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Martin Blumenau

Martin Blumenau

Geschichten aus dem wirklichen Leben.

24. 6. 2012 - 15:44

EM-Journal '12-62.

Zur Bedeutung des Begriffs "Reife" im Fußball. Die Verabschiedung von Frankreich.

Das EM-Journal 2012 begleitet täglich die Euro in Polen und der Ukraine, ähnlich wie schon das WM-Journal '10 beim letzten Großereignis.

Das französische Viertelfinale gegen Spanien.

Die Übersicht zu allen Spielen und Journalen.

Die Profile der sechzehn teilnehmenden Teams:
Gruppe A
Polen / Griechenland
Russland / Tschechien
Gruppe B
Niederlande / Dänemark
Deutschland / Portugal
Gruppe C
Spanien / Italien
Kroatien / Irland
Gruppe D
England / Frankreich
Schweden / Ukraine

Das alles im Rahmen des heurigen Fußball-Journals '12, welches sich - wie schon 2011 - mit den aktuellen Unwägbarkeiten dieses besten aller nicht lebenserhaltenden Systeme beschäftigt.

FM4 hat auch diesmal wieder ein EM-Quartier im Wiener WUK, mit Public Viewing, Moderation und netten Gästen. Für Regenwetter gibt es Indoors-Screens.

Samir Nasri hat schon recht: Die Medien schreiben eh nur was sie wollen, also Scheiße, und nicht das was er gern hätte. Nach dem Ausscheiden wiegt das natürlich umso schwerer. Alternative dazu hat Nasri keine vorgebracht; ging in der Aufregung in der Mixed-Zone vielleicht auch nicht - aber ihm wird auch sonst nix einfallen.
Den besinnungslos-doofen Schwampf, den Fußballspieler bei offiziellen Anlässen und auch bei Interviews absondern, den will außerhalb einer überschaubaren Hardcore-Community auch keiner hören. Und da selbst die, die als einzige so halbwegs dürfen, weil ihnen die Träger des Sports als einzige so halbwegs was wie ein öffentliches Äußerungsrecht mit Prozent-Gehalt zugestehen, die Coaches nämlich, befolgen gerade bei solchen Turnieren auch nur die goldene Regel, nämlich das Absondern von abgestandenem Lulu. Es ist einfach nichts von Substanz da, was Äußerungen betrifft.
Also müssen die Medien was anderes machen, Nasri, es gibt keinen Ausweg.

Um nicht abzuschweifen: Um sowas zu erkennen und sich dann nicht in einer kindlichen Entäußerung zum Deppen zu machen, bedarf es etwas, was man sowohl in der wirklichen Welt als auch in der des Fußballs Reife nennt. Nasri hat die, als Spieler auf dem Platz trotz seiner jungen Jahre bereits einige Zeit. Menschlich fehlt sie ihm noch. Das ist nicht weiter schlimm, wenn ein funktionierendes Teamgefüge das abfängt. Risse kriegt ein Fundament erst dann, wenn das nicht funktioniert. Dann beginnt sich die mangenlde Reife auch aufs Spielerische auszuwirken. Und das ist hier geschehen. Mit historischen Ursachen.

Frankreich ist ja bei der WM 2010 in seine Einzelteile zerfallen. Da wurde zuvor jahrelang ein ernsthafter Neuaufbau versäumt, da man zulange versucht hatte Stinkstiefel wie Anelka, verzopfte Spielführer wie Makelele, verstiegene Künstler wie Vieira und Head-in-the-Cloud-Typen wie Henry wieder zu einem großen verschworenen Truppe zu formen.
Ein sinnloses Unterfangen - das konnte man 2012 an der zerbröselnden Mannschaft von Holland exemplarisch studieren: ein Team überm Zenit, das sich in Partikularinteressen verliert und an seiner eigenen dräuenden Überreife ersäuft.

Das neue Team Frankreich sollte aus diesen zerplatzten Resten neu erstehen und es liess sich 2011/12 ja gut an. Man fand einen Coach, Personal, hatte ein Rezept, war lange unbesiegt, konnte im Test sogar Deutschland bezwingen - alles Klasse, ehe man vor der Euro zuließ, in eine Co/Geheimfavoritenrolle gedrängt zu werden. Der zweite Satz in meiner Preview lautete: "Ich denke, dass diese Erwartungen zu früh gestellt werden."

