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Musik, Film, Heiteres

Robert Glashüttner

Robert Glashüttner

Videospielkultur, digital geprägte Lebenswelten, Musik aus Österreich

27. 10. 2012 - 15:04

Häuser bauen und Erde streicheln

Selbstermächtigung und Weltveränderung im DIY-Prinzip am zweiten Diskurs-Tag am Grazer Elevate-Festival.

Ulli Klein hat in einer hellen Holzschale ein bisschen Erde aus ihrer Farm mitgebracht. Die biologisch nachhaltige Landwirtin ist studierte Juristin, hat sich aber laut eigener Aussage gegen den Schreibtisch- und Gerichtssaalkampf mit Landwirtschafts-Giganten à la Monsanto und für ein Vorleben eines guten Beispiels entschieden. Die Schale wird durch das Publikum gereicht, Kleins Mann Scott wühlt vor der Fotokamera demonstrativ zärtlich in der gesunden Erde, auf dass die anderen Gäste es ihm gleich tun.

Erde wird gestreichelt.

Alle Geschichten vom Elevate Festival

Das beinahe spirituelle Berühren von glücklicher Erde ist ein bizarrer Höhepunkt einer sonst durchaus aufschlussreichen Panel-Diskussion. Gemeinschafts-Gärnter/innen, bewusste Bauern und Bäuerinnen sowie Landbesetzer/innen berichten über die Freude am kollektiven Säen und Ernten, den zurückgekehrten Regenwürmern und landwirtschaftlichem Widerstand. Nur eines fehlt - wie so oft beim Diskurs-Programm des Elevate-Festival - auch hier: kritische, streitbare Gegengewichte. Die gutmütigen Ökos bekommen weder von politischer noch von wirtschaftlicher oder wissenschaftlicher Seite Mitdiskutant/innen zur Seite gesetzt, die der eigenen, nachhaltigen Lebensweise möglicherweise einen unangenehmen Reality Check verpassen würden. Das ist schade, weil so, ohne jegliche Kontrollinstanz, die prinzipiell gute Sache in ein ambivalentes Licht gerückt wird. Und es lässt, zumindest so lange die Veranstaltung dauert, eine zweifelhafte Norm der naturbewussten Selbsterhaltung aufkommen. Nur unter säuerlichen Blicken einigt sich das Panel darauf, dass vielleicht doch nicht jeder Mensch Lust darauf hat, sich selbst sein Gemüse anzubauen.

Die Ernährungs-Panel-Diskussion am Diskurs-Programm des Elevate-Festival.
Ulli Klein (ganz rechts) beim Ernährungs-Panel

Die politische und gesellschaftliche Ebene fehlt auch bei den anderen Veranstaltungen des zweiten Diskurs-Tages des diesjährigen Elevate weitgehend. Unter dem Motto "Act!" wird im Forum Stadtpark am Freitag auch das Thema alternatives Bauen bzw. Wohnen ausführlich besprochen. Allerdings nur auf der praktischen Ebene: Der studierte Architekt Paul Adrian Schulz zeigt beeindruckende Bilder der Initiative "Sprungbrett Aspern", bei der vorübergehend gepachteter Grund am Wiener Stadtrand dazu genützt wird, mittelalterliche Baustile mit Holz, Stroh und Lehm wieder aufleben zu lassen. Man formiert sich in kleinen Gruppen, lässt den Kochtopf von der Sonne aufheizen und feiert den arbeitsreichen Tag abends am Lagerfeuer. Schöne Hippie-Romantik, verbunden mit Anpackmentalität, gutem Vorbild und steigender Fachkompetenz. Aber wie bringt man das auf eine höhere Ebene? Warum werden z.B. Baufirmen und Architekturbüros von Schulz nicht mal am Rande erwähnt?

Man kann nur mutmaßen, dass die alternative Baugemeinschaft keinerlei Kompromisse eingehen möchte. Das Motto lautet wohl: Wir beginnen bei Null, rücken von unserer Ideologie nicht ab und werden mit unserem Enthusiasmus alle anderen schon davon überzeugen, umzudenken. Dass diese Strategie politisch naiv ist, steht nicht zur Debatte. Es ist interessanter, sich über die Selbstermächtigung und die neu entwickelte solidarische Lebenskultur zu freuen. Das alles ist wichtig und legitim, aber zu kurz gegriffen.

