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Musik, Film, Heiteres

Robert Rotifer London/Canterbury

Themsenstrandgut von der Metropole bis zur Mündung: Bier ohne Krone, Brot wie Watte und gesalzene Butter.

11. 8. 2013 - 08:04

"Keep me away from my computer"

Am Montag in FM4 Heartbeat - mein Gespräch mit Tyler Taormina alias Cloud über seine fabelhaften "Comfort Songs" als Mittel zur Flucht aus der digitalen Enttäuschung.

FM4 Heartbeat

Jeden Montag, 22-00 Uhr auf Radio FM4 und für 7 Tage on Demand

Ich bin ja schlecht im Skypen. Entweder wortkarg oder schnatterhaft, auf jeden Fall nicht entspannt. Aber Tyler Taormina aka Cloud ist ungefähr halb so alt wie ich und das Angebot eines transatlantischen Telefongessprächs (der alte Trick: Jeder nimmt sich jeweils beim Sprechen auf und ich mische dann die zwei Gesprächshälften zusammen) stieß auf eine ähnlich verdutzte Reaktion, als hätte man mir vor 22 Jahren ein Interview per Telegramm vorgeschlagen. Mit Festnetz ins Ausland telefonieren? Geht das überhaupt?

Es wurde also doch Skype, mit dem Resultat, dass man mich auf der Aufnahme sinnlos bis hinüber nach Long Island brüllen hört, so wie in meiner Kindheit ältere Leute in den Fernsprechapparat zu donnern pflegten.

Cloud im Gegenlicht

Samira Winter

Foto: Samira Winter

Bei der Gelegenheit bekam ich Tyler Taormina zum ersten Mal zu Gesicht. Bisher hatte ich von ihm nämlich bloß ein grob gepixeltes Schwarzweiß-Foto und obiges, mehr von suburbanem Außenseiter-Flair als von seinem Hauptdarsteller erzählendes Anti-Porträt gesehen.

Die Taktik, alle Aufmerksamkeit auf die Musik zu lenken, war jedenfalls voll aufgegangen. Clouds Album "Comfort Songs" ist eine weite Fahrt, eine komplette LP samt schlau inszenierten Übergängen, und wie zuvor bei Animal Collective oder These New Puritans und unzähligen anderen Bands, die mir in den letzten Jahren vors Mikrophon liefen, führte die unvermeidliche Frage nach der eklatanten Divergenz zwischen der künstlerischen Absicht der Musikmachenden und den Hörgewohnheiten der Publikumsmehrheit zu einem leidenschaftlichen Bekenntnis zur langen Form.

"The album is the art form for me", sagte er.

*TLDR = "too long didn't read", populär gewordenes Eingeständnis digitaler Verdummung.

Bloß ist Tyler Taormina jung genug, um es noch ein Stückchen ernster als seine Vorgänger zu meinen: Er ist schon lange nicht mehr auf Facebook, war nie auf Twitter und betreibt ernsthaft Meditation, um sich den Ablenkungen des TLDR*-Zeitalters zu entziehen.

Im ersten Lied aus dem Reigen der "Comfort Songs" namens "Cars & It's Autumn" fällt der prosaisch unkryptische Wunschsatz: "Keep me away from my computer for it only disappoints me."

Es hat sich ja schon lange angekündigt. Steve Jobs' Kinder (zumindest die Freaks, die mich interessieren) wollen nicht mehr. Taorminas Pseudonym "Cloud" ist als das genaue Gegenteil seines Homonyms zu verstehen, das einen von den Vertragspartnern der NSA überwachten Zugang zu einer anonymen Serverfarm bezeichnet.

Und wenn ich das zwar allzu offensichtliche, aber doch aussprechenswerte Gleichnis noch weiter dehnen darf, dann ist diese Wolke sicher keine I-, sondern eine We-Cloud, hallen die "Comfort Songs" doch überall wider von den Stimmen und unterstützenden Instrumenten der ganzen (Ex-)New Yorker (mittlerweile hauptsächlich nach LA verzogenen) Gesellschaft rund um Taorminas anti-hippe Proberaum-Heimat Practice Room Records, allen voran Samira Winter, die auf dem Song "Stomach Pit" teils die Hauptstimme übernimmt und so das Album vom Verdacht männlich isolationistischen Selbstmitleids befreit.

Skype Screenshot von Tyler Taormina

Robert Rotifer

Die Ironie ist natürlich, dass wir unser Gespräch zwischen Long Island und Kent online führten und dass "Comfort Songs" in physischer Form nur auf dem Londoner Mini-Label Audio Antihero in einer Mikro-Auflage von 140 Stück erschienen und daher hauptsächlich digital zu erstehen ist.

Die nebst der Hoffnung auf ein verbliebenes CD-Exemplar einzig ästhetisch korrekte Vorgehensweise wäre also, das Ding herunterzuladen, zu brennen und in bildschirmloser Umgebung über halbwegs ordentliche Speakers oder Kopfhörer anzuhören. Man verzeihe mir die spießige Gebrauchsanweisung, aber in diesem Fall ist das essentiell.

Plattencover Cloud - Comfort Songs

Audio Antihero

Songs wie der großartig repetitive "Desperation Club" oder die völlig unerwartet in Wyattsche Jazz-Gefilde abbiegende Schlussnummer "Halley's Comet" mit ihrer Absage an die Identitätskrise der Vintage-Ära ("And though this life's recycled now / It is mine /It is my time") lassen sich in einem anderen Kontext gar nicht verstehen.

Tipp

Das FM4 Heartbeat gibt es auch zum Nachhören, für sieben Tage hier:

Außer vielleicht in jenem, am Montag um 22 Uhr den Muttersender aufzudrehen und in meiner Ausgabe von FM4 Heartbeat das mit reichlich "Comfort Songs" durchmischte Protokoll unseres Skype-Gesprächs anzuhören; samt ausgewählten Momenten aus dem unvorhergesehenem Ende des Interviews, als Tyler die Rollen umdrehte und mir Fragen über meine eigene musikalische Sozialisation zu stellen begann. Der Gute ist nämlich obsessiv anglophil, hat ein ausgeprägtes historisches Interesse an Zeitzeugenberichten aus der Shoegazing-Periode (die ich ihm auch geliefert, aber zur Schonung der HörerInnen aus der Radiofassung wieder rauseditiert hab) und kennt den Gesamtkatalog von Sarah Records auswendig.

In zwei Wochen wird Tyler - seinen New Yorker FreundInnen hinterher - nach L.A. ziehen und sich dort als Skriptschreiber beim Kinderfernsehen bewerben. Die Idee, von der Musik zu leben, kommt ihm gar nicht erst in den Sinn. Irgendwann einmal eine Vinyl-LP zu veröffentlichen, das wäre allerdings sein größter Traum.

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Forum

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  • jonasophie | vor 414 Tagen, 18 Stunden, 34 Minuten

    Wer das nicht gehört hat, sollte es schleunigst nachhören. Eine ganz großartige Sendung war das.

    Auf dieses Posting antworten
    • rotifer | vor 414 Tagen, 7 Stunden, 39 Minuten

      Danke!

  • billyhunt | vor 414 Tagen, 19 Stunden, 53 Minuten

    ur super!

    Auf dieses Posting antworten