Dazu fehlt nämlich vor allem eines: die Reife.
Und damit meine ich nicht die Ausbrüche von Nasri oder Ben Arfa, sondern die in jeder Formation noch nicht gänzlich erlangte spielerische Reife.
Rami-Mexes sind ein super Verteidiger-Paar - erinnern mich aber immer noch eher an junge spielende Hunde. Cabaye und M'Vila sind die neuen Träger in der Mittelfeldzentrale, aber sie laufen noch ein wenig zu struwwelig; Spieler wie Menez, Martin oder Giroud sind gut, aber es fehlen ihnen noch ein paar Zentimeter.

Dass das Team letztlich von Franck Ribery zusammengehalten werden müsste, dem real-life-unreifsten Typen seines Landes, ist ein schönes Sinnbild der Hoffnungslosigkeit dieser Aufgabe: der Mann gab gestern sein Bestes, war der Beste und es reichte nicht einmal ansatzweise.

Für Frankreich kam dieses Turnier deutlich zu früh; sie sind dabei zusammenzuwachsen, verfügen aber noch nicht über die Automatismen und Routinen, die nötig sind um diese kollektive Reife zu erzielen, um die es geht, im Fußball, vor allem in dem im Turnierformat.

Die gute Nachricht ist aber: Das wird schon.

Hat Blanc seine Optionen genützt?

FRANKREICH

Gardiens: 1 Hugo Lloris (Ol. Lyon), 16 Steve Mandanda (Ol. Marseille), 23 Cédric Carrasso (Bordeaux).

Défenseurs: 2 Mathieu Debuchy (Lille), 13 Anthony Réveillère (Ol. Lyon), 4 Adil Rami (Valencia/SPA), 5 Philippe Mexes (AC Milan/ITA), 21 Laurent Koscielny (Arsenal/ENG), 22 Gael Clichy (Manchester City/ ENG), 3 Patrice Evra (Manchester United/ENG).

Milieux: 6 Yohan Cabaye (Newcastle/ENG), 18 Alou Diarra (Ol. Marseille), 17 Yann M'Vila (Rennes), 12 Blaise Matuidi, 14 Jeremy Menez (Paris Saint-Germain), 19 Marvin Martin (Sochaux), 15 Florent Malouda (Chelsea/ENG), 11 Samir Nasri (Manchester City/ENG).

Attaquants: 7 Franck Ribéry (Bayern München/ D), 8 Mathieu Valbuena (Ol. Marseille), 20 Hatem Ben Arfa (Newcastle/ENG), 10 Karim Benzema (Real Madrid/SPA), 9 Olivier Giroud (Montpellier).

Nein.
Coachingmäßig wäre deutlich mehr drinnen gewesen.
Sich gleich im ersten Match von der Aufstellung her so angstvoll zu präsentieren, das hat dem Team nicht gutgetan. Das hat sich, auch wegen der anstrengenden Harmlosigkeit der Engländer, dann im Verlauf des Matches eh anders, offensiver sortiert - allein der Vorsichts-Gedanke war gesät.

Im zweiten und dritten Spiel war dann das 4-2-3-1 zu sehen, mit dem man in der Vorbereitung am besten ausgesehen hatte - einmal ging das sehr gut und einmal sehr schief, auch weil in Spiel 3 die Vorsicht, die Unsicherheit und die dann die Angst von hinten auf die Schulter geklopft hatten.

Die Aufstellung fürs Viertelfinale war dann gleich der Blanko-Scheck fürs Forfait. Kein Wunder dass die Equipe nie ins Spiel fand. Alles, was gegen die anderen Spanier, die Deutschen, im Bremer Test-Sieg Februar 2012 so gut geklappt hatte (Debuchy als stürmender rechter Verteidiger, ein offensives 4-2-3-1 mit Valbuena rechts vorne bzw. Ribery/Menez links) hatte Blanc in einem Anfall von Panik weggeschmissen, verdrängt, weggesperrt.

