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Musik, Film, Heiteres

Christian Fuchs

Twilight Zone: Film- und Musiknotizen aus den eher schummrigen Gebieten des
Pop.

27. 1. 2013 - 21:14

Schüsse in den Ofen

In „Gangster Squad“ taumeln Topakteure durch einen Asphalt-Dschungel abgedroschenster Klischees.

Bereits, als ich zum ersten Mal von diesem Projekt höre, habe ich gemischte Gefühle. Natürlich weckt es Vorfreude, dass sich da ein Film vor den zentralen Klassikern des modernen Gangsterkinos verneigen will, aber auch vor düsterer Hard-Boiled-Literatur und schundigen Pulpromanen. Und dann tauchen dazu noch Typen wie der allseits verehrte Ryan Gosling, Josh „American Gangster“ Brolin oder auch Sean „Carlito’s Way“ Penn auf der Besetzungsliste auf.

Der Blick auf den Regiesessel stimmt mich bei „Gangster Squad“ allerdings von Anfang an skeptisch. Denn Ruben Fleischer zählt zu den großen Scharlatanen in Hollywood.

Bereits mit seinem Debütstreifen „Zombieland“ gelingt es dem jungen Filmemacher, sich als Innovator des Genrekinos zu verkaufen, der frech und ungestüm harte Gewalt und wüsten Humor vermischt. Unter der stilisierten Oberfläche der zugegeben großartig besetzten ZomCom lauern letztlich aber nur perfider Zynismus und cleveres Vermarktungsdenken.

Auch Fleischers verblödelter Nachfolgefilm „30 Minutes or Less“, der auf glorreiche Komödianten wie Danny McBride oder Aziz Ansari zurückgreift, täuscht die lässige Respektlosigkeit nur vor. Wo in den derbsten Momenten im Judd-Apatow-Universum stets eine Liebe zum Menschen aufflackert, demonstriert Ruben Fleischer nur Verachtung für seine Charaktere.

Gangster Squad

Warner Bros

Aufgelegte Vorlage

In den ersten Minuten von „Gangster Squad“, wenn greller Art-Deco-Glamour, übertriebene Film-Noir-Symbolik, schnittige 40er-Jahre-Looks und heftige Action aufeinanderprallen, versuche ich, meine Vorurteile trotzdem zu verdrängen. Warum nicht einfach dem Strom der knalligen Bilder folgen und sich wegspülen lassen von einer wahren Sturmflut der Referenzen?

Aber der euphorische Kick hält nicht lange an. Schon bald erweist sich das ganze heftige Geballere als einziger Schuss in den Ofen und „Gangster Squad“ enttäuscht auf allen Linien.

Dabei hätte die Story prinzipiell einiges zu bieten. Denn die geheime Spezialeinheit des Los Angeles Police Department, auf die sich der Filmtitel bezieht, gab es in den späten 40er Jahren wirklich. Ins Leben gerufen, um einen versteckten Kampf gegen das organisierte Verbrechen zu führen, agierte die Undercoverpolizisten-Truppe weit am Rande der Legalität.

Neben dieser extrem auflegten Vorlage, um tief in die Grauzonen von Gut und Böse einzutauchen, schreit auch der zentrale Ganove dieser Ära nach einer eindringlichen Leinwand-Annäherung. Mickey Cohen, Schlüsselfigur der Kosher Nostra, terrorisierte einerseits halb Los Angeles mit seinen kriminellen Aktivitäten. Auf der anderen Seite zog der Mobster-Boss mit Hollywoodstars durch die Nächte und wurde von den Boulevardmedien geliebt.

Gangster Squad

Warner Bros

Blutig und dennoch blutleer

Die Geschichte des monströsen Mickey Cohen, die sich etwa gespenstisch durch viele Romane von James Ellroy zieht, reduziert Ruben Fleischer zu einer Kasperliade des Grauens. Wie einen Widergänger aus längst verdrängten „Dick Tracy“-Tagen legt Sean Penn den illustren Schwerverbrecher an. Und fügt sich mit seinem massivem Make Up und dem penetranten Overacting perfekt in die stylische Schmierenkomödie.

Mehr als Karikaturen sind aber leider auch die anderen Figuren nicht, vom grimmigen Vorzeige-Cop, den Josh Brolin runterspult bis zum einsamen jungen Polizei-Wolf, den der fesche Goslinger fast schon zu locker aus dem Handgelenk schüttelt oder gar Emma Stones klassischem Gangster-Groupie.

