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Andreas Schindler

Geschichten vom Ende des Ölzeitalters. Wurm- und Mikrobenlobbyismus, permakulturelle Gedankenwut.

31. 1. 2013 - 16:38

Warum wir Erdöl essen

Berücksichtigt man Anbau, Ernte, Verarbeitung, Transport, Verkauf und Aufbewahrung, dann kostet 1 Kalorie Nahrung in der modernen Landwirtschaft etwa 10 Kalorien Erdöl.

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Um das Jahr 1900 taten nordamerikanische Getreidefarmer einen Schritt, der die Nahrungsmittelproduktion unserer Zivilisation und den Energiehaushalt auf dem Planeten Erde insgesamt nachhaltig verändern sollte: Sie verkauften so gut wie alles, was sie produzierten. Was heute vollkommen normal erscheint, ist tatsächlich Ausdruck einer grundlegenden Veränderung.

Fast ausschließlich auf den Anbau von Getreide spezialisiert, waren diese Farmer darauf angewiesen, all ihre Bedürfnisse mit den Einnahmen aus dem Verkauf dieses Getreides zu befriedigen.

Bis dahin produzierten Bauern (wie es sie vor allem in weniger industrialisierten Ländern auch heute sehr häufig gibt) in erster Linie, um sich und ihre Familien, Clans, Gemeinschaften zu versorgen. Auf dem Markt bieten solche Bauern und Bäuerinnen dann lediglich Überschüsse an, die je nach Jahreszeit und Witterung erheblich schwanken können. Zugekauft wird so gut wie nichts, beziehungsweise so wenig wie möglich.

Industrielle Landwirte von heute investieren im Gegensatz dazu 80% ihrer Einkünfte in Materialien und Zusätze, die von außen zugeführt werden müssen. In erster Linie sind das Erdölprodukte: Kunstdünger, Pestizide, Treibstoffe. Der hochspezialisierte Farmer von heute ernährt damit über 80 Menschen (USA, Australien) und ist ein Phänomen der energie-intensiven und arbeitsteiligen Moderne deren Credo „wachsen oder weichen“ ist.

Wer ernährt die Welt?

In den Industrienationen bekommt man leicht den Eindruck, die weltweite Nahrungsproduktion wäre inzwischen ausschließlich Sache großer industrielandwirtschaftlicher Unternehmen. Hierzulande mussten ihnen die Kleinbauern tatsächlich weichen. In Österreich beispielsweise hat sich die Zahl der Kleinbetriebe von 1980 bis 2010 von rund 170.000 auf unter 60.000 verringert. Der Weltagrarbericht gewährt da allerdings einen differenzierten, globalen Blick: "Der prozentuale Anteil der Kleinbauern an der Weltbevölkerung nimmt zwar ab, doch ihre absolute Zahl steigt weiter."

Nach wie vor sind 85% der weltweit etwa 500 Millionen Bauernhöfe kleiner als zwei Hektar (200 x 100 Meter). Auf diesen vergleichsweise winzigen Flächen produzieren Kleinbauern mehr als die Hälfte aller Lebensmittel und das bei weit geringerem Energie-Input. Dass gleichzeitig die Hälfte aller hungernden Menschen auf der Welt Kleinbauern sind, ist unter anderem einem brutalen Verdrängungsprozess (Enteignung, Vertreibung) zuzuschreiben, von dem nur wenige große Unternehmen profitieren.

Getreide

CC-BY-SA-2.0 / Peter Gagilas

Stabilität durch Diversität

Je kleinstrukturierter eine Landwirtschaft ist, umso stabiler ist sie. Wie kommt das? Ein Kleinbauer, der wenig von außen zukaufen kann, muss innerhalb seines Produktions-Systems breit aufgestellt sein und so gut es geht (Nähr-)Stoffkreisläufe optimieren. Mist (im Sinne von Abfall) kann man sich schlicht nicht leisten. Alles wird verwertet und dem Boden zurückgeführt. Die bestellte Fläche liefert im besten Fall ausreichend Nahrung für Mensch und Tier, Saatgut, Baumaterialien, Dünger, Brennstoff, Medizin...etc. Ein in diesem Sinne „traditioneller“ Bauer ist ein Allrounder, ein industrielle Landwirt dagegen ist ein Spezialist und als solcher in vielerlei Hinsicht verletzlicher.

