Standort: fm4.ORF.at / Meldung: "Die wild gewordene Meute"

Musik, Film, Heiteres

Hanna Silbermayr

Lateinamerika, Migration, Grenzen und globale Ungleichheiten

26. 9. 2012 - 20:43

Die wild gewordene Meute

1.300 Polizisten, 64 Verletzte, 35 Festnahmen. Dies ist die Bilanz der Straßenschlacht, die Dienstag Nacht zwischen Polizei und Demonstranten rund um das spanische Parlament tobte, während die Politiker drinnen neuerliche Kürzungen beschlossen.

Ein Mann steht in der Tür eines Restaurants. Er scheint der Besitzer des Lokals zu sein. Schützend hält er die Arme vor die Menschen, die sich hinter ihm drängen. Der Mann faltet die Hände, hebt sie in die Höhe. Verzweifelt schreit er - Angst und Machtlosigkeit stehen ihm ins Gesicht geschrieben.

Auf der Straße fallen Schüsse. Schreie. Wieder Schüsse. Wieder Schreie. Menschen laufen in die unterschiedlichsten Richtungen. Möglichst weg von der Polizei, die wie eine wild gewordene Meute auf alles einschlägt und schießt, das ihr in die Quere kommt.

Flucht

In dieser Nacht des 25. September gleichen die Straßen Madrids jenen eines Landes, in dem Bürgerkrieg herrscht. „Das ist schlimmer als zu Zeiten Francos!“, empört sich ein älterer Mann. 1.300 Polizisten hatte man am gestrigen Nachmittag aus ganz Spanien in die Hauptstadt zitiert. Unterschiedliche zivile Gruppierungen hatten zuvor dazu aufgerufen, sich rund um das spanische Parlament zu versammeln, in dessen Räumen die konservative Regierung unter dem "Partido Popular" (der spanischen Volkspartei) neuerliche Kürzungen für das krisengebeutelte Land vereinbaren sollte. Erst im März hatte sie das größte Sparpaket seit Wiedereinführung der Demokratie im Jahr 1977 beschlossen.

Spanische Polizisten nehmen Demonstrant in den Schwitzkasten

EFE / LUCA PIERGIOVANNI

Madrid, 25. September 2012: Polizisten nehmen einen Demonstranten am Neptun-Platz fest.

Im Juli verkündete man weitere Sparmaßnahmen, nachdem sich der marode Staat im Juni doch unter den Euro-Rettungsschirm geflüchtet hatte. 100 Milliarden Euro sollen so eingespart werden - weitaus mehr, als ursprünglich geplant waren. Die Maßnahmen sehen massive Kürzungen im Bildungs-, Gesundheits- und Sozialsektor vor. Irregulären Migranten, die sich in Spanien aufhalten, wird jegliche Gesundheitsversorgung per Gesetz verweigert. Im August wehrte sich die Organisation "Ärzte der Welt" in einem Protestvideo gegen diese Maßnahmen. Die Mehrwertssteuer wurde ab Anfang September von 18 auf 21 Prozent erhöht, das Arbeitslosengeld verringert und Leistungen für öffentlich Bedienstete gekürzt.

Es ist Spaniens großer Aderlass.

Die New York Times schreibt über den Hunger in Spanien

Doch die Bevölkerung ächzt angesichts dieser drastischen Mittel. Schon im Juni gingen 100.000e Spanier auf die Straßen. Die Arbeitslosigkeit war im Juli auf ein Rekordhoch von 25% geklettert und damit so hoch wie zuletzt 1976. Unter Jugendlichen liegt sie gar bei 50%, was viele von ihnen veranlasst, in andere europäische Länder oder in die ehemaligen Kolonien am lateinamerikanischen Kontinent auszuwandern. Immer mehr Menschen können sich das Leben nicht mehr leisten: sie verlieren ihre Wohnungen, können ihre Kredite nicht zurückzahlen und haben nichts zu Essen. Viele der Menschen, die in Armut geraten, hätten sich nicht gedacht, dass es sie jemals treffen würde. Am 25. September machen sie diesem Ärger neuerlich Luft. Es sind vorwiegend junge Menschen, die auf die Straße gehen. Aber auch Pensionisten, Arbeiter, Arbeitslose.

