Standort: fm4.ORF.at / Meldung: "Riace - das gallische Dorf in der EU"

Musik, Film, Heiteres

Claus Pirschner

Politik im weitesten Sinne, Queer/Gender/Diversity, Sport und Sonstiges.

21. 8. 2012 - 17:17

Riace - das gallische Dorf in der EU

Ein Lehrer bringt tausende Flüchtlinge in sein Dorf und wird dafür zum Bürgermeister gewählt: Das Gegenmodell zur Festung Europa

Update: Diese Reportage vom 31.8.2012 wird heute um 19:00 im FM4 Jugendzimmer wieder ausgestrahlt. Das kalabrische Dorf Riace gilt vielen als Musterbeispiel für den Umgang mit Menschen, die aus ihrer Heimat flüchten mussten.

Es ist ein gewagter, für manche ein hinkender und für viele wahrscheinlich ein unpassender Vergleich. Ich ziehe ihn hier trotzdem. Wir haben unsere Großeltern gefragt, ob sie vom Massenmord zur Nazizeit gewusst haben und was sie dagegen unternommen haben. Und was werden unsere Enkel uns mal fragen? Sie könnten uns vielleicht fragen, was wir dagegen unternommen haben, dass tausende Bootsflüchtlinge im Mittelmeer sterben, dass sie von der europäischen Grenzschutzagentur Frontex abgedrängt werden, dass sie im überwachten Mittelmeer zwischen Europa und Afrika ertrinken. Was unternehmen wir dagegen, dass Kapitäne oder Fischer, die Flüchtlinge retten und ans Festland bringen, deshalb vor Gericht gestellt werden? Wie verhalten wir uns in der Festung Europa?

Tipp:

Weil sie sich dem Krieg entziehen
Der italienische Journalist Fabrizio Gatti über Grenzregionen in Europa, Menschlichkeit und warum Lampedusa den Friedensnobelpreis verdient hätte.

Als Journalist gilt es, Verstöße gegen Menschlichkeit und Menschenrechte zumindest zu publizieren und möglicherweise bestehende Alternativen aufzuzeigen. Und von so einer Alternative habe ich von FreundInnen gehört: in Süditalien hätte ein Lehrer Flüchtlinge in sein Dorf gebracht, woraufhin der Ort wieder aufgeblüht sei und der Typ sogar zum Bürgermeister gewählt wurde. Wim Wenders war so begeistert, dass er einen Film darüber gedreht hat. Und vor ein paar Monaten habe auch ich mich für einen Lokalaugenschein auf den Weg in das 1600-Einwohner Dorf Riace gemacht.

Riace

Foto Lobo

Sein Umgang mit Neuankömmlingen in der Geschichte und in der Gegenwart macht Riace zum Vorzeigemodell für ganz Europa

Die Geschichte begann am 1. Juli 1998

Der 1. Juli 1998 im Mittelmeer: 200 kurdische Flüchtlinge stranden mit ihrem Boot an der Küste Kalabriens, am Strand des Dorfes Riace. Sie sind am Ende ihrer Kräfte, haben nichts mehr zu essen, auch das Trinkwasser wurde bereits knapp. Der Chemielehrer Domenico Lucano erinnert sich daran, wie er und viele andere an den Strand eilten: "Da waren wahnsinnig viele Menschen am Strand, es hat ausgeschaut als wäre ein ganzes Dorf unterwegs, das aufgebrochen ist, um ein neues Dorf zu suchen. Es waren Männer, Frauen und Kinder - Kurden aus dem Irak, dem Iran und der Türkei."

"Da sind Leute ohne Häuser an einem Ort gelandet, wo es jede Menge Häuser ohne Leute gibt. Wir haben das als Zeichen gesehen, und ihnen die leerstehenden Häuser angeboten." Die Hälfte der Bewohner von Riace war in den letzten 50 Jahren ausgewandert, weil es in der Region an Jobs mangelt. Pizzeria, Bar und Schule von Riace mussten zusperren. Der Ort war auf dem besten Weg zu einer Geisterstadt.

