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Rainer Springenschmid

Rainer Springenschmid

Punk & Politik, Fußball & Feuilleton: Don't believe the hype!

17. 10. 2012 - 16:07

Zahlen, Daten, Fakten

"Dossier" ist ein journalistisches Startup, das dort ansetzt, wo in Redaktionen heute zunehmend gespart wird: bei der Recherche. Und es ist der Versuch von jungen JournalistInnen, sich abseits des Prekariats ein Standbein zu schaffen.

Das Internet, so heißt es, sei der Tod des Journalismus. Weil Nachrichten immer und überall gratis verfügbar seien, sei der Wert der journalistischen Arbeit bedroht. Gleichzeitig werden Blogs und Social Media als Ersatz für Recherche, Kommentar und Analyse konsumiert. Was auf der einen Seite eine Demokratisierung von Information bedeutet, führe auf der anderen dazu, dass der klassische, gut ausgebildete Journalist obsolet werde. Die Information wird zwar vielfältiger, aber nicht mehr professionell gefiltert.

Zunehmend erreicht uns Ungeprüftes, Fakten haben dasselbe Gewicht wie Gerüchte oder halbwegs gut konstruierte Lügen. Und weil weniger Geld für journalistisches Arbeiten da sei, werde die Qualität auch immer schlechter, die Lebensverhältnisse vor allem junger JournalistInnen prekärer.

Sahel Zarinfard, eine der drei an Dossier beteiligten JournalistInnen, war im Sommer mit ihrem anderen Projekt bei der FM4-Serie "Ins Netz einischaun" zu Gast: dem Onlinemagazin paroli.

Wie so viele plakative Aussagen sind auch die obigen bestenfalls die halbe Wahrheit. Dass das Internet auch dazu genutzt werden kann, Recherche und das Verbreiten von Fakten zu unterstützen, das versuchen drei österreichische NachwuchsjournalistInnen mit ihrer Plattform Dossier zu beweisen. Zusammen mit einem Datenspezialisten und einem Mediengestalter wollen die drei Dossier zu einer Quelle für Zahlen, Daten und Fakten aufbauen, die unabhängig, aber in Zusammenarbeit mit anderen Medien und Recherchenetzwerken Daten selbst recherchieren, zur Verfügung stehende (Stichwort Open Data) nutzen und diese Daten dann aufarbeiten und der Öffentlichkeit, also anderen JournalistInnen zur Verfügung stellen.

Das erste Projekt von Dossier hat im Vorfeld bereits einiges an Staub aufgewirbelt: die Fünf haben alle Ausgaben der Gratiszeitung heute von deren Erstausgabe im September 2004 bis Ende 2011 durchgeackert und das Anzeigenaufkommen analysiert. Ergebnis: Die Stadt Wien und ihre Unternehmen sind zusammen mit Abstand der größte Anzeigenkunde von heute. Von 15.720 Seiten Anzeigen, die in den 7 1/2 Jahren in heute erschienen seien, zählen sie 2.443 von der Stadt Wien und ihren Unternehmen. Zum Vergleich: der zweitgrößte Kunde, Mediamarkt/Saturn, habe knapp unter 1000 Seiten Anzeigen geschaltet. Laut Anzeigenpreisliste seien also (vorbehaltlich eventuell ausgehandelter Rabatte) 29 Millonen € öffentliche Gelder in die Kassen des Gratisblatts gewandert. Diesen Zahlen und ihrer Darstellung im Video widerspricht heute-Herausgeberin Eva Dichand vehement, sie sieht sich offensichtlich in politische Nähe zur Stadt Wien gerückt, ortet einen immensen Imageschaden für ihr Blatt und droht mit Klagen.