Paul Adrian Schulz und Brigitte Kratzwald
Paul Adrian Schulz und Moderatorin Brigitte Kratzwald

In Sachen Energiewende sind aus Berlin und Potsdam Elisabeth Voß und Hannes Püschel angereist, die allgemein eine Rückführung der Verwaltung menschlicher Grundbedürfnisse (Wasser, Energie) in die öffentliche Hand fordern. Konkret leidet etwa Berlin derzeit darunter, dass das schwedische Unternehmen Vattenfall sowohl die Stromnetze als auch die -erzeugung in der deutschen Bundeshauptstadt verwaltet - Strom, der auch aus nicht nachhaltigen Atom- und Kohlekraftwerken stammt. Voß, studierte Betriebswirtin und Publizistin, leitet den sogenannten Berliner Energietisch, der einen Volksentscheid über eine Rekommunalisierung der Stromversorgung in Berlin herbeiführen soll. Weil 2014 die Vattenfall-Konzession ausläuft, steht das Thema derzeit besonders hoch im Kurs.

Publikum beim Diskurs-Programm des Elevate-Festivals.
Die Diskurs-Veranstaltungen am Elevate sind gut besucht.

Der Energietisch ist allerdings nicht die einzige Initiative für eine geplante, von Bürger/innen organisierte Energieverwaltung. Auch "BürgerEnergie Berlin" (nicht am Elevate vertreten) stellt diese Forderung, verfolgt aber eine wirtschaftlich andere Strategie, die sich auf den Kauf von Genossenschaftsanteilen stützt. Püschel, ein aus der Hausbesetzerszene stammender Politik-Querdenker, lehnt diese Methode ab und diskrediert ihre Unterstützer/innen sinngemäß als linksliberale Gemütlichkeitsbobos, die Privatisierung eigentlich gar nicht ablehnen würden. Frau Voß sieht das ähnlich, ist dem Genossenschaftsmodell gegenüber aber weniger negativ eingestellt. Dennoch können sich die beiden Berliner Initiativen offenbar nicht darauf einigen, sich gemeinsam gegen den Feind Vattenfall zusammenzuschließen.

Es ist eine weitere Bestätigung dafür, warum die Linke sich so schwer tut, trotz aller gegenwärtigen Krisen wieder an politischen Einfluss zu gewinnen: Jede linke Gruppierung ist dogmatisch in ihrer Ideologie gefangen und weicht keinen Zentimeter davon ab - was eine übergeordnete Bewegung schwierig bis unmöglich macht.

Elisabeth Voß, Brigitte Kratzwald und Hannes Püschel
Elisabeth Voß und Hannes Püschel

Neben fehlendem Konsens und der Ratlosigkeit hinsichtlich des Weiterdenkens der vorgestellten alternativen Lebensentwürfe, die ja im kleinen Rahmen offenbar sehr gut funktionieren, wird auch die Frage der jeweiligen Form der Gemeinschaftlichkeit und Entscheidungsfindung selten gestellt. Solidarität und gewaltfreie Kommunikation werden zwar hochgeschrieben, wie aber genau Kommunen strittige Probleme und Dispute lösen, wird in den Vorträgen und Panel-Diskussionen nicht geklärt.

Hier stellt sich, wie bei allen außerparlamentarischen Bewegungen und unabhängigen Gemeinschaftsinitiativen, die Frage, ob einerseits die selbstgemachte Form des Miteinander-Umgehens auch in schwierigen Situationen autokratische Tendenzen bestimmter Menschen unterbindet und andererseits dafür sorgt, dass jene Mitglieder mit geringem rhetorischen Talent und wenig expressiven Auftreten in der Gruppe auch immer ihre Meinung vermitteln können. Es ist ein auf den ersten Blick schönes Ideal, dass eine DIY-Community immer ganzheitlich in der Gruppe pflanzt, isst, wohnt und sich austauscht . Ob diese Lebensform für jede Person - vor allem für jedes Kind - auch dem jeweiligen Wesen entspricht, sei dahingestellt.

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  • mcelroy | vor 232 Tagen, 17 Stunden, 55 Minuten

    Schade, aber in der Tat auf den Punkt gebrachte wichtige Kritik. Teilweise zeigt sich am Elevate eine Abgehobenheit, die nicht nur abschreckend unsympathisch ist, sondern Realitäten ausblendet.
    "Participate" gestern hatte was von Selbsthilfegruppe.

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  • magori | vor 233 Tagen, 12 Stunden, 27 Minuten

    Vernetzungsplattform unite2create

    und schaut euch das an
    http://www.unite2create.net/de

    mit einer feinen erweiterten Suchfunktion, wenn man Leute für Projekte sucht, oder Initiativen und Gemeinschaften...
    Die Plattform ist noch in Aufbau und wird andauernd optimiert. Jeder kann Input und Vorschläge dazu einbringen. Und ein sinnvolles Forum soll es auch geben sobal sich genug Leute als Forenadmins melden.

    "Hier findest Du viele Informationen, Austauschmöglichkeiten und Platz für deine Ideen
    zu folgenden Themenkreisen:
    - Communities / alternative Lebensgemeinschaften
    - naturnahes Bauen
    - ökosoziale Initiativen
    - alternative Konzepte aus den unterschiedlichsten Bereichen
    - Nachhaltigkeit
    - Kunst und Kultur, Musik, Events
    - Spiritualität, Persönlichkeitsentwicklung, Heilarbeit
    und vieles mehr."