Ausschließlich an filmischen Oberflächen interessiert, verwandelt der Regisseur den Krieg des LAPD gegen den jüdischen Mafiaboss in ein blutleeres Comicspektakel. Damit bei dem letzten Satz keine Missverständnisse aufkommen: Natürlich überzieht ein roter Sprühnebel erwartungsgemäß den ganzen Film. Die extremen Defizite in Sachen Charakterzeichnung und Ernsthaftigkeit versucht Fleischer mit Hektolitern Filmblut, oft auch auf der Festplatte generiert, wettzumachen.

Gangster Squad

Warner Bros

Ungebrochene Glorifizierung

Die übertriebene Gewalt, die schon bei seinen Vorgängerfilmen aufgesetzt wirkte, sorgte auch für Probleme im Vorfeld. Der ursprüngliche Showdown des Films, eine heftige Schießerei im legendären Grauman's Chinese Theater am Hollywood Boulevard, bekam nach dem Kino-Amoklauf in Aurora einen kontroversen Beigeschmack. Mit einem beträchtlichen Aufwand wurde der Shootout neu gedreht.

Solche kosmetischen Eingriffe ändern aber nichts an der reaktionären Attitüde, die in dem urbanen Klischeedschungel regiert. Während etwa „Django Unchained“, die diametrale Antithese im aktuellen Kinoprogramm, seine wüsten Splattereffekte in den Dienste einer überfälligen politischen Provokation stellt und das Tabuthema Sklaverei aufrollt, zelebriert „Gangster Squad“ bloß das endlose Blitzen der Mündungsfeuer. Und glorifiziert die waffenschwenkenden Gesetzeshüter so ungebrochen, dass die National Rifle Organisation wohl ihre rechte Freude haben dürfte.

Gangster Squad

Warner Bros

Auch wenn man jetzt den ideologischen Zeigefinger einmal beiseite lässt und sich auf Vergleiche mit dem subversiven Spirit des Tarantino-Spätwerks nicht einlässt: Der völlige Mangel an Ambivalenz rückt diesen Actionthriller auch weit weg von sämtlichen spannenden Genre-Vorbildern eines Martin Scorsese, Brian De Palma oder Curtis Hanson.

Fazit: Kann man sich wegen einiger Schauspieler ansehen, der schönen Mode wegen oder als sinnentleertes Brachial-Entertainment. Als modernes Film-Noir-Update erweist sich „Gangster Squad“ als aalglatter Reinfall.

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  • wuschdibumm | vor 635 Tagen, 51 Minuten

    vollkommen lächerlich war ja robert patrick als film noir-referenz mit massiven western-bezügen als der alte aber trickreiche scharfschütze. in wahrheit geht er aber als farbloser revolverheld ohne merkliche textanteile unter. die einzige glaubhaft moralisch geplagte figur wurde vom sonst grandiosen giovanni ribisi verkörpert. dem gosling kauft man die widersprüchliche rolle zwischen übertriebener slickness und deren jähen unterbrechungen durch liebschaften und sorge um schuhputzer-burlis einfach nicht ab. der brolin war meiner ansicht nach vollkommen verschwendet - reine brutalität ist halt doch ein bissl seicht. und bei penns karikatur-performance hab ich unweigerlich an eine versuchte annäherung an sin city denken müssen. peinlich auch das showdown, übrigens (lassen wir die fäuste sprechen!).

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    • christianfuchs | vor 635 Tagen, 47 Minuten

      gebe dir recht, ribisi war auch für mich die einzig interessante figur!

    • docnachtstrom | vor 634 Tagen, 2 Stunden, 43 Minuten

      Achtung SPOILER!

      ja aber gerade beim ribisi war es soo aufgelegt dass er ****(das opfer würde, so als "kollateralschaden" halt)****, und siehe da, genauso wars. die faustgewalt am schluß fand ich genauso irritierend wie das ende von shyamalans "signs" als der "böse alien" mit einem baseballschläger zusammengeknüppelt wurde. das kommt bei mir so als zeichen absoluter hilflosigkeit an eigentlich, wenn wir nicht mehr wissen, wie wir mit dem "bösen" umgehen sollen, na dann hauen wirs halt zusammen. toll.

