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Musik, Film, Heiteres

Christiane Rösinger Berlin

Ist Musikerin (Lassie Singers, Britta) und Autorin. Sie schreibt aus dem Leben der Lo-Fi Boheme.

26. 1. 2013 - 12:34

Zwanzig Jahre lang

Wie meine Liebe für Tocotronic geboren wurde und bis heute angehalten hat.

Tocotronic in Wien!
Am 6. Februar bespielen Tocotronic das Wiener Burgtheater. Das Konzert war sofort ausverkauft. Ein kleines, günstiges Kartenkontingent konnten wir reservieren. Wir suchen dafür Fans und ihr liebstes Tocotronic-Fan-Artefakt! Hier geht es zum "Nachkauf".

Der Januar gilt ja als ganz schwieriger Monat und auch in
Berlin war das Jahr bislang nicht besonders lustig. Gerädert von den schwierigen Feiertagen schleppte man sich so durch die ersten Wochen, grau war es, dann wurde es kalt und es ist schwer, sich bei Laune zu halten. Aber am Sonntag gibt es ein Konzert in Berlin, auf das sich viele seit Wochen freuen: Tocotronic spielen im Kreuzberger Lido. Am Freitag kam die neue Tocotronic-Platte "Wie wir leben wollen" in die Läden und die Band ziert das Cover fast jeder Musikzeitschrift.

20 Jahre gibt es sie schon, und inzwischen werden sie als die "Elder Statesman" gefeiert, als gelungenes Beispiel dafür, wie man sich im Musikgeschäft halten kann, ohne sich lächerlich zu machen, stumpf zu werden oder sich ganz und gar zu verbiegen. Und dabei waren sie doch mal die ganz Jungen, die keiner ernst nehmen wollte. Ich erinnere mich noch gut an die Jahre 1992 und 1993, an die große Hamburg-Euphorie dieser Zeit. In Berlin hingen die Musiker, die wir kannten, stumpf beim Becksbier-Trinken in den Kreuzberger Bars rum und redeten über Fußball und amerikanische Gitarrenmusik, bestenfalls war man noch ein bisschen links und Hausbesetzer.

Tocotronic-Pressefoto

Sabine Reitmeier

Tocotronic jetzt

Hamburg hingegen schien voll von interessanten, schlauen, gutaussehenden Musikern zu sein, die in tollen Bands spielten, die sich auch für unsere Band, die Lassie Singers interessierten, mit denen man übers Songschreiben reden konnte über Inhalte und Haltungen. Wenn ich von Berlin aus nach Hamburg kam und mit den Hamburgern im "Sorgenbrecher", im "Spar" oder im alten "Pudels" herumstand, fragte ich immer: und was gibt es Neues, was gibt es für neue Bands? Denn es gab ja wöchentlich neue Bands, "Huah!" hießen sie, oder "Das neue Brot", Teile der "Regierung" waren gerade nach Hamburg gezogen. Tilman Rossmy meinte dann eines Tages: Ach, es gibt nichts Neues, nur diese ganz Jungen, von denen reden jetzt alle, "Tocotronic".

Schon der Name passte nicht in die Wortspiel- und Bedeutungssucht der Zeit, und keiner schien die Neulinge so richtig zu mögen, oder ernst zu nehmen. "Das sind die mit den komischen Frisuren", hieß es, oder "Was soll das denn mit den Trainingsjacken?", "Musik für Teenies" und "Die können ja gar nicht spielen" so lauteten die gängigen Abwehrhaltungen.

Als ich zum ersten Mal ein Lied von ihnen hörte, war es, als sänge jemand direkt aus meinem Herz heraus, als wären die Zeilen von mir selbst und doch nicht von mir, Eine ungeahnte Seelenverwandtschaft tat sich auf. 20 Jahre später machte die Spex aus dieser Verwandtschaft "Die badische Schule" und hat wahrscheinlich sogar Recht damit.

Aber noch entscheidender war, dass die Tocos einen neuen Style in die trotz aller Diskursbewusstheit doch sehr patriarchalische und männerlastige Hamburger Musikzene gebracht hatten. Ihre Jungshaftigkeit stand den Herrenrunden der älteren Diskursrocker angenehm gegenüber. Ich setzte große Hoffnungen in die Band, dachte, ihr Auftauchen wäre ein Zeichen und das endgültige Ende der "Männer"- Performances auf der Bühne. Leider habe ich mich darin sehr getäuscht, viele Männerbands mit alten Ritualen kamen nach und die Geschlechterverhältnisse im Pop haben sich seither nicht verändert. Tocotronic haben mich aber nie enttäuscht. Es war zwar Liebe auf den ersten Blick, und die hat dann auch 20 Jahre lang, eben bis heute, angehalten.

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