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14. 1. 2013 - 16:51

Schlafen in der Kirche

Künstlerinnen und Künstler wie Peter Waterhouse und Marina Grzinic solidarisieren sich mit den Flüchtlingen in der Votivkirche: Sie übernachten im Bettenlager der Protestierenden.

Seit November des Vorjahres protestieren Flüchtlinge in Österreich. Sie fordern menschenwürdige Unterbringung, ein Bleiberecht und das Recht für Asylwerber, einer Arbeit nachzugehen. Das Flüchtlings-Protestcamp im Sigmund-Freud-Park wurde Anfang des Jahres von der Polizei aufgelöst. Stattdessen nächtigen seit vier Wochen zwischen 40 und 70 Flüchtlinge in der Votivkirche. 14 von ihnen befinden sich im Hungerstreik. Letzte Woche haben Künstlerinnen und Künstler begonnen, aus Solidarität mit den Flüchtlingen in der Votivkirche zu übernachten.

Der wortgewaltige Schriftsteller Peter Waterhouse wurde im Vorjahr mit dem Großen Österreichischen Staatspreis ausgezeichnet. Letzte Woche verbrachte auch er eine Nacht in der eiskalten Kathedrale, in der er auch eine Rede hielt. Die Kritik der FPÖ am Bettenlager der Flüchtlinge als „Saustall“ sei unzutreffend, vielmehr handle es sich um „die Krippe, um den Stall, in dem auch jemand vor über 2000 Jahren geboren wurde“. Das Bettenlager, in dem die Flüchtlinge in eisiger Kälte wohnen, sei in diesen Stunden für ihn der sakralste Ort der Votivkirche: „Ich empfinde diesen Winkel hier als heiliger als den Altar, dem ich gegenübersitze, und heiliger als den Tabernakel in dieser Kirche“. Die katholische Kirche forderte Waterhouse auf, bei der Betreuung der Flüchtlinge „nicht alle Last der Caritas zu übertragen“.

Peter Waterhouse

APA/HARALD MINICH/HBF

Peter Waterhouse

In seiner Kritik bezog sich Waterhouse auch auf ein Interview mit Wiens Bürgermeister Michael Häupl in der Tageszeitung Der Standard. Darin hatte Häupl gesagt, Flüchtlinge würden im Rahmen des Refugee Camps „politisch missbraucht“. Peter Waterhouse dazu: „Wörtlich heißt es: 'Da dreht es mir den Magen um, um es sehr freundlich zu sagen'. Ich frage mich und auch den Herrn Bürgermeister Häupl, ob er tatsächlich der Meinung ist, dass er hier etwas freundlich gesagt hat, ob er hier etwas 'sehr freundlich' gesagt hat. Und was er denn damit meint, wenn er es auf eine unfreundliche Art und Weise sagen würde: Was ist mit der Unfreundlichkeit insinuiert, wenn dieses hier freundlich sein soll? Und 'da dreht es mir den Magen um', oder 'es könnte noch unfreundlicher werden', was heißt das? Heißt das, er würde kotzen, in diesen Saustall, in diesen sakralen Raum? Darauf hätte ich gerne eine Antwort.“

Marina Grzinic

UC Berkeley's Center for New Media

Marina Grzinic

Die Künstlerinnen und Künstler übernachten – wie auch die protestierenden Flüchtlinge – in Decken und Schlafsäcken. Neben Peter Waterhouse haben das letzte Woche bereits Elias Bierdel (Cap Anamour) und die Autorin Susanne Scholl getan, diese Woche werden der Filmemacher Paul Poet und die Videokünstlerin und Universitätsprofessorin Marina Grzinic in der Votivkirche schlafen. Grzinic erinnert daran, dass die Flüchtlinge seit November friedlich protestieren, während die Behörden gewaltsam agieren: „Niemand in der Regierung spricht darüber, den Druck von den Flüchtlingen zu nehmen. Stattdessen wird der Druck erhöht. Menschen werden in Schubhaft genommen, der gewaltsame Abbruch des Zeltlagers und all die anderen Maßnahmen der Kontrolle und Unterdrückung.“

Die Flüchtlinge, so Grzinic, würden nicht aus rein egoistischen Motiven protestieren, sondern sie hätten Ideale und wollten die Situation aller Asylwerber in Österreich verbessern - deshalb würden sie das auch mit dem Mittel des Hungerstreiks versuchen. „Diese Flüchtlinge setzen ihr Leben aufs Spiel. Deshalb ist es so wichtig, ihre Forderungen öffentlich zu unterstützen“. Der Protest und die Solidaritätsaktionen seien kein „kulturelles Event“, sondern ein Versuch, denen ein menschenwürdiges Leben zurückzugeben, die verlassen und vergessen werden.

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