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Irmi Wutscher

Gesellschaftspolitik und Gleichstellung. All Genders welcome.

19. 10. 2015 - 17:16

Erinnern Gailtal

Der Verein "Erinnern Gailtal" arbeitet die NS-Geschichte dieses Kärntner Tals auf. Was kann man aus der Lokalgeschichte über den Nationalsozialismus lernen? Bernhard Gischtaler und Wolfgang Haider im Interview.

Lese-Termine

Lesungen und Vorträge zum Buch "Ausgelöschte Namen":

  • 21. Oktober. 18:30, Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes Wien
  • 26. November, 19:00, Dellach im Gailtal - Kultursaal
  • 28. November, 19:00, "Container 25" in Wolfsberg
  • 10. Dezember, 18:00, Slowenischer Lesesaal der Uni Graz in der Rankengasse 2

Heuer ist das Ende des zweiten Weltkrieges 70 Jahre her. Nach dieser langen Zeit, sollte man denken, müssten die Nazizeit und die Gräuel von damals flächendeckend aufgearbeitet sein. Aber noch immer gibt es weiße Flecken auf der Landkarte, zum Beispiel im Gailtal in Kärnten. Dort arbeitet eine Gruppe junger HistorikerInnen seit ein paar Jahren die Geschichten und Namen von NS-Opfern auf. Ende September ist ihr Buch "Ausgelöschte Namen" erschienen, das Biografien von Nazi-Opfern im Gailtal nachzeichnet.

Zwei junge Männer

Radio FM4 / Irmi Wutscher

Bernhard Gischtaler und Wolfgang Haider

Bernhard Gischtaler und Wolfgang Haider von der Initiative Erinnern Gailtal waren heute zu Gast bei Esther Csapo im FM4-Studio.

Wie kann es sein, dass in manchen Teilen Österreichs auch 70 Jahre nach Ende des 2. Weltkriegs die Geschichte von NS-Opfern immer noch nicht flächendeckend aufgearbeitet ist?

Bernhard Gischtaler: In Österreich hat man sich lange mit dem Opfermythos zufrieden gegeben, erst die Waldheimaffäre 1986 hat das geändert. Die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit ist aber ganz stark in Wien und in anderen Städten und urbanen Zentren passiert. Das Gailtal steht hier exemplarisch für ländliche Regionen. Mit unserer Arbeit kommt jetzt etwas in Gang, was in Wien zum Beispiel vor 25 Jahren begonnen hat.

Ist die Aufarbeitung der NS-Geschichte im ländlichen Bereich besonders schwer - weil zum Beispiel jeder jeden kennt?

BG: Das ist ein großer Faktor. Außerdem ist es in Österreich mit der Entnazifizierung nicht besonders weit her gewesen. Viele SS-Männer oder andere NS-Täter waren wenige Jahre nach Kriegsende wieder in Ämtern aktiv. Wenn man als Nachkomme einer Familie, wo es NS Opfer gibt, weiß, dass der Nachbar oder Bekannte dann wieder in einer machtvollen Position tätig und angesehen ist, da tut man sich das nicht an, dass man hier sozusagen "Unfrieden" stiftet.

Wie waren die Reaktionen auf eure Initiative? Habt ihr den Satz „Lasst die Geschichte doch endlich ruhen“ oft gehört?

Wolfgang Haider: Gerade am Anfang hat es viele Querschüsse von verschiedenen Seiten gegeben. Gerade jetzt, beim zweiten Buchprojekt waren die Rückmeldungen im Gailtal aber durchwegs positiv.

BG: Wir schreiben ja nicht nur Bücher sondern organisieren auch Stadtspaziergänge und Lesungen oder machen Ausflüge mit Schulklassen zu historisch relevanten Themen. Und da hat es vor eineinhalb Jahren schon eine große Aufregung gegeben.

Genau, ihr habt ja einen Prozess gegen die FPÖ gewonnen – worum ging es denn da?

BG: Ich habe einen Schulausflug für zwei Maturaklassen im Gailtal organisiert. Es ging zum Peršmanhof. Fünf Monate später ist ein anonymer Brief aufgetaucht, angeblich von einer Schülerin, die da dabei war. Darin stand, dass ich und mein Kollege Daniel bei diesem Ausflug Hasstiraden gegen Kärnten losgelassen hätten. Die FPÖ hat sogar eine parlamentarische Anfrage zu mir und zum Verein „Erinnern Gailtal“ gestellt und eine Presseaussendung zum Thema ausgeschickt. So wurde das alles sehr groß und bekannt, diese ganzen Vorwürfe, die alle nicht gestimmt haben. Mein Kollege Daniel war bei diesem Ausflug zum Beispiel gar nicht dabei. Irgendwann ist es dann einfach um meinen Namen gegangen, als Wissenschaftler und als Autor, und damit um mein zukünftiges Leben. Da ist es dann zu der Klage gekommen. Es ist dann gottseidank gut ausgegangen für uns. War eine gute Werbung im Nachhinein…

Heute kannst du drüber lachen.

BG: Ja, aber damals war es schon sehr arg. Heute ist es gegessen. Wir haben weitergearbeitet, ein Buch herausgebracht.