Spanische Polizisten rangeln mit Demonstranten

EFE / JJ GUILLEN

Madrid, 25. September 2012: Spanische Polizisten im Gerangel mit Demonstranten.

Eskalation

Die Revolution und der Fußball:
im Mai vergangenen Jahres kam es in Bareclona zu einer ähnlichen Konfrontation zwischen Polizei und Demonstranten

Zunächst verläuft der Protest friedlich. Bis die Situation gegen sieben Uhr abends eskaliert. Eine Gruppe von Demonstranten hatte versucht, die Absperrung zu durchbrechen, worauf die Polizei mit Knüppelschlägen antwortete. Manche Demonstranten mögen sich an die Geschehnisse in Barcelona im Mai 2011 erinnert haben, wo die spanischen Sicherheitskräfte ähnlich rabiat gegen Demonstranten vorgingen.

Man verlange die Demokratie zurück, sagen Demonstranten der Presse. Die Politik, welcher die Regierung momentan folgt, wäre eine Politik gegen die eigene Bevölkerung, ist man sich außerdem sicher. Die Politiker der regierenden Volkspartei sehen das anders. Sie wären vom spanischen Volk gewählt worden, erklärt die Abgeordnete Cristina Cifuentes. Einen Tag vor der Demonstration hatte sie angekündigt, dass man eine Versammlung rund um das Parlament nicht akzeptieren würde. Tags darauf gratuliert sie der spanischen Polizei in einem Interview mit dem nationalen Radiosender zur erfolgreichen Niederschlagung des Protests. Die Generalsekretärin der Volkspartei ging so weit, die Demonstration mit einem Staatsstreich zu vergleichen.

Protest in Spanien gegen Sparmaßnahmen

José Ramón Otero Roko

Alberto Garzón Espinosa, Abgeordneter der Oppositionspartei "Izquierda Unidad" ("Linke Einigkeit"), verlässt den Plenarsaal des Parlaments gemeinsam mit seinen Parteikollegen während der Sitzung am 25. September. Er begibt sich zu den Demonstranten auf den Straßen Madrids, um sich ihrem Protest anzuschließen. Auf seinem Blog schreibt er: "Sie sagen, wir wollen einen Staatsstreich. Aber das stimmt nicht. Was wir wollen, ist ein Schlag auf den Tisch. Wir wollen Demokratie. Wir wollen ein Recht, das uns repräsentiert und verteidigt. Wir wollen ohne Angst leben."

Haftungsausschluss

Die ORF.at-Foren sind allgemein zugängliche, offene und demokratische Diskursplattformen. Die Redaktion übernimmt keinerlei Verantwortung für den Inhalt der Beiträge. Wir behalten uns aber vor, Werbung, krass unsachliche, rechtswidrige oder beleidigende Beiträge zu löschen und nötigenfalls User aus der Debatte auszuschließen. Es gelten die Registrierungsbedingungen.

Forum

Zum Eingabeformular Kommentieren

  • diskovic | vor 814 Tagen, 23 Stunden, 17 Minuten

    relaitive ausführliche doku...

    ...über die vorfälle in madrid:

    http://tinyurl.com/944bkrq

    Auf dieses Posting antworten
  • diskovic | vor 814 Tagen, 23 Stunden, 17 Minuten

    relaitive ausführliche doku...

    ...über die vorfälle in madrid:

    http://tinyurl.com/944bkrq

    Auf dieses Posting antworten
  • abundzuda | vor 815 Tagen, 2 Stunden, 40 Minuten

    kurzum

    die menschen, die es gern anders hätten, haben auch gelernt und begriffen, dass krieg keine lösung ist, um land zu besetzen.

    das ging doch immer meistens sehr unangenehm aus

    das vertreiben der menschen - das manipulieren der menschen durch medien - und das aufkaufen von land (auf offiziellem politischen wege) ist doch viel effektiver

    sogar mit rechnung

    ist doch viel...unaufälliger...noch dazu "selbst so gewollt"... und naja, legitim

    Auf dieses Posting antworten
  • abundzuda | vor 815 Tagen, 2 Stunden, 45 Minuten

    ...