Auch das ist fehlende Reife, nämlich beim Coach Laurent Blanc: sich dann im wichtigen Moment nix trauen. Und dass das bei einer Mannschaft im Findungsprozess keine guten Folgewirkungen haben kann, versteht sich.

Personell hat Blanc viel/alles versucht, litt auch unter dem formlosen Malouda oder dem statischen Diarra. Mir fehlte der erwähnte Valbuena und der nicht nominierte Linksverteidiger Jeremy Mathieu, der ein Pendant zu Debuchy rechts hätte sein können.

Wenn die Verletzten, vor allem Diaby, zurückkommen und sich die neuen Hoffnungsträger stabilisieren, wenn sich Ribery mit seiner Leader-Position anfreunden kann und wenn Samir Nasri menschlich fertig wird, dann kann das/wird das/muss das wieder was werden, dieses Jahrzehnt noch mit den Blauen.
Noch muss dieser Jahrgang ein wenig liegen, um die Reife abzukriegen.

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  • rober7777 | vor 333 Tagen, 10 Stunden, 56 Minuten

    es ist leider immer wieder bei Turnieren zu beobachten das unerfahrene Trainer (und Blanc zähle ich dazu!) dazu neigen das eigene Team immer eine Spur Vorsichtiger ins Rennen zu schicken als die 2 jahre davor.
    PS: mexes ist bereits Ü30, auf den sollte man den Neuanfang nicht setzen. Und Reife hat auch mit Alter nichts zu tun, siehe Deutschlands Innenverteidiger Paar.

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  • followhill | vor 334 Tagen, 2 Stunden, 42 Minuten

    rami-mexes

    sind viel zu unbeweglich ...

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  • fussballfan121 | vor 334 Tagen, 3 Stunden, 14 Minuten

    Dass das französische Team Potential hätte, steht außer Frage. Aber ich glaube nicht, dass diese "fehlende Reife" wie du es nennst, wie beim Wein, mit der Zeit einfach von alleine kommt und sie ihr Potential später schon noch ausschöpfen werden.

    Meines Erachtens nach fehlte es der französischen Mannschaft inkl. Trainer bei diesem Tunier an etwas viel Grundlegenderem, nähmlich an der Einstellung, die man bei so einem Turnier mitbringen muss.

    Mit Einstellung meine ich zB. Teamgeist und Sportsgeist bzw. Siegermentalität.

    Zwei Beispiele:

    1) Wenn ich (noch dazu als potentiell besseres Team) bereits nach 45 Min gegen England einem Unentschieden zufrieden bin und mir die gesamte zweite Halbzeit fast schon "Gijon-like" den Ball nur mehr zuschiebe ohne ernsthaft ein Tor schießen zu wollen, ist klar, dass ich mit so einer Einstellung nicht weit kommen werde.

    2) Oder im dritten Spiel, als man vorher groß ankündigte unbedingt gewinnen zu wollen um als Gruppensieger die Spanier im VF zu vermeiden. Wie groß dieser Siegeswille war, hat man beim Spiel gegen Schweden dann gesehen, in dem man sang- und klanglos 0:2 verlor.

    Dies zeigt mir, dass im französischen Team einiges noch nicht passt. Bevor man das nicht ordentlich aufarbeitet...

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    • fussballfan121 | vor 334 Tagen, 3 Stunden, 11 Minuten

      ...und mit einer entsprechenden Turnier-Einstellung in die kommenden Endrunden geht, wird Frankreich meines Erachtens nach kein großes Turnier spielen.

    • fenchurch | vor 334 Tagen, 2 Stunden, 54 Minuten

      was frankreich allerdings im 2. spiel gezeigt hat, war weltklasse-tempofußball (fra gegen england wurde übrigens bei über 30° gespielt).
      die gestrige bis zum anschlag angezogene handbremse ist allein dem trainer anzulasten.

  • carlosfuturo | vor 334 Tagen, 4 Stunden, 40 Minuten

    Was hast du gegen vieira ??

    Der war das a und o in der equipe bei der wm 2006 und nicht wie die medien , die tatsaechlich immer scheisse schreiben , behauptet haben zidane.

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