Standort: fm4.ORF.at / Meldung: "EM-Journal '12-71."

Musik, Film, Heiteres

Martin Blumenau

Martin Blumenau

Geschichten aus dem wirklichen Leben.

30. 6. 2012 - 15:49

EM-Journal '12-71.

Die politisch und psychohygienisch bitter nötige aber sportlich zu frühe Verabschiedung von Deutschland.

Das EM-Journal 2012 begleitet täglich die Euro in Polen und der Ukraine, ähnlich wie schon das WM-Journal '10 beim letzten Großereignis.

Die Halbfinals: Deutschland - Italien 1:2 und Portugal gegen Spanien 0:0, 2:4 nE.

Siehe dazu auch Endstation Sehnsucht.

Die Viertelfinals:
England gegen Italien 0:0, 2:4 nE, Spanien - Frankreich 2:0, Deutschland gegen Griechenland 4:2 und Tschechien - Portugal 0:1.

Die Übersicht zu allen Spielen und Journalen.

Das alles im Rahmen des heurigen Fußball-Journals '12, welches sich - wie schon 2011 - mit den aktuellen Unwägbarkeiten dieses besten aller nicht lebenserhaltenden Systeme beschäftigt.

FM4 hat auch diesmal wieder ein EM-Quartier im Wiener WUK, mit Public Viewing, Moderation und netten Gästen. Für Regenwetter gibt es Indoors-Screens.

Für in Deutschland lebende Menschen mit einem über den Fußball hinausgehenden und trotz Europhorie noch intakten Sensorium ist es exakt so wie es Frau Rösinger hier so schön sagt: "Wenn die deutsche Elf aus dem Halbfinale rausfliegt, ist es zwar ein bisschen traurig, hat aber auch den Vorteil, dass weniger Fussballidioten unterwegs sind, und dass man sich nicht wegen der deutschen Fussball- und Europolitik-Vorherrschaft ansprechen lassen muss." Das bestätigen auch in Deutschland lebende ÖsterreicherInnen. Und da nicken auch Österreicher die hierzulande in deutsche Fanschwärme hineingeraten sind.

Die neue, sehr offene, im Umgang mit den anderen doch recht würdevolle Stimmung, die bei der WM 2006, dem deutschen Sommermärchen noch geherrscht hatte (Stichwort: positiver Patriotismus, Neu-Definition von Symbolen wie Hymne oder Flagge, unbelastetes Stolzsein auf die taktvoll und nach internationalen Maßstäben agierenden Vertreter - das nach der Klinsmann/Löw-Lehre lebende Nationalteam) hat sich über die Jahre abgenutzt. Es treten wieder die Urlaute, die grunzenden Untertöne, die Herrenmenschen-Attitüden zutage, die man schon hinter sich gelassen glaubte. Fragt einmal, liebe User, Menschen (egal ob sie Deutsche sind oder "nur" dort leben) mit nicht auf den ersten Blick deutsch wirkender Haut- oder Haarfarbe nach aktuellen Erlebnissen und ihr werdet eine Menge Gruselgeschichten hören, die in den letzten paar Jahren verschwunden schienen.

Der Grund dafür liegt im politischen Backlash, den von den Boulevard-Medien, der Regierung und der die Regierung kontrollierenden Industrie, vor allem die der Scheinwirtschaft forcierten neuen Machtfantasien im Zuge der Euro-Krise. Deutschland ist plötzlich der Retter von Europa und fordert dafür Unterwürfigkeit ein.

Das Problem mit den deutschen Hegemonial-Bestrebungen

Dass es deutsche Wirtschaftsinteressen und von einer laxen Finanzpolitik forcierte Ausblutungsstrategie des Finanzkapitals war, dass halb Europa erst in diese Scheiße taumeln liess, wird ausgespart - der Boulevard schürt ganz bewusst das Image vom südeuropäischen Faulpelz, der "uns" auf der Tasche liegt, hantelt sich dabei ganz knapp an der Grenze zur Untermenschen-Terminologie entlang. Geschürt wird das Ganze auch noch durch die Entrüstung darüber, dass diese Ausbeutungs-Politik und die frechen Forderungen auch noch eine gesamtsüdeuropäische Hasskultur den Deutschen gegenüber (vor allem der Regierung und Merkel) entsteht. Da sind die Schrauben einer Eskalation ganz leicht anzuziehen und eine ganze Nation ist in die Falle des billigst-möglichen Populismus gegangen.

