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Musik, Film, Heiteres

Johanna Jaufer

Revival of the fittest... aber das war noch nicht alles.

21. 8. 2015 - 21:41

"Flüchtlingskinder"

Patrick Catuz und Wilhelm Ban aus Linz sammeln Stimmen gegen Hass.

#refugeeswelcome

FM4 stellt Initiativen vor, die die Situation von Flüchtlingen in Österreich verbessern wollen. Wir sind für alle weiteren Hinweise über NGOs und engagierte Privatinitiativen dankbar.

Kontakt: fm4@orf.at. Weitere Informationen auf fm4.orf.at/refugeeswelcome

Zwei Linzer haben den Jay-Z-Klassiker "99 Problems" zu einem politischen Einspruch umformuliert. Das Video steht Pate für die Initiative "Flüchtlingskinder". An Patrick Catuz und Wilhelm Ban kann sich jeder mit seiner eigenen Botschaft gegen Fremdenhass wenden. "Wir wollen gar nichts von euch", schreiben die beiden auf ihrer Website, "außer, dass ihr EURE Würde wahrt!"

Patrick hat sich gerade nach Griechenland aufgemacht, um die Situation auf Lesbos und an der Grenze zu Mazedonien zu dokumentieren. Am Telefon erzählt Wilhelm, wie es zum Projekt "Flüchtlingskinder" kam. (Und Österreich ist gerade auf der Suche nach mehr als einem Dutzend "abhanden gekommener" Kinder, die ohne ihre Eltern hier sind.)

Johanna Jaufer: Vielfach liest man dieser Tage von einer "Asylflut", einer "Asylwelle". Eine Flut ist an sich eine gefährliche Naturkatastrophe, vor der man sich in Sicherheit bringen muss. Die Menschen, die kommen, sind aber selbst vor Krieg, Mord, Gewalt und Elend geflohen.

Wilhelm Ban: Genau diese Sprache, mit der die Politik hier arbeitet, ist das Problem: Das ist der Grund, wieso Menschen Angst haben. Diese Menschen wissen genau, was sie sagen.

Mit eurer Aktion "Flüchtlingskinder" wollt ihr etwas anderes sagen.

Patrick und ich sind zusammengesessen und haben über die momentane Stimmung nachgedacht. Für mich ist das größte Problem, dass das Empathieempfinden sinkt. Es ist unglaublich, dass Menschen, die hier neben mir leben, dafür sind, dass Menschen, die woanders leben, ertrinken - und es ist ihnen egal. Das war aber noch "harmlos": Es gab Aufrufe, Menschen zu erschießen, aufzuhängen, in KZs zu stecken. Da denke ich mir: Wir leben in einem Schlaraffenland - was ist mit euch los, was soll das? Die Idee hinter dem Projekt ist, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, worum es hier geht: Menschen wie dich und mich.

Auf eurer Homepage beschreibt ihr euch als "ein Projekt von und mit Flüchtlingen, Kinderflüchtlingen und Kindern von Flüchtlingen". Wieso war es euch als Initiatoren wichtig, euch so dezidiert zu positionieren?

Wie kann man mitmachen?

"Du bist Musikschaffender, Maler, Schreibende? Gib uns positives Feedback über Dinge die dich berühren!"

Was ist gemeint?

"Dinge, die dich berühren. Beispiel: Ich bin letztens thailändisch essen gewesen, habe super Essen bekommen. Ein Glücksmoment in Verbindung mit einem 'fremdländischen' Gericht".

Da könnte man weit ausholen. Rein geschichtlich ist Österreich sowieso immer ein Vielvölkerstaat gewesen. Wenn ein Flüchtling "das Problem" ist - und Flüchtlinge sind für viele, viele Menschen gerade wirklich "das Problem", dann fühle ich mich angegriffen, denn meine Eltern sind Flüchtlinge gewesen. Ich bin also ein Flüchtlingskind. Dementsprechend ist das so etwas wie eine Reaktion.

