps

righttowork.org.uk

Um ehrlich zu sein, gibt es von konservativer Seite sehr wohl angedachte Lösungsvorschläge, diesem Dilemma zu begegnen, und zwar indem man es den bezahlten Arbeitskräften großzügigerweise erlaubt, sich ein bisschen billiger als bisher herzugeben.

Durch ein Einfrieren des Mindestlohns für die nächsten zwei Jahre oder so.

Britische Kräfte für den globalen Billigstlohnmarkt

Versetzen wir uns einmal in jene Denke hinein, die den Mindestlohn als Klotz am Bein der Niedrigstverdienenden darstellt:

Demnach sollten sich die 18-20-Jährigen über einen real sinkenden Mindestlohn besonders freuen, schließlich genießen sie mit ihren 4 Pfund 98 Pence Mindest-Stundenlohn ja jetzt schon einen Konkurrenzvorteil gegenüber älteren ArbeitnehmerInnen, die 6 Pfund und 8 Pence verlangen müssen.

Viktorianisches Workhouse

public domain

Viktorianisches Workhouse. Wie man an den zeitgenössischen Abbildungen sieht, wurde da viel gegessen.

Bei eingefrorenem Einkommen sollte sich dieser Wettbewerbsvorsprung mit fortschreitender Inflation potenzieren.

Auch global gesehen werden die "Working Poor" mit wachsender Armut immer konkurrenzfähiger. Schließlich gibt es bei Billiglöhnen genauso einen internationalen Markt wie bei den Spitzengehältern, und da ist noch einiges drin, bis Großbritannien auf indischem oder chinesischem Niveau angelangt ist.

Wie sich das mit den hiesigen Lebenserhaltungskosten vereinbaren lässt, ist eine Frage, die sich wohl nur Snobs stellen, die sich vermutlich für eine Schuhschachtel am Straßenrand zu gut wären.

Oder für eine Gefängniszelle - arbeitet Großbritannien doch bereits an seiner eigenen Version der amerikanischen Lösung, Häftlinge unter dem Mindestlohn arbeiten zu lassen.

Das Problem ist wohl einzig die soziale Akzeptanz. Wir haben uns in den letzten siebzig, achtzig Jahren einfach zu sehr daran gewöhnt, dass Billigstlohnarbeit und das damit verbundene Elend möglichst außerhalb des eigenen Blickfelds stattfinden.

Dabei wäre der heurige 200. Geburtstag von Charles Dickens doch ein passender Anlass dafür, sich in dessen Werken beschriebene alte Ideen aus der Ära der industriellen Revolution wieder genauer anzusehen.

Was war denn so falsch an der Institution des Workhouse, Beschäftigung und Unterbringung zugleich, beides gratis? Die Briten haben es einst vorgeführt, die schlauen neuen Wirtschaftsmächte machen es ihnen heute nach. In Zeiten wie diesen sollte man sich auf alte Stärken zurück besinnen.

Arbeitsplatzrechte "intellektuell unhaltbar"?

Einer, der das verstanden hat, ist Liam Fox, der - wir erinnern uns - erst vor Monaten wegen der Omnipräsenz seines dubiosen Schattens, des mysteriös unbezahlten Waffenindustrie-Lobbyisten Adam Werrity als Verteidigungsminister zurücktreten musste. Jetzt kehrt er aus der Versenkung zurück.

In einem Gastbeitrag für die Financial Times fordert er nicht bloß Steuersenkungen für Unternehmen sondern eine weitere Befreiung des ohnehin schon beispielhaft Cowboy-freundlichen britischen Arbeitsmarkts:

"Um die Wettbewerbsfähigkeit wiederherzustellen, müssen wir bei einer Deregulierung des Arbeitsmarkts beginnen. Politische Einwände müssen übergangen werden. (...) Es ist intellektuell unhaltbar zu glauben, dass Arbeitsplatzrechte unberührbar bleiben sollten, wo Leistung und Beschäftigung doch klar zyklisch sind."

Genau, und jetzt wären wir im Zyklus eigentlich gerade im 18. Jahrhundert angelangt, wenn diese unbelehrbaren Anti-Sklaverei-Snobs das nur einsehen würden.

Jenseits meines Sarkasmus', mit dem jetzt auch Schluss sein muss, bevor mir selber schlecht wird, ist allerdings interessant zu beobachten, dass die sogenannte öffentliche Meinung eben offensichtlich doch nicht alles schluckt.

Nachdem die ganze Geschichte mit der Gratis-Arbeit da draußen doch nicht so gut ankam, hat die Supermarktkette Tesco eine öffentliche Kehrtwende vollzogen. Ab jetzt gibt es "auf Wunsch" wieder Geld für Arbeit. Andere Ketten wie der Buchhandel Waterstone's oder der Kleidungsdiskonter Matalan haben ihre Beteiligung am Workfare-Programm ebenso abgesagt.

In der Zwischenzeit ist ein neuer Skandal geplatzt. A4e (Action for Employment), die Firma, die Iain Duncan Smiths Welfare-to-Work-Programm der Regierung verwaltet (alles, aber auch alles ist privatisierbar), scheint sich mit öffentlichen Geldern betrügerisch bereichert zu haben.

Über 8,6 Millionen Pfund soll die schon in den späten Neunzigern von New Labour hofierte, nun von David Cameron zum "families champion" ausgerufene A4e-Chefin Emma Harrison letztes Jahr an Dividenden bezogen haben, alles Gelder öffentlichen Ursprungs.

Sie residiert auf dem herrschaftlichen Landgut Thornbridge in Derbyshire. Da sollten sich doch ein paar Stellen fürs Gesinde ausgehen, gegen Kost und Logis, wie früher einmal.

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  • insomja | vor 1033 Tagen, 20 Minuten

    : )) .."bevor mir selber schlecht wird..."

    Top Artikel. THX for that.
    venceremos, no pasaran

    Auf dieses Posting antworten
  • zarniwoop | vor 1033 Tagen, 22 Stunden, 35 Minuten

    Demokratisch gewählt!

    Der eigentliche Wahnwitz der Situation liegt darin, dass es sich dabei um demokratisch gewählte Regierungen handelt!
    Und zwar egal, ob die durchgeknallten Ungarn etc. oder die Briten oder wo auch immer. Es scheint so, als müsste man dem doofen Stimmvieh nur mal so eine Mohrrübe wie "internationale Wichtigkeit" hinhalten, und schon ist es bereit, jubilierend den eigenen Untergang zu feiern.
    Und es ist überall dasselbe Phänomen: Die Billiganbieter, die ja alle so sehr lieben, weil jeder nur den Preis und nicht den Rest sieht, sind der Ausgangs- und Angelpunkt dieser Entwicklung: Weil diese Dumpingpreise können nur gemacht werden, wenn die Belegschaft dafür hungert.
    Es gibt übrigens auch in der BRD jede Menge Vollzeit(!)-Jobs, die vom Staat noch auf das Sozialhilfe-Niveau aufgepimpt werden - ganz ohne besondere Versklavungsaktionen wie in UK...

    Auf dieses Posting antworten
    • rotifer | vor 1033 Tagen, 22 Stunden, 23 Minuten

      Nun ja, man könnte sagen, niemand hat diese Koalition gewählt. Umso mehr, als sich das Programm der LibDems, und eigentlich auch das der Tories vor der Wahl völlig anders angehört haben...