Zwei junge Männer

Radio FM4 / Irmi Wutscher

Bernhard Gischtaler und Wolfgang Haider

Was hat euch persönlich angetrieben, die Aufarbeitung anzugehen - war es das Schweigen in eurer eigenen Familie?

WH: Nicht in der Familie, aber das Schweigen in der Region. Ich bin der einzige bei dem Projekt, der nicht aus dem Gailtal kommt, ich komme aus Niederösterreich. Es ist generell ein Problem der ländlichen Räume in Österreich, dass diese Aufarbeitung mit der NS-Geschichte nie wirklich stattgefunden hat. Egal, ob im Mostviertel oder im Gailtal. In der Schule hat man die groben Eckdaten gelernt, alles ist immer weit weg passiert, vielleicht in Wien, in Berlin oder in Auschwitz. Aber wie sich der Nationalsozialismus konkret in diesen ländlichen Regionen in Österreich, wo er starken Rückhalt genossen hat, etablieren hat können, das hat man nie erfahren.

Wie seid ihr bei der Recherche für euer Buch vorgegangen? Klopft man da beim Nachbarn an und lässt sich alte Fotos zeigen und Geschichten erzählen? Gibt es irgendwo Aufzeichnungen?

BG: Wir sind am Anfang ganz klassisch in Archive gegangen, in Kärnten, Wien und der Steiermark. Später dann auch nach Berlin ins „Berlin Document Center“ und ich war auch in Yad Vashem in Jerusalem zur Forschung. So haben wir Kontakte hergestellt und viele Infos bekommen. Was dann wichtig ist, vor allem wenn man sich auf dem Land NS-Strukturen ansieht und Geschichten von NS-Opfern erforschen will, dass man mit möglichst vielen Leuten zusammenarbeitet und die da auch mitnimmt. So haben wir viele Familien begleitet, auf der Suche nach Euthanasieopfern zum Beispiel. Und zum Schluss sind wir auch wirklich das Telefonbuch durchgegangen, da wo wir keine Angehörigen gefunden haben. Wir haben geschaut, wo könnte es Verwandte geben. Und sind dann auf gut Glück hingefahren. Die, die uns hineingelassen haben, denen haben wir dann unser Wissen präsentiert und ihnen die Akten auch weitergegeben.

Die Geschichten von 200 NS-Opfern im Gailtal habt ihr im Buch „Ausgelöschte Namen“ zusammengetragen. Gibt es eine Geschichte, die euch besonders bewegt hat?

WH: Wir wollen hier eigentlich keine Opfergeschichte besonders hervorheben. Aber natürlich ist es besonders schlimm, wenn man im Archiv sitzt oder mit den Nachkommen spricht und davon hört, dass zweieinhalb-jährige Kleinkinder in Wien in Steinhof eiskalt ermordet wurden. Und wenn man sich da die Anamnesen, die pseudowissenschaftlichen Einschätzungen durchliest, dann ist das schon starker Tobak.

BG: Das Gailtal ist ein eher kleines Tal, aber trotzdem kommt jede Opfergruppe, die es während der NS-Zeit in den KZs gegeben hat, hier vor. Es gibt JüdInnen, Euthanasieopfer – zahlenmäßig die größte Gruppe, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, Kärntner SlowenInnen, Roma und Sinti und Geistliche und deren Angehörige – und das in so einem kleinen Tal! Da kann man sich vorstellen, wie das in anderen Gegenden aussieht, wo die Geschichte auch nicht aufgearbeitet wurde! Zu uns kommen oft Leute, die sagen, da hat es eine dunkle Wolke gegeben über der Familie. Etwas was niemand genau weiß und was niemand besprochen hat. Und jetzt ist es endlich Thema und man kann darüber reden. Das ist eine großartige Bestätigung für unsere Arbeit.

Was kann man von der Geschichte im Kleinen besonders gut lernen – besser als durch den Blick aufs große Ganze?

BG: Der Nationalsozialismus, das ist oft etwas, das weit weg passiert ist, aber nicht da bei uns. Es sind 200 Biografien in diesem Buch. 200 Opfer, das ist sonst nur eine Zahl. So werden die zu konkreten Menschen mit Geschichten. Das, was mit ihnen passiert ist, was man ihnen angetan hat, wird zu etwas, was in unserer Gegend passiert ist. Damit erreicht man mehr Menschen.

WH: Auf dieser individuellen Ebene sieht man auch: Es war notwendig, dass die Menschen kooperiert haben. Es war notwendig, dass bis in die Familien hinein diese Vorstellungen des Nationalsozialismus umgesetzt worden sind. Sonst wäre das Ganze nicht möglich gewesen. Genauso hat es aber auch Gegenbeispiele gegeben. Im Fall der NS-Euthanasie wurden zum Beispiel Tötungsaufträge vom Pflegepersonal verweigert. Da gab es keine Konsequenzen, bis auf Versetzung innerhalb der Anstalt. Die sind nicht uns KZ gekommen, das kann man aus der Forschung sagen. Das schärft vielleicht das Bewusstsein, dass diese Mitarbeit bis an die untersten Grenzen der Bevölkerung notwendig war.

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  • motter | vor 277 Tagen, 19 Stunden, 27 Minuten

    Danke!

    Sehr, sehr wichtige Arbeit!

    Auf dieses Posting antworten