    Und jetzt gehe ich tanzen.

    Auf dieses Posting antworten
  • magori | vor 233 Tagen, 12 Stunden, 38 Minuten

    zum Sprungbrett Aspern

    Weil ich da Mitspielerin bin, mag ich antworten.
    „Warum werden z.B. Baufirmen und Architekturbüros von Schulz nicht mal am Rande erwähnt?“
    ich schätze weil beim Sprungbrett Aspern und dem Mutterverein United Creations einige Architekten schon dabei sind oder befreundet und eingebunden, da hat man dann keine Auftragsarbeit an "externe Architektenbüros", und nachdem gerade nicht die Phase der großen Baurealisierungen ist, jedenfalls nicht in Wien, werden Baufirmen nicht das große Thema sein. Aus meiner Sicht (ohne mich mit dem bautechnischen Aspekt speziell beschäftigt zu haben) geht’s bei uns noch viel darum Leute zusammenzubringen die zusammen eine Gemeinschaft, ein Ökodörfer, Gazellen gründen möchten und die dann entscheiden was passiert, eben Communitybuilding damit die Sache tragend und nachhaltig wird… und es wird nicht vorher was gebaut, und nur zur Verfügung gestellt. Und die andere Schiene, Projekte zu ermöglichen, eine Plattform bieten dass Leute zusammenkommen, sich austauschen und vor Ort experimentieren und Prototypen entwickeln und bauen...

    Das hier keine Kompromisse eingegangen werden und nicht mit dem was da ist gearbeitet wird, angefangen von dem Ort an sich, ehemaliges Flugfeld, tw eine dicke Betonschicht... Rahmenbedingungen an die mans sich halten muss... sind schon mehr als 2...

    Auf dieses Posting antworten
    • magori | vor 233 Tagen, 12 Stunden, 38 Minuten

      sind schon mehr als 2 Kompromisse.
      Und bei Null anfangen wäre für mich so was wie das Rad neue erfinden...(?) Ich sehe dass hier stark auf die Erfahrung und das kollektive Wissen der Menschen die dabei sind (auf)gebaut wird, und hier sind viele kompetente Leute aus der nachhaltigen Szene aktiv oder als Freunde und Berater dabei... (ohne zu wissen was genau beim Elevate in der Podiumsdiskussion erzählt wurde), aber aus dem heraus was ich subjektiv vor Ort und mittendrinn wahrgenommen habe.

      Wenn Du oder wer auch immer vorbeischauen mag:
      www.unitedcreations.org/

  • magori | vor 233 Tagen, 13 Stunden, 36 Minuten

    Methoden des Miteinander

    Lieber Robert, zu der „Frage der jeweiligen Form der Gemeinschaftlichkeit und Entscheidungsfindung... und Methoden autokratische Tendenzen zu unterbinden“ und wie rhetorisch nicht so starke und durchsetzungsfähige Menschen zu Wort kommen lassen und partizipativ teilhaben,

    da kann ich mal den Council, den Redekreis mit einem Redegegenstand empfehlen, ist sehr ungewohnt wenn man sonst nur Diskussionen kennt, aber bringt was,
    und als Entscheidungsfindungsmethode oder grundsätzlich als Organisationssystem
    die SOZIOKRATIE: http://www.barbarastrauch.at/cms/index.php?id=36
    Da können Entscheidungen lange dauern, aber da lernt man sich kennen in den Meinungsrunden und kommt sich näher. Hier hat jeder eine Stimme und kann Einwände einbringen wenn er/sie sieht, dass eine Entscheidung dem gemeinsamen Ziel nicht dient, oder er/sie sonst damit nicht weiterkann. Das wird argumentiert, und danach wird gemeinsam das Argument hinter dem Einwand in einem neuen Vorschlag eingearbeitet und wieder zur Abstimmung gegeben, bis alle einverstanden sind…
    http://soziokratie.org/wp-content/uploads/2011/06/wasistsoziokratie1.0-nutzenundgrenzen.pdf

    Und gelegentllich wenn wir über viele gleichwertige Punkte entscheiden wenden wie das Systemische Konsensieren an: http://unibrennt.at/wiki/index.php/Was_ist_systemisches_Konsensieren_-_Das_SK-Prinzip

    Ansonsten bin ich ein Fan vom partizipativem Projektdesign DRAGON DREAMING http://dragondreaming.org/dragon-dreaming/,
    Dragon Dreaming ist eine ganzheitliche Methode für die Verwirklichung von kreativen, gemeinschaftlichen und nachhaltigen Projekten.

    Wert sich das anzuschauen.

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