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Musik, Film, Heiteres

Philipp L'Heritier

Ocean of Sound: Rauschen im Rechner, konkrete Beats, Kraut- und Rübenfolk, von Computerwelt nach Funky Town.

29. 1. 2013 - 17:28

Ein weiches Manifest

Ja, "Wie wir leben wollen" ist die Platte des Jahres. Das zehnte Album von Tocotronic ist ein kolossales wie zärtliches Angebot zur Verbesserung der Erde. Tocotronic sind unser Artist of the Week.

Es steht da also nicht „Wie wir leben sollen“, sondern „wollen“, es steht da aber auch kein Fragezeichen hinter dem Satz. Einerseits ist das Autoritäre nicht die Sache von Tocotronic, genau so wenig das Vorschreiben und das Ausstellen von Rezepten oder gar das Erteilen von Befehlen. In vielen, vielen Bereichen müssen dann aber freilich doch und trotzdem und auf jeden Fall Positionen bezogen werden.

Tocotronic in Österreich:
07.04.2013, Graz Orpheum
09.04.2013, Gasometer Wien
10.04.2013, Linz Posthof

Die Tyrannei zwingt uns ja schon oft gar nicht mehr in missliche Lagen hinein, sondern suggeriert uns bloß erfolgreich, dass wir etwas „wollen“ sollen. Und wir wollen. Interessante Jobs machen zum Beispiel. Gleichzeitig ist aber dieser Gedanke ein ganz und gar erhebender und wunderbarer und auch irgendwie ein selten gewordener, dass wir, wie es im Titelstück der neuen Tocotronic-Platte „Wie Wir Leben Wollen“ heißt, von etwas, sei es vielleicht Kunst, Musik, Politik oder einem strengen Protokoll, „lernen können, wie wir leben wollen“. Nicht wie wir können oder sollten. Hier spricht ein lustvoller Wunsch, vielleicht für einen ganz kurzen Augenblick abgekoppelt von Notwendigkeiten der Welt, aber eben auch ein Wunsch nach neuen Formen des Lebens, in denen so genannte „Selbstverwirklichung“ nicht den anderen auf dem Kopf herumtanzt und so etwas wie Anstand aus sich selbst heraus und gewollt entsteht.

FM4 überträgt das Tocotronic-Konzert aus dem Wiener Burgtheater am 6. Februar. Am Tag nach der Ausstrahlung wird es für 7 Tage online Nachzuhören sein.

„Leben“, das ist ein weiter Raum, akustisch haben Tocotronic ihn auf ihrem zehnten Studio-Album mit einem im Vergleich zu den drei Vorgänger-Alben neuen Ansatz in Sound übersetzt. Die sogenannte Berlin-Trilogie – „Pure Vernunft darf niemals siegen“, „Kapitulation“ „Schall und Wahn“- haben Tocotronic mit dem Produzenten Moses Schneider aufgenommen und dabei versucht, mit einer minimalistischen, dogma-haften Herangehensweise quasi einen Rock’n’Roll-Sound einer Rock’n'Roll-Band, die gerade live im Proberaum spielt, einzufangen. Scharf konturiert und direkt. „Rock’n’Roll-Band“ haltungstechnisch natürlich durch den Tocotronic-Filter betrachtet. Aufgenommen haben Tocotronic „Wie wir leben wollen“ zwar wieder mit Moses Schneider, dieses Mal jedoch in einem neuen bzw. einem alten Studio, nämlich dem Candy Bomber Studio in Berlin.

Dort steht ein altes, rares 4-Spur-Aufnahmegerät aus den 50er-Jahren, auf das das Album gebannt wurde. Soundtechnisch dürfen hier sicherlich reiche und opulente Alben klassischen Formats der Beatles und der Beach Boys als Vorbilder gedient haben. „Wie wir leben wollen“ wird von weichen Klängen getragen, von einer wohligen Psychedelik und von Hall und Echo. Die Platte durchzieht ein Nebel, den man in der jüngeren Vergangenheit auch ähnlich auf Alben der kurzlebigen, aber ewig nachhallenden Shoegazing-Bewegung finden könnte.

Tocotronic

Michael Peterson

Tocotronic

Auch was den Einsatz der Instrumente anbelangt, haben Tocotronic einen fast barocken Fundus zu Rate gezogen: Ein Theremin war zu Gast, gespielt übrigens von Dorit Chrysler, außerdem vom wunderbaren Hamburger Duo JaKönigJa arrangierte und gespielte Bläser, Chorgesang und der Multiinstrumentalist Ben Lauber, der sonst in der Band von Kollegen Apparat tätig ist, hat Kastagnetten, Glockenspiel und ein Kanun, ein zither-ähnliches Saiteninstrument, bedient. Was alles aber bei Tocotronic zum Glück nicht in eine Materialschlacht als Selbstzweck mündet. Geisterhaft blitzen kleine Akzente aus dem mächtigen Gesamtklang hervor. Viel geschieht hier im Laufe dieser 17 Stücke dauernden Platte zwar, erschlagen wird hier jedoch keiner. Vielmehr wird man verzärtelt und als Hörerin und Hörer mit süßen Stimulanzen bekuschelt.

