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Musik, Film, Heiteres

Boris Jordan

Maßgebliche Musiken, merkwürdige Bücher und mühevolle Spiele - nutzloses Wissen für ermattete Bildungsbürger.

4. 3. 2012 - 13:25

Song Zum Sonntag: Die Türen

Yoga und Systemkritik: „Leben oder Streben“

Sie fordern Output bis zum Rausschmiss und Ordnung bis zum Abriss. Es hat dich niemand gefragt, ob du auch Lust dazu hast … Deine Hobbies sind Yoga und Systemkritik … ALG 2, RTL 2, Aufstehen um zwei und nicht einen Menschen zum Reden … Ich will keinen Mindestlohn, ich will Mindestliebe, ich will auch kein Grundgehalt, ich will nur einen Grund zum Frieden … Denn es heißt Leben oder Streben und goodbye.

Die Videos der Türen sind schon Klasse: „Rentner und Studenten“ zeigt Enddreißiger-Kinderwagen- Bobos und das Präkariat, wie sie einig in Prenzlauer Berg für „mehr Freizeit“ demonstrieren. „Leben oder Streben“ zeigt die Band in einem ärmlichen Querelle-Dekadenz-Look, die unterprivilegierte Boheme ohne Geld, Zukunft oder Gewissen aber voller Stolz, coolem Wissen, Selbstbewusstsein und Lebenswillen - mit Gaunerbärtchen, Hausanzughosen, Safarisakko, neonfarbenen Hosenträgern und abgeschnittenem KiK-Querstreifenpulli. Der schmerbäuchige Sänger macht asynchrone Tanzworkshop-Bewegungen, dazu der wie immer gleichgültig coole Blick von Gastgitarrist Andreas Spechtl über offenem Hemd. Die Band spielt einen sehr unaufgeregten Funk, jede Bewegung scheint zu viel. Man schwingt leicht angekatert, während eine hektische Kamera wie in einer Art Gemeindebaufernsehvariante von „Top of The Pops“ um den Sänger kreist und die angewiderten Musiker in Großaufnahme einfängt.

Die Türen

Knut Claßen

„Da Sein muss doch reichen“, singt Maurice Summen, und das Video antwortet mit dieser schmuddeligen Dekadenz, die zugleich die Antithese zu Roxy Music zu sein scheint und ihre stilvolle Vollendung in der Boheme der Kellerkinder.

Das passt zum Text. „Ich will keinen Mindestlohn, ich will Mindestliebe“ könnte das vernachlässigte und vergessene untere Drittel der Gesellschaft schon fordern, die „Marginalisierten, von denen man seit Ewigkeiten schon nichts mehr gehört hat, was nicht weiter gestört hat“. Angesichts der Tatsache, dass die von den so genannten „Leistungsträgern“ - das sind die, die nichts „leisten“, sondern Besitz akkumulieren oder akkumulierten Besitz ideologisch in „Leistung“ umdefinieren – in deren Medien wahlweise als "Problem" dargestellt werden, weil sie zu dumm, zu hässlich oder zu faul seien oder auch nur „zu spät aufgestanden, zu früh schlafen gegangen, zu lang nachgedacht“ haben und weil von ihren Leistungen nach Abzug der Stromrechnung nicht genug übrig bleibt, um Besitz zu akkumulieren. Oder weil sie in ebendiesen Medien in - zynisch und ernstgemeint - so genannten „Realitätsfernsehsendungen“ als Quelle für echte Konflikte und echte Verzweiflung ausgebeutet werden können.

„Mindestliebe“, das wird ihnen in beiden Fällen verweigert.

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  • christianlehner | vor 929 Tagen, 8 Stunden, 30 Minuten

    summen als jogger-jagger = große klasse.

    Auf dieses Posting antworten
    • ostermayer | vor 928 Tagen, 1 Stunde, 41 Minuten

      kapitulation (meinerseits?):

      kann man die idee einer dumpfen selbstermächtigung noch ohnmächtiger ins bild setzen? gibt es gar noch eine unbekannte ironie jenseits der abgefuckt studentischen? wie viel unsinnliche sperrigkeit braucht die anerkennung eines solchen schases? obwohl - ich weiß eh: da sind göttliche zeilen drin. aber mit diesem nichts von einem "song" lassen sich doch nur die schon gemästeten mästen, fürcht ich. "schade, aber toll" - so nannten es die alten spexler. genauso fühle ich auch bei dieser verschissenen chance. tolle idee, jajaja. na und?

    • softmachine | vor 925 Tagen, 11 Stunden, 23 Minuten

      huch, da hat einer einer aber einen eitrigen neid herd, schnell zur apotheke und mit wodka spülen, sonst kommt die weltrettung noch zu spät...