Im Fußball nun, dieser großen Projektionsfläche der Emotionen, entlädt sich diesbezüglich eine ganze Menge. Nicht auf dem Platz, nicht bei den Teams und den Verbänden, nicht bei den Regierungs- und Industrievertretern, nicht also bei den Akteuren und Profiteueren, sondern bei den Betroffenen: der Bevölkerung.

Ganz Europa wünscht dem deutschen Team das Ausscheiden, weil es zu den ökonomischen und politischen Herrschaftsansprüchen, die die Merkel-Regierung wie selbstverständlich stellt, sonst auch noch die sportliche Regentschaft gekommen wäre. Und sich das dann in noch unerträglicher Arroganz niedergeschlagen hätte.

Dort wo bis dato nämlich nur die die nationalistische Dumpfheit früh wahrnehmenden Rattenfänger der Marke Pocher mit ihrer Per-Se-Verachtung des schlitzohrig-betrügerischen Südländers Stimmung gemacht hatten, sind im Lauf der Euro-Krise viele aus dem bis dorthin vernünftigen Mainstream nachgefolgt, hatte sich die subtile Mitmenschenverachtung bereits in einem "Das wird man ja noch sagen dürfen" Sarrazinscher Prägung durchgesetzt. Im Rahmen der Euro wuchs dieser neue, trendblöde, hochnäsige rein ökonomische Nationalismus, der ohne jegliche Werte und Moral auskommt, kurzfristig ins Unerträgliche. So sehr sich die öffentlich-rechtlichen Medien um Mäßigung bemühten, so sehr die Qualitätspresse dagegen anschrieb: die boulveardeske Verblödung, die im Rahmen der Euro-Krise betrieben wurde, machte auch die andere Euro zu einem Krisengebiet.

Das deutsche Team selber ist an all dem völlig schuldlos

Es hat nichts zu der aufgeputschen Stimmung beigetragen. Im Gegenteil. Besonnener als der DFB konnte man nicht mit der Lage umgehen. Bescheidener und demütiger als Löw und sein Trainerstab, als Lahm und die Spieler kann man so eine Situation nicht händeln.

Alles was die deutsche Nationalmannschaft im Vor- und Umfeld unternommen hat, war astrein, politisch sensibel gedacht und umgesetzt.

Jogis Jungs sind wahre Vorzeige-Akteure, nicht nur die Khediras und Boatengs (der kann sogar den Schlingel mimen, ohne dass es schadet), die Kloses und Özils, sondern alle, die Leader wie die Jungen.

Es war selten lustig deutscher Nationalspieler zu sein - nicht nur weil man jahrzehntelang das Image des drüberfahrenden Panzerfahrers, des den Befehlen folgenden Soldaten ohne Gewissen und Moral (Schumacher) hatte, sondern auch weil die forsche Außen-Politik der Bundesrepublik fast immer dazu beitrug, dass man zumindest innerhalb Europa skeptisch beäugt wurde. Nur einmal im Lauf der Nachkriegsgeschichte war das anders: 1972, als eine die Brandt-Ära spiegelnde Mannschaft einen (von Günter Netzer auf dem Platz symbolsierten) rebellischen Aufbruchsgeist versprühte. Nur deshalb gilt dieser Europameister als das spielerisch beste deutsche Team aller Zeiten.

Nun hat die Klinsmann-Löw-Bierhoff-Zwanziger-Revolution den deutschen Fußball von der Rumpelfüßigkeit befreit, Ethik und Moral auf den Unterrichtsplan gesetzt, strahlt eine frische, von sensibler Demut unterstützte Freude aus, eine Lust am Spiel, die der der großen Zeitgenossen (vor allem Spanien) gleicht, aktuell vielleicht nur von ein paar südamerikanischen Teams übertroffen wird. Und dann fährt dieser vorbildhaften Politik des DFB die unethisch, amoralisch und rein ökonomisch orientierte Flame-Politik der Regierung in die Parade, begeht ein Rot-Foul nach dem anderen.

Das ist bitter, weil es ungerecht ist.
Das ist bitter, weil es die Aufbauarbeit die der deutsche Fußballbund - der sich seiner gesellschaftspolitischen und historischen Aufgabe völlig bewußt ist - in voller Kraft und voller Absicht geleistet hat, nicht nur konterkariert, sondern auch zu zerstören droht.

Trotzdem noch ein paar Worte zum sportlichen:

Hat Löw seine Optionen genützt?

