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Musik, Film, Heiteres

Simon Welebil

Abenteuer im Kopf, drinnen, draußen und im Netz

3. 9. 2012 - 19:04

"Die Kunst des Feldspiels"

Chad Harbach schreibt die Great American Novel fort, mit einem Basball-Roman, der gar keiner ist.

Fast nirgends sind die Grenzen des US-Kulturexports so deutlich zu sehen wie im Sport. Die Big Four, die vier erfolgreichsten Sportarten in den USA (American Football, Baseball, Basketball und Eishockey) können in Europa Fußball nicht das Wasser reichen und Baseball geht bei uns gerade einmal als Randsportart durch. Das wirkt sich auch auf die Literatur aus. Das in den USA sehr erfolgreiche Genre "Baseball-Fiction" (oder Sportromane generell) wird wegen mangelnden Verkaufschancen kaum ins Deutsche übersetzt, und so wundert man sich doch, dass Chad Harbachs Debütroman "Die Kunst des Feldspiels" einen Baseball am Cover zeigt. Noch verwunderlicher wird das, wenn man erfährt, dass man in den USA versucht hat, jede Baseball-Referenz am Cover zu vermeiden.

Weitere Buchrezensionen

In Chad Harbachs Roman geht es nämlich nicht wirklich um Baseball, sondern um das Streben nach Perfektion und um das Scheitern, das diesem Vorgang inne wohnt. Man muss den Sport aber weder mögen noch verstehen, wenn man zu "Die Kunst des Feldspiels" greift (es reicht das Bild Werfer-Schläger-Fänger, den Rest führt der Autor aus), Harbach benutzt Baseball nur als erzählerischer Hülle, um seine ProtagonistInnen reifen zu lassen.

Das Jahrhunderttalent

Baseball und bunte Linien: Buchcover "Die Kunst des Feldspiels" von Chad Harbach
"Die Kunst des Feldspiels" von Chad Harbach ist von Stephan Kleiner und Johann Christoph Maass übersetzt worden und im Dumont Verlag erschienen

Die Geschichte ist anfangs simpel und gleicht den Sportfilmen aus Hollywood, die nach mäßigen Kinoerfolgen sonntagnachmittags im Fernsehen laufen. Ein Landei, Henry Skrimshander, wird bei einem unwichtigen Baseballturnier vom Kapitän der gegnerischen Mannschaft, Mike Schwartz, entdeckt und der vermittelt ihm ein Stipendium an einem geisteswissenschaftlichen College. Unter Mikes Anleitung und hartem Training macht er dort innerhalb kurzer Zeit sein eigentlich miserables Team zum Titelanwärter. Henry selbst winkt ein Profivertrag, weil er drauf und dran ist, den Allzeitrekord für fehlerfreie Spiele zu brechen und damit sein großes Vorbild Aparicio Rodriguez zu überflügeln.

Aparcio Rodriguez steht mit seinem Rekord für die Perfektion, die es zu erreichen gilt. Er hat wie Henry die wichtigste Position im Baseball gespielt, den defensiven Shortstop, die wichtigsten Titel gewonnen und nach seiner aktiven Karriere ein Buch über das Spiel geschrieben, das für Henry zur Bibel wird: "Die Kunst des Feldspiels", eine Aphorismensammlung im Stile von Sunzis "Die Kunst des Krieges":

"26. Der Shortstop ist ein Ruhepol im Zentrum der Verteidigung. Er strahlt diese Ruhe aus, und seine Mitspieler reagieren darauf."

Der Absturz

Doch dann geht genau der Wurf, mit dem Henry Aparicio Rodriguez' Rekord einstellen sollte, daneben, mit schweren Folgen. Denn der Ball trifft ausgerechnet seinen Mitbewohner Owen, der unaufmerksam auf der Reservebank sitzt, und zerschmettert ihm sein Gesicht. Ab dieser frühen Stelle im Roman, nach etwa 80 Seiten, tritt der Sport in den Hintergrund. Von nun an dominieren die komplexen Figuren Chad Harbachs, die dem simplen Plot zuwider laufen.

Harbach bricht mit dem Image des Profisports, der starke, unfehlbare Personen verlangt, funktionierende Maschinen. Seine Figuren sind verletzlich. Henry verliert nach seinem Aussetzer das Gefühl für den Ball, die Fähigkeit zu werfen. Selbst das härteste Training führt ihn nicht wieder zurück auf den Erfolgskurs, sondern nur in eine Depression. Mike Schwartz schleppt sich mit einer Unzahl von Medikamenten durch die Saison und muss erkennen, dass er sein Leben bisher immer für andere zurückgestellt hat.

Das schwierige Coming Out

Owen, der durch zahlreiche Knochenbrüche im Gesicht die deutlichsten Spuren des Bruches in der Handlung trägt, hat schon vor dem Unfall eine besondere Stellung eingenommen. Sein Interesse an Baseball ist enden wollend. Er hat ein Hochbegabtenstipendium am College und vertieft sich lieber in ein Buch, als sich auf das Spiel zu konzentrieren. Und schon vor dem ersten Mannschaftstraining hat er sich vor seinen Kameraden als schwul geoutet und damit im homophoben Umfeld des Mannschaftssports eine erstaunliche Offenheit an den Tag gelegt.

