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Musik, Film, Heiteres

Natalie Brunner

Appetite for distraction. Moderiert La Boum de Luxe und mehr.

13. 1. 2013 - 11:43

Das stumme Starren

Short Screen Stories über Damen die gehen und dem Starren der anderen entgegentreten.

Kann man Abneigungen gegen Alltags-erhaltende Selbstverständlichkeiten entwickeln? Abneigungen, die so stark werden, dass das Leben beginnt, in einem Strom der Abscheu zu mäandern?

starrendes Eichhörnchen

http://www.flickr.com/photos/tomitapio/

Ich zum Beispiel gehe nicht gern auf der Straße, bei Tageslicht schon gar nicht. Selbstverständlich bin ich aber zu geizig und pleite, um Taxi zu fahren, zum Autofahren untertags zu hektisch und in der Nacht zu betrunken. Die Benützung öffentlicher Verkehrsmittel stellt kein großes Problem dar, denn da haben sich die Passagiere zumeist in ihr inneres Hamsterlaufrad zurückgezogen.

Freundlichkeit unter Fremden, sogenannte Fremdlichkeit im öffentlichen Raum? Ein Swingerclub des Sozialen? Undenkbar in den guten alten Wiener VOR-Vehikeln.

Ich würde sogar vorschlagen, eine neue Kategorie für die Lebensqualität einer Stadt zu erstellen: Wie lange muss frau einem Blick standhalten können, ohne dass sie im wunderschön grausamen Spiel des Starrens verliert? In Wien kenne ich keine Ecken, an denen zufälliges Aufeinandertreffen möglich und missionsloses Verharren plausibel ist, aber dennoch ist das Tempo so langsam, dass viel Zeit zum Starren, zu verdeckten optischen Penetrationsversuchen und offenen Kategorisierungsblicken bleibt.

Mich bitte nicht falsch verstehen, ich bin keine Advokatin von apathischer Höflichkeit im öffentlichen Raum: Ich glaube, dass wir uns sprachlich auf der Straße aneinander reiben und uns auf zufällige Konfrontationen einlassen sollten. Ich gebe gerne darüber Auskunft, wo die nächste U-Bahn, Abtreibungsklinik oder Trafik ist. Ich habe auch wenig Probleme mit einem rübergerotzten "Was is Oide", da kann ich zurückmotzen. Und schon oft war in meinem Leben Unverschämtheit die Basis einer wunderbaren Freundschaft.

Mein verehrter Freund Skero hatte vor Jahren schon die brillante Idee, damals noch mit Kassetten, Hörspiele aufzunehmen von Typen die einem blöd nachplärren, um die verbalen Kontra-Reflexe zu trainieren und menopausen-bedingte Depressionen, wenn einem niemand mehr nachplärrt, hinauszuzögern.

Das stumme Starren hingegen ist eine Grenzkontrolle der selbsternannten Zöllner und Polizisten, die internalisiert haben, dass der öffentliche Raum niemandem gehört.

Deshalb heute hier eine Kollektion von Videos von Damen, die das Starren ernst nehmen, diese Blicke umdrehen und die Straße zu ihrer Bühne gemacht haben. Und so unterschiedlich ihre Ausdrücke und ihre Missionen auch sind, die Freiheit knirscht unter ihren Sohlen.

Evolution:

Das Video zu Erykah Badus Lied "Window Seat", das im März 2010 erschienen ist.

Es ist ein Video, das ohne Genehmigung, ohne große Crew und ohne Absperrung des Drehorts auf dem Dealey Plaza gefilmt wurde. Am 22. November 1963 wurde an genau diesem Ort John F. Kennedy erschossen. Im Vorspann dankt sie Matt und Kim, die mit "Lessons Learned" 2009 eine ähnliche um Freiheit und Scheitern oszillierende Idee verfilmt haben.

Erykah Badu über Window Seat:

"The song 'Window Seat' is about liberating yourself from layers and layers of skin or demons that are a hindrance to your growth or freedom, or evolution. I wanted to do something that said just that, so I started to think about shedding, nudity, taking things off in a very artful way."

Flucht? Niemals!!!

Peaches' von Boys Noize und XXX Change produzierte Single "Burst", erschienen September 2012.

You’re all alone and you know you like it that way.

Peaches rennt mit verschmiertem Make-Up in der Nacht auf der Straße. Zorn, Angst Aggression fallen in dem für mich nicht mehr interpretierbaren Gesichtsausdruck zusammen, während die Geister, die sie wohl selbst geklont hat, aus dem Dunklen nach ihr greifen.

Euphorie:

PJ Harveys "Good Fortune", erschienen 2000 auf dem Album "Stories from the City, Stories from the Sea".

Threw my bad fortune
Off the top of
A tall building
But I'd rather have done it with you

Nach Jahren der Selbstvivisektion hat PJ Harvey Dorset verlassen und ist im nächtlichen New York angekommen. Sie ist verliebt, aber der Typ ist nur als ein Echo, ein Katalysator der Befreiung von sich selbst präsent.
Nach der Selbstzerfleischung, zu hören vor allem auf Dry und Rid of Me, will sie kein Opfer mehr sein, auch nicht von sich selbst, damals meinte sie zu "Stories from the City, Stories from the Sea", dem Album auf dem "Good Fortune" zu finden ist,

"I want absolute beauty. I want this album to sing and fly and be full of reverb and lush layers of melody. I want it to be my beautiful, sumptuous, lovely piece of work."