    keingeldwechseln im urlaub (für welchen man eh kein geld/zeit hat) ... auch nur ein tropfen am heissen stein (der dich aber jeden tag am kopf trifft)

    jetzt merken sie was wirklich geschieht

    aufklärung aufklärung aufklärung

    danke der aufklärung

    wir sind die generation internet, wir sind die generation netzwerk und wir wissen mittlerweile, was wahrheit bewirken kann

    veränderung

    besserung

    und ja ... macht euch jetzt nicht ins höschen ..nur weil österreich nicht ohne eu überlebensfähig is (und ma den gierigen vertrottelten österreicher nie ohne eu nähren könnte) heißt das noch lange nicht, dass ANDERE LÄNDER NICHT ALLEINE ÜBERLEBENSFÄHIG SIND

    SCHEISS
    AUF
    DIE
    EU

    die leute wollen das nicht

    die deutschen und die franzosen und wasweißich haben den krieg angefangen

    deswegen gibts auch das friedensprojekt? wieso bilden die nicht die eu

    Auf dieses Posting antworten
  • abundzuda | vor 815 Tagen, 2 Stunden, 56 Minuten

    es prügeln sich alle, wenn spaniens blüten verblühen

    TJA - so ist das eben, das volk wütet, da sie jetzt merken, der EU-beitritt und das zwanghafte anstreben von "westlichkeit" hat seinen preis. es geht nicht mehr um europäischen frieden - (mich würde es intressieren, wie lange es denn überhaupt wirklich darum ging, 7 jahre? 10 Jahre? und dann ?)
    es geht mittlerweile GESCHÄFTE

    das wissen wir doch alle

    um LAND, WELCHES JETZT VERHÖKERT WIRD.

    gier

    geldgier

    1.reihe fußfrei, hätten sie gern

    tradition wird weggeschmissen,

    wenn in 60 jahren 80% deutsche (and sowas) in griechenland wohnen und ??% ? in spanien und ?%? in kroatien,
    werden die sicher nicht die jahrhundertelang aufgebaute tradition dort weiterführen

    dann könnma bildal schaun, wies amal war, bevor die reichen nordeuropäer den südeuropäern alles weggenommen haben, weils ihnen eingredt haben, sie brauchen UNBEDINGT die markenauswahl aller vorhandenen autos(mit autohäusern), ipods, mcdonals, redbull und cocacola :) und REWE/ bzw. der franz. kette Les Mousquetaires, or whatever

    macht doch bitte AUF GARKEINEN FALL mit euren eigenen lebensmitteln geld

    seits gestört?

    und und und

    aber nicht so schnell - nein ... geht ja nicht einfach so von heut auf morgen.

    zuerst treiben sie die leute in die enge, zeigen ihnen wie HÄSSLICH und ÄRMLICH ihr ammeerliegendes immersonniges paradiesstäätchen ist - und...

    Auf dieses Posting antworten
    • abundzuda | vor 815 Tagen, 2 Stunden, 53 Minuten

      ...........

      dass sie ohne die euroländer wie österreich,deutschland,fr,ital and whatever (wer will - wer braucht?) AUF GARKEINEN FALL ......überleben könnten.

      tja, sie wissen, dass sie geblendet wurden.

      sie wissen, dass die leute ihre häuser, landschaftsflächen und und und um -70% den euroausländern-spekulanten VERKAUFEN ...

      achso nein, sorry, natürlich, es gibt ja gesetze, dass zB nur inländer das kaufen dürfen...und und und

      ähm

      wenn österreich schon so korrupt ist?

      könnt ihr euch vorstellen, wie die leute da unten sind

      die kaufen schon für die fremdlinge ein, ka sorge, irgendwann geht das schon über in den WAHREN BESITZ, egal ob der typ inländer war/ist oder nicht

      vertrauen Sie mir

      und die leute haben keine wahl, denn das geld, welches sie bekommen ist noch immer eine beachtliche summe, im vergleich dazu, was sie von einem inländer dafür bezahlt bekommen würden ...TJA..richtig verarscht oder :) und die kroaten angeln sie sich auch ....(schon komisch, dass die serbien und bosnien garnicht so interessant sind - warummmmmmmm eigentlich kroatien so schnell und die andern garnicht so schnell? hm ...die sind alle gleich lang "eigenständige" staaten - oooooh serbien und bosnien hat ja garkeinen meerzugang - VERSCHIEBEN DEN REST AUF IN 3 JAHREN oder so - DER...

    • abundzuda | vor 815 Tagen, 2 Stunden, 47 Minuten

      ...------

      ERSCHIEBEN DEN REST AUF IN 3 JAHREN oder so - DER HÖFLICHKEITHALBER WERDENS DANN AUCH DAZUGEBETEN

      na he - kroatien muss doch zur eu oder? ..800km küste/fischerei, 2 klimazonen... weinanbau...- vieh - sie könnten sich selber versorgen - tourismus? - nein - natürlich is das beinahe nichts wert, dass halb österreich+deutschland im sommer nach kroatien fährt - DAS WÜRD SICH NIE AUSGEHEN....gebt euch lieber der eu hin....

      kroatien wird spät 3 jahre nach dem beitritt auch "bankrott"? sein

      dann gehts ab:

      wer will, wer hat noch nicht, SCHÖNE LANDSCHAFTSFLÄCHEN - AM MEER - BILLIG BILLIG

      HEUTE

      BILLIG!

      die leute die da leben? hm, die schick ma rauf zum arbeiten, oder lassen sie hier in unseren FABRIKEN arbeiten, weil die - hi hi hi - brauchen eh viel geld - hi hi hi - damits in unserem europa überleben können - hi

      hi hi hi hi

      ... NAGUT jetzt prügeln sich die spanier halt - jetzt ises überzuckert - zum glück - ES BRAUCHT NOCH MEHR OPFER ! - so verblendet sind die menschen nicht mehr - wenn man familienbesitz und tradition VERKAUFEN MUSS, damit man überlebensfähig bleibt, is keingeldwechseln im urlaub (für welchen man eh kein geld/zeit hat) ......

  • harald123 | vor 815 Tagen, 4 Stunden, 53 Minuten

    krass.

    Auf dieses Posting antworten
  • diskovic | vor 815 Tagen, 5 Stunden, 17 Minuten

    DANKE!!!

    ich bin entsetzt, wie die polizeigewalt vom orf dermaßen ignoriert und verschwiegen werden konnte - ich und andere personen haben die reaktion mehrmals darauf aufmerksam gemacht... keine reaktion.
    von der demonstration in portugal, zu der über eine million personen gekommen ist, hab ich im öffentlich-rechtlichen fernsehen auch nichts gehört.
    taktik?

    Auf dieses Posting antworten
    • pixacao | vor 814 Tagen, 23 Stunden,

      diese nicht-berichterstattung ist sicher kein zufall, das ist kalkül. es fällt auf, wenn berichte über die massiven proteste und polizeiübergriffe in madrid fehlen, aber für mario monti-lobhudeleien oder den x-ten faymann-inseraten-aufguss ausreichend platz ist. die ard hat die ereignisse in madrid ebenfalls sehr lange ignoriert und erst am nachmittag einen - im übrigen recht manipulativen - bericht gebracht ("statt der erwarteten 100000 oder 160000 kamen nur 6000...").

      wenn man sich über proteste in europa informieren will, scheinen die öffentlich-rechtlichen keine seriöse quelle mehr zu sein. man darf/will wohl keine meldungen mehr bringen, die "die märkte" verunsichern könnten.

      zum glück gibt's
      democracy now! oder rt

      http://www.democracynow.org/2012/9/26/thousands_surround_spanish_parliament_in_bid (11:50, 16:00!)

    • alexwagner | vor 813 Tagen, 4 Stunden, 6 Minuten

      Die

      ZIB2 hat was gebracht - ohne dass ich besonders danach recherchiert hätte. Erster Meldungsblock, die Bilder waren unscharf, wie von einer Webcam, mit Artefakten versehen. Vielleicht gabs einfach wenig Bildmaterial.

      Kalkül der Nichtberichterstattung ist natürlich Quatsch.

  • fenris79 | vor 815 Tagen, 12 Stunden, 8 Minuten

    Die wild gewordene Meute

    da sieht man die Überwachungspläne von diversen Stellen gleich in einem anderen Licht

    Auf dieses Posting antworten
  • köppel | vor 815 Tagen, 22 Stunden, 1 Minute

    danke dafür! es ist wirklich unfassbar!

    Auf dieses Posting antworten