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Michael Fiedler

Michael Fiedler

Politik und Spiele, Kultur und Gegenöffentlichkeit.

20. 7. 2012 - 14:18

Die beschnittene Debatte

Muss die Vorhaut gerettet werden? Oder die Kinder? Oder die Religionsfreiheit? Oder das christliche Abendland vor nahöstlichen Riten? Die Sommerlochdebatte auf FM4.

Diese Deutschen! Jetzt greifen sie in das Menschenrecht der freien Religionsausübung ein. Das Kölner Amtsgericht hat Ende Juni entschieden, dass religiös motivierte Beschneidungen von Kindern selbst unter Einwilligung der Eltern Körperverletzung durch den Operateur ist. Das Selbstbestimmungsrecht des Kindes wird verletzt und Eltern müssten abwarten, bis das Kind alt genug ist, diese Entscheidung selbst zu treffen.

Seitdem wird heftig darüber diskutiert, ob diese Entscheidung gerechtfertigt ist, ob sie irgendeine Form von Diskriminierung beinhaltet, was sie für Folgen haben wird. Und das Urteil wird angesichts der unbestimmten Rechtslage in Österreich auch hier diskutiert: Religiös motivierte Zirkumzisionen werden werden von etlichen Ärzten und den vier österreichischen Mohelim, dafür ausgebildeten Beschneidern, die nicht unbedingt Mediziner sein müssen, durchgeführt. Ganz klar ist nicht, ob das legal ist.

Ein Aktivist gegen Beschneidung mit Plakaten
Aktivist in Washington, der gegen Beschneidung demonstriert

Nachdem aus religiösen Gründen im Judentum und im Islam beschnitten wird, waren in der öffentlichen Debatte schnell auch Antisemitismus- und Antiislamismus-Vorwürfe zu hören.
Henryk M. Broder beschränkt sich in einem Kommentar für den Standard auf das Judentum, arbeitet pointiert antisemitische Vorurteile rund um Beschneidungen auf und nennt die Diskussion eine "pornografische Debatte". Er stellt zwar die Zusammenhanglosigkeit zwischen dem Urteil der Kölner Richter und antisemitischer Propaganda außer Frage, doch sein Kommentar selbst ist pure Polemik:

"Nun, der erste Eingriff in die Rechte eines Kindes ist der Moment, in dem es gezeugt wird. Bis jetzt hat man noch kein Kind gefragt, ob es auf die Welt kommen will. Ob es getauft, in den Kindergarten geschickt, mit Bio-Brei ernährt und eingeschult werden möchte. Die ganze Kindheit ist eine einzige Missachtung der natürlichen Kindesrechte."

Na, da ist ja wohl ein Unterschied zwischen Ernährungsfragen (auch da wird sich der Staat einmischen, wenn ein Kind zum Beispiel unterernährt ist) und einer medizinisch nicht notwendigen Operation. Die Vorhaut ist nämlich - wie auch der Blinddarm - kein sinnloses Überbleibsel der Evolution.

Ähnliches ist auch in einem - sonst überaus klugen - Kommentar von Floris Biskamp in der Jungle World zu lesen. Der Autor geht ganz besonders auf die "Intaktivisten" ein, die in den Vereinigten Staaten unter anderem mit plump antisemitischen Comics für intakte Vorhäute werben. Auch er wird ähnlich polemisch wie Broder:

"Die in Judentum und Islam vorgenommene Beschneidung ist nüchtern betrachtet eine Unannehmlichkeit, die man den Jungen ersparen könnte, sie zieht aber bei sachgemäßer Operationshygiene und Narkose weder gesundheitliche noch sexuelle Beeinträchtigungen nach sich. Sie kann getrost unter die zahlreichen Entscheidungen eingereiht werden, die Erziehungsberechtigte für ihre Kinder treffen müssen und die deren späteres Leben irreversibel beeinflussen: Das betrifft die Ernährung, die Wahl der Schule, den Medienkonsum, die kieferorthopädische Behandlung und so weiter. Irgendwo in diesen Katalog gehört die Frage der Beschneidung von Jungen - und nicht unbedingt an die vorderste Stelle."

Es ist unbestritten, dass die Eltern eines Kindes dessen Leben radikal beeinflussen. Aber sie sind in den Beeinflussungsmöglichkeiten ja nicht uneinschränkt. Und wo eine der Grenzen des Erziehungsrechtes liegt, hat das deutsche Gericht nun festgestellt. Biskamp stellt die Entscheidung des Gerichtes, es handelt sich bei einer Zirkumzision um eine "schwere und irreversible Beeinträchtigung der körperlichen Unversehrtheit" in Frage.