DEUTSCHLAND

Tor: 1 Manuel Neuer (Bayern München), 12 Tim Wiese (Werder Bremen), 22 Ron Robert Zieler (Hannover).

Abwehr: 4 Benedikt Höwedes (Schalke), 20 Jérôme Boateng, 14 Holger Badstuber, 16 Philipp Lahm (Bayern München), 17 Per Mertesacker (Arsenal/ ENG), 5 Mats Hummels, 3 Marcel Schmelzer (Borussia Dortmund).

Mittelfeld: 6 Sami Khedira, 8 Mesut Özil (Real Madrid/SPA), 7 Bastian Schweinsteiger, 18 Toni Kroos, 13 Thomas Müller (Bayern München), 2 Ilkay Gundogan, 19 Mario Götze (Borussia Dortmund), 15 Lars Bender, 9 Andre Schürrle (Leverkusen), 21 Marco Reus (Mönchen-gladbach -> Dortmund), 10 Lukas Podolski (FC Köln -> Arsenal/ENG).

Stürmer: 23 Mario Gomez (Bayern München), 11 Miroslav Klose (Lazio/ITA).

Ja, er hat riskiert, viermal gewonnen und einmal verloren, weil er sich verkalkuliert hat - das wurde bereits gestern in aller Ausführlichkeit besprochen.
Dass damit die Wiederholung des von allen gewünschten Gipfels mit Spanien ausfällt - schade. Er hätte Aufschluß über den aktuellen Stand geben können, auch wenn beide Mannschaften 2012 nicht auf dem Level von 2011 agieren.

Spanien hatte 2011 noch Puyol und Villa, und Barca-Stars in Überform. Und Deutschland hatte 2011 noch Bayern-Spieler ohne Frustpegel.

Die Nackenschläge, die die Bayern-Akteure in den letzten Monaten einstecken mussten, hatten ihren Anteil am Nichterreichen des Finales. Es waren zwar nur zweieinhalb der Bayern-Acht, die sich aus dem tiefen Tal der Trauer nicht rechtzeitig befreien konnten (Schweinsteiger und Kroos, Müller war schon vorher schwach), die Versagens-Angst lag aber auch bei den Anderen als Schatten über der Euro. Vor allem Schweinsteiger lief als imprägnierter Pechbringer durch das Turnier.

Letztlich war es dann aber ein strategischer und philosophischer Fehlgriff des diesbezüglich bislang für sakrosankt eingeschätzten Teamchefs, der das Halbfinalspiel verlor. In Kombination mit Kleinigkeiten wie dem letztlich dann doch nur unzureichend gelösten Außenverteidiger-Problem. Ein richtiger rechter Außenspieler (einer der Marke Dani Alves oder Debuchy) hätte das Problem im Donnerstagspiel nämlich minimiert. Vielleicht wäre die Variante Lahm/rechts und Schmelzer/links doch einen Vorfeldversuch mehr wert gewesen. Auch die Tatsache, dass hinter Khedira-Schweinsteiger dann nur noch allzu grüne Jungs im Kader standen, wurde zu einem Problem. Oder dass ein mitspielender Stürmer modernen Zuschnitts fehlt.

Ich will nicht in die ein wenig verloren klingende Trutzigkeit einstimmen, mit der die DFB-Vertreter jetzt die Qualität ihrer Performance betonen. Obwohl sie recht haben. Vieles ist/war da richtig, die Problemstellungen mit denen die Deutschen raufen, hätten alle anderen liebend gerne. Die Top-4-Leistung des Teams ist unbestritten, dass sie einer der zentralen Träger einer offensiv denkenden Fußball-Philsophie sind, die die nächsten Jahre mitdefinieren wird, ebenso. Dass es zum viertenmal hintereinander nicht für mehr reichte, wird den DFB nicht umwerfen. Dem deutsche Fußballverband tut die Rolle als knapp geschlagener Riese sogar gut - damit lässt sich sportpolitisch deutlich besser arbeiten.

Gefahr droht erst, wenn sich die Revanchisten, die alten Hardliner, die Panzerfahrer durchsetzen sollten. Oliver Kahn hat gestern im ZDF schon wieder den Rückgriff auf die alten Tugenden gefordert; als ob irgendjemand das Gemurkse seiner Truppe bei der WM 2002 - oder noch schlimmer, bei den Grusel-Euros 2000 und 2004 - noch einmal sehen möchte.