Die zweihundert KurdInnen haben alles verändert: "Es war schwierig sich vorzustellen, wie unser Dorf überhaupt noch funktionieren soll, wenn niemand mehr da ist, der die Häuser herrichten soll. Das war eine Spirale nach unten. Da war für uns klar, die Bootsflüchtlinge einzuladen. Ich denke, es braucht nicht lange, um wo dazuzugehören. Sie brauchen ein paar Tage und ein paar Kontakte und dann kann man schon Teil einer Gemeinschaft sein. So ein Dorf ist ein Gemeingut, wie der Himmel oder die Erde. Das gehört niemandem wirklich, sondern einfach denen, die da sind."

So ist Riace von einem sterbenden Dorf zu einem Ort der Ankunft und des Durchzuges geworden. Die Schule hat wieder aufgesperrt, weil wieder genug Kinder da waren. Der Lehrer Domenico Lucano begeisterte das ganze Dorf . Er gründete den Verein Città Futura.

Città Futura statt Geisterstadt

Zuerst haben Riacesi gemeinsam mit den Flüchtlingen die leerstehenden Häuser hergerichtet und für sie bewohnbar gemacht. Domenico Lucano hat den Verein Città Futura gegründet, der sich mit Unterstützung der UNHCR um die Ankunft, Unterbringung und Bildungsprogramme für die Flüchtlinge kümmert. Città Futura eröffnete Handwerksbetriebe, wo immer jemand aus dem Dorf mit einem Neuankömmling zusammenarbeitet. Zum Beispiel die Ceramica Riace, wo die 33-jährige aus Riace stammende Kunstabsolventin Lorena und der 40-jährige Issa aus Afghanistan Keramik herstellen und verkaufen. Lorena wollte immer in Riace bleiben, hat als Kunstabsolventin im Norden in Turin nie Fuß fassen können. Seit 5 Monaten hat sie ihren bisher interessantesten Job hier in der Ceramica Riace gefunden. Mit ihrem aus Afghanistan stammenden Kollegen diskutiert sie viel: "Wir verstehen uns sehr gut. Wir unterhalten uns über alles. Wir reden über unsere zwei unterschiedlichen Religionen - Islam und Christentum. Wir reden über die Unterschiede - zum Beispiel in der Ehe. Aber es gibt viele Berührungspunkte zwischen unseren Religionen. Viel mehr als ich dachte. Und die Werte sind die gleichen. Ich respektiere ihn. Er respektiert mich."

Der 40-jährige Issa in der Ceramica Riace.

Foto Lobo

Der 40-jährige Issa ist seit seinem 12. Lebensjahr auf der Flucht. Erst in Riace hat er seine Ruhe gefunden und Arbeit: in der Ceramica Riace.

Issa hat einen Großteil seines Lebens auf der Flucht verbracht. Seit seinem 12. Lebensjahr hat er Afghanistan wegen des Krieges immer wieder verlassen. Die Taliban wollten ihn als Soldaten rekrutieren, daraufhin ist er in den Iran geflohen. Als sein Bruder erschossen wurde, hat er beschlossen, nicht mehr zurückzukehren. Auch er ist als Bootsflüchtling nach Italien gekommen: "Ich bin mit 165 anderen Flüchtlingen in einem kleinen Boot fünf Tage unterwegs gewesen . Von der Türkei hierher. Wir waren immer eingeschlossen. Oben waren die Schlepper. Es war schrecklich. Dann hat uns die Grenzpolizei aufgegriffen und uns in ein Lager gebracht." Dann hat er Bleiberecht erhalten, hat einen Monat in Rom auf der Straße gelebt, auf Bahnhöfen geschlafen, konnte keine Arbeit finden. Schließlich hat er von Riace gehört und sich auf den Weg ins süditalienische Dorf gemacht: "Anfangs hatte ich etwas Angst in dem kleinen Dorf. Ich habe ein bisschen Italienisch gelernt, bin am Dorfplatz rumgehangen und in den Bars. Ich habe schnell Leute kennengelernt, weil sie hier sehr freundlich sind. Ja und ich habe gleich mal in der Weberei Arbeit gefunden."