"Ob sich diejenigen, die das Kölner Urteil als »wegweisend« und als Erfolg für die Freiheit muslimischer und jüdischer Jungen feiern, je die Frage gestellt haben, warum sie so wenig Unterstützung von den Betroffenen erfahren?"

Ich bin weder Jude noch Muslim, aber ich bin beschnitten. Das verleiht mir die Position, über Beschneidung zu schreiben, ohne einen Gott im Hinterkopf zu haben, was bei dieser Debatte von Vorteil ist. Es lässt sich nicht mehr genau eruieren, wann meine Beschneidung durchgeführt worden ist, ich war meiner Mutter zufolge aber höchstens drei Jahre alt. Es ist jedenfalls eine der ersten absolut klaren Erinnerungen - und keine angenehme: Ich kann mich an einen gekünstelt scherzenden Pfleger namens Franz erinnern, der mich auf dem Rollbett in den Operationssaal gebracht hat, an Augenpaare über grünen Mundschutzen, an den unwirschen Anästhesisten mit der runden Brille, der mit mir über die Entfernung der Narkosemaske vom Gesicht gestritten hat, an den süßlichen Gestank des Narkosegases, an meine Angst. Und danach: Wie ich zu Hause am Klo vor Schmerzen kaum pinkeln kann.

Ich lebe ganz gut ohne Vorhaut, ich hadere nicht mit ihrer Abwesenheit. Aber ja, das war definitiv eine "schwere und irreversible Beeinträchtigung der körperlichen Unversehrtheit." Ich würde meinen Sohn nicht beschneiden lassen, wenn es dazu keine medizinischen Gründe gibt.

Das Verbot von Beschneidung aus religiösen Gründen in Deutschland mag den Ärzten Rechtssicherheit bringen, es birgt aber trotzdem eine Menge Probleme: Von Beschneidungstouristen in Länder, in denen es keine rechtlichen Probleme, dafür hygienische Mängel gibt, bis zur unsachgemäßer Operation im Hinterzimmer. Und selbst wenn erst der mündige Jugendliche sich aus freien Stücken zu der Operation entscheidet: Der Druck seiner Eltern und Großeltern wird dann wohl ähnlich groß sein, wie jener auf Jugendliche in katholischen Familien, sich doch auch firmen zu lassen. Da werden die desinteressierten Kinder gerne mit Uhren, Fahrrädern oder gar Bordellbesuchen bestochen.

Die religiösen Riten lassen sich also nicht so einfach wegurteilen. Aber für die, die das noch nicht mitbekommen haben: Das war auch gar nicht die Intention des Kölner Amtsgerichtes.

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  • sael | vor 333 Tagen, 5 Stunden, 22 Minuten

    Sael

    In der Wyste gibts keine stinkende Vorhaut.

    Auf dieses Posting antworten
  • rotifer | vor 334 Tagen, 15 Stunden, 33 Minuten

    Guter Kommentar, danke! Laut Männern, die im Erwachsenenalter aus medizinischen Gründen beschnitten wurden, ist es auch gänzlich unwahr, dass es zu keinem Gefühlsverlost kommt. Die Vorhaut ist voller Nervenenden, wie jeder weiß, der sie sich einmal eingezwickt hat.
    Mein in eine orthodoxe jüdische Familie geborener, aus politischer Überzeugung atheistischer Großvater war selbst übrigens vehement gegen die Beschneidung seines Sohnes.

    Auf dieses Posting antworten
    • rotifer | vor 334 Tagen, 15 Stunden, 32 Minuten

      Verlust, damn, nicht Verlost, sorry.

    • truhe | vor 334 Tagen, 10 Stunden, 5 Minuten

      Als zu der erstgenannten Gruppe von Männern Gehörender kann ich diesen Gefühlsverlust nicht bestätigen. Mich hat das Ganze in keinster Weise beeinträchtigt, also nehme ich an dass es ganz daruf ankommt dass dier Eingriff ordentlich gemacht wird. Allerdings ist so ein Eingriff etwas das für einen Erwachsenen zu den psychisch und physisch unangenehmsten gehört die es gibt, ich kann mir also gut vorstellen dass vieles von diesen gefühlten Gefühlsverlusten durchaus auch psychische Ursachen hat, weil einem einfach da unten jemand rumgschnippelt hat und da jetzt nicht mehr alles da ist.. Es bleibt die Frage zu stellen welchen möglichen Gefühlsverlust jemand erleidet der als Säugling beschnitten wurde, wenn er die Gefühle die er verlieren könnte von vorn herein gar nicht kennt. Aber wenn es schon darum geht Eltern gravierende Entscheidungen für ihr Kind zu verbieten, dann muss man diesen Weg wohl auch vollständig beschreiten. Zum Beispiel der Name. Ein unklug gewählter Name der dazu führt dass das Kind gehänselt wird kann genauso groben Schaden für das Kind anrichten, wqenn auch nicht körperlich. Und es gibt wahrscheinlich noch sehr viel mehr dass reglementiert werden müsste, denn die Kindheit ist einfach ununterbrochen von...