  • docnachtstrom | vor 635 Tagen, 5 Stunden, 51 Minuten

    Ein Drama

    das war wahrlich eine schlimme kinoerfahrung! und dieses lächerlich hohle heldengequatsche zwischendurch! es tut weh, solch gute schauspieler als dermassen unterforderte abziehbilder zu sehen... wenns wenigstens postmoderner zitate-mist gewesen wäre, aber es war einfach nur ein vollkommen sinnloser actionfilm im gangstergewand a la michael bay. dem regisseur hätte ich gerne meinen dicksten und schwersten ellroy um die ohren gehaut danach. peinlichstes zitat am schluß: "danach konnte die mafia nie mehr so richtig fuß fassen in los angeles" ja sag mal kann man nicht wenigstens EIN BISSCHEN quellenstudium betreiben bevor man so einen film inszeniert? ein blick auf die wikipedia hätte schon genügt...

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    • christianfuchs | vor 635 Tagen, 4 Stunden, 38 Minuten

      ja, die komplette verdrehung sämtlicher tatsachen hab ich gar nicht erwähnt. allerdings eben keine bewusst provokative verdrehung a lá tarantino sondern wahrscheinlich wirklich zu faul für wikipedia gewesen....

    • docnachtstrom | vor 635 Tagen, 1 Stunde, 57 Minuten

      also ich denke, sich darüber ewig aufzuregen wäre vermutlich zu nerdig von mir :-) auch scorsese und konsorten haben sich da geschichtliche freiheiten genommen. aber einen megamächtigen gangster zammenzuschlagen und dann aus dem off zu sagen, "die mafia hat nie mehr richtig fuß fassen können in l.a." das fand ich halt gerade bei diesem schlechten film als negative krönung!

    • beastmaster | vor 634 Tagen, 20 Stunden, 57 Minuten

      Ich finde es auch seltsam, wenn die Filme macher angeblich aus dramaturgischen Gründen die Realität verdrehen, um sich zum 1000. Mal an den selben Klischees zu weiden, wo doch die Realität gerade in diesen Fällen oft viel spannender war.

    • christianfuchs | vor 634 Tagen, 2 Stunden, 6 Minuten

      danke beastmaster, das ist ja GENAU der punkt. genügend genres leben von der unbedingten überhöhung des langweiligen lebens, ich schreie jetzt nur laut: romcom. oft wäre es aber das spannendste, sich endlich mal der wirklichkeit zu nähern. ein ultrarealistischer noir-gangster-film, der endlich auf stilisierungen verzichtet, das wäre es. und nur michael mann hat das bisher auf spannende weise versucht.

  • irbaboon | vor 635 Tagen, 7 Stunden, 2 Minuten

    Ja, hab sowas schon befürchtet. Soviel verschwendetes Potential gibts a nit oft. Goslinger, Brolin, Penn u Patrick...weiß nit um wens mir mehr leid tut. Von Emma *trens* Stone gar nit zu sprechen.
    Die Zombieland Kritik geht mir aber nicht ein. Aufgesetzte oder übertriebene Gewalt kann ich nicht finden, nur dem Thema entsprechend (verglichen mit den anderen Filmen diese Genres der letzten Jahre). Sehen den Film auch mehr als Roadmovie. Anfang u Ende gibts Splatter, dazwischen eigentlich nix. Und die Szene im Souvenierladen is selten grandios.
    Ebenso kann ich den "tarantino fügt sklaventhema in western genre ein" Hype nicht ganz nachvollziehen, gab es doch genug Filme mit denen sich Hollywood mit dem Sklaventhema schon ausführlich und auch intensiver auseinandergesetzt hat. Auch im Franko Nero Django war Rassendiskriminierung (zumindest im Ansatz) ein Thema.

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    • christianfuchs | vor 635 Tagen, 6 Stunden, 53 Minuten

      achtung spoiler

      auf "zombieland" hab ich vor allem deswegen so agressiv reagiert, wegen dem was mit bill murray passierte. es gibt ein eisernes gesetz in filmen: thou shalt not kill bill murray. zumindest nicht so zynisch nebenbei. nach dieser szene (und wie die charaktere reagieren) war der film gelaufen für mich. diese kaltschnäuzigkeit zieht sich aber durch die anderen fleischer-filme weiter...

