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Musik, Film, Heiteres

Zita Bereuter

Gestalten und Gestaltung. Büchereien und andere Sammelsurien.

20. 10. 2013 - 12:48

Alzheimer im Comic

Die Erinnerungen sind da, aber nicht immer fassbar - die zwei mehrfach ausgezeichneten Graphic Novels "Kopf in den Wolken" und "Das große Durcheinander".

Über Alzheimer und Demenz wurden in den letzten Jahren immer wieder Filme gedreht und Bücher geschrieben. Und auch Comics produziert - und erfreulicherweise auch ins Deutsche übersetzt. Etwa "Das große Durcheinander. Alzheimer, meine Mutter und ich." von Sarah Leavitt oder die vor wenigen Tagen erschienene Graphic Novel "Kopf in den Wolken" von Paco Roca.

"Das große Durcheinander"

Sarah Leavitt studiert und lebt in Vancouver, als ihre Mutter Miriam ihre Stelle als Lehrerin kündigt. Miriam, eine energievolle Frau mit klaren Prinzipien, wirkt nach der Kündigung unglücklich und verwirrt. Einerseits vergisst sie Dinge und findet Wege nicht mehr, andererseits hat sie Probleme mit einfachen Tätigkeiten, wie dem Öffnen einer Schiebetür. Auf ihre zwei Töchter und ihren Mann reagiert sie immer wieder wütend oder traurig. Die Familie schiebt dieses Verhalten erst auf die Wechseljahre, dann auf mögliche Depressionen. Zwei Jahre später wird es als Alzheimer diagnostiziert. Ein Schock für alle Beteiligten.

Sarah Leavitt skizziert und notiert den Krankheitsverlauf ihrer Mutter über sechs Jahre lang immer wieder. Diese sehr persönlichen Erinnerungen hat sie nach dem Tod ihrer Mutter zu einer gefühlvollen intimen "Graphic Memoir" verarbeitet.

buchcover das große durcheinander comic

beltz verlag

Sarah Leavitt: "Das große Durcheinander. Alzheimer, meine Mutter und ich." Übersetzt aus dem Amerikanischen von Andreas Nohl, Beltz 2013

Offen und direkt erzählt sie erst von einem harmonischen Familienleben inklusive ihrem Outing, um dann zur Krankheit und dem langsamen Abbauen der Mutter zu wechseln. Tabulos schildert sie die Inkontinenz ebenso wie die allmähliche Veränderung des Charakters und letztlich ihrer Identität.

Daneben wachsen die Hilflosigkeit, Verzweiflung und Belastung der Familie ebenso wie Zorn, Schmerz und Angst. Dennoch gibt es auch viele schöne und berührende, ja sogar lustige Begebenheiten, hält diese Familie doch eine sehr starke Zuneigung und Liebe zusammen. "Das große Durcheinander" erzählt schonungslos realistisch - umso erfreulicher sind die poetischen Momente, die immer wieder auftauchen.

Ihr direktes Erzählen unterstreicht Sarah Leavitt mir ihren sehr reduzierten, zerbrechlich scheinenden schwarz-weißen Skizzen. Die wirken teilweise wie Kinderzeichnungen - aber genau das macht den langsamen Tausch zwischen Mutter- und Tochterrolle noch viel deutlicher.

"Kopf in den Wolken"

Bunt - wenngleich mit gedeckten Farben - ist die Anfang Oktober erschienene Graphic Novel "Kopf in den Wolken". Geschrieben und gezeichnet hat sie einer der erfolgreichsten spanischen Comiczeichner Paco Roca. "Arrugas", also Falten, heißt das Original von 2007, das bereits verfilmt wurde - sowohl der Film "Arrugas" (Auf Englisch "Wrinkles") als auch das Buch wurden mehrfach ausgezeichnet.

Buchcover Kopf in den Wolken - Comic

Paco Roca/Reprodukt

Paco Roca: "Kopf in den Wolken." Übersetzt aus dem Spanischen von André Höchemer, Reprodukt 2013

Die deutsche Übersetzung "Kopf in den Wolken" bezieht sich auf das vorgestellte Zitat Buddhas "Die Wolke verschwindet nicht, sie verwandelt sich in Regen." So verhält es sich auch mit den Erinnerungen der Protagonisten, die in einem spanischen Altersheim leben. Ihre Erinnerungen sind da, aber nicht immer fassbar.
Die alten Leute sind eine liebevolle Truppe, mit unterschiedlichen Eigenheiten und Ticks. Eines ist aber allen gemein - sie wollen auf keinen Fall in die geschlossene Abteilung für Demenzkranke - denn aus der kommt niemand mehr zurück.

Im Mittelpunkt steht der ruhige Emilio, ein ehemaliger Banker. Er teilt sein Zimmer mit Miguel, einem ausgefuchsten Pensionisten, der mit einigen Altersheim-Insassen das eine oder andere krumme Geschäft abschließt. Er ist es auch, der Emilio im Kampf gegen das Vergessen und den geistigen und körperlichen Verfall unterstützt. Letztlich ist es auch ein Kampf gegen die Einsamkeit.

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Die meisten Figuren sind angelehnt an Geschichten von Freunden und deren Familien, erklärt Roca seine Arbeit. Auch wenn das alles sehr traurig und schwermütig klingt, gibt es lustige Passagen und Situationen. Ohne Humor sei die Krankheit kaum zu ertragen, meint Roca. Verstärkt wird dies durch seinen leichten Zeichenstrich - in der Tradition der Ligne Claire. Also klare Konturen und einfärbige Flächen. In diesem Fall ist die Farbwahl sehr harmonisch und stimmig - erdige Pastelltöne unterstreichen die ruhige Atmosphäre.

"Kopf in den Wolken" ist nicht nur sehr schlau erzählt sondern auch gezeichnet - so lösen sich etwa in einem Gesicht allmählich Augen, Nase und Mund auf und es bleibt eine leere Kopfform. Auf einer einzigen Doppelseite zeigt Paco Roca die lähmende Monotonie eines Tages im Altersheim - ein einfacher Bildausschnitt des Gemeinschaftsraums zieht sich über elf Panels. Auf dem zwölften Bild wird der Protagonist von seinem Zimmernachbar am Abend harmlos gefragt: "Na, wie war dein Tag?"

comic - szene in einem altersheim

Paco Roca/Reprodukt

"Kopf in den Wolken" und "Das große Durcheinander" bieten den Idealfall einer Graphic Novel: Wort und Bild ergänzen sich optimal und erzählen über das gezeigte hinaus. Und das bei einem Thema, das alles andere als leicht ist.

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