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Musik, Film, Heiteres

Julia Gindl

Über das sogenannte Internet, von dem man immer in der Zeitung liest.

1. 12. 2013 - 12:44

Doch ziemlich unheimlich

Selbstversuch Netzwerkanalyse. Was verraten Verbindungen über mich? Das eigene Facebook-Profil unter der Lupe des Netzwerkspezialisten.

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Es sind nur die Namen meiner 299 Facebook-Freunde und deren Verbindungen untereinander, die sich Jürgen Pfeffer von meinem Facebook-Account in sein Datenanalysetool zieht. Keine Informationen von meinem Profil, keine Infos über meine Freunde und auch keine Informationen darüber, wie häufig ich mit welchen Freunden auf Facebook kommuniziere. Als die Namensliste meiner Freunde auf Jürgen Pfeffers Bildschirm aufscheint, fühlt es sich so an, als hätte ich Pfeffer Zugang zu meinem gesamten Facebook-Profil samt privater Nachrichten geben.

Doch zum Beruf von Jürgen Pfeffer gehört es, Netzwerkstrukturen zu analysieren, ohne Inhalte oder Interaktionen innerhalb eines Netzwerkes zu kennen. Der Burgenländer arbeitet am Institute für Software Research an der Carnegie Mellon Universität in Pittsburgh. Für die Analyse meines Netzwerkes schießt er meine Daten durch mehrere selbst entwickelte Tools.

Netzwerk

ORF Radio FM4/Julia Gindl

Das ist also meine Lebenswelt auf Facebook: Meine 299 Freunde und die 4000 Verbindungen untereinander sehen ungefähr so aus.

Mein Leben gliedert sich also laut Facebook in fünf Gruppen, die alle miteinander verbunden sind. Pfeffer interessiert sich vor allem für jene Freunde, die die Gruppen miteinander verbinden. Nachdem ich die Gruppe mit den meisten Datenpunkten als "Herkunftsgruppe" identifiziert habe, also Freunde und Bekannte, die auch in Wien 16 aufgewachsen sind, zoomt Pfeffer in die 299 Datenpunkte hinein. Langsam tauchen neben den Datenpunkten die Namen meiner Facebook-Freunde auf.

Zwischen meiner "Herkunftsgruppe" und der Gruppe meiner Schulkameraden fokussiert Pfeffer einen Datenpunkt: "Diesen Punkt schauen wir uns jetzt einmal genau an, der spielt hier eine wichtige Rolle, eine dominante Person, das ist sicher deine beste Freundin aus der Schulzeit, die auch aus deinem Bezirk ist und mit dir in die Schule gegangen ist. Das ist die Magdalena."

Jürgen Pfeffer hat Recht, er grinst. Ohne mit der Wimper zu zucken, identifiziert er zwei prominente Datenpunkte, wie er es nennt, als zwei gute Freundinnen Johanna und Mari, die laut Pfeffer mein Netzwerk zusammenhalten, da sie mit fast allen Gruppen verbunden sind und auch noch miteinander befreundet sind. Johanna ordne ich meiner "Herkunftsgruppe" zu, Mari meiner "Studiengruppe". "Wenn du heute im 16. Bezirk etwas anstellst und morgen spricht dich ein Studienkollege darauf an," lacht Pfeffer, "dann ist es bestimmt über diese Achse Johanna – Mari gegangen."

Jürgen Pfeffer macht die Soziale Netzwerkanalyse sichtlich Spaß, vielleicht auch, weil ich umso skeptischer schaue, je länger wir vor meiner Netzwerkgrafik sitzen. Pfeffer zoomt in die Grafik hinein, zoomt wieder hinaus und klickt auf den nächsten Datenpunkt: "Das ist dein Freund, stimmt's?" Auch damit hat Pfeffer Recht. Vom Datenpunkt meines Freundes folgen wir den Verbindungen weiter zu einer Ansammlung von Datenpunkten, die sich hinter meinem Freund versammeln. Das wären dann die Freunde meines Freundes, vermutet Pfeffer: "Das ist die einzige Gruppe, die von deinen anderen Freundeskreisen weggeblockt ist, das ist ein Zeichen dafür, dass ihr noch nicht so lange zusammen seid's. Ich würde sagen, nicht länger als zwei Jahre. Bei längeren Beziehungen gibt es mehr Überschneidungen mit den besten Freunden des Freundes." Und auch hier liegt Jürgen Pfeffer richtig.

Diese Strukturen seien das Abbild meiner sozialen Vergangenheit, entgegnet der Computerwissenschaftler meinem fragenden Blick. Er fragt mich, ob ich Wien jemals für ein Auslandssemester verlassen habe. Da sich in meinem Netzwerk alle meine Gruppen und Lebenswege sozial überschneiden, könne sich Pfeffer nicht vorstellen, dass ich eine Zeit lang weg war. Auch das stimmt.

Ein Netzwerk von jemandem der Brücken abbricht, sehe anders aus, meint Pfeffer. Er habe einmal eine Netzwerkanalyse einer Studentin aus Osteuropa durchgeführt, die zum Studieren nach Westeuropa gekommen ist: Ihr Netzwerk war kein geschlossener Kreis, sondern habe ausgeschaut wie eine Kette, erzählt Pfeffer: "Das heißt, ein oder zwei Freunde werden mitgenommen zur neuen Gruppe in deiner neuen Stadt, der Rest wird zurückgelassen, da ist kein Bemühen da, die Gruppen miteinander zu verbinden."

