Erstellt am: 29. 6. 2012 - 17:15 Uhr
Occupy Kraków
von Aleksandra Kolodziejczyk
„Im Jahr der Fußball-EM hat das hier nichts zu suchen“, tönt es vor kurzem aus dem Radio. Trommelklänge im Samba-Rhythmus haben meine Aufmerksamkeit vom angebrochenen Frühstücksei auf die Nachrichten gelenkt. Die Demonstration „Okupuj Kraków“ wurde von der Polizei aufgelöst, meldet der Nachrichtensprecher. Zwei Tage zuvor war ich in Krakau und bin beim Spazieren durch die Altstadt auf die kleine Zeltstadt am Hauptplatz gestoßen.
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Krakau ist keine Firma, die Stadt sind wir
„Polen - das Land der Wohnungsmisere“, „Ohne Partizipation gibt es keine Demokratie“ oder „Brot statt Spiele“ steht auf den Transparenten. Zwischen den alten Markthallen und vorbeiziehenden TouristInnenschwärmen wirken die Zelte etwas verloren auf so großem Raum. Doch der Ort ist gut gewählt und unterstreicht die Forderungen der BesetzerInnen.

„Die schönen Häuser hier am Hauptplatz, das ist alles Fassade, aber schauen Sie hier her, so sieht die Stadt wirklich aus: Schmutz, Dreck und keinerlei Interesse von Seiten der Stadtregierung“, sagt Mariusz, während er demonstrativ den Boden schrubbt. Zuvor hat die Polizei versucht die Demo aufzulösen. Der Grund: der Platz müsse gereinigt werden.
Während sich Mariusz erneut der schwarzen Farbe auf dem Boden zuwendet, kommt eine ältere Frau mit Besen auf mich zu. Sie stellt sich als Maria Michta vor. Sie sei Pensionistin und seit drei Jahren obdachlos, erzählt sie. Sie wurde von der Vermieterin aus der Wohnung geworfen, nachdem das Haus an ein polnisches Ehepaar in Australien verkauft worden sei. Jahrzehnte habe sie in dieser Wohnung nahe der Altstadt gelebt, pünktlich die Miete gezahlt und auf eigene Kosten renoviert. „Als ich eingezogen bin, gab es keinen Gasanschluss, das Badezimmer hat komplett gefehlt“, erzählt Maria Michta. Seitdem sie ihre Wohnung verloren hat, lebe sie abwechselnd bei Bekannten, für die getanen Investitionen wurde sie nicht entschädigt. „Sie haben mir alles genommen, ich bin nur noch Gast“, sagt sie mit rauer, bestimmter Stimme.
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Obdachlose Menschen wie Maria Michta, aber auch AnarchistInnen, Studierende und UmweltschützerInnen haben sich am Hauptplatz zusammengeschlossen, um zu protestieren: gegen Zwangsräumungen von Wohnungen, die Privatisierung von Schulen, Kindergärten und Kantinen, für direkte Demokratie und kostengünstige Wohnungen.
Der Unmut der Demonstrierenden ist groß, gerade im Jahr der Fußball-EM. „Die Regierung behauptet es gebe kein Geld. Dennoch haben sie Unmengen in die Fußball-Stadien gesteckt. Für die Bildung fehlt es aber weiterhin“, Antoś ärgert sich über das Vorgehen der Stadtregierung und fordert mehr politische Mitbestimmungsrechte für BürgerInnen.
Ein Blick auf das Stadtbudget und die Ausgaben für die Fußball-EM sind in der Tat ernüchternd. Obwohl Krakau kein Austragungsort der EM und mit 64% verschuldet ist, hat die Stadtregierung rund 210 Millionen Euro in die Fußballmeisterschaft gesteckt. Der Löwenanteil floss in den Umbau von drei Fußballstadien, der Rest in Infrastrukturprojekte und Fanzonen. Der Nutzen: die Nationalmannschaften der Engländer, Holländer und Italiener konnten sich in den neu renovierten Stadien auf die EM-Spiele vorbereiten.
Die Investitionen in die Fußball-EM kommen den StadtbewohnerInnen teuer. Gebaut wurde auf Kredit, die Hälfte der Summe muss noch heuer zurückgezahlt werden. Umgerechnet 280 Euro kostet die Fußball-EM jede/n EinwohnerIn. Wieso es Geld für die Fußball-EM gibt, zeitgleich aber Löhne eingefroren, Schulen und Essenskantinen privatisiert werden, verstehen die meisten Demonstrierenden nicht.