Und schon wird vieles hinfällig: Sammer geht zwei Tage später zu den Bayern, wo er mit seiner Hybrid-Philosophie eh besser hinpaßt...

Es wird viel auf Matthias Sammer, den DFB-Sportdirektor ankommen, der gern eine Mittlerrolle zwischen der aktuellen Linie und den Altvorderen einnimmt. Stabilisiert sich die Lage in den nächsten paar Wochen, wird die DFB-Elf bei der WM 2014 wieder ins Semifinale kommen; und vielleicht noch weiter.

Ob man es Deutschland dann gönnen wird, hängt von ganz anderen Entwicklungen ab.

Haftungsausschluss

Die ORF.at-Foren sind allgemein zugängliche, offene und demokratische Diskursplattformen. Die Redaktion übernimmt keinerlei Verantwortung für den Inhalt der Beiträge. Wir behalten uns aber vor, Werbung, krass unsachliche, rechtswidrige oder beleidigende Beiträge zu löschen und nötigenfalls User aus der Debatte auszuschließen. Es gelten die Registrierungsbedingungen.

Forum

Zum Eingabeformular Kommentieren

  • springen | vor 322 Tagen, 18 Stunden, 55 Minuten

    drei Anmerkungen

    1. das mit den "überall in Europa unbeliebten Deutschen" ist die österreichische Perspektive, die sich, Ironie, gerne für die einzig relevante hält. In Wirklichkeit sind die Deutschen ja sogar in Österreich deutlich beliebter als man im Medienösterreich gerne verbreitet. Zumindest außerhalb Wiens.
    2. auch wenn die meisten Dinge, die du an der deutschen Wirtschaftspolitik beobachtest, richtig sind, fehlt mir doch der Hinweis darauf, dass sich Österreich an jede deutsche Position (und an jede Begründung dafür) dranhängt wie ein Beiwagerl, also um keinen Deut besser ist, sondern im Gegenteil mal wieder vermeidet als Mittäter identifiziert zu werden, weil man sich hinter dem großen Bruder versteckt.
    und 3. sind die Positionen, die du hier kritisierst, dieses Sarrazin'sche "wird man ja nochmal sagen dürfen", die Mär vom faulen Südländer, die Überlegenheitsfantasien etc. pp. in Österreich politischer und öffentlicher Mainstream. In Deutschland hat eine qualifizierte Öffentlichkeit den Sarrazin'schen Rassismus soweit bekämpft, dass er in der politischen Entscheidungsfindung zumindest derzeit keine Rolle spielt. In Österreich ist diese qualifizierte Öffentlichkeit marginalisiert, Sarrazinismus ist hier politisches Leitbild oder zumindest traut man sich nicht dagegen an. Wir sitzen hier in einem Glashaus mit sehr dünnen Scheiben, Martin, das sollte...

    Auf dieses Posting antworten
    • springen | vor 322 Tagen, 13 Stunden, 15 Minuten

      ...man schon dazu sagen.

    • zikmund | vor 321 Tagen, 17 Stunden, 30 Minuten

      Ich würd mich jetzt nicht unterschreiben trauen, dass die "deutsche Wirtschaftspolitik" etwa schlechter ist als "die französische".
      Warum?
      Weil Merkel keine Eurobonds und keine EZB-Direktfinanzierung will? Dafür gibts durchaus auch Gründe, in ihrer Argumentationskette - das ist nicht per se "böse". Wie immer hat Sinowatz recht, auch hier.

  • adaham | vor 323 Tagen, 7 Stunden,

    Wie schon einige Vorposter sagten...

    ...ein sehr unschön politisch gefärbter Kommentar. Als ob Spanier, Franzosen, Engländer, etc. in der EU nicht auch ihre eigenen Interessen vertreten. Dazu die scheinbar komplett akzeptable "Panzer"-Rhetorik, schauderlich.

    Ich bin geborener Österreicher und liebe dieses Land, vor allem seit dem ich ausführliche Auslandserfahrungen habe. Mein Vater ist geborener Deutscher und lebt seit 40 Jahren in Österreich. Kurz vor dem ersten Spiel der Deutschen bei der EM sah er bei einem Kiosk einen "Falter" (rote Wr. Stadtzeitung) mit der Schlagzeile "Kann man Deutsche lieben?". Er wollte schreien vor Entsetzen, aber wen würde es interessieren?