Wie Wir Leben Wollen

Wie Wir Leben Wollen

"Wie Wir Leben Wollen" von Tocotronic ist bei Vertigo/Universal erschienen

„Wie wir leben wollen“ ist eine Platte, die geschmeidig singt und auch sehr oft lieber davon erzählt, wofür anstelle wogegen man ist. Salonmilde und stumpf eingelullt sind Tocotronic jedoch nicht geworden - allein, das Wort „Widerstand“ ist heute nicht mehr ganz verlässlich geblieben, die Revolte kommt anders kostümiert daher. Man ist älter geworden und macht sich Gedanken darüber.

Anhand des Themas „Körper“ – wohl der zentrale Begriff der Platte - und auch des Nachdenkens über dessen Verfall können hier Theorie und Überlegungen zu Identität, Geschlecht, Normierungen, der Trennung von Fleisch und „Seele“ und schließlich freilich dem Leben selbst entflammen. Selbst wenn die Texte gern auch mit einer humoristischen Drehung versehen werden, ist die Band auf „Wie Wir Leben Wollen“ an vielen Stellen so explizit politisch wie selten zuvor; wenn etwa im Stück „Exil“ gesungen wird: „Ich bin krank/Ich bin ein weißer heterosexueller Mann/Du kannst mich /Abschieben/Wenn Du Willst.“ Oder in „Neue Zonen“: „Europas Mauern Werden Fallen.“

Man muss nun tatsächlich nicht, wie das immer gerne behauptet wird bei Tocotronic, ein ständig großes akademisches Rätsel entschlüsseln. Alle Quelltexte aufspüren oder jedem Zitat nachbohren – auch wenn es natürlich Spaß bereiten kann, wenn man vermeint hier einen Verweis auf vielleicht die Rolling Stones und Adorno oder da die französische Literaturwissenschaftlerin Hélène Cixous und den Film „Invasion of the Body Snatchers“ entdeckt zu haben. Tocotronic leben ja nur kaum vom allzu leicht wiedererkennbaren „augenzwinkernden“ Zitat, das sich selbst genügt.

Es geht ja nicht um Verkomplizierung, im Gegenteil, Tocotronic bilden in neuen Konstruktionen und neu arrangierten alten Worten die Widersprüchlichkeiten des Lebens ab, vielleicht auch Leben, die es noch gar nicht gibt, nach Erdbeer duftende Utopien. Man muss bloß ein paar großartige Ideen, die auf „Wie wir leben wollen“ zuhauf zu finden sind, aus der Luft fischen und alles bloß so verstehen wie man es eben versteht. Einfache Lösungen gibt keine, auch nicht bei Tocotronic. Sie beleuchten mit einer herrlichen Sprache zwischen Ulk und poetischem Überschwang die Zustände und die Vorgänge, sie schlagen neue Modelle vor. Die Welt bleibt gottseidank kompliziert, machen wir sie schöner.

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  • socratez | vor 440 Tagen, 2 Stunden, 51 Minuten

    die meistüberschätzte band des jahrzehnts

    ich kann musiker einfach nicht leiden, denen selbstironie so völlig fehlt und bei denen man aus jedem song heraushört, dass sie sich für den musikalischen, philosophischen und gesellschaftspolitischen nabel der welt halten.

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    • lheritier | vor 439 Tagen, 17 Stunden, 9 Minuten

      ach tocotronic sind doch sehr, sehr oft richtig witzig und albern - auch sich selbst gegenüber.

    • moosesgarcia | vor 439 Tagen, 1 Stunde, 27 Minuten

      Vor allem die Frühwerke sind doch fast ausschließlich selbstironisch. Also das kann man Tocotronic wirklich ned vorwerfen...

  • crutches | vor 448 Tagen, 7 Stunden, 12 Minuten

    Konsens ist Nonsense.

    Platte des Jahres?
    Ejaculatio Praecox?

    Es kommt ja noch -nur zum Beispiel, wo wir gerade beim Genre "Alte-Männer-Bands" sind- Black Sabbath ;-)

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    • crutches | vor 448 Tagen, 7 Stunden, 2 Minuten

      Im Ernst jetzt:

      Seit wann sind ausgerechnet Tocotronic ins hassenswerte Lager der Studio-Technik-Fetischisten übergelaufen?

      Man will den Live-Sound einer Rock-n-Roll-Band, nimmt dann aber "barocke" Bläsersätze, etc. Das ist ja wohl ein Witz.

      Ich mochte Tocotronic ja meistens gern und kenne die Platte noch nicht, bin aber skeptisch.

