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Musik, Film, Heiteres

Robert Glashüttner

Videospielkultur, digital geprägte Lebenswelten.

26. 11. 2015 - 16:40

FM4 Extraleben: Sex

Wie anregend sind Videospiele abseits von Klischees und Stereotypen? Conny Lee, Rainer Sigl und ich ergründen die mitunter schwierige Beziehung zwischen Games und Sex.

FM4 Extraleben: Sex

Conny Lee, Rainer Sigl und Robert Glashüttner sprechen über Sex und Computerspiele.

Am Donnerstag, den 26. November, von 21 bis 22 Uhr, danach für 7 Tage on Demand.

Wir leben in einer aufgeklärten, offenen Gesellschaft, heißt es immer wieder. Sex ist allgegenwärtig und darf im Einverständnis mit den jeweiligen Partnern und Partnerinnen in nahezu jeder Weise ausgelebt werden. Aber der Schein trügt: Erziehung, Leistungsdruck, sozialer Status, Religion und gesellschaftliche Vorgaben führen sexuell in einigen Fällen mehr zu Frustration als zu Befriedigung. Deshalb verlieren wir uns gerne in Gedanken und Fantasien, in denen wir uns ohne Hürden sexuellen Geschichten und Wünschen widmen können. Das funktioniert bekanntermaßen gut in Form von Romanen oder Filmen. Manchmal kommt man sich auch während des Brettspielens nahe.

FM4 Extraleben
    Eine alte Zeichnung: ein Mann und eine Frau sind über einem Schachbrett im Begriff, sich zu küssen.

    Flickr.com, MCAD Library

    Computerspiele tun sich hingegen seit jeher schwer, so richtig sexy zu sein - zumindest selten, ohne dass dumpfe Klischees bedient werden. Games, in denen Sex mehr oder weniger explizit Thema ist, gibt es natürlich schon nahezu ebenso lang wie digitale Spiele an sich. Einer der bekanntesten Titel ist das legendäre "Sex Games", entwickelt von einem jugendlichen Brüderpaar aus Deutschland Mitte der 80er Jahre. Das Spiel ist visuell eher klamaukhaft als erotisch und das Prinzip dahinter zwar eindeutig, aber einfallslos: Wir schütteln den Joystick möglichst schnell hin und her und imitieren somit langweiligen, rein mechanischen Geschlechtsverkehr. Das ist das Grundproblem, das Computerspiele mit Sex haben: Die menschlich-emotionale Komponente, die Lust und Erregung in einer ziemlich komplexen Weise steuert und zuspitzt, lässt sich einfach nicht in ein grobes Interface gießen, das nicht mehr als ein paar Knöpfchen bereit hält. Bewegungs- und Berührungssteuerungen für Computerspiele haben die Situation vor rund fünf Jahren etwas verbessert, aber die Lücke zwischen Eingabegeräten für digitale Spiele und menschlicher sexueller Interaktion ist weiterhin riesengroß.

    Interactive Sex Fiction

    Aber warum soll es auch notwendig sein, den Akt zu imitieren? Andere Medien haben ja auch nicht diesen Anspruch; und Games haben ihn nur, weil sie - bzw. ihre Entwickler/innen - mitunter glauben, aufgrund der Interaktivität zu Höherem berufen zu sein. Andererseits: Videospiel-Protagonist/innen nur dabei zuzusehen, wie sie intim werden - das ist eigentlich nicht mehr als schlechte Pornografie, ebenso wie diverse Softporno-Spielchen, wo man in Abwandlungen von "Tetris" oder "Mahjongg" Nacktbilder oder ähnliches freischalten kann.

    Gut funktionieren lüsterne Computerspiele hingegen als Erweiterung des Romans, also als interaktive Geschichten. Dabei kann man Figuren Schritt für Schritt begleiten, wie sie sich finden und mittels Befehlen oder Auswahlmöglichkeiten in Dialogen die Geschichte individuell vorantreiben. Abgesehen davon sind Beschreibungen und betörende Gespräche ja oft anregender als durchschnittlich interessante Abbildungen oder hölzerne Animationen. Ein Paradebeispiel der interaktiven Sex-Geschichte ist die zwar bei weitem nicht von Stereotypen freie, aber dafür immerhin amüsante Adventure-Serie "Leisure Suit Larry" (1987), die in den späten 80ern und frühen 90ern für manche Kichereien unter jungen Geeks und rote Köpfe bei Erziehungsberechtigten gesorgt hat. Der Vorgänger des "Larry" ist hingegen etwas unbekannter: "Softporn Adventure" (1981) hat einige Jahre vor ihm aber schon einen sehr ähnlichen Plot. Wir müssen als sexuell aufgeladener, aber noch unbedarfter Jüngling unsere Jungfräulichkeit verlieren.