    • truhe | vor 334 Tagen, 10 Stunden, 4 Minuten

      teil2

      Entscheidungen geprägt die Eltern für ihre Kinder treffen. Wir machen uns dies Diskussion schon sehr einfach, hocken auf dem moralisch hohen Ross und diskutieren etwas das so gut wie niemanden von uns betrifft. Die meisten sind sowieso unreligiös, oder Atheisten und die wenigen die religös sind, sind dann doch mehrheitlich Christen. Wir wollen also über eine Entscheidung über eine Entscheidung treffen die wir ohnehin nie zu treffen haben und das über die Köpfe einer Mindereheit für die das Ganze wichtig ist ohne uns um ihre Sichtweise zu kümmern. Wenn sie zum Thema auf unserer Seite sind gut, wenn nicht sind sie einfach steinzeitliche religiöse Fanatiker denen sowieso das Handwerk gelegt gehört - die sollen gefälligst die Fresse halten und sich unseren modernen, zivilisierten und erhabenen Ansichten unterzuorden und damit basta (und das nennen wir dann auch noch demokratisch und rechtsstaatlich).

    • truhe | vor 334 Tagen, 7 Stunden, 18 Minuten

      Es handelt sich hier um jahrtausende alte und durchaus elementare Rituale und der Respekt den wir diesem Umstand entgegenbringen wird schon bei der Überschrift klar, eine "Sommerlochdebatte", bei der 99,9% der Teilnehmer ihre Meinung über etwas äussert dass sie in keinster Weise betrifft.
      Aber nochmal zurück zu denen die aus medizinische Gründen in höherem Alter beschnitten wurden, zu denen ich auch gehöre. Es wäre mir sehr viel lieber gewesen man hätte den Eingriff zu einem Zeitpunkt gemacht an den ich mich NICHT erinnern kann.

    • rotifer | vor 333 Tagen, 10 Stunden, 44 Minuten

      Lieber Truhe,
      Wie du aus meinem Posting erkennen kannst, kenne ich auch Sichtweisen aus dem Inneren dieser Minderheiten. Auch die sind verschieden, das kannst du mir glauben. Es darf also diskutiert werden.

    • truhe | vor 333 Tagen, 10 Stunden, 10 Minuten

      Ich sage nicht dass diskutiert werden darf, ich finde nur die Art un Weise wie diskutiert wird für nicht sonderlich korrekt, oder besser respektlos. Ausserdem ist es eine sehr einseitige Diskussion. Sobald man sich nicht einmütig in die Reihen der Beschneidungsgegner einreiht hat man ganz schnell einen Stempel, entweder den des religiös verblendeten und zurückgebliebenen Kinderschänders oder den dass man's mit den Menschenrechten nicht so genau nimmt. Allerdings werden hier zwei Menschenrechte gegeneinander ausgespielt wobei das der Religionsfreiheit aus der primär sekulären Sicht sowieso zweitklassig ist.

    • truhe | vor 333 Tagen, 10 Stunden, 4 Minuten

      Meiner Meinung nach muss diese Entscheidung primär innerhalb der betroffenen Religionsgemeinschaften getroffen werden und nicht über deren Köpfe hinweg wie es im Augenblick praktiziert wird. Das ist der Kern. Ich kritisiere die Art wie diese Diskussion geführt wird. Sie ist respektlos, hochnäsig und lässt, wie leider so gut wie immer in diesen Diskussionen die religiösen Minderheiten die tatsächlich betroffen sind völlig aussen vor.

    • h3isenberg | vor 331 Tagen, 22 Stunden, 4 Minuten

      lieber truhe,
      da liegst du meiner meinung nach falsch wenn du sagst, das solche entscheidungen innerhalb der betroffenen religionsgemeinschaft getroffen werden sollten. wieso sollen nur gläubige über glaubensfragen entscheiden/diskutieren dürfen? die beschneidung beispielsweise ist ein archaischer ritus, sie hatte mal ihren sinn. heute dient sie als identifikationsmerkmal für einen glauben, der schon den kindern damit aufdoktriniert wird von den eltern, auch wieder etwas, das nicht in unsere zeit hinein fallen soll.
      vor ein paar jahren gab es schon so eine debatte über kopftücher, ist auch relativ im sande verlaufen. ich find das immer so toll wenn mädchen im kopftuch herum laufen, mit der tschick in der hand und in engen jeans hosen wo ein stringtanga heraus blitzt.