Standort: fm4.ORF.at / Meldung: "Tocotronic singen über Flucht"

Musik, Film, Heiteres

Christian Pausch

Irrsinn, Island, Ingwer.

19. 2. 2016 - 12:57

Tocotronic singen über Flucht

Das rote Album wurde vom Feuilleton ohne Ausnahme als Album über Liebe verstanden, dabei handelt es sich um ein Album über Flucht und Flüchtende. Eine Text-Interpretation.

Wie in meinem Jahresrückblick über Musik zur Flüchtlingsbewegung schon kurz angemerkt, sind Tocotronic seit langem eingeschworene Kämpfer für das Recht auf Asyl und für eine menschenwürdige Behandlung von flüchtenden Menschen.

Tocotronic Live:
15.-16.7. Out Of The Woods Festival, Wiesen

Schon früher haben sie dieses/ihr Anliegen in einzelnen Songs aufgegriffen und thematisiert. Nun aber haben sie der Flucht und ihren Protagonist_innen - den Flüchtenden, den Helfenden, den direkt und indirekt Betroffenen - ein ganzes Album gewidmet, auch wenn man sich dieser Widmung bei manchen Songs erst dann bewusst wird, wenn man unter die Oberfläche der für viele so offensichtlich erscheinenden Textebene eintaucht.

Es geht nicht um Liebe, sondern um Flucht.

toco

http://www.tocotronic.de/

1. Prolog

Die Flucht beginnt mit den ersten Zeilen des Albums:

Eines Morgens bist du in der Fremde / Aufgewacht. Deine Hände
Zittern noch, du hörst in dich hinein / Doch das wird erst der Anfang sein

Du weißt nicht, was dich geritten hat / In diese tote Küstenstadt
Um dich verstreut liegen deine Papiere / Muscheln und Schalentiere

Die Flucht über das Meer ist es, die Tocotronic nicht loslässt, die sie auf dem roten Album verarbeiten. Das angesprochene Du im Eröffnungslied Prolog will nur "den Abend übersteh'n", es ist "aus Schwamm gebaut", weil es so viel Zeit am und im Wasser verbracht hat. Das Du schreibt Briefe nach Hause an die Freunde, die noch in der "Oase der Langeweile", dem Kriegsgebiet, dem Elend, sitzen. Am Ende des Songs "bemerkst du, wie der Wind sich dreht" und die Frage "Was könnte das Ereignis sein?" wird mit "Liebe" beantwortet. Ja, Liebe wird am Ende dieser hier gestarteten Flucht im Bestfall das Ereignis sein, Nächstenliebe nämlich.

2. Ich öffne mich

Es ist keine der Liebe gegenüber verschlossene Person, die hier jemanden anderen in ihr (Beziehungs-)Leben lässt. Es ist eine im Wohlstand lebende Person, die erkennt, dass man nichts veliert, wenn man sich öffnet.

Ich öffne mich / und lasse dich in mein Leben
Ich werde mich nicht mehr der Schwerkraft ergeben.

Die Schwerkraft als Symbolbild für die Mehrheitsgesellschaft, die uns mit ihrer (oft falschen) Besorgnis nur nach unten zieht. Eine Gesellschaft, in der das Ich "zu lange gefangen" war.

Wir steigen durch die Pfützen hinab / zu den Augen des andern
Ich öffne mich / Öffne mich gänzlich für dich.
Wir entkommen zu zweit der Unsichtbarkeit

Vielleicht die wichtigste Zeile auf dem roten Album: der Unsichtbarkeit entkommt nicht nur der flüchtende Mensch, der durch die Offenheit des Gegenübers ein neues Gesicht, eine neue Würde, ein neues Leben bekommt, auch das lyrische Ich, das sich öffnet, tritt heraus aus der grauen Masse der Mitläufer_innen und wird sichtbar.

Ich öffne mich.
Öffne die Grenzen für dich. (...)
Für dich. Für mich. Für alle.

