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Chrissi WilkensAthen

Journalistin in Griechenland

6. 3. 2014 - 10:41

Gefährliches Experimentieren im Mittelmeer

Griechische Wissenschaftler und Bürgerinitiativen wehren sich gegen die Zerstörung chemischer Kampfstoffe im Mittelmeer.

Die chemischen Waffen aus Assads Waffenbeständen loszuwerden, erweist sich als kompliziertes Unterfangen. Bisher wurde geplant, die giftigen Kampfstoffe im Mittelmeer auf offener See zu neutralisieren, an Bord des US Marineschiffs MV Cape Ray und unter Aufsicht der Vereinten Nationen und der internationalen Organisation für das Verbot von Chemiewaffen (OPCW). Doch dieser Plan stößt mittlerweile auf Widerstand aus der griechischen wissenschaftlichen Gemeinde und von lokalen Bürgerinitiativen.

Die Chemiewaffen aus Syrien sollen laut internationalen Berichten mittels Hydrolyse auf offener See zwischen Italien, Malta, Kreta und Libyen zerstört werden. Es handelt sich um bis zu 700 Tonnen gefährliches Material, unter anderem Sarin und Senfgas. Der genaue Ort ist noch nicht bekannt, teilte die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton einem griechischen EU-Abgeordneten mit.

Warnungen und Forderungen

Griechische Kinder mit einem Protestbanner

Bürgerinitiative Gavdos

Protestbanner auf der Insel Gavdos

Länder wie Belgien, Norwegen und Albanien haben die Zerstörung der Waffen auf ihrem Hoheitsgebiet bereits abgelehnt. Das Institut Archipelagos für Meeres-und Umweltrecherche in der Ägäis hat die vorgesehene Zerstörung syrischer Chemiewaffen auf offener See als ein “Umweltverbrechen“ bezeichnet. Bei einer Presserklärung des Instituts wird betont, dass die USA die Basler Konvention über die Kontrolle des Transfers gefährlicher Abfälle über Grenzen und deren Behandlung nicht unterzeichnet haben. Die Forschungsleiterin des Instituts Anastasia Miliou betont, dass die Vereinten Nationen die internationalen Konventionen zum Schutz der Meeresumwelt und der Gesundheit missachten würden und warnte, dass ein gefährlicher Präzedenzfall im Mittelmeer drohe. "Die Wahl des Ortes ist nicht zufällig, da viele Mittelmeerländer mit einer sehr starken Wirtschaftskrise und politischer Instabilität konfrontiert sind, was die Reaktion und die Wachsamkeit der Bürger beeinträchtigt", so in der Presserklärung von "Archipelagos". Die französische NGO Robin des Bois verlangt zusätzlich, dass die 36 Jahre alte MV Cape Ray wo die Hydrolyse stattfinden soll, abgezogen werden müsse weil sie zu alt sei.

Auf Kreta stellen die lokalen Behörden und Wissenschaftler als Mindestforderung, Experten als Beobachter der Aktion teilnehmen zu lassen. Doch diese Forderung wurde bis heute nicht erfüllt. Nun versuchen lokale Bürgerinitiativen zusammen mit Wissenschaftlern und lokalen Politikern durch Protestaktionen die griechische Gesellschaft und die internationale Gemeinschaft auf das Thema aufmerksam zu machen.

Diskussion auf Kreta

Später Nachmittag im Rathaus der Stadt Chania in Westkreta. Im großen Saal sitzen Aktivisten zusammen mit lokalen Politikern und einfachen Bürgern und versuchen die unterschiedlichen Standpunkte zu koordinieren. Von Regierungsebene gibt es so gut wie keine Information über das Thema, beklagt Giannis Malandrakis, Bürgermeister des touristischen Vorortes Platanias. "Die Regierung antwortet auf unsere Fragen mit vagen Hinweisen auf Ereignisse die mit der Operation zu tun haben, aber ohne konkrete Termine und Daten. Das Schlimmste aber ist, dass die Regierung als EU-Ratsvorsitzende nicht darauf besteht, dass unabhängige Beobachter aus Griechenland an dem Verfahren teilnehmen können."