Jeder fünfte Mensch in Österreich hat Eltern, die im Ausland geboren wurden oder kommt selbst "von woanders". Es sind also viele gemeint, wenn Leute auf Facebook schreiben, "ich hätte gerne, dass man mit dir dasunddas macht".

Ja. Ich glaube nicht einmal, dass die Menschen wirklich grundsätzlich so sind. Ich glaube, dass wir das, was die Rechte in Österreich kommuniziert, unterschwellig und unterbewusst aufnehmen. In dem Moment, wo man darüber nicht nachdenkt, kann einem passieren, dass man "so ein Gefühl kriegt". Ich glaube, das Hauptproblem liegt darin, dass die Flüchtlinge kein Gesicht haben. Dass man nicht sieht, wer das ist: Menschen. Es käme ja auch niemand auf die Idee, einem Menschen mitten auf der Straße Hilfe zu verweigern.

Oder ihm noch Schlimmeres an den Hals zu wünschen.

Genau. Wenn jemand mitten auf der Straße umfällt, ist es für die meisten normal, dieser Person zu helfen. Weil man direkt betroffen ist. Weil man die Person sieht. Weil es direkt neben einem passiert: Man muss helfen. Und darauf ist man als Mensch ja auch "ausgerichtet": Man wird nicht hingehen und noch zusätzlich hintreten. Deswegen denke ich mir: Das Bewusstsein ist ja da. Man muss nur die Relationen zurechtrücken.

Wilhelm Ban

fluechtlingskinder.net

Wilhelm

Dass im Moment in Österreich die Relationen aus den Fugen geraten, sagen viele, die sich mit dem Thema beschäftigen. Rund um das Erstaufnahmezentrum Traiskirchen sind immer noch hunderte Menschen obdachlos. Nach Ungarnkrise und Niederschlagung des Prager Frühlings ist mitunter ein Vielfaches an Menschen gekommen - heute wird in Österreich der Ausnahmezustand ausgerufen - viele Kritiker sagen, dass es leicht möglich wäre, die Geflüchteten menschenwürdig unterzubringen.

Es wäre nicht nur leicht möglich gewesen, sondern es ist die einzige Option. Die Innenministerin lässt sich feiern, wenn wir 250 Menschen in die Slowakei abschieben können. Für mein Empfinden als Österreicher und Flüchtlingskind ist es ein Armutszeugnis, dass wir es nicht zusammenbringen, 250 Menschen aufzunehmen.

Welchen Unterschied würde es im Bewusstsein der Menschen machen, wenn man die Ankommenden ordentlich unterbringen und versorgen würde?

Der Unterschied wäre wahrscheinlich, dass die Flüchtlinge in der Wahrnehmung keine "Probleme" wären.

Patrick Catuz

fluechtlingskinder.net

Patrick

Oft liest man, dass Fremdenfeindlichkeit mit der eigenen Angst zu tun hat. Europaweit gibt es ja viele Probleme, die Junge betreffen - etwa Arbeitslosigkeit.

Ich werde die Probleme der Welt nicht lösen können, dessen bin ich mir bewusst. Es stellt sich aber die Frage: Was kann ich tun, wozu bin ich fähig? Wenn ich mich für etwas einsetze, dann dafür, klarzumachen, dass wir alle nichts davon haben, wenn wir auf Panikmache und Hetze reagieren und uns Angst machen lassen. Wenn wir Angst haben, können auf dieser Basis Fehlentscheidungen entstehen. Es gibt aber in allem Schlechten auch etwas Gutes. Es gibt Chancen und die sollte man nutzen - das ist ein Eckpfeiler des Projekts: herauszufinden, wo die positiven Seiten dieser Angelegenheiten liegen, an die man andocken kann. Denn wenn die Stimmung besser ist und nicht auf Angst basiert, baut das Vorurteile ab. Das Leben ist für alle angenehmer, wenn wir nicht angsterfüllt durch die Welt laufen. Und dann hat man definitiv den Kopf für andere Sachen frei.

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