Entrückung:

Massive Attack "Unifinished Sympathy", 22. Jänner 1991.

Shara Nelson, die Sängerin der Nummer, geht drei Blocks am West Pico Boulevard in Los Angeles entlang und das Leben in all seiner Schönheit und Grausamkeit zieht an ihr vorbei.

massiveattack

Like a soul without a mind
In a body without a heart
I'm missing every part

Unauffällig, im Hintergrund und teilweise unscharf, folgen ihr die restlichen Mitglieder von Massive Attack, Daddy G. in roter Bomberjacke und einem Kind an der Hand und 3D, der sein Telefongespräch an der Ecke in jenem Moment beendet, an dem Shara vorbeikommt, und ihr folgt. Die Pico/Union Nachbarschaft, in der das Video gedreht wurde, war zu diesem Zeitpunkt ein Ort, an dem man auf Statisten in komplizierten juristischen Situationen traf.

Keine Inszenierung kann schöner als die Realität sein. "Unfinished Sympathy" startet mit N.W.A-Klonen mit sonnenbebrillten Kampfhunden und endet mit großen anonymen Heldinnen von mir, die von Massive Attack verewigt wurden: zwei Vegan Militia Riot Girls im Parliament Outfit, die vorbeifahrende Autos mit Salat bewerfen.

Baille Walsh ist der Regisseur des in einem Take gefilmten und oft kopierten Videos oder "Promo Clips", wie man es damals noch nannte. Genau an dem Tag, als das "Unfinished Sympathy"-Video gedreht wurde, erfuhren Massive Attack, dass ihre Plattenfirma ihnen auftrug, sich von nun an nur Massive zu nennen. Das 2Attack" sei zur Zeit, also während des ersten Golfkrieges, zu provokativ.

"It was quite a frightening experience. But, Baillie’s got the ability to help you forget what’s going on and to just concentrate on what you’re doing. And of course, I had those bodyguards the other Massive Attack members behind me. I wasn't on my own."

Blitz:

Yeah Yeah Yeahs "Zero" 2009

"Zero" ist die erste Single aus dem dritten Yeah Yeah Yeahs Album "It´s Blitz". Karen O. sitzt zu Beginn des Videos in ihrer Garderobe und schminkt sich. Eine japanische Tonspur ist über die Unterhaltung mit ihren Bandkollegen gelegt. Sie macht sich auf den Weg zur Bühne, und als sie den roten Samtvorhang zur Seite schiebt, steht sie auf den Straßen des nächtlichen San Franciso. Ein grandioses Intro, das zu endlosen Forumsdiskussionen führt, worum es in der Nummer geht:

Es geht um die Deformationen, die das Musicbusiness einer zarten Musikerinnenseele zufügt. Es geht um Identitätsverlust.
Es geht um Prostitution. Es geht um zufälligen Sex in Darkrooms. Und meine Lieblingsinterpretation: Es geht um Kamikaze-Piloten.

Karen O. singt von Leitern, die zur Sonne gelegt werden, sie singt von Shell shock, posttraumatischen Zuständen nach Bombardements, und "Zero" war der von den Flugzeugen abgeleitete Spitzname der Piloten.

Vielleicht ist die Verfassung, in der sie ekstatisch durch die Nacht hüpft, die Negation jenes Zustandes, der das Resultat aus all dem oben aufgelisteten ist.

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  • yestheylivebaby | vor 613 Tagen, 7 Stunden, 3 Minuten

    flex, pratersauna, market, b72...

    when you were here before
    couldn't look you in the eye
    you're just like an angel
    your skin makes me cry...

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  • simonside | vor 613 Tagen, 10 Stunden, 57 Minuten

    passt auch hierher:

    richard ashcroft, der im video zu 'bittersweat symphony' einfach seinen weg geht, ohne auszuweichen oder gar irgendjemanden mit einem blick zu würdigen - ausser die kamera.

    roisin murphy im video zu 'overpowered', wo sie als exaltierte haute-couture prinzessin durch eine urbane nacht der wandelnden trolle flaniert.

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  • christianlehner | vor 613 Tagen, 14 Stunden, 26 Minuten

    ich kam, sah und schaute.

    my lieblingsbeschäftigung ever: watching windows inside out in der mitte der stadt in einer hütte mit großraumfenstern oder kleinen luken. ein sitzpaziergang nach dem herumschleichen quasi, mit americano.

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  • softmachine | vor 613 Tagen, 17 Stunden, 38 Minuten

    das schauen, blicken, starren gibt es nur im blick des anderen, in der eigenen interpretation. nicht erst seit salaud sartre, die einen nennen es überich, die anderen groß A.so sind die gänge der erblickten immer erstarrte gegenblicke, die macht des modells quasi, die ihre blick collection veräußert, als hätte sie nichts gesehen und so ihren look akku immer mehr auflädt.das bewusste nicht zurückschauen im gewussten erblickt werden.und bei allen videos ist immer die kamera the wise owl, es gibt nie kein nichts geschautes. name it sexiness.