3. Die Erwachsenen

Man kann den Erwachsenen nicht trauen (...)
Wir werden viele Mauern bauen / Denn sie sind grauenvoll

Die Erwachsenen sind die Politiker_innen, die rund um Österreich, rund um Deutschland, rund um Europa Zäune und Mauern aufstellen. Es sind aber auch die Eltern, die Großeltern, die eigenen Freund_innen, mit denen man endlose Diskussion über die eigene Einstellung zur Flucht und ihren Folgen führen muss.

Wir sind Babys / Sie verstehen uns nicht
Wir sind Babys / Wir spucken ihnen ins Gesicht

Für die Erwachsenen "ist es zu spät", "sie verstehen uns nicht", ihre "Hölle offenbahrt sich uns" in ihrer steifgefrorenen Gewohnheit, die "unveränderbar" ist. Und auch "unsere Sexualität, unsere Kriege, unsere Tänze" sind dieser Generation ein Rätsel. Zeit für eine neue, weltoffene Generation!

4. Rebel Boy

Ich erwarte eine Zeit / der Zärtlichkeit

Das lyrische Ich ist wie so oft auf zwei Ebenen zu sehen: einerseits die europäische Person, die darauf hofft, dass die Asylpolitik nicht schlimmer, sondern freundlicher und verständnisvoller wird. Andererseits steht das Ich auch für die flüchtende Person selbst, die von einer besseren Zukunft generell träumt. Beide hoffen auf einen Rebell Boy, eine Revolution getragen von den jungen Menschen, die auf beiden Seiten aus gegenseitigem Respekt besteht.

Der Song "Rebel Boy" steht aber auch dafür kein falsches Mitleid zu zeigen und als Flüchtende_r keine geheuchelte Dankbarkeit. Man ist eins, alle sind Menschen und keine_r ist dem_der anderen etwas schuldig, nur eben Respekt und Menschlichkeit.

5. Chaos

Nein, dies ist kein sommerlicher Roadtrip-Song. Es ist ein Song von sogenannten Schleppern (sic!) und über ihre wertvolle Fracht. "Auf der Autobahn" werden sie von "Geistern" und "Ideen" gejagt, also von Ideologien und deren ausführenden Organen.

Unter deiner Decke / Ein freundlicher Empfang
Kannst du mich verstecken? / Damit ich leben kann

Es ist ein Zwiegespräch, der_die Fluchthelfer_in ist "die ganze Nacht gefahren", die Refugees haben Angst entdeckt zu werden und es gibt gruselige Tagträume, die davon handeln von der Grenzpolizei entdeckt zu werden:

Unter deiner Decke / Fasst mich das Chaos an

"Chaos spricht" heißt es im Song. Es könnten die Worte der Polizei sein, die in fremden (und daher chaotischen) Sprachen bis unter die Decke hindurchdringen. Chaos auch als Anti-Metapher für ein System, das Ordnung propagiert.

6. Solidarität

Ihr, die ihr euch unverzagt / mit der Verachtung plagt
Gejagt an jedem Tag / von euren Traumata
Die, ihr jede Hilfe braucht / unter Spießbürgern Spießruten lauft
Von der Herde angestiert / Mit irren Fratzen konfrontiert
Die ihr nicht mehr weiter wisst / Und jede Zuneigung vermisst
Die ihr vor dem Abriss steht / Ihr habt meine Solidarität

Ohne weitere Worte.

toco

Michael Petersohn

7. Spiralen

Ich habe dich herein gebeten / Du singst mir neue Lieder vor
Von sterbenden Raketen / Nahe dem Tannhäuser Tor

Es geht wieder darum, dass sich das Ich geöffnet hat und eine flüchtende Person beherbergt, die es in schützenden Spiralen umkreist, während sie von den Kriegswirren erzählt. Das "Tannhäuser Tor" - ein fiktiver Ort aus dem Film "Blade Runner" - unterstützt diese These, weil auch im Film von kriegerischen Auseinandersetzungen an diesem Ort berichtet wird: "I've seen things you people wouldn't believe. Attack ships on fire off the shoulder of Orion. I watched C-beams glitter in the dark near the Tannhauser Gate. All those moments will be lost in time like tears in rain."