Es entstanden aber nicht nur immer mehr Handwerksbetriebe. Mit der Zeit hat das Dorf durch seinen Umgang mit Flüchtlingen auch immer mehr Touristen angelockt. Sie können nun in weiteren von den Flüchtlingen restaurierten Häusern ihren Urlaub verbringen. Wer mit der eigens eingeführten Riaceser Dorfwährung mit Konterfeis von Menschenrechtskämpfern wie Martin Luther King oder Mahatma Ghandi bezahlt, bekommt 10% Rabatt. Die Città Futura hat eine lokale Mikroökonomie angefacht. Im Moment überlegt man eine Schokoladefabrik aufzubauen.

Domenico Lucano, der Bürgermeister von Riace, mit der Lokalwährung

Foto Lobo

Domenico Lucano, der Bürgermeister von Riace, mit der Lokalwährung

Kein Jobwunder für alle

Die Città Futura und ihre Mikroökonomie sind allerdings kein Jobwunder für alle. Viele müssen nach wie vor in den Norden auswandern. Für die Flüchtlinge ist Riace meist ein Zwischenstopp, wo sie etwas zur Ruhe kommen können. Die Arbeitsplätze sind auch hier begrenzt und werden großteils alle 1-2 Jahre neu vergeben. Das gilt auch für Navid, 18, und Mir, 20, aus Afghanistan. Sie sind vor zwei Jahren als Bootsflüchtlinge nach Italien gekommen, haben bald Bleiberecht bekommen und schnell italienisch gelernt. "Die Leute hier sind sehr nett, aber es gibt nicht genug Arbeit", bringt Navid die Situation auf den Punkt. Jetzt leben sie in einem weiterhin zur Verfügung gestellten Haus und von der Essensausspeisung der Kirche. Zumindest ins kulturelle Dorfleben sind sie trotzdem eingebunden.

Interkultureller Austausch und Troubles mit der Ndrangheta

Ich habe eine ganze Woche in Riace verbracht, auf echte Ablehnung der Città Futura bin ich in den vielen Gesprächen mit den Riacesi nicht gestoßen. Domenico Lucano, den Initiator des Vereines, haben die Dorfbewohner mittlerweile zum Bürgermeister gewählt. Viele von ihnen betonen, dass sie aufgrund des Zusammenlebens mit den Flüchtlingen erkannt haben, dass sich Kulturen mehr ähneln als unterscheiden. Ich komme mit einer alten Frau ins Gespräch, sie ist um die 80, trägt ein bäuerliches Kopftuch. Ihr Statement ist bezeichnend für die Erfahrung der Riacesi. Alle seien gute Christen hier, alle verhalten sich gut. Und was sagt sie dazu, dass viele Flüchtlinge MuslimInnen sind? "Ja, auch diese armen Leute. Auch die Muslime sind eigentlich gute Christen."

Flüchtlinge in einem wieder hergerichteten ehemals leer stehenden Haus im Dorfzentrum

Foto Lobo

Flüchtlinge in einem wieder hergerichteten ehemals leer stehenden Haus im Dorfzentrum

Die interkulturelle Harmonie wird allerdings von einem der dominanten Player in der Region gestört: der kalabrischen Mafia, der Ndrangeta. Der Mafia passt der freie Umgang mit Flüchtlingen in Riace nicht. Als Domenico Lucano vor drei Jahren als Bürgermeister wiedergewählt wurde, wurde auf die Eingangstür einer Taverne geschossen und die Hunde des Bürgermeisters wurden vergiftet. Warum? Eine Dorfbewohnerin erklärt es sich so: "Aus politischen Gründen, um uns zu entmutigen und aus Neid gegenüber diesen Projekten." Aber was stört die Ndrangeta daran, dass ein Dorf statt auszusterben durch Zuwanderung wieder aufblüht? Weitere Gespräche im Dorf machen es deutlich: Die Flüchtlinge selbst sind der Mafia an sich wahrscheinlich egal. Die Ndrangeta stört die Emanzipation der Dorfbewohnerinnen und -bewohner, ihre Angstlosigkeit, die sich im Umgang mit den Einwanderern zeigt. Ein angstfreies Dorf ist schwerer zu kontrollieren als ein eingeschüchtertes.

