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Aurora Orso Berlin

Alternative Wirtschafts- und Lebensentwürfe sowie Kunst in all seinen Formen. Hummeln im Hintern tragen sie in weite Fernen.

10. 11. 2014 - 18:30

"Die Mauer ist weg!" - oder auch nicht

Mit "geflüchteten" Mauerkreuzen kämpft das "Zentrum für Politische Schönheit" an der EU-Außengrenze gegen eine neue, weitaus längere Mauer, die gerade am entstehen ist.

Am Tag nach dem 25. Jubiläum des Berlin Mauerfalls finden sich kuriose Verkaufsanzeigen, beispielsweise unter dem Titel "25 Jahre Berliner Mauerfall Lampe Limitiert Anzahl" auf Ebay. Die sogenannte Lampe ist ohne Zweifel einer der Ballons, die für einige Tage entlang der ehemaligen Mauer aufgestellt waren, um die frühere Aufspaltung Berlins sichtbar zu machen. Am Sonntagabend sind diese Lichter feierlich und unter Bewunderung von einer Masse an eigens angereisten Touristen gen Himmel geschickt worden.

Aber nicht allen in Berlin ist bei diesem Anblick zum Feiern zumute.

André Leipold, Aktionskünstler und Mitglied des "Zentrum für Politische Schönheit" ist einer von ihnen: "Während wir den Fall einer Mauer feiern, bekommen sehr viele Menschen überhaupt nicht mit, dass eine gigantische Mauer an den europäischen Außengrenzen gerade am entstehen ist. 30.000 Tote gibt es bisher, die an den Außenmauern zerschellt, dehydriert, gekentert, ertrunken sind." Für ihn sind die Feierlichkeiten ein "inhaltsloser Gedenkzirkus" der selbst die Mauertoten nicht wirklich ehrt.

EU-Außengrenze in Bulgarien

Zentrum für Politische Schönheit

EU-Außengrenze in Bulgarien

Aus diesem Grund hat das Künstlerkollektiv "Zentrum für Politische Schönheit" die Aktion "Europäischer Mauerfall" gestartet.

Den Beginn dieser Aktion läutete das "Entwenden" der sogenannten Mauerkreuze ein, welche normalerweise vor dem Berliner Reichstag stehen und an die Mauertoten erinnern sollen. Die "Flucht" der Kreuze, wie sie die Aktivisten bezeichnen, rasselte durch sämtliche deutsche Medien und manch ein Politiker fühlte sich durch die Aktion in seinem Gedenken gehindert. Der Berliner Innensenator Frank Henkel, der sich im Zuge der Refugeeproteste eine traurige Prominenz erarbeitet hatte, bezeichnete die Tat als "verabscheuungswürdig".

Mauerkreuze

Ruben Neugebauer

Mauerkreuze vor der "Flucht"

Doch was bedeutet es, mit viel Pomp den Fall einer Mauer zu feiern, die Menschen auf der Suche nach einer besseren Zukunft das Leben gekostet hat, wenn genau dies ein paar Tausend Kilometer weiterhin passiert? "Nicht mit warmen Worten sondern mit Bolzenschneidern" machten sich daher etwa 100 Menschen in Reisebussen auf den Weg an die besagten Außengrenzen um "eine friedliche Revolution zu starten und diese Mauer unmöglich zu machen". Es sei dabei nicht die Absicht der Gruppe, die Mauertoten zu entehren sondern ihnen im Gegenteil mehr Bedeutung zukommen zu lassen.

Mauerkreuz an EU-Außengrenze

Zentrum für Politische Schönheit

Mauerkreuz an einem neuen Grenzzaun

Durch die Aktion "Europäischer Mauerfall" würden sich die einstigen Mauertoten mit den heutigen vereinen, um die Menschen, die das Glück hatten auf der "richtigen" Seite der Mauer zu sein, wachzurütteln. Gleichzeitig sei sie auch als Aufruf an die Mitte der Gesellschaft zu verstehen, aktiv zu werden. "Wir richten uns auch an sogenannte Wutbürger, die beispielsweise gegen den Bau eines Bahnhofs in Stuttgart und andere Infrastrukturprojekte wettern, ohne zu bemerken, dass sich derzeit ein riesiges Infrastrukturprojekt im Bau befindet."

Mauerkreuz in Mellila

Patryk Witt

Die Kreuze an der Außengrenze Melilla

Also demonstrierten die Perfomancekünstler, begleitet von einem ansehnlichen Polizeiaufgebot zum Beispiel an der bulgarischen Grenze. Die Bolzenschneider wurden nur symbolisch angewendet, doch trotzdem sieht die Gruppe die Aktion als Erfolg an. Selten ist es mit einer Aktion gelungen soviel öffentliche Aufmerksamkeit auf die Problematik der tödlichen Europäischen Flüchtlingspolitik zu richten.

Die Kreuze sind heute wieder zurück vor dem Reichstag gebracht worden und der deutsche Staatsschutz ermittelt gegen die Beteiligten wegen schweren Diebstahls.

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  • motter | vor 593 Tagen, 18 Stunden, 34 Minuten

    Und ich freue mich auf mehr und weitere Geschichten aus Berlin an dieser Stelle!

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  • motter | vor 593 Tagen, 18 Stunden, 35 Minuten

    Werden gern als "Künstlergruppe" bezeichnet, sehen sich aber als AktivistInnen.
    Weiterlesen z.B. hier: http://is.gd/O0Ni5S

    Bei Truth is Concrete des steirischen herbst in Graz hab' ich sie kennengelernt, alle Achtung: http://is.gd/TG2zjj !

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