Freilich können die Ernteerträge in beiden Systemen stark schwanken. Der Allrounder hat in diesem Fall allerdings viele Vorteile auf seiner Seite: Zum einen sichert ihn die breite Produktpalette einigermaßen ab, zum anderen sind solche Bauern nicht ausschließlich auf den Verkauf ihrer Produkte angewiesen. Und sie haben den Energiefluss, der jede Art von Output bestimmt, einigermaßen selbst in der Hand (bzw. auf dem Misthaufen).

Ein moderner, industrieller Landwirt dagegen ist beinahe vollständig von externer Energiezufuhr abhängig. Er muss nicht nur schwankende Witterung fürchten, sondern auch (und heute mehr denn je) schwankende Märkte. Diese bestimmen sowohl die Preise für den Input als auch jene für den Output. Wie viel ein Apfel wert ist, und wie viel ein Barrel Öl, liegt nicht in der Hand des Landwirts.

Die Autonomie von Familien und Regionen wurde im Zuge der Industrialisierung der Landwirtschaft herabgesetzt und die Landbewirtschafter in ein System der Abhängigkeit von Banken, Saatguterzeugern, Chemiekonzernen und unberechenbaren Märkten verstrickt. Die ökologischen Schäden, die die industrielle Landwirtschaft verursacht, sind da noch gar nicht angesprochen.

Erdölindustrie und Lebensmittelproduktion sind heute verfilzt. Billiges Öl „produziert“ billige Nahrung. Teures Öl dagegen hebt unmittelbar und oft sprunghaft die Preise für Weizen, Mais, Reis…

Unbestritten ist, dass die (auf die Fläche bezogenen) Erträge der industriellen Landwirtschaft deutlich über jenen der vorindustriellen liegen. Wurden einst jährlich nicht mehr als ein bis zwei Tonnen pro Hektar geerntet, konnte der Flächenertrag auf bis zu vier Tonnen gesteigert werden. Und das bei massiv geringerem Arbeitseinsatz. In den modernen Industriestaaten arbeitet heute höchstens ein Zehntel der Bevölkerung im Agrarsektor (Ö: 4%, D: 2%), in der arbeitsintensiven Agrarwelt, die ohne (externe) fossile Brennstoffe auskommen musste, waren es noch 70 bis 90 Prozent.

Wie geht das?

Grob und vereinfacht gesagt, haben wir vor Eintritt in das Erdölzeitalter von der Menge Sonnenenergie gelebt, die im Laufe einer Vegetationsperiode von (einjährigen) Pflanzen aufgenommen werden konnte.

Dieses „Solarzeitalter“ (mit all seinen schmerzlichen Beschränkungen) endete mehr oder weniger abrupt, als der Mensch den ungeheuren Schatz an fossiler Sonnenenergie barg, der über einen Zeitraum von Jahrmillionen von Kleinstlebewesen "zusammengetragen" worden war: Erdöl.

Industrielle Landwirtschaft

CC-BY-SA-2.0 / Chris Happel

Erdöl wird Dünger

Jede Ernte entzieht dem Boden Nährstoffe. Das Wachstum von Pflanzen wird von einer ganzen Reihe von Stoffen bestimmt, besonders kritisch aber ist der Gehalt von Phosphor und Stickstoff im Boden. Fehlen diese Stoffe, gehen die Ernteerträge unweigerlich zurück. Seit der Mensch Ackerbau betreibt, versucht er diesen Fruchtbarkeitsschwund zu verlangsamen, bzw. zu minimieren: durch Rotationsfeldbau, der den Böden „Erholung“ gewährt oder durch das Ausbringen von Mist.

