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Musik, Film, Heiteres

Andreas Gstettner-Brugger

Vertieft sich gern in elektronische Popmusik, Indiegeschrammel, gute Bücher und österreichische Musik.

29. 8. 2013 - 14:34

In Tiermasken die Seele baumeln lassen

Zwischen Chill-Out-Roadmovie und Kaufhaus-Verfolgungsjagd. Videos von Pischinger & Dermota, Hidden By The Grapes, Destroyed But Not Defeated, Soft Plastic und Farwell Dear Ghost.

Musikvideos sind - entgegen mancher Annahmen - eine hohe Kunst. Vorausgesetzt sie schaffen es, den schon bestehenden Song zu bereichern, ihm eine zusätzliche Ebene hinzuzufügen oder das Lied gar zu überflügeln. Denn manchmal passiert es, dass eigentlich erst der kleine Film die Größe des Musikstücks so richtig herausstreicht.

Wege dorthin gibt es viele. Manche KünstlerInnen erzählen eine Geschichte (wobei das Spiel mit der Chronologie auch nicht selten ist), andere fokussieren auf die darzustellende Musik und dritte wiederum drehen gleich ein kleines Road-Movie.

Wenn der Song an sich schon gut ist und dann auch noch die Bilder dazu passen, dann können all diese Ansätze zu schönen Musikvideos führen. Auch in Österreich, versteht sich.

Für eine Handvoll Süßigkeiten

Sie hat mir schon viel akustische Freude bereitet, die steirische Gitarren-Combo Hidden By The Grapes. Der etwas rotzig-freche Zugang, ob nun auf musikalischer oder inhaltlicher Ebene, hat mich nicht nur einmal schmunzeln und mir das Trio ans Herz wachsen lassen. Nach ihrem letzten Album mit dem großartige Titel "if radios spoke with their hearts" erscheint im September ihr neues Werk. "Don't Let Me Robert Downey Jr." ist der witzige Vorbote. Im Video sieht man Tiermasken und eine Verfolgungsjagd durch ein Kaufhaus, musikalisch wird es von dem für die Band typisch punkigen Gitarrennoise begleitet. Und mit dem blechernen Sound eines zu Boden fallenden Schäufelchens ist nach knapp drei Minuten alles auch schon wieder vorbei, wie ein seltsamer Tagtraum, der einen ein bisschen verwirrt, aber auch belustigt zurücklässt.

Folge mir in die 90iger

Ebenfalls im September erscheint das Debüt "Halilopeux" des Wiener Indie-Pop-Duos Soft Plastic. Marco Divic und Nina Leinwatter fischen bei ihrem Titelsong dabei in den magisch glitzernden Soundgewässern der frühen 90iger Jahren. Namen wie Sonic Youth, Pavement, Sebadoh und noch viele weitere schwirren mir bei diesem schönen Popstück durch den Kopf. Mich hat das Duo mit ihrem eigenständigen Stilmix auf alle Fälle am Haken, was wiederum wundervoll zum verschieden interpretierbaren Bandnamen passt. Wenn auch die anderen Stücke des Debüts in so einer luftig-lockeren Popatmosphäre daherkommen, dann könnte "Halilopeux" eine funktionierende Akustiktherapie zur anbahnenden Herbstdepression darstellen. Was auch immer der Titel des Albums bedeuten mag.

Die Liebe ist dicker als Blut

Ein Song, der mich diesen Sommer geradezu umgehauen hat und der auch ein sehr schönes und fast schon poetisches Video besitzt, ist "Cool Blood". Wie fast aus dem Nichts hat mich Farwell Dear Ghost getroffen, die Band rund um den Singer/Songwriter Philipp Szalay. Es ist eine geheimnisvolle, düstere aber nicht hoffnungslose Stimmung, die sich um die Songs von Farwell Dear Ghost ranken. Viel Melancholie, viel Sehnsuchtsmelodien, ein berührendes Timbre in Szalays Stimme, ausgefeiltes Songwriting, epische Momente und viel Indiesound. Diese Ingredienzien schrauben die Erwartungen für das im November erscheindende Album enorm hoch. "We Color The Night" - soviel muss ich schon verraten - ist ein Geniestreich, ein wärmendes, umarmendes Album für die neblige Herbstzeit. Die erste Single "Cool Blood" ist somit die Spitze des musikalischen Popeisbergs. Wobei das visuell perfekt gestaltete Video noch einmal eins draufsetzt.

Entschuldigung, ich muss mich mal beschweren

Handwerklich präzise und mit feinem Gespür für großartige Melodien fegen uns Destroyed But Not Defeated ihre dritte Single "The Malaise Song" um die Ohren. Es ist erfrischend, einen derart kompakten Sound und cleveres Songwriting zu hören und dazu ein auf das Wesentliche reduziertes Video zu sehen. Klar, das alles wirkt wie in den glorreichen Indietagen, die schon zwanzig Jahre zurück liegen, aber gleichzeitig löst dieser schnittige Popsong ein Hoffnungsgefühl aus, dass der damalige Sound nicht verloren gegangen ist und nicht einfach platt kopiert wird, sondern wieder zu einem gegenwärtig relevanten Stil weiterentwickelt wurde. Destroyed But Not Defeated schaffen es zudem, dem nur 2:26 minütigem Song eine wichtige message mitzugeben. Ein unprätentiöser Protestsong des guten musikalischen Geschmacks mit einem brandneuen Video versehen.

Daheim ist's doch am schönsten

Ich weigere mich zu glauben, dass der Sommer schon vorbei ist. Es kann ja gar nicht angehen, dass ich nach dem großartigen aber kalten Abend vom Klangbadfest mit Garish durch Nebelschwaden nachhause fahre und das Gefühl habe, es sei schon Ende Oktober. Solch finstere Emotionen lassen sich mit einem der Sommerdancesongs 2013 leicht wegpusten. Pischinger & Dermota beamen uns mit ihrem entspannten Beats gleich in die heiße Zeit des Jahres zurück, in der es nichts schöneres gibt, als die Seele baumeln zu lassen. Einerseits bin ich schon der Strandtyp, aber mein begeistertes Kletterherz hat bei dem kleinen Chill-Out-Roadmovie "Lass die Seele baumeln", das durch die heimische Berglandschaft führt, höher geschlagen. Oftmals braucht man gar nicht weit weg zu fliegen, viel Geld für Übernachtungen und Verköstigungen im karibischen Paradies auszugeben, wenn es doch vor der Haustür so dermaßen schön sein kann. Man braucht lediglich ein kleines Zelt, eine Ente und gute Freunde. Und den richtigen Sound, versteht sich.

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  • dinafour | vor 335 Tagen, 7 Minuten

    auch nicht schlecht)

    http://www.youtube.com/watch?v=WiHto-CXxEY
    http://www.youtube.com/watch?v=1wJtZ_uPoFY

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