    Abgesehen von politischen Hetzkampagnen, war die EM fussballerisch ein Scheidepunkt für diese deutsche Mannschaft. Nach dem Sommermärchen und den beiden darauffolgenden Turnieren ging man nun endlich mit dem Anspruch ins Turnier den Titel zu holen. Dies wurde nicht nur vom Boulevard getragen, sondern auch von der Mannschaft und dem Trainerteam. Schon vor mehr als einem Jahr verkündete Jogi Löw, dass die Philosophie nun sitzt und man nun quasi die "echten Erfolge" einfahren könnte. Die Generation Schweinsteiger wird auch nicht jünger (auch wenn Neue nachkommen) und kann nicht erwarten ewig ganz vorne mitzuspielen, vor allem da der Fussball sich auch...

    Auf dieses Posting antworten
    • adaham | vor 323 Tagen, 6 Stunden, 58 Minuten

      Teil 2

      ...schnell weiter entwickeln kann und ein System dann über seinen Zenit hinaus ist.

      Das Schlimmste (für die deutsche Nationalelf) ist aber eigentlich, dass unabhängig von Halbfinale oder Finale, Deutschland es zum 4-ten Mal hintereinander nicht geschafft im entscheidenden Moment das bißchen etwas zuzulegen, im Gegenteil, sie boten jeweils relativ schwache Leistungen, sowohl gegen Italien, als auch gegen Spanien. Entmutigend ist dabei auch die Tatsache, dass man dabei nicht einmal von einer steigenden Linie sprechen kann. 2006 hat man gegen den späteren Weltmeister erst in der Verlängerung den kürzeren gezogen, währenddessen man diesmal gegen den späteren Euro-Finalisten relativ früh aufgrund haarsträubender Fehler das Spiel aus der Hand gab.

      Was bleibt also: Die Deutschen sind jetzt vielleicht sympathischer als die "Panzerfussballer" von früher, aber dafür verlieren sie auch recht zuverlässig. Vielleicht macht ja gerade diese zuverlässige Qualität sie so populär im Vergleich zu früheren Generationen, vor allem bei denen, die offensichtlich die Deutschen nicht mögen.

      Die spiegelt sich auch in der Angst vor dem Aufleben "alter Tugenden" wie Oberpanzer Kahn sie fordert. Man mag den Kick von 2002 zurecht kritisieren, aber immerhin schaffte eine Mannschaft, die spielerisch gemeinläufig als schwächer angesehen wird als alles seit...

    • adaham | vor 323 Tagen, 6 Stunden, 56 Minuten

      Teil 3

      ...2006 Gezeigte, den Finaleinzug. Dies ist Jogis Jungs nur einmal in 4 Versuchen gelungen.

      Es zeigt sich ja auch im Klubfussball. Den letzten internationalen Titel von Belang gewann Bayern 2001 in der Revanche gegen ManU im Champions League-Finale. Kahn, Jeremies und Effenberg hatten vielleicht nicht die Sympathiewerte von Jogis bunter Bande, aber sie hatten es in sich um zu gewinnen, und darum geht's im Endeffekt.

      Danach haben die Deutschen sich vor allem aufs knappe Verlieren zurecht gelegt, etwas an dem sich Deutschlandhasser gerne delektieren, wenn sie irgendwelchen Fans im Fernsehen beim Weinen zusehen.

      Bayer Leverkusen verlor das Champions League Finale. Bayern gleich zwei mal. Und auf internationaler Ebene ist man nun 16 Jahre titellos. Und nachdem die Deutschen es nun 4-mal hintereinander nicht geschafft haben, wer glaubt dann daran, dass es ausgerechnet 2014 in Brasilien klappt?

      Fakt ist außerdem, dass das ganze Gerede über die "Rumpelfüssigkeit" Schwachsinn ist. Die Rumpelfüssigen in der 90er und 96er Mannschaft beinhalteten den 2-maligen Weltfussballer Lothar Matthäus, den Stürmer mit dem besten Scherenschlag der Geschichte, Jürgen Klinsmann und einen meiner persönlichen Favoriten, Matthias Sammer. Auch ein Stefan Effenberg war ein toller Fussballer und Oliver Kahn war über Jahre hinweg...

    • adaham | vor 323 Tagen, 6 Stunden, 54 Minuten

      Teil 4

      ...einer der besten Torhüter der Welt.

      Aber demjenigen der überall vor dem Teutonischen wacht, waren solche Typen natürlich sehr unsympathisch. Vor allem, weil sie es tatsächlich auch noch in sich hatten um Preise zu gewinnen.