Warum sind die Riacesi so emanzipiert?

Tür der Taverne mit farbigen Handabdrücken.

Foto Lobo

2009 hat die Mafia auf die Tür der Taverne geschossen. Riacesi haben sie daraufhin mit ihren farbigen Handabdrücken symbolisch zurückerobert.

Warum haben die BewohnerInnen von Riace über die Jahre tausende Flüchtinge aufgenommen und sie ein, zwei Jahre mit Unterstützung, Bildung und Arbeit zur Ruhe kommen lassen? Warum ist die große Mehrheit des Dorfes nicht von der mittlerweile europaweiten üblichen Ausländerfeindlichkeit geprägt? Domenico Lucano erklärt sich das zum Einen mit der Erfahrung der massiven Abwanderung und den in Folge leerstehenden Häusern. Aber er sieht auch einen anderen Grund: "Riace liegt direkt am Meer: Es ist immer jemand übers Meer gekommen: Die Türken haben geplündert. Die Sarazenen auch. Die Griechen sind gekommen und haben sehr viel Kultur gebracht. Es war immer wichtig, sich darauf einzustellen, dass jemand kommt und man nicht weiß mit welcher Absicht. Deshalb war es immer wichtig, Leute zuerst mal freundlich aufzunehmen, um das herauszufinden. Verteidigung ist ohnehin nicht möglich. Das steckt in den Menschen hier. Diese Haltung ist die Basis für das Zusammenleben mit den Flüchtlingen hier."

Riace, ein Modell für Europa

Mittlerweile hat Kalabrien ein Gesetz erlassen, das es anderen Dörfern ermöglicht, es Riace gleichzutun. In der Mikroökonomie von Riace kostet es laut Bürgermeister 22 Euro pro Tag, um einen Flüchtling unterzubringen und in Schulungs- und Beschäftigungsprogramme aufzunehmen. Im überfüllten, wie einem Gefängnis überwachten Deportationslager Mineo in Sizilien kostet die Unterbringung 100 Euro.

Zwei weitere Dörfer haben es Riace bereits gleichgetan. Aber das Modell hat Potenzial für jede Abwanderungsregion in der EU, etwa halb leere Ortschaften in Niederösterreich. Beiden ist geholfen. DorfbewohnerInnen und Flüchtlinge erhalten Arbeit, ein absterbender Ort kann Schule und kleine Betriebe wiederaufmachen. Die interkulturelle Erfahrung wäre eine Alternative zur zunehmenden Xenophobie.

Domenico Lucano hält seine Città Futura für nichts Ungewöhnliches: "Wir haben getan, was zu tun ist. Was wir hier gemacht haben, ist normal. Dass es so außergewöhnlich erscheint, liegt daran, dass die Welt nicht mehr normal ist. Es hat dem Dorf irrsinnig viel Gutes gebracht."

Dieses Element ist nicht mehr verfügbar

Haftungsausschluss

Die ORF.at-Foren sind allgemein zugängliche, offene und demokratische Diskursplattformen. Die Redaktion übernimmt keinerlei Verantwortung für den Inhalt der Beiträge. Wir behalten uns aber vor, Werbung, krass unsachliche, rechtswidrige oder beleidigende Beiträge zu löschen und nötigenfalls User aus der Debatte auszuschließen. Es gelten die Registrierungsbedingungen.

Forum

Zum Eingabeformular Kommentieren

  • fstrohmeier | vor 197 Tagen, 17 Stunden, 44 Minuten

    Wenn wir schon bei Gedankenspielen sind:

    Was hätte die heutige EU-Führung wohl mit der St. Louis gemacht?https://de.wikipedia.org/wiki/St._Louis_(Schiff)

    Auf dieses Posting antworten
  • fm4sehrliebe | vor 608 Tagen, 21 Stunden, 45 Minuten

    gaensehaut. danke :)

    Auf dieses Posting antworten
  • simonside | vor 609 Tagen, 3 Stunden, 6 Minuten

    „So ein Dorf ist ein Gemeingut, wie der Himmel oder die Erde. Das gehört niemandem wirklich, sondern einfach denen, die da sind."

    danke domenico!

    Auf dieses Posting antworten