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Musik, Film, Heiteres

Daniela Derntl

Diggin' Diversity

15. 10. 2012 - 11:21

"If you want to fuck a System, get out of its Bed"

Mit diesem gut gemeinten Rat an seine beiden Kinder eröffnet Bernhard Fleischmann sein neues Album "I´m Not Ready For The Grave Yet". Der Wiener Spezialist für Pop-Affine-Electronica ist unser FM4 Artist of the Week.

Ein Gedankenspiel:

Es gibt gute Musiker und "Gutmenschen" und solche, die beides in einer Person vereinen oder zumindest so tun.

Zu welcher Kategorie gehört zum Beispiel:

Sting?
Oder Bono?
Oder Bernhard Fleischmann?

Wer meint, dass man den freundlichen Wiener Elektroniker nicht in die Nähe dieser beiden Stadionrocker bringen darf, weil sich das nicht nur wegen dem Stadion und dem Bankkonto, sondern eventuell auch wegen der Geisteshaltung nicht ausgehen kann, sei die seelenvolle und entspannt vor sich hinbrummende Nummer "Your Bible Is Printed On Dollars" ans Herz und Gehör gelegt, in der Bernhard Fleischmann diesen Vergleich selbst aufs Tapet bringt:

"Oh my God, I share the corner of the ring, with Bono and Sting"

Bernhard Fleischmann

Julia Maetzl

Mit dem neuen Album "I´m Not Ready For The Grave Yet" wird Bernhard Fleischmann nicht baden gehen!

Keine Angst, Bernhard Fleischmann ist nicht größenwahnsinnig, sondern spielt als gelernter Pianist und Schlagzeuger gekonnt die Klaviatur der Selbstironie: Denn mit seinen politischen Texten und Sample-Miniaturen auf "I´m Not Ready For The Grave Yet" hat er in eine ähnliche Kerbe geschlagen wie die beiden Too-Big-To-Fail-Gutmenschen. Das Saxophon haucht dem Song den Vibe eines Wiegenlieds ein, die Gitarre und das E-Piano verbreiten Zuversicht, obwohl Bernhard Fleischmann eine DJ-Karriere in der Hölle statt im Rhiz besingt und dabei auch noch dich und mich auf die Gästeliste schreibt. Verdammt!

Vom Rhiz in die Hölle

"Your Bible Is Printed On Dollars" ist die letzte Nummer des aktuellen Albums, auf dem Bernhard Fleischmann seine musikalischen Vorlieben und Experimente zusammen- und weiterführt: Die melancholischen Melodien entstehen sowohl auf seiner geliebten Roland Groovebox MC 505 als auch auf der Gitarre, die er auf dem 2006 erschienen Album "The Humbucking Coil" für sich entdeckt hat. Das größte Novum auf der Platte ist, dass er sich von einem Komponisten und Mulit-Instrumentalisten zu einem Singer-Songwriter entwickelt hat. Erstmals verzichtet er ein ganzes Album lang auf Gastvokalisten wie z.B. Marilies Jagsch und Sweet Wiliam Van Ghost von "Aber das Leben lebt" und setzt neben Sprachsamples von alten Englisch-Lern-LPs auf seine eigene Stimme und seine Fähigkeit, Songs zu schreiben. Eine Arbeitsweise, die vor ein paar Jahren noch undenkbar für ihn gewesen wäre, weil er laut eigenen Angaben "einfach keine gescheiten Texte schreiben konnte".

Jetzt kann er es und das ist gut so! Das Wachsen an persönlichen Herausforderungen und Experimenten zieht sich wie ein roter Faden durch die Laufbahn von Bernhard Fleischmann. Nach der klassischen Musik-Ausbildung hat er Anfang der Neunziger erste Banderfahrung als Drummer bei "Sore!" und "Speed is Essential", einer Gitarrenband im Stil von Hüsker Dü und Dinosaur JR, gesammelt. Neben den lauten Rock-Sounds hat er als Student der Theaterwissenschaft die elektronische Musik für sich entdeckt und veröffentlichte 1999 sein erstes, hinreißendes Album "Pop Loops for Breakfast" auf dem Label "Charhizma".

Als damals Kollege Fritz Ostermayer die CD Im Sumpf vorstellt hat, wurde der deutsche A&R Thomas Morr hellhörig und hat Bernhard Fleischmann angeboten, sein Debüt auch auf Vinyl herauszubringen. Er stimmte zu, wurde der erste Künstler des damals frisch aus der Taufe gehobenen Labels und veröffentlicht auch dreizehn Jahre später noch immer auf Morr Music, das mittlerweile Acts wie Fenster, Lali Puna, Tied & Tickled Trio und das Duo505 unter seinem Namen vereint. Letzteres ist das Nebenprojekt von Bernhard Fleischmann, dass er zusammen mit Herbert Weixelbaum betreibt. Erst letztes Jahr haben sie ihr drittes Album "Walzer oder Nicht" auf Morr Music herausgebracht und auch Bernhard Fleischmanns letzte Solo-Platte "for M/ mikro_kosmos" ist im Vorjahr auf dem Berliner Indietronic-Label erschienen.

Auf "for M / mikro-kosmos" konnte Bernhard Fleischmann abermals seine Liebe für überlange Musikstücke ausleben. "for M" dauert 47 Minuten und ist ein Tribute an den verstorbenen Sparklehorse-Sänger Mark Linkous, der sich im Alter von 47 Jahren das Leben genommen hat. "mikro_kosmos" ist eine raschelnde und pluckernde Elektronik-Elegie von "nur" 37 Minuten Länge.

Solche musikalischen Monumente errichtet Fleischmann auf "I´m Not Ready For The Grave Yet" nicht. Der Titel versteht sich als Kampfansage fernab von Morbidität und Larmoyanz, die verdeutlichen soll, dass ihm der Holzpyjama um zehn ausgefeilt arrangierte Nummern zu klein ist.

Bernhard Fleischmann singt dabei über den inneren Schweinehund, der ihn daran hindert, auf die Straße zu gehen um zu demonstrieren ("Tomorrow"), gescheiterte Beziehungen ("Who Emptied The River") und übt mit seiner lässig groovenden Klangkunst Kritik, die auch ihn selber trifft. Wenn er in dem Opener "Don´t follow" seine Kinder warnt, ja nicht seinen Weg einzuschlagen, macht ihn das sympathisch und authentisch:

"Don´t follow my Flow! My Child, go!"

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