      Ein interessanter Vergleichsfall sind die Niederlande. Nach dem Finaleinzug vor zwei Jahren wurde vergessen wieviel öffentliche Kritik es am System von van Marwijk noch vor der WM (und während der ersten Spiele) gab. Man sagte, die Deutschen würden nun wie die Niederländer früher spielen und umgekehrt. Holland spielte nicht mehr Voetbal Totaal, aber es gewann und schaffte es immerhin ins Finale.

      Solche "Halberfolge" können im Endeffekt blenden. Bei den Holländern kam die Ernüchterung diesmal. Sneijder und Robben egozentrischer denn je, aber nicht in der Form von vor zwei Jahren. Was damals noch glückte, glückte nun nicht mehr, stattdessen Frustration. Bei aller Enttäuschung über das frühe Scheitern, so hatte es den Vorteil, dass nun klar Schiff gemacht wurde. Das Projekt Van Marwijk ist gescheitert und es wird eine Neuorientierung stattfinden.

      Deutschland hat dieses Glück nicht, denn man erreicht ja immerhin konstant das Halbfinale. Das täuscht aber darüber hinweg, dass das System ebenso gescheitert ist.

      Es ist meine feste Überzeugung, dass Nationen...

    • adaham | vor 323 Tagen, 6 Stunden, 53 Minuten

      Teil 5

      ...mit starken Fussballtraditionen, "echte Erfolge" nur einfahren können, wenn sie auf diesen Traditionen fußen. Auch die Italiener sind so ein Beispiel. Bei allem "Hurra, die Italiener spielen offensiv", so bleibt, dass sie im Finale 4:0 verloren haben. Dies würde einer traditionellen, Catenaccio spielenden Mannschaft wohl nicht passieren.

      Wenn man sich die Titelträger bei großen Turnieren ansieht, so wird man auch sehen, dass sie durchgehend "typische" Mannschaften gestellt haben.

      Spanien hat früher auch schon Tici-Taca gespielt, nur haben sie in den 90ern noch den Ball nicht ins Tor gebracht, darum war spätestens Halbfinale immer Schluß. Mittlerweile beherrschen sie das auch, und darum sind sie 3-facher Titelträger.

      Die Franzosen scheinen am Besten in einem System zu funktionieren, dass vor allem einen unwiderstehlichen 10er zum Erfolg braucht (Platini, Zidane).

      Die Deutschen gewannen ihre Titel mit ihren eigenen Tugenden, ebenso die Brasilianer (auch wenn da weniger Samba drin ist als der Boulevard es zugeben möchte). Italien gewann Titel mit unüberbrückbaren Verteidigungen und unglaublicher Kaltschnäuzigkeit.

      Auch die "Überraschungsmannschaften" reihen sich ein. Griechenland hätte 2004 wohl kein einziges Spiel gewonnen wenn sie probiert hätten mitzuspielen, mit ihrer "Phalanx" aber haben sie es geschafft den Titel zu holen. England in den 60ern...

    • adaham | vor 323 Tagen, 6 Stunden, 52 Minuten

      Sexta et ultima pars

      ...spielte englischen Fussball, und die Niederlande in den 80ern sehr holländisch.

      Der eigene Weg ist nicht immer der Leichteste, aber es ist ein notwendiger Weg, wenn man Erfolg haben will. Man kann eine Charade, dass man wer anders ist als man eigentlich ist nicht ewig spielen.

      So, genug der Predigt. Ab jetzt hoff ich nur noch, dass der Alaba dem Arnautovic gut zuredet und ihm die Wadln virre richt. Dann kann ich vielleicht mal zurecht den Österreichern die Daumen drücken, dass wir mal eine Qualifikation zu einem Turnier schaffen. Das find ich spannender als auf den Pass von Iniesta auf Silva zu warten.

      P.S.: Ist länger geworden als ich dachte. Aber es musste raus.