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  • johnleehookerelectro | vor 613 Tagen, 17 Stunden, 56 Minuten

    zuerst witterung aufnehmen und nur in die nähe schaun
    danach ist die mutter und die langjährige freundin gestorben man ist traurig aber deep schaut ihr direkt in die augen.
    plötzlich schöpft man wieder hoffnung.man ist überrascht.ein lächeln kommt
    danach trennt sich die spreu vom weitzen entweder man kann mit ihrem blick machen was man will...oder man wird selber hypnotisiert und verliert sie

    seufz

    e lustig
    wenn man desprade is anquatschen
    ansonsten halt einfach ein vibe changer,training nebenbei am weg

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    • johnleehookerelectro | vor 613 Tagen, 17 Stunden, 48 Minuten

      oder der shame fassbender nach sport
      ...oder der techno-beat-mitkopfhörer unfaufhhaltsame head,knee wiper und sich vorstellen sie wär ein pornostar auf nem unicorn.und man drived so sllloww aber mit windstoss in ihren haaren in ihre richtung..anyway
      ..

      aber mal ernsthaft

      einfach als kleine pusher für den tag nebenbei...bis es halt langweilig..oder awkward wird aber ab undzu why nit.wer eine telefon nummer nicht ehrt ist den sex nicht wert

      verklagt uns doch

    • johnleehookerelectro | vor 613 Tagen, 17 Stunden, 41 Minuten

      oder der simpel jack nur bei dem darf man niiiemals in die augen starren..immer nur daneben,dann wird man angestarrt
      .logischer shit
      nix spooky dabei
      also keine angst

    • johnleehookerelectro | vor 613 Tagen, 17 Stunden, 26 Minuten

      oder der traurige zugfährt ab drive by

      wie bestellt und nicht abgeholt rollt man an ihr vorbei..sieht sie nie wieder und tauscht den letzten hundewelpen blick aus...classic

    • johnleehookerelectro | vor 613 Tagen, 17 Stunden, 19 Minuten

      oder der zornige dessen schlechter vater gestorben ist...der niemanden in die augen schaunwill(geht natürlich nur wenn eine mal starren sollte,,im frühling,hochsommer undso)
      aber dann,nach minutenlangem blickwinkel kampf.fast schnaufend gibt man auf und starrT sie verdammtnochmal an wenns seinmuss!..aber ihr blick beruhigt...sie lächelt,,man schaut noch ernst aber weniger ernst als vorher..etc
      etc
      ach frühling

    • johnleehookerelectro | vor 613 Tagen, 16 Stunden, 51 Minuten

      oder der: hopaaa schönefrau smiled.hopaa der 120kg MMA fighter neben dir ist dein freund jou bro heey schönes wetter heute, jou hinter dir is irgendwas starrer

    • johnleehookerelectro | vor 613 Tagen, 16 Stunden, 50 Minuten

      oder jou big respect bro für so ne fesche freundin

      wenn er nur 80kg hat

  • mockito | vor 614 Tagen, 1 Stunde, 29 Minuten

    projektion II

    also geht es um dezidiert sexuell konnotierte oder um sozial abfällige oder einfach um neugierige blicke und wo entsteht der eindruck des starrens, in der person, die dich ansieht oder in dir?

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  • mockito | vor 614 Tagen, 1 Stunde, 31 Minuten

    projektion

    ich finde das thema ganz außerordentlich interessant, den artikel aber eher schwach. mit dem begriff "starren" ist eigentlich nichts gesagt.. starren kann man auch vor sich hin, in den lufteeren raum. worum geht es wirklich? gehst du nicht gern auf dei straße, weil du nicht angeblickt werden willst? oder geht es um etwas, das du in diese blicke hineinlegst? das ist mir nicht ganz klar geworden. die restriktion der blicke ist nicht möglich, und wenn du denkst, dich starrt niemand an, dann ist da auch eine überwachungskamera, die möglicherweise gerade auf dich zoomt. ich finde das thema wäre besser in einem interview oder einem längeren artikel behandelt worden, die lieder find ich dazu nicht sonderlich hilfreich und oberflächlich.

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  • zugverschrotter | vor 614 Tagen, 5 Stunden, 6 Minuten

    nicht ganz starren, aber...

    massive attack hats mit den wandelnden frauen. immerhin baut "safe from harm" auf einem ähnlichen konzept auf. stammt aber auch vom selben album.

    unkles "be there" dreht sich ebenfalls um eine junge frau am heimweg und ist mir bei deinem karlsplatzpassagenfoto (?) sofort in den sinn gekommen.

    klassiker auch: chemical brothers - hey boy hey girl. sehr viel gestarrt wird ebenfalls in ihrem "setting sun".

    und was man mit ein paar augen zugedrückt auch in die liste aufnehmen könnte: the roots - the seed. aber es ist halt eine seeehr junge frau die nicht singt, dafür stumm ihre umwelt mit wachen augen überprüft ;)

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