Damit kann Guert Affenlight, der College-Präsident nicht dienen. Nach über fünfzig Jahren als heterosexueller Mann mit vielen Affären verliebt er sich im Krankenhaus in Owen, ausgerechntet zu einer Zeit, als seine Tochter nach gescheiterter Ehe wieder zu ihm zieht.

Konfliktsituationen

Auf 600 Seiten lässt Harbach seine fünf unterschiedlichen ProtagonistInnen aufeinanderprallen. Versteckspiele und Geheimniskrämerei erzeugen dabei einen Konflikt, der unausweichlich in einen Showdown mündet, bevor die Lyse einsetzen kann. Bis dahin hat Chad Harbach unzählige literarische Verweise verwebt, den perfekten Menschen dekonstruiert und auch mit allen Tabus im Profisport gebrochen: Homosexualität, Medikamentenmissbrauch, Depression.

An manchen Stellen werden diese Themen vielleicht zu rasch und simpel abgehandelt, doch insgesamt ist "Die Kunst des Feldspiels" dann doch zu vielschichtig und komplex, um zu einem Sonntag-Nachmittag-Sportfilm zu werden. Auf dem Bildschirm werden wir den Roman trotzdem erleben können, HBO hat sich bereits die Rechte für eine Serie gesichert.

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  • moosesgarcia | vor 262 Tagen, 1 Minute

    Ich glaube, ich werde niemals erfassen, warum gerade Baseball in den US für so viele Vergleiche, Mythen und Legenden herhalten muss.
    Ich versuche es, aber mir entzieht sich total die Fazination dieser Sportart.

    Auf dieses Posting antworten
    • simonwelebil | vor 261 Tagen, 22 Stunden, 51 Minuten

      so weit ich da durchblicke eignet sich baseball vor allem so gut für Literatur etc. weil es zwar Teamsport ist, aber die einzelnen spielzüge immer 1 gegen 1-situationen sind - ein werfer und ein schläger, die klassische duell-situation.
      und dann ist baseball natürlich us-nationalsport und hat eine etwa hundert Jahre längere Tradition als American Football.

    • divis | vor 261 Tagen, 21 Stunden, 14 Minuten

      Ging mir ähnlich,...

      ...bis ich einmal die Gelegenheit hatte, mit einem wirklich begeisterten Baseballfan ein MLB-Spiel zu sehen, seitdem seh ich es mit anderen Augen.

      Wobei es auch mir sehr schwer fällt, die Faszination zu erklären - es hat vielleicht was mit der einerseits klar abgegrenzten Spielsituation (Pitcher vs Batter) zu tun, aus der sich trotzdem unvorhersehbare Möglichkeiten ergeben können? Mir gefällt auch, dass die Spieler, mit Ausnahme des Pitchers, sowohl als Hitter, Baserunner und Fielder was taugen müssen (anders als etwa beim American Football mit seinen Spezialisten).

      Und die Tatsache, dass ewig lang nur wenig passiert, bis dann ein gelungener Spielzug alles auf den Kopf stellen kann - das hat es sogar mit Fußball gemeinsam.

    • zikmund | vor 261 Tagen, 19 Stunden, 59 Minuten

      kann man nicht erklären, muss man spüren.
      am besten mal selbst spielen, hat eine unheimiche ruhe, vermutlichen durch den geschlossenen kreis des spielfelds (infield).
      für mich der schönste sport der welt...

      btw.. Ein Shortstop ist eine von 9 Feld-Positionen in der Defense, ob´s die wichtigste ist kann man streiten, ich hätt gemeint, es ist der catcher (und natürlich der pitcher)

    • cheguevarawithblingon | vor 261 Tagen, 13 Stunden, 13 Minuten

      1) selber spielen, einmal versuchen 1/2 stunde den ball hin und her zu werfen und 1/2 stunde lang konstante laufbahn zu halten. danach sieht man wie unfassbar schwer das spiel eigentlich ist und wie unfassbar schwer es ist über 9 innings(3 stunden) die konzentration zu halten.

      2) spiel anschauen, am besten im september, wo es um irgendwas geht.

      3) falls man ein wenig nerdig veranlagt ist, checken wie durchdacht und ausgeklügelt das spiel ist. das tolle an insulären US Sportarten, Sportarten die eben hauptsächlich in Amerika gross sind, ist die unfassbare Taktik und wieviel Gedanken dahinter stecken und die Faszination wirklich ausmachen. Deswegen meine ich, dass aus dem Grund die beiden Sportarten hier nicht wirklich wertgeschätzt werden(Football eher noch als Baseball).

    • zikmund | vor 261 Tagen, 10 Minuten

      Als ich mich intensiver damit beschäftigte und noch selber amateurmäßig gespielt hab, hab ich wo gelesen, dass der Bat-Swing zu den kompliziertesten Bewegungsabläufen im Sport zählt, gleich nach Stabhochsprung und Golf.

    • divis | vor 260 Tagen, 21 Stunden, 7 Minuten

      Natürlich US-lastig, aber trotzdem

      http://www.usatoday.com/sports/ten-hardest-splash.htm

    • zikmund | vor 260 Tagen, 17 Stunden, 25 Minuten

      Oh, danke!