Die Diskussion koordiniert eine Frau mit entschlossener Stimme. Athina Giannoulaki ist Gewerkschafterin und Mitglied einer lokalen Aktivistengruppe. Obwohl die Berichterstattung über das Thema bei den lokalen Medien sehr präsent ist, fürchten viele Kreter, dass eine Debatte auf internationaler Ebene dem Tourismus schaden wird. Doch Athina glaubt, dass gerade der Tourismus ein sehr wichtiger Grund sei, um das Thema an die breite Öffentlichkeit zu bringen. "Das Wachstum unseres Landes hat mit der Sauberkeit unserer Umwelt zu tun - erstens, damit wir hier leben können, und zweitens, damit die Millionen Besucher unser Meer, unsere Luft und Sonne genießen können.", betont sie.

Heikles Experiment

Ein Transparent hängt auf einem Leuchtturm

Bürgerinitiative Gavdos

Protestbanner im südlichsten Leuchtturm Europas auf der Insel Gavdos

Ein paar Kilometer weiter, in einem Hörsaal der Technischen Universität von Kreta, beginnt Evangelos Gidarakos eine Rede. Er ist Professor für Umwelttechnik und spricht über Risiken bei der Zerstörung von Chemiewaffen auf offener See. Wie er betont, ist es das erste Mal, dass die Methode der Hydrolyse auf offenem Meer stattfinden wird, und noch dazu in internationalen Gewässern. Was mehreren Wissenschaftlern Sorgen bereitet, ist die Tatsache, dass die genaue Zusammensetzung der Chemiewaffen noch unklar ist. "Es handelt sich um ein Material, dessen Zusammensetzung wir nicht genau kennen. Nicht einmal die Experten sind sich sicher. Sie werden also eine Substanz verwenden und daran andere Reagenzien anwenden. So werden unterschiedliche Abfälle produziert. Diese sind zwar nicht so giftig wie das Originalmaterial, aber immer noch gefährlich", warnt Professor Gidarakos.

Nach Einschätzungen der Experten wird nach der Hydrolyse das Endprodukt bis zu 14 Mal umfangreicher sein als zu Beginn, das heißt es werden etwa 9.800 Tonnen toxischer Müll produziert. Nach Angaben der internationalen Organisation für das Verbot von Chemiewaffen (OPCW) sollen dabei keine Schadstoffe ins Meer gelangen. Geplant ist ein Abtransport über den Landweg mit Endlagerung an unterschiedlichen Orten, zum Beispiel in Deutschland. Wann genau die Operation stattfinden soll, ist nicht bekannt, da es um eine Militäroperation handelt.

Unklarer Zeitplan

Die Tatsache, dass die Regierung in Damaskus die vom UN-Sicherheitsrat gesetzte Frist für den Abtransport der Chemiewaffen nicht eingehalten hat, verzögert den Prozess. Rund 83 Prozent der gefährlichen Kampfstoffe befinden sich nach Angaben von OPCW noch im Bürgerkriegsgebiet.

Syrien legte dem Leitungsgremium der Organisation einen neuen Zeitplan vor. Demnach sollen alle Chemikalien bis Ende April vom syrischen Hafen Latakia verschifft sein. Die griechischen Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Vernichtung der Chemiewaffen im Mittelmeer sich bis Ende Juni hinziehen könnte. Für den 9. März wird eine große Demonstration vorbereitet, im Hafen von Souda auf Kreta, in der Nähe einer NATO-Basis. Die zentrale Forderung der Demo wird sein, keine Chemiewaffen in der Mittelmeerregion zu zerstören.

Europäische Ignoranz?

Besonders stark ist die Reaktion der etwa 80 Bewohner der winzigen Insel Gavdos im lybischen Meer, die zu Griechenland gehört und den südlichsten Punkt Europas stellt. Wie sie mit einer Erklärung bekannt gaben, werden sie die Europawahlen boykottieren, aus Protest gegen die geplante Operation im Mittelmeer. Sie fordern, dass diejenigen Länder, die die Chemiewaffen produziert haben, sie auch zerstören sollen. Wörtlich heißt es in der Erklärung: "Es ist ein Verbrechen, Gavdos, Kreta, Peloponnes, Malta, Italien und den gesamten Mittelmeerraum zu bedrohen, indem man auf hoher See ein "Experiment" mit extrem gefährlichen Stoffen durchführt, die im Falle eines Unfalls in unser Meer geworfen werden. […] Gavdos dreht einem Europa den Rücken zu, das seine eigenen Völker ignoriert."

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