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Musik, Film, Heiteres

Irmi Wutscher

Gesellschaftspolitik und Gleichstellung. All Genders welcome.

16. 10. 2013 - 18:10

Intervention im Burgtheater

Ein Billeteur "stört" den 125-Jahr-Kongress in der Burg, indem er in der Pause darauf hinweist, dass er und seine KollegInnen anstatt beim Theater bei einer internationalen Sicherheitsfirma angestellt sind. Shocking?

Vergangenen Samstag hat das Wiener Burgtheater anlässlich seines 125-Jahr-Jubiläums zu einem Kongress unter dem Motto "Von welchem Theater träumen wir?" geladen. Über Utopien im Theater soll hier nachgedacht werden, mit Vorträgen und Diskussionen von "kritischen" KünstlerInnen wie Andrea Breth, Rene Pollesch, oder Claus Peymann.

Medien greifen das Thema auf:

In der Pause steigt ein Billeteur des Burgtheaters, Christian Diaz, auf die Bühne und ergreift das Wort. Aber weiter als bis zu seiner Begrüßung kommt er nicht, er wird von der Kuratorin des Kongresses Karin Bergmann unterbrochen. Sie weist darauf hin, dass der Kongress "eh schon mit der Endzeit ein Problem kriegt".

Diaz kann immerhin noch unterbringen: "Mein Arbeitgeber ist nicht das Burgtheater, sondern der weltgrößte Securitydienstleister, der in eine Vielzahl von Menschenrechtsverletzungen verwickelt ist. Ich arbeite mit großer Begeisterung für das Theater, merke aber, dass diese Themen hier überhaupt nicht thematisiert werden!" Es gibt Applaus.

Bergmann findet es auch "ganz schlimm", dass Dienstleistungen outgesourct werden, "aber das werden wir heute nicht diskutieren". Worauf Diaz darauf hinweist, dass hier zwar Theorien von Foucault, insbesondere die der Heterotopie thematisiert würden, "aber nicht, dass im eigenen Haus unsolidarische, ungerechte Arbeitsverhältnisse herrschen". Daraufhin wird er mit dem Argument "Die Leute sind gekommen, um die Schauspieler zu sehen!" von der Bühne gebeten.

Übernahme ehemals öffentlicher Dienste

Der Billeteur kann seine Rede nicht zu Ende halten. Auf dem Blog burg4s.tumblr.com wurde die ganze Rede veröffentlicht:

"G4S ist spezialisiert auf Outsourcing Solutions. Das heißt, es profitiert von der Übernahme ehemals öffentlicher oder korporativer Dienste." heißt es da. Oder "Die Outsourcing Modelle des Unternehmens beruhen auf Kostensparung und das heißt de facto: Personalkosten-Einsparung."

G4S ist ein ein dänisch-britisches Securityunternehmen mit Hauptsitz in Großbritannien. Neben privaten Sicherheitsdiensten unterhält es auch private Gefängnisse und Flüchtlingsheime in ganz Europa und den USA. In Österreich hat G4S gerade den Vertrag für ein Abschiebegefängnis in Vordernberg in der Steiermark unterschrieben. "Es ist dies das erste Mal, dass eine österreichische Regierung ein derartiges Unternehmen in private Hände gibt", heißt es auf der Seite des Unternehmens.

In der nicht gehaltenen Rede wird außerdem aufgezählt, dass das Security-Unternehmen G4S in zahlreiche Skandale und Kontroversen rund um Menschenrechtsverletzungen verwickelt ist.

"Ständiger Gewissenskonflikt"

Ja, von welchem (Burg-)Theater träumen wir? Offensichtlich nicht von einem, dass sich kritisch mit globalen Arbeitsverhältnissen auseinandersetzt. Das Burgtheater hat am Montag eine Replik auf die Rede des Billeteurs veröffentlicht. Darin heißt es:

"Die Direktion des Burgtheaters hat Sympathien mit allen, die in den globalisierten Märkten Gerechtigkeit suchen. Es ist uns bewusst, dass mit dem Besuch einer Tankstelle oder eines Oberbekleidungsgeschäftes der aufgeklärte Bürger in ständigen Gewissenskonflikt gerät. Nach unseren Recherchen wurden die Geschäftsgebaren der Sicherheitsfirma in Österreich immer wieder als gesetzeskonform überprüft."

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Forum

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  • kletze | vor 985 Tagen, 1 Stunde, 20 Minuten

    Boykott

    Eigentlich ein Grund das Burgtheater zu boykottieren!! Respekt für den Billeteur!

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  • tuuli | vor 1010 Tagen, 9 Stunden, 19 Minuten

    Fuer mich die "Aktion" des Jahres!

    Super gemacht und auf den Punkt gebracht, Christian Diaz!

    Und zu Vordernberg: vermutlich gleich Schweigeklausel im Vertrag, das die Firma nach außen also oesterr. Oeffentlichkeit ueber nicht direkt kommuniziert - etwa bei Betreuungsstelle Ost vulgo Fluechtlingslager Traiskirchen der Fall.
    Sehr bedenklich.

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    • rogersandega | vor 1009 Tagen, 13 Stunden, 58 Minuten

      Das ist bei der Firma ohnehin Usus: Interviewverbot der Mitarbeiter mit Medien.....

  • rogersandega | vor 1010 Tagen, 13 Stunden, 34 Minuten

    Ah, da hat wohl jemand bei FM4 den Artikel der "Berliner Zeitung" gelesen & 1:1 abgeschrieben..... ;-)

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  • biased | vor 1011 Tagen, 4 Stunden, 35 Minuten

    Es wundert mich jetzt, dass der Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma

    bei einer öffentlichen Veranstaltung seinen Arbeitgeber der Menschenrechtsverletzungen bezichtigen kann und am nächsten Tag immer noch seinen Job hat.

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    • evaumbauer | vor 1010 Tagen, 22 Stunden, 48 Minuten

      Danke, liebe Irmi, für

      diesen interessanten Artikel.