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Todor Ovtcharov

Der Low-Life Experte

24. 4. 2013 - 14:50

Roschlas Nachkommen

Meine Freundin Ani rief mich gestern an. „Willst du eine Katze?“, fragte sie. „Bitte, es ist sehr wichtig!“, weinte sie fast am Telefon. Ani arbeitet in einem Übersetzungsbüro. Sie übersetzt aus dem Russischen.

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Eine der größten russischsprachigen Gruppen in Wien sind die Tschetschenen. Für sie übersetzt Ani praktisch rund um die Uhr. Egal ob um sechs Uhr morgens, oder um zehn Uhr abends, sie muss immer bereit sein. Die Tschetschenen kommen einfach zu ihr nach Hause und das war's. Sie zahlen auch sofort. Außer Geld gibt es bei jedem abgeschlossenen Geschäft eine Katze.

In Tschetschenien werden Katzen besonders hoch geschätzt. Anis Chefin im Übersetzungsbüro hat schon neun Katzen und die Kunden bringen immer mehr und mehr. „Der Tschetschene kommt in der Früh zu mir und ein liebes Kätzchen schaut aus seiner Tasche heraus. Wie kann ich sie nur NICHT nehmen?“

Katze auf Pflastersteinen

CC-BY-SA-2.0 / urbanlegend

Ich kenne das Problem mit den Katzen. Ich hatte eine Katze – Roschla. Sie kam zufällig zu uns. Ich lebte mit meinen Eltern in einem großen Plattenbaublock. Eines Tages hörten wir aus dem Kamin ein trauriges Miauen. Wir versuchten im Loch etwas zu finden, doch alle Bemühungen waren vergebens, wir sahen nichts, das Miauen ging weiter.

So miaute unser Kamin einige Tage lang. Bis es auf einmal still wurde und aus dem Kamin mitten ins Zimmer eine Katze fiel. Ich weiß nicht, wie sie im Kamin stecken geblieben war, aber in diesen paar Tagen ist sie so dünn geworden, dass sie durch das Loch durchgekrabbelt ist. Die Katze war nur ein dreckiger Fellball mit zwei leuchtenden Augen. Wir haben sie gewaschen sie und fütterten sie. Sie lebte sich bei uns ein, so als ob sie schon immer da war.

Alles lief gut, bis der Frühling kam. Egal, was wir machten, um Roschla aufzuhalten, sie lief immer für ein paar Tage weg und kam trächtig zurück. Alle paar Monate hatten wir fünf oder sechs neue gelbe oder schwarze Kätzchen. Am Anfang freuten wir uns und verteilten die Kätzchen an Freunde und Bekannte. Nachdem Roschla zum dritten Mal Junge bekommen hat, war der „Markt gesättigt“. Keiner wollte kleine Kätzchen mehr.

Um die Frage radikal anzugehen, brachten ich und mein Vater Roschla zum Veterinär, um sie sterilisieren zu lassen. Wir standen vor der Tierarztpraxis, als die eigentlich ruhige und liebe Roschla sich plötzlich wie ein Bogen spannte, mein Gesicht zerkratzte und wegrannte. Wir versuchten sie zu finden. Vergeblich. Sie ist in der großen Stadt untergetaucht. Wir fragten uns, wer sie wohl gefunden hat. Ob es gute Leute sind?

Jetzt weiß ich es. Es waren die Kunden von Ani. Sie brachten sie nach Wien. Sie haben vielleicht keinen sehr guten Ruf, aber die Tschetschenen sind sehr sentimental was Katzen angeht. Heute wandern Roschlas Nachkommen durch halb Europa.

Ich holte mir keine Katze von Ani. Es ist eine zu große Verantwortung.

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  • bigbadjohn | vor 485 Tagen, 14 Stunden, 39 Minuten

    Ähm, also eigentlich weiß wirklich JEDER, dass in Tschetschenien Katzen sehr gerne gekocht und verspeist werden... und wenn man jemandem in Tschetschenien ein Katzerl schenkt, dann ist das so, wie wenn man bei uns jemandem ein Würstl schenkt!

    Auf dieses Posting antworten
    • gerlinde666 | vor 468 Tagen, 15 Stunden, 27 Minuten

      waaaas?!