Es geht hier nicht um Facebook-Bashing. In Netzwerken verwoben sind wir in vielen Lebensbereichen. Online, offline, privat, beruflich, ob es uns gefällt oder nicht. Facebook ist nur ein einfaches und modernes Beispiel für Netzwerkanalysen – im Bereich Marketing und Lobbying werden diese seit Jahren verwendet. Sie zeigen zum Beispiel, wie Firmen über ihre Aufsichtsräte und Vorstände, die auch in anderen Firmen sitzen, verknüpft sind. Oder wie zum Beispiel Ärzte in Wien miteinander vernetzt sind – über ihre gemeinsamen Publikationen von Studien. Welche Akteure die aktiven Personen in einem Netzwerk sind und welche die Meinungsmacher sind – das wäre dann zum Beispiel auch für Pharmafirmen interessant, meint Jürgen Pfeffer: "Würden wir beispielsweise ein Netzwerk von österreichischen Zahnärzten und ihren Publikationen abbilden, würde das ähnlich aussehen wie dein Facebook-Netzwerk," erklärt mir Jürgen Pfeffer, "die Analyse wäre dieselbe, nur die Datenbasis ist eine andere. Hier wären die Publikationen die Verbindungen. Aber ich würde genauso Cluster identifizieren, schauen wer wichtig ist in diesen Clustern und wer diese Cluster miteinander verbindet. Und den Pharmakonzern würde dann natürlich interessieren, mit wem er Golf spielen gehen soll."

Auch wenn die Methode der Sozialen Netzwerkanalyse nichts Neues ist, am eigenen Netzwerk demonstriert zu bekommen, was aus sozialen Verbindungen über mich gemutmaßt werden kann – und zum Teil auch noch stimmt – war doch ziemlich unheimlich.

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  • rosat | vor 1209 Tagen, 12 Stunden, 57 Minuten

    und jetzt stell dir vor

    das wären nicht "freundschaften" in facebook, sondern telfon- oder email-verbindungen. also wer mit wem wie oft/wie lange telefoniert, smst und mailt. die netzwerkgrafik sähe ähnlich aus, nur könnte man aus häufigkeit und gesprächsdauer die intensität der beziehungen noch genauer bewerten. außerdem wäre das netz vollständiger, denn du bist ja vermutlich nicht mit allen menschen, die du kennst, auf facebook verknüpft - eltern, tanten, ärzte, lehrer... wenn du dir dieses diagramm vorstellst, dann weisst du, wozu man vorratsdatenspeicherung braucht. denn genau das wird dort gespeichert. von jedem. gruß rosa

    Auf dieses Posting antworten
    • johnleehookerelectro | vor 1208 Tagen, 16 Stunden, 10 Minuten

      mit der heutigen technik is es trotzdem noch küchenpsychologie

      die streuung und kanalisierung der big data is noch so wissenschaftlich wie ne telefonumfrage über knabbergebäck."mjaaa mmnneiiin".
      maybe 90% probalität von pseudoerkenntnisen und zuschreibungen höchstens..kein seriöser wissenschafler nimmt das ernst.marketing halt schon




      interessant wirds erst da

      http://www-01.ibm.com/software/data/bigdata/

      http://singularityhub.com/2013/08/11/darpa-ibm-neurosynaptic-chip-and-programming-language-mimic-the-brain/

    • rosat | vor 1208 Tagen, 6 Stunden, 10 Minuten

      ist aber heute

      schon realität in der alltäglichen polizeiarbeit. und natürlich bei den diensten. ganz ohne neuro-synaptischen voodoo. (big data wird per se erst mal ziemlich überschätzt) gruß rosa

    • johnleehookerelectro | vor 1208 Tagen, 5 Stunden, 5 Minuten

      ja das ist ja der punkt wenn du dir den artikel durchliest oder gleich zur DARPA seite gehst
      schau
      mit der heutigen big data technologie is es so als ob du mit nem duplo bausatz ein lego technik fahrzeug entwickeln willst...

      ergo entwickelt man korrelierendere und detailiertere variablere bausteine.(die in dem fall die linke und rechte hirnhälfte abdecken und eine andere geschindigkeit von datenverarbeitung erzeugen)

      ich mein es is simpelster dualismus zwischen creative rational undco(das eine behandelt die qualität das andere die quantität..essenz existenz,sein seiend etc gähn) und echt nicht schwierig auf der macroebene im grossen und ganzen zu verstehen

      ein isaac newton wurde zuerst auch von hatern als alchemist und isulionist(aka voodoo) mit polemik verschrien
      genau wie dus jetzt tust

      es is ja nur das beste gefundetste und renomierteste forschungslabor der welt...e nur..du ösi

      gruss göhn

    • johnleehookerelectro | vor 1208 Tagen, 5 Stunden, 2 Minuten

      oder nenns die onthologische differenz die gekoppelt wird du sympathischer schlumpf

    • johnleehookerelectro | vor 1208 Tagen, 4 Stunden, 47 Minuten

      die wiener polizei is der DARPA fix um meilen vorraus....yes mam

    • johnleehookerelectro | vor 1208 Tagen, 4 Stunden, 43 Minuten

      der boss im nongrundlagenforschung-game is zzeit wohl noch nate silver

      aber der hat mit dem stumpfsten zu tun...wahlprognosen .er untersuch medien die sich direkt mit politik und wirtschaft verkuppeln...und einem 2parteien system... 2 faktoren..juhu

    • johnleehookerelectro | vor 1208 Tagen, 4 Stunden, 39 Minuten

      hier hab ichs rational verständlich aufgeschrieben...ur anstrengend
      http://fm4.orf.at/stories/1729276/