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Musik, Film, Heiteres

Daniela Derntl

Diggin' Diversity

15. 1. 2013 - 18:45

Das Festival für die Festivals

What's hot? What's not? Die jährliche Newcomer-Nabelschau am Eurosonic Festival in Groningen.

What's hot? What's not?

Diese Frage kreist vier Tage lang wie ein Nachrichtensatellit über das beschauliche Studentenstädtchen Groningen in Holland, wo sich nicht nur Backsteinhaus an Backsteinhaus, sondern auch Club an Club reiht. Auf den über 30 Bühnen treten um die 290 Newcomer-Bands auf und damit ist das Eurosonic das größte Showcase-Festival des Kontinents. Im Publikum tummelt sich die Heads der europäischen Musikbranche, die wichtigsten Booker, Agenten, Label-Betreiber, Vertriebe sowie Musikjournalisten und Fans.

Eurosonic Festival

Bart Heemskerk / Eurosonic Festival

Die Open-Air-Bühne am Eurosonic

Wer vor dieser Experten-Gilde besteht, hat große Chancen auf einen Vertrag bei einem renommierten Label und höchstwahrscheinlich mehrere Festival-Bookings in der Tasche.

Auch vier österreichische Bands waren heuer mit dabei: die Garagen-Grunger Mile Me Deaf, die Salzburger Spacerocker Steaming Satellites, die Metal-meets-Balkan-Fusionäre Gasmac Gilmore und das oberösterreichische Electro-Pop-Outfit A.G.Trio.

Ich habe vor dem Konzert die Steaming Satellites gefragt, ob sie wegen diesem elitären Publikum extra nervös sind:

"Nein eigentlich nicht. Wir denken darüber gar nicht so viel nach. Es sind zwar einige Namen gefallen, wer aller im Publikum sein wird – die Booker vom Southside Festival und vom Hurricane, sowie ein paar große Labels – aber das berührt uns jetzt nicht weiter. Wir spielen einfach so, wie wir immer spielen."

Eurosonic Festival

Bart Heemskerk / Eurosonic Festival

Und wie wollen Mile Me Deaf einen bleibenden Eindruck hinterlassen?

"Im Programm-Heft vom Eurosonic ist ein Text gestanden, wie man hier berühmt wird. Aber das habe ich mir nicht durchgelesen. Wir haben sofort das Heft zugemacht, denn das wollen wir gar nicht wissen. Aber das hier ist schon wichtig. Im Vorfeld schreibt unser Label, Siluh Records, gewisse Kontakte an, damit dann Booker kommen, die auch in Zukunft mit uns arbeiten wollen. Als ich vor fünf Jahren mit den Killedby9VoltBatteries hier war, war das schon ein Problem. Wir sind einfach hergefahren und es war niemand für uns oder von uns da, der Leute mobilisiert hätte, die zum Konzert kommen. Wir haben dann vor zehn Leuten gespielt und eine CD verschenkt und sind die 1200 Kilometer wieder heimgefahren. Das war zwar keine Zeitverschwendung, aber Geldverschwendung."

Heuer hat Wolfgang Möstl von Mile Me Deaf weder Zeit- noch Geld verschwendet. Das Konzert im Spieghel war sehr gut besucht und das Publikum war nicht nur von ihrem spielerischen Enthusiasmus, sondern auch von den launigen Bühnenansagen begeistert:

„Mile Me Deaf is all about the good things in the Nineties, like Pavement meets Dinosaur Jr. It was loud, entertaining, humorous, good lyrics. I felt like being around friends“.

Eurosonic Festival

Bart Heemskerk / Eurosonic Festival

Viele Namen im Line-Up konnte man schon auf diversen Artist-to-watch-Listen lesen. Leider wurden nicht alle ihrem Ruf als aufregende Newcomer gerecht.

Zum Beispiel der Act, der den Publikumspreis der EBBA-Eurosonic-Awards gewonnen hat: die achtarmige DJ-Crew C2C aus Frankreich ist zwar äußerst beliebt, bleibt aber als vierfacher Gewinner des World DJ Championships for Teams hinter meinen Erwartungen zurück. Ihre Mischung aus HipHop, Blues und Electro ist ein gefälliger, aber doch einfallsloser Brei. A sure shot for the Masses!

Ebenso polarisierend sind die vom NME als Indie-Heilsbringer gehandelten Palma Violets. Die vier jungen Rabauken aus London haben im Vera ein Konzert auf die Bühne gerotzt: schnell, laut und dreckig. Mir hat das Konzert dieser respektlosen Band, die sich vor dem Top Checker Publikum nichts scheißt, gut gefallen. Sie sind frisch, hungrig aufs Spielen und haben dieses Funkeln in den Augen. Eine rohe und ungestüme Leidenschaft, die ich nicht bei vielen Bands am Eurosonic gesehen habe. Doch die Kehrseite des zugegeben übertriebenen Hypes ist der Shitstorm. Einige Besucher sind noch während des Konzerts kopfschüttelnd geflohen: "Das sollen die neuen Indie-Stars sein? Die sollen noch ein bisschen mehr üben." Sapperlot!

Die Palma Violets sind eine gute und mitreißende Live-Band, die allerdings gerade mal zwei Songs veröffentlicht hat. Das Debüt-Album folgt im Februar auf Rough Trade, einem Label, das schön sehr oft seine Spürnase für neue Bands bewiesen hat. Es heißt abwarten und Tee trinken.

Zweifellos betörend und gut waren die Konzerte der irischen Alternative-Band Kodaline, dem zwischen Party-Pop und Pathos schwankenden schottischen Synthie-Pop-Trio Chvrches und Captain Capa, die deutschen Electro-Pop-Raver auf Speed, die ihre nervösen Zuckungen auf Audiolith ausleben.

Gleich zweimal musste ich mir Rangleklods angesehen. Hinter diesem klobigen Namen verbirgt sich der freundliche wie talentierte Däne Esben Andersen, der fromm nach jeder Nummer die Hände zusammenfaltet und knickst.

Den Hit "Clouds" feuert er gleich als erste Nummer seines Sets ab, das er abschließend in einem tosenden Beatgewitter zerschmettert und fulminant Urgewalten freisetzt. Am 31. Jänner spielt er im Solaris in Linz, am 1. Februar beim Spot on Denmark Festival im Wiener WUK. Schwerste Empfehlung!

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  • psyandchai | vor 458 Tagen, 9 Stunden, 18 Minuten

    steaming satellites - viel zu selten zu hören auf fm4

    bis auf witches, was oft genug zu hören war, gabs nur noch this city und the sea ganz vereinzelt zu hören...

    die haben ein album gemacht, wo man wirklich eine jede nummer im radio spielen könnt!

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  • didz | vor 461 Tagen, 1 Stunde, 59 Minuten

    Palma Violets

    letztes Jahr in Brighton gesehen, Konzert des Jahres (von ca 100 auf denen ich war) und FM4 schafft es noch immer sie zu ignorieren.

    Dafür zum 100 x I Am Klööten die niemand interessieren.

    Es ist irgendwie traurig zu sehen das nicht nur die Mitarbeiter von FM4 zu alt für einen Jugendsender werden sondern auch Ihr Musikgeschmack.

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  • flubis | vor 462 Tagen, 3 Stunden, 48 Minuten

    schau dir karin park an. die sind super live. und dieses c2c ist ja der größte schas, den ich je gesehen habe! :)

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