Phosphor konnten reiche Länder im 19.Jahrhundert in Form von fossilem Vogel- und Fledermauskot (Guano) aus Chile, Peru, Bolivien und Westafrika importieren, und somit zumindest teilweise ersetzen. Schwieriger war die Versorgung mit Stickstoff. Stickstoff kommt zwar in gigantischen Mengen in der Luft vor, aber bis zum Ende des 19. Jahrhunderts hatten Chemiker vergeblich versucht, diesen zu "ernten". 1918 erhielt der deutsche Fritz Haber eben dafür den Nobelpreis für Chemie. In der Laudatio hieß es, er habe, "Brot aus Luft gewonnen".

Das nach Fritz Haber und dem Industriechemiker Karl Bosch benannte „Haber-Bosch-Verfahren“ benötigt allerdings große Mengen Energie: Der gesamte Energiebedarf für die Düngung mit einer Tonne Stickstoff (einschließlich Herstellung, Transport und Ausbringung) entspricht dem Energiegehalt von etwa 2 Tonnen Erdöl!

Wenn Erdöl aber billig zur Verfügung steht, kann stickstoffhaltiger Kunstdünger relativ einfach und in großem Stil produziert werden. Um 1940 wurden weltweit etwa vier Millionen Tonnen Kunstdünger ausgebracht, 60 Jahre später waren es 140 Millionen Tonnen.

Die moderne, industrialisierte Landwirtschaft ist heute auf Unmengen fossiler Energie angewiesen. Der Energieträger Erdöl „befeuert“ die Agrarindustrie nicht nur mit Stickstoffdünger, ohne den die ausgelaugten Böden kaum noch etwas hergeben würden. Der moderne Landwirt braucht auch (direkt und indirekt subventionierten) Diesel für seine schweren Maschinen mit denen er ein Vielfaches der Fläche seines vorindustriellen Pendants bewirtschaftet. Die für Schädlinge besonders anfälligen Monokulturen müssen mit Pestiziden, Fungiziden, Herbiziden verteidigt werden, deren Ausgangsstoff ebenfalls Erdöl ist. Ernte, Lagerung und Transport fressen noch einmal Energie. In einer Energiegesamtbilanz schneidet dieses (auf billigem Erdöl basierende) System der Nahrungsmittelproduktion verheerend ab:

Berücksichtigt man Anbau, Ernte, Verarbeitung, Transport, Verkauf und Aufbewahrung, dann kostet 1 Kalorie Nahrung in der modernen Landwirtschaft etwa 10 Kalorien Erdöl.

Dass Erdöl bekanntlich eine täglich schrumpfende Ressource ist, die man auch nicht einfach gegen einen anderen Energieträger austauschen kann, macht den Anbau von Ackerfrüchten und die Tierzucht für kommende Generationen zu einer großen Herausforderung. Umso mehr, als die industrielle Landwirtschaft (vor allem in den reichen Ländern) bäuerliche Strukturen und bäuerliches Wissen weitgehend zerstört hat.

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  • luut | vor 439 Tagen, 15 Stunden, 31 Minuten

    Fragwürdig

    Gibt es für diese 1 zu 10 Kalorien-Theorie auch irgendwelche seriösen Quellen?
    Denn wenn das wahr wäre, müsste ja nach meiner vielleicht zu voreiligen kurzen Überlegung nach, die ganze Geschichte mit den nachwachsenden Rohstoffen zur Energiegewinnung (inklusive Biokunststoffe uvm.) ja ziemlich sinnlos sein, da ja dann Erdölabhängigkeit nur vorgegaukelt würde. Kann das deshalb nicht wirklich glauben...
    Selbst wenn bei der energetischen Verwertung von Pflanzen beachtet wird, das meistens ein Großteil der Pflanze und nicht nur die Frucht bzw. das Korn genutzt werden kann.

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  • softmachine | vor 439 Tagen, 18 Stunden, 24 Minuten

    hm. gerade bericht über fracking gelesen. das mit dem versiegenden öl wirds wohl nicht spielen. in north dakota mussten sie die laufrichtung der pipelines umdrehen, weil dort jetzt das öl NACH New Orleans gepumpt wird. 500 000 barrel am tag !! nur north dakota.im übrigen, man darf es ja nicht laut sagen, geht es den menschen so gut wie noch nie in ihrer geschichte und noch nie gab es sowenig hunger.

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