      "shaun of the dead" hat auf göttliche weise vorgeführt, wie man zombies in der sozialen realität verankert & mit klamauk und empathie verknüpft.

    • irbaboon | vor 635 Tagen, 5 Stunden, 38 Minuten

      mehr spoiler

      Wusste nix von dem Gesetz, klingt aber plausibel :-)...wurde aber mit der Szene im Nachspann relativiert, wie ich finde.
      Wie erwähnt fand ich, war das Zombiethema eher Rahmen für ein Roadmovie mit herrlichen Charakteren und feinen Dialogen.

    • beastmaster | vor 634 Tagen, 20 Stunden, 56 Minuten

      Ja, beim ersten Mal gefiel mir Zombieland auch noch ganz gut, beim zweiten Mal schon nicht mehr so. "30 Minutes Or Less" hat mir dann die Augen geöffnet, der war echt übel.

    • johnleehookerelectro | vor 634 Tagen, 19 Stunden, 53 Minuten

      zombieland hatte praktischerweise auch eine zombieapokalypse als verdammt gute ausrede für seinen zynismus.
      der film ist der "adventureland" der dunklen sorte.
      statt slaptstickhumor in einem echt wirkenden "coming-age liebesdrama" mit "breakfastclubscher" gesellschaftskritk, verbindet er halt ganz schwarzen humor mit anderem und versucht IN dieser surrealen umgebung real zu kommen ...

      30 minutes ging nicht ganz auf aber hatte seinen flotten erzähl flow

      gangster squad noch nicht gesehen aber klingt schlimm

  • beastmaster | vor 635 Tagen, 17 Stunden, 16 Minuten

    Da warte ich lieber auf den DVD- Release. Oder gar auf die TV- Ausstrahlung. Übrigens ist der Film schon wieder in dieser grauslichen "Teal&Orange"- Ästhetik gedreht, ich dachte darüber wäre man schon wieder hinweg.

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    • johnleehookerelectro | vor 635 Tagen, 14 Stunden, 57 Minuten

      sorgt bei filmen wie ironman oder tron legacy durch seine diametralität für einen akzentuierteren 3D effekt was ja in einem guten kinosaal durchaus euphorie bringt die man so noch nicht kannte

      "raw"zu drehen isnt stoppable anyway(log c muss man halt verbessern sonst bekommen leute wie haneke noch nen herzkasperl..pf)
      teal and orange is just eine kleine erkenntnis die man halt nicht ausschlachten muss...

      zum film naja..rubin fleischer hat nen bonus seitdem er das smoothste musikvideo aller zeiten gemacht hat

      http://www.youtube.com/watch?v=pkjTM4AfYdU

    • johnleehookerelectro | vor 635 Tagen, 14 Stunden, 53 Minuten

      http://vimeo.com/27422488

    • beastmaster | vor 635 Tagen, 10 Stunden, 16 Minuten

      Ja, vielleicht war Teal&Orange mal der letzte Schrei, jetzt haben wir uns aber satt gesehen.

    • johnleehookerelectro | vor 634 Tagen, 23 Stunden, 21 Minuten

      ja na klar
      aber rein grundsätzlich(also nicht auf dich bezogen) is es so lächerlich wenn leute wie haneke und andere die meistens null ahnung von der neuen technik haben auf puristen-mode-deluxe daherkommen und "die arri is scheisse die red epic is"wäwäw mag ich nicht mimimi"
      so versperrt man sich nämlich genau die synergie von leuten die sich auskennen mit der besten technik

      puristen land halt

    • beastmaster | vor 634 Tagen, 21 Stunden, 1 Minute

      Na eh, Purismus ist auch oft unangebracht, weil der verhindert schon manchmal den Fortschritt, da geb ich dir recht. Das Schlimme an Teal&Orange ist aber nicht so sehr dass es eine Modeerscheinung ist, es ist einfach auch Faulheit: Da wird einfach alles wegen dem Kontrast in die zwei auf der Farbskala gegenüber stehenden Farbejn getunkt. Da wird nicht wirklich durchdacht und abfgestimmt, also recht lieblos zum Teil.

    • softmachine | vor 634 Tagen, 15 Stunden, 24 Minuten

      ach jlhe, das video 9st balsam. fuck the crowd.