    • watchtowerman | vor 448 Tagen, 4 Stunden, 50 Minuten

      dann lieber mal reinhören. die bläser kommen genau bei einem song für ein paar Sekunden vor passen aber perfekt in den song und klingen eher nach polka als nach barock

    • lheritier | vor 448 Tagen, 3 Stunden, 57 Minuten

      also: die bläser und der livesound beziehen sich auf zwei unterschiedliche platten - steht oben. "barock" ist ein synonym für zB "üppig", "voll" etc.

    • crutches | vor 448 Tagen, 2 Stunden, 57 Minuten

      Oje, ein frühmorgendlicher Verständnisfehler meinerseits.

      Reingehört wird natürlich.

      Mich wundert halt, dass von Tocotronic die Aufnahmetechnik so überbetont wird.

    • lheritier | vor 448 Tagen, 56 Minuten

      ja hat mich zunächst auch gewundert. aber war eigentlich schon ab platte 5 so. man muss sich ja als band auch ein bisschen was ausdenken.

    • lheritier | vor 448 Tagen, 55 Minuten

      ja hat mich zunächst auch gewundert. aber war eigentlich schon ab platte 5 so. man muss sich ja als band auch ein bisschen was ausdenken.

  • moltar | vor 448 Tagen, 18 Stunden, 11 Minuten

    auskenner 1 zu auskenner 2: "hm, ja, eindeutig: altes, rares 4-Spur-aufnahmegerät aus den 50er-jahren."
    a2 zu a1: "bist du sicher? ich höre da eher eine wohlige psychedelik heraus, dezenter nebel im abgang."
    a1 zu a2: "jetzt wo du es sagst, muss wohl am handgeernteten schellack liegen".
    a2 zu a1: "du meinst die süßen stimulanzen?"
    a1: "kolossal!" [geht ab]

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  • softmachine | vor 448 Tagen, 19 Stunden, 32 Minuten

    naja.musikalisch mau, texte unfreiwillig komisch, der gesang penetrant überrrprononcierrtth und vieles angestrengt dauerironisch. es ist mir zwar egal, aber so will ichs doch nicht haben.

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  • watchtowerman | vor 448 Tagen, 20 Stunden, 58 Minuten

    Berlin Duo

    Auch wenn das von Tocotronic immer eher scherzhaft behauptet wird mit der Berlin Trilogie so zeigt sich jetzt dass Schall & Wahn eindeutig ein Bruder mit "Wie wir leben wollen" ist. Genauso wie die vorherigen 2 Alben es wahren. Der Sound ist trotz einiger Experimente wie Bläser oder dem Countrytouch bei Chloroform sehr nah an Schall & Wahn. Ehrlich gesagt ist da keine Spur von Beach Boys zu hören.

    Aber darüber bin ich eigentlich sehr froh. Wirklich ganz großes Meisterwerk. Wieder einmal. Und dass nachdem ich eigentlich geglaubt habe ich hab mich an Tocotronic abgehört und es gibt keine Steigerung zu S&W

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    • lheritier | vor 448 Tagen, 20 Stunden, 22 Minuten

      das "berlin-trilogie" ist ja erst so ein bisschen dazu erfunden worden, dazwischen irgendwann, und auf der s&w waren ja eh auch schon streicher und bombast, aber trotzdem viel spröder und kälter und ganz anders aufgenommen, und die 3 passen schon so zusammen. hat mir dirk auch erklärt, das wäre mir jetzt aber zu hi-fi-mäßig gewesen ;) klingt aber anders. auch die stücke selbst. ich sehe die neue wieder in der nähe des kubrick-wahns der weißen.hauptsache aber super.

    • watchtowerman | vor 448 Tagen, 17 Stunden, 34 Minuten

      ja dass mit der Aufnahmetechnik hab ich im RS auch gelesen dass es was ganz spezielles war.

      Für mich teilt sich Tocotronic in Prä und Post McPhail Beitritt. Und da wiederum sind von der Gitarrenarbeit "Vernunft" Und "Kapitulation" einfach noch die ersten Gehversuche im Sonic Youth Format. Während sich die Gitarre auf S&W zu einem Crazy Horse artigem Sturm aufbäumt und jetzt gebändigt ist und perfekt im Gesamtsound aufgeht. Aber sich bei "Im Keller" oder "Swimming Pool" trotzdem zeigt was sie kann. Aber das wird jetzt wohl wirklich zu akademisch :)

    • wuschdibumm | vor 448 Tagen, 3 Stunden, 27 Minuten

      die mcphail-trendwende kann ich bestätigen. ich hab bei den drei erwähnten (sehr geschätzten) alben allerdings weder sonic youth, noch crazy horse heraushören können. allerdings erinnert mich die soundkulisse (und auch deren entwicklung über die jahre) sehr an the jesus and mary jane, denn de facto ist speziell dirk (mit seinen mangelhaften gitarrenskills und der dadurch bedingten songwriterischen innovationsmängel) halt doch eher ein jim reid als ein thurston moore (oder gar neil young, herrje). was die band nicht schlechter macht, aber die referenzen sind halt andere.