Durch die neuen Lieder aber, durch die Erzählungen, die erzählt werden, wird die Zeitgeschichte jedoch weitergegeben.

8. Sie irren

Ein weiterer Song gegen eine verschlossene (ältere) Generation. Wie schon in "Die Erwachsenen" wird hier daran appelliert alles zu hinterfragen, denn die, die das Sagen haben liegen nicht immer richtig.

Sie irren, wenn sie sagen, dass dies Ghetto dein Zuhause ist

Insgesamt acht Mal singt Dirk von Lowtzow in diesem Lied "Mein Herz" und es könnte als Kosename für den geliebten Mitmenschen gelesen werden, aber auch als das eigene Herz, das schmerzt, wenn man die Irrungen der anderen vernimmt.

9. Haft

Sieht man das Album als Zeitleiste der Flüchtlingsbewegung, ist bei Song Nummer 9 schon viel Zeit den Fluss hinab geflossen.. Das lyrische Ich und die neue Person in seinem Leben sind schon "miteinander verklebt".

Wir sind uns fremd / Doch gibt es nichts was uns trennt

Sie sind nicht vereint durch "Gewalt" oder "Leidenschaft", sondern durch eine geringere Kraft: Menschlichkeit, die oft zu gering geschätzt wird.

Im gleichen Lied gibt es auch noch einen Satz, der die Thematik rund um die Smartphones von Flüchtenden benennen könnte:

Auf den Displays neben mir / hafte ich an dir

10. Zucker

Das wohl offensichtlichste Liebes-Lied auf dem roten Album. Interessant ist aber, warum das Ich sein Gegenüber für "Zucker" hält.

Doch bist du wenigstens nicht so wie die
Du bist kein ehrliches Rindvieh
Doch bist du wenigstens nicht so wie die
Dein süßer Ärger ist Energie

Das Rindvieh bezieht sich hier vermutlich einerseits auf ein stumpfes Wesen, das mit der Masse mitläuft, andererseits aber auch text-immanent und Song-übergreifend auf das Lied "Solidarität", in dem das Ich schon "von der Herde angestiert" wurde.

Das Ich verliebt sich hier in einen Menschen, der seinem Ärger Taten folgen lässt, der ihn in Energie verwandelt und nicht nur schale Stammtischparolen reproduziert. Das Objekt der Liebe ist "zänkisch", "suspekt", ein "toxisches Subjekt". Letzteres sicher nur aus der Sicht der Angepassten.

toco

Michael Petersohn

Vermutlich unbeabsichtigt: Tocotronic in den Farben Österreichs.

11. Jungfernfahrt

Viele der im letzten Jahr geflüchteten Menschen haben zum ersten Mal ein Boot bestiegen und sind in See gestochen. Es scheint als wäre die Hauptfigur in diesem Lied eine flüchtende Person, die diese schreckliche Jungfernfahrt bereits hinter sich hat und sich zurückerinnert. "Durch die dunkle Unterführung" hat er_sie sich auf den Weg gemacht, der alte Weg ist von Löchern (der Kaninchen) gesäumt und die neue Welt weist viele Hürden auf: es fühlt sich an als würde man "im Regen schreiben" und "auf Sand bauen".

Man hat die Blitzableiter / hastig aufgestellt

Sogenannte bauliche Maßnahmen bekommen ihre Erwähnung.

12. Diese Nacht

Die Flucht über das Wasser hat sich im roten Album von Tocotronic besonders manifestiert. In all der Schrecklichkeit, die die Flucht mit sich bringt, findet sich aber auch immer der kleine Moment der Hoffnung, dass da jemand mit Beschützerfunktion ist. Someone who cares.

Zeitweilig verstorben / Gleite ich durch die Nacht
In Eisvogelfedern / Zerbrechliche Fracht
Und während ich noch schwimme / Gibst du auf mich Acht

Viel früher im Song wird auch der Aufbruch in ein neues Leben thematisiert. Nicht jede_r Person ist für die Strapazen der Flucht gewappnet, und auch das Selbstbild, sich selbst von jetzt an nicht nur als Mensch, sondern auch als "Flüchtling" wahrzunehmen, ist etwas woran man