„Ich bitte um ein bisschen Ruhe“, mahnt ein junger Bursche die Runde. Die BesetzerInnen haben sich zu einem Plenum zusammengefunden und versuchen gemeinsame Forderungen an die Stadtregierung zu formulieren. Basisdemokratische Entscheidungen erfordern Geduld und Konzentration von den Teilnehmenden. Hände werden gehoben, Wortmeldungen abgegeben. Einige DemonstrantInnen sitzen schweigend im Kreis, andere melden sich immer wieder zu Wort.
„Das ist gelebte direkte Demokratie. Diese fordern wir von der Stadtregierung“, Piotrek ist begeistert von den gemeinsamen Plenas. Die BesetzerInnen verstehen sich als Teil der weltweiten Bewegung der Empörten, fährt er fort zu erzählen. Er selbst ist hier, weil er nicht einverstanden ist mit der Wohnungspolitik der Stadtregierung und weil er zu jenen jungen gut ausgebildeten PolInnen gehört, die so wenig verdienen, dass die Familie einspringen muss. „Ich habe vor kurzem mein Publizistikstudium abgeschlossen, ich schreibe für eine lokale Zeitung. Ich arbeite sechs Tage die Woche, oft zwölf Stunden am Tag und verdiene 200 Euro im Monat“, erzählt Piotrek.

Piotrek ist kein Einzelfall. Viele PolInnen arbeiten unter der Mindestverdienstgrenze von 350 Euro brutto. Das macht rund 260 Euro auf die Hand - für einen Vollzeitjob, wohl gemerkt. Bei Lebensunterhaltskosten, die sich in den letzten zehn Jahren verdreifacht haben, reicht auch der Mindestlohn nicht aus, um allein über die Runden zu kommen. Die Nachfrage nach Arbeit ist hoch, das Angebot jedoch mehr als überschaubar. Fast jede/r Dritte unter 25-Jährige findet keine dauerhafte Anstellung. Aus Mangel an Alternativen nimmt dann so manche/r einen Billigstjob an. So auch Mariusz, der morgen in einem Callshop zu arbeiten beginne, wie er mir erzählt. Für 1,5 Euro die Stunde wird er Bücher per Telefon verkaufen. Auch das ist kein Einzelfall. KellnerInnen verdienen häufig noch weniger. Da bleibt nur noch die Hoffnung auf gutes Trinkgeld.
Der niedrige Verdienst steht in keiner Relation zu den Lebensunterhaltskosten in Krakau. Eine einfache Fahrt mit den Öffis kostet 60 Cent/ eine Monatskarte 22 Euro, ein Cappuccino im hippen, jüdischen Viertel Kazimierz rund 2 Euro/ beim Imbissstand gibt es einen Löskaffee um 50 Cent und ein WG-Zimmer kostet rund 160 Euro im Monat plus Strom und Gas. Die steigenden Mietpreise sind in Polen ein ernsthaftes Problem für viele PolInnen. Laut polnischem Statistikamt sind die Preise für Mietwohnungen in den letzten zehn Jahren um 66,9% gestiegen. Das hängt zum Teil mit den zunehmenden Privatisierungen von ehemaligen Gemeindewohnungen und kommunal geführten Wohnhäusern zusammen. Die Mietpreise werden so dem freien Markt überlassen und Menschen mit niedrigem Einkommen auf Wartelisten für neue Gemeindewohnungen gesetzt. Einige warten bis zu zehn Jahre auf eine leistbare Wohnung.
„Krakau ist keine Firma, die Stadt sind wir“, rufen die BesetzerInnen zwischen die aussetzenden Trommelschläge der Samba-Gruppe SambyKA. PassantInnen bilden einen Halbkreis um die widerständigen TrommlerInnen und wippen im Samba-Rhythmus. Es ist bereits Abend, die BesetzerInnen haben ihre Forderungen beisammen, mitgetippt auf einem Laptop. Morgen sollen sie bei einer Pressekonferenz präsentiert werden. Der dritte Demotag neigt sich allmählich dem Ende zu wie auch mein Aufenthalt in Krakau.
Retour am Frühstückstisch
„Die Demo hat sich selbst aufgelöst. Weniger als 15 Personen haben teilgenommen“, meldet der Nachrichtensprecher. Warum eine selbst aufgelöste Demo trotzdem durch einen Polizeieinsatz aufgelöst werden musste und zwei Menschen festgehalten wurden, das frage ich mich nun wirklich. Die Besetzung war für eine Woche genehmigt gewesen, beendet wurde sie nach fünf Tagen. Zumindest hält sich Krakaus Bürgermeister Jacek Majchrowski kein Blatt vor den Mund: „Die Demo hat großes Interesse ausgelöst, auch bei ausländischen Gästen. So können wir uns zur Fußball-EM nicht präsentieren.“ Ehrlichkeit hin oder her, die Krakauer Stadtregierung und die Fußball-EM haben mit dieser Aktion nichts gewonnen, zumindest bei mir nicht.
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