    Der Konkurrent zu Larry Laffer war übrigens ein Spiel, das Mitte der 80er zwar technisch schon überholt war, aber durch sein brillantes Storytelling dieses Manko locker wettmachte: "Leather Goddesses of Phobos" (1986) ist eines der vielen unvergleichlichen Text-Adventures des Interactive-Fiction-Autors und Gamedesigners Steve Meretzky. Erst vor kurzem ist ein riesiger Fund an Originalunterlagen des Mannes in Form von liebevoll online gestellten Scans publik geworden.

    Box, Comic und "Scratch-Sniff"-Pad zum Computerspiel "Leather Goddesses of Phobos".

    Flickr.com, Digital Game Museum

    Mittels des "Scratch-Sniff"-Pads konnte man die Ledergöttinen damals auch riechen. (CC BY 2.0)

    Europa ist mitten im Sandwich

    Schwul und schmutzig
    Kleine, geile, lustige, empfehlenswerte Sexcomputerspiele stammen vom Gamesentwickler und Sozialwissenschafter Robert Yang - etwa der "Male Shower Simulator".

    Die Wahrnehmung von Sex bzw. Sexdarstellungen in Computerspielen und interaktiven Geschichten ist in den drei wichtigsten Games-Kulturkreisen USA, Japan und Europa ziemlich unterschiedlich: Die USA sind bekannt dafür, mit expliziten Gewaltdarstellungen selten ein Problem zu haben. Nacktheit und Geschlechtsverkehr sind hingegen oft problematisch. Ein Paradebeispiel für dieses Ungleichgewicht ist die "God of War"-Serie, wo munter und eindringlich gemetzelt wird, aber die virtuelle Kamera bei einer Sexszene schüchtern auf sich im Rhythmus bewegende Haushaltsgegenstände schwenkt. Diese Doppelmoral ist für viele Europäer/innen ebenso absurd wie die oft als pervers angesehene Erotikkultur Japans, die hierzulande mitunter strafrechtlich relevant wäre. Die beliebten japanischen Dating-Simulatoren sind nur der Anfang der expliziten Spielegattung Erogē, wo die jeweiligen Geschichten oft sexuelle Unterwerfung von Frauen zum Inhalt haben, die bis zu Vergewaltigungen führen können, über die die Spielenden in vielen Fällen nach Belieben verfügen können. Alternative, unkommerzielle Sexspiele aus den USA und Europa sind da oft weitaus weniger bedenklich, wenn oft auch ziemlich explizit.

    Screenshot aus "Cobra Club": Ein nackter Mann mit Handy vor einem Badezimmerspiegel.

    Robert Yang

    Dick-Pic-Simulator: "Cobra Club" von Robert Yang

    Lewd User Generated Content

    Ein Extraleben über Sex

    Das FM4-Games-Kränzchen ist heute, Donnerstag, 26.11., von 21 bis 22 Uhr zu hören.

    Doch man muss kein ausgewiesener Gamedesigner oder keine Designerin sein, um beim schlüpfrigen Schöpfen mitzumachen. Denn überall dort, wo Menschen im Netz öffentlich Dinge malen, zeichnen oder in irgendeiner Form gestalten können, wird man schnell auf einen Haufen virtueller Penisse und Brüste stoßen. Das gilt natürlich auch für Spiele, die stark auf User Generated Content setzen, und das sind in den letzten Jahren ja nicht wenige. Da gibt es etwa die "LittleBigPlanet"-Serie, "Tearaway" und natürlich "Minecraft". In der virtuellen Welt "Second Life" gibt es schon gut zehn Jahre lang viele zotige Gebiete. Wem das noch immer nicht genügt, die oder der taucht einfach in die unergründliche Welt des Game-Moddings ein. Dort haben sich manche Modder/innen sogar darauf spezialisiert, vormals voll bekleidete Spielfiguren auszuziehen und in aufgehitzte Situationen zu bringen.

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    Forum

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    • bigbadjohn | vor 309 Tagen, 12 Stunden, 19 Minuten

      Was?? Also bitte, wo gibts bei littlebigplanet erotische Darstellungen von Usern?? Da wird ja extrem überwacht, oder sehe ich das falsch??

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      • robertglashuettner | vor 308 Tagen, 22 Stunden, 54 Minuten

        Ob es "extrem überwacht" wird, ist schwer zu sagen. Aber stimmt schon: Bei Konsolenspielen ist da natürlich eine Redaktion bzw. Content-Beobachtung am Werk. Phalli gehen aber immer, eventuell muss man sie ein wenig abstrahieren :)