  • gerch76 | vor 323 Tagen, 8 Stunden, 44 Minuten

    Klassischer österreichischer Minderwertigkeitskomplex

    Eigentlich dachte ich wirklich, dass so ein Text auf FM4 nicht möglich ist. Martin Blumenau verfällt in die klassische österreichische Argumentation gegen seinen großen Bruder.
    Er findet überall Hegemonialansprüche, Machtkalkül und eine breite Front gegen dieses doch so arrogante Deutschland. Eigentlich ist man so etwas doch eher von der Kronenzeitung gewohnt.
    In Deutschland passiert nämlich gerade genau das Gegenteil. Die Fans sind mehr und mehr verliebt in diese Mannschaft und haben das verlieren gelernt. Selbst in Österreich habe ich noch nie so viel Zuspruch für ein deutsches Team verspürt.
    Die reine Bestätigung von Vorurteilen forciert Martin Blumenau.
    Bevor man solche Texte schreibt sollte man doch lieber vor seiner eigenen Tür kehren. Denn wir leben in einem Land, in dem eine korrupte sich selbsterhaltende Elite die Massen in den rechten Flügen treiben und die werbefinanzierten Medien eine wirklich kritische Öffentlichkeit nicht möglich machen.

    Auf dieses Posting antworten
  • gerettet | vor 323 Tagen, 18 Stunden, 33 Minuten

    brillant

    Auf dieses Posting antworten
  • winnetou2 | vor 323 Tagen, 20 Stunden, 32 Minuten

    man sollte vielleicht dazu sagen

    dass das, was du in deutschland als "politischen backlash" identifizierst in österreich seit jahren mainstream ist. wenn nicht schlimmer.
    und das gilt auch für die "herrenmenschenattitüde", die in deutschland vielleicht manche fußballfans und bildzeitungsschlagzeilen infiziert, in österreich aber politischer mainstream ist, der weit in die regierungsparteien hineinreicht und von diesen immer wieder in gesetze gegossen wird. auch wenn sie nicht so krachend daherkommt wie bei unseren lauten nachbarn: das gefühl, anderen überlegen zu sein und ihnen von oben herab gute ratschläge erteilen zu können, gehört bei uns genauso dazu wie die kehrseite, der öffentlich zelebrierte minderwertigkeitskomplex (wenn "das ausland" mal wieder unsere überlegenheit nicht anerkennt oder wenn wir uns damit wieder mal furchtbar blamieren).

    Auf dieses Posting antworten
  • mxmln | vor 323 Tagen, 21 Stunden, 32 Minuten

    "Vielleicht wäre die Variante Lahm/rechts und Schmelzer/links doch einen Vorfeldversuch mehr wert gewesen. ... Oder dass ein mitspielender Stürmer modernen Zuschnitts fehlt."

    schmelzer: nein, echt nicht.
    der mitspielende stuermer ist klose. der wuerde manchmal sogar spanien guttun vielleicht.

    Auf dieses Posting antworten
  • weltraumputze | vor 324 Tagen, 8 Stunden, 40 Minuten

    Hmmm

    Erst mal vorne weg, deine taktischen Analysen lesen sich echt gut und sind immer wieder eine willkommene Abwechslung zu allgemeinen Einheitsbrei.
    Aber wenn es dann, so wie hier, darum geht Nationen und deren Bevölkerung zu bashen schießt du echt über das Ziel hinaus. Klar schießt Frau Merkel gerne und oft den Vogel ab und natürlich kommt es in Südeuropa bei den Menschen nicht gut an wenn aus Deutschland Vorderungen nach harten Sparmasnahmen kommen. Aber sind wirklich die Vorderungen böse? Sollte sich nicht eher die Wut gegen die Politiker richten die in den jeweiligen Ländern erst dafür gesorgt haben das Schulden und Arbeitslosigkeit ständig gestiegen sind?
    In der griechischen Presse darf vor dem Viertelfinale kräftig das alte Panzerklischee ausgepackt werden und keinen interessiert es. Deutschland will Gegenleistungen und Sicherheiten dafür das man die Länder nicht sofort Pleite gehen lässt und schon ist man wieder kurz davor Europa zu unterwerfen.

    Auf dieses Posting antworten
  • softmachine | vor 324 Tagen, 17 Stunden, 52 Minuten

    im gegensatz zu blumenaus rassimus können die meisten menschen zwischen fußball und politk eines landes unterscheiden. wo genau sind deutsche hegemonial bestrebungen ? vielleicht kann uns das staberl blumenau mal erklären. meint er damit die ablehnung der dt.regierung schulden zu verallgemeinern, das würde übrigens das grundgesetz brechen, evtl sollte sich staberlb. einmal das deutsche förderalistische bundes-system anschauen, hier werden nicht einmal stadtschulden vom bund übernommen etc.diese form der volksverhetzung ist doch wirklich zu blöd, sogar für einen neiderfüllten ösi,der ja dem erdkreis inmitten ist...

    Auf dieses Posting antworten
    • johnleehookerelectro | vor 324 Tagen, 14 Stunden, 42 Minuten

      aber du sprichst ihn aus heiterem himmel bezüglich seiner physis an und bezeichnest ihn als "staberl"..
      uncool

      niemand hat hegemonialen anspruch
      aber die art und weise wie interessensvertretungen ihre quote holen is überall hässlich.

      dir fehlt auch diese ehrlich gemeinte(und nicht nur strategisch NLP gemeinte) shifu sensei demut BEVOR man die grossen duelle oder diskussionen gewinnt

      bist wohl aus deutschland

      spass

    • appetiteforconstruction | vor 324 Tagen, 13 Stunden, 44 Minuten

      johnlee, ich kann mich ja täuschen, aber ich vermute, es geht hier nicht um m.b.'s physis, sondern um den berüchtigten richard nimmerrichter aka "staberl". kannst ja mal googeln...

    • johnleehookerelectro | vor 324 Tagen, 13 Stunden, 31 Minuten

      alles klar thx
      .journalisten insider bäm ..niemand kennt sie ausser journalisten..bedenklich

      blumenau is also der kronenzeitungtyp von der wehrmacht vor 45

      auch uncool

    • adaham | vor 323 Tagen, 6 Stunden, 45 Minuten

      Wusste gar nicht,

      dass der Staberl irgendwas mit der Wehrmacht zu tun hatte. Ich denke aber, dass die Anspielung auf Staberl weder "Insiderwissen" ist, noch unzutreffend (oder uncool). Im Gegenteil, der Vergleich passt schon. Nur das Eck ist halt ein bißchen ein anderes, aber sonst kommts schon hin.

  • frkula | vor 324 Tagen, 19 Stunden, 28 Minuten

    http://www.sueddeutsche.de/wissen/fahnenmeere-zur-em-party-patriotismus-ist-nationalismus-1.1394854

    Auf dieses Posting antworten
  • picc | vor 324 Tagen, 20 Stunden, 51 Minuten

    Hochmütig auch die Spieler

    Dass die dt. Mannschaft "reif" für den Titel sei, dass man sich selber bei allen Partien in der Favoritenrolle sah, war mehrfach von Spielern zu hören. Ozil meinte einmal: "unsere Mannschaft ist wie Real Madrid" ein anderes mal in einer TV-PK: "Wir sind hier um den Titel zu holen". Das gleiche Gerede wie bei den Bayern und dem Sieg im eigenen Stadion. Hie wie da wurde AUCH von den Spielern der Endruck erweckt, es geben nur einen logischen Sieger.

    Das haben sie selber auch geglaubt. Deshalb brach für sie eine Welt zusammen, gingen sie schluchzend vom Platz.

    Barca und Spanien ging selbst zu Zeiten ihrer Hochblüte demütiger und mit mehr Respekt vor den Kontrahenten an grosse Ziele heran.

    Auf dieses Posting antworten
    • softmachine | vor 324 Tagen, 18 Stunden, 1 Minute

      die hybris war doch überall, auch hier in diesem playstation forum. die wettquote für d als em gewinner war 1:2, die für italien 1:6. das hat etwas mit der medialen verblendung zu tun.

    • whsonic | vor 324 Tagen, 13 Stunden, 30 Minuten

      Niveau sieht nur von unten wie Arroganz aus.
      "Wir sind hier um den Titel zu holen" ist bei Spitzensportlern eine völlig normale Einstellung. Keiner, der zum engen oder erweiterten Favoritenkreis zählt, fährt zu einem großen Wettkampf, um dort Zweiter zu werden.
      Und Wettquote hat mit Hybris nichts zu tun, nur mit Geldverdienen.

    • adaham | vor 323 Tagen, 6 Stunden, 39 Minuten

      Italiener...

      Der Prandelli hat beim Interview nach dem Deutschland Match auch Selbstvertrauen ausgestrahlt, dass man gegen Spanien den Titel holt. Und 4:0 sind sie abgefertigt worden. Hat irgendjemand gesagt die Italiener wären hochmütig oder arrogant weil sie das gesagt haben?

      Außerdem hat whsonic Recht, dieser Anspruch ist absolut normal für Spitzensportler und sogar eine Notwendigkeit, sonst wird man selbstgenügsam.

      Ich finde es schon immer wieder beeindruckend wie manche sich ihren Rassismus durch selektive Wahrnehmung zurechtlügen können.