Florian Skrabal von Dossier sagt dazu allerdings, dass es ihm und seinen KollegInnen gar nicht um heute gegangen sei, sondern um das intransparente Inseratengebaren der Stadt Wien, und um das zu analysieren habe man sich eben das Wiener Medium mit der größten Reichweite herausgepickt. Einer Klage sehe er gelassen entgegen, er vertraue seinen Daten. Klar ist jedenfalls: sollten die Zahlen nicht stimmen, wäre das Projekt wohl schon am Anfang gescheitert.

In der heutigen FM4 Homebase sind zwei Mitarbeiter von Dossier zu Gast: ab 19 Uhr mit Gerlinde Lang.

Dossier ist nicht des erste Rechercheportal im Internet. In Deutschland, in der Schweiz und im angelsächsischen Raum gibt es diverse Portale, Initiativen, Netzwerke und Stiftungen, die investigativen Journalismus fördern, auch Datenjournalismus bzw. Open Data Initiativen gibt es einige. Nicht zuletzt die Stadt Wien, aber auch der Bund stellt im Rahmen von Open Government Data Daten ins Netz. Die Daten über das Inseratenvolumen gehören allerdings noch nicht dazu, die sollen erst mit den neuen Transparenzregelungen abrufbar sein. Ob dabei das Gleiche herauskommt wie beim Dossier? Wir sind gespannt.

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  • moltar | vor 214 Tagen, 16 Stunden, 46 Minuten

    kurz reingeschaut, erstes fazit: steckt wohl viel arbeit drin, daher umso bedauernswerter, dass sie durch tendenziöse interpretationen und als wahrheit verkaufte vermutungen und gerüchte entwertet wird.

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    • rosat | vor 214 Tagen, 6 Stunden, 58 Minuten

      kannst du

      diese als wahrheit verkaufte vermutung irgendwie belegen? gruß rosa

    • moltar | vor 212 Tagen, 17 Stunden, 34 Minuten

      könnte ich; es reicht aber auch die seite ohne "peter-pilz-aufdecker-empörungs-brille" zu lesen. da stellt man dann nämlich u.a. fest, das die schön bunten tortendiagramme die aussagen des textes nicht "beweisen".

  • arnonymous | vor 215 Tagen, 21 Stunden, 30 Minuten

    hmm

    die ersten absätze zeigen das problem - viele journalisten und medienmacher haben das problem noch nicht verstanden.

    es geht nicht um blogs, etc.

    das internet löst ein verteilungsproblem. ich kann auf einem device alles abrufen was ich will. und warum soll ösi-provinz scheiss konsumieren, der eh nur abgeschrieben ist, wenn ich jetzt ganz bequem, in echtzeit, richtig gutes zeug haben kann? früher musste man in spezialisierte trafiken hirschen um das gute, internationale zeug lesen zu können. die konkurrenz für heimische medien waren heimische medien.

    jetzt stehen heimische medien aber in konkurrenz zur weiten welt. soll ich auf derstandard über die revolution in kairo lesen - oder geh ich gleich auf aljazeera.net? die hatten 2500% mehr traffic in dieser zeit...

    und hier clayton christensen, mr. disruptive technology, zu ebendiesem thema:
    http://www.nieman.harvard.edu/reports/article/102798/Breaking-News.aspx

    Auf dieses Posting antworten
    • simonwelebil | vor 215 Tagen, 20 Stunden, 36 Minuten

      "jetzt stehen heimische medien aber in konkurrenz zur weiten welt" - ja, aber nur bedingt. denn die medien der weiten welt schreiben halt nicht zur österreichischen inseratenaffäre. Innenpolitik wird wohl weiter in den heimischen medien bleiben.

    • arnonymous | vor 215 Tagen, 19 Stunden, 18 Minuten

      d'accord.

      das lokale bleibt als alleinstellungsmerkmal. welches medium in österreich trägt dem denn rechnung? im re-launch vom kurier seh ich nix davon.

      derstandard.at lebt vom forum, das bringt die lokalität. ohne den postings ist es ein APA re-blog mit extrem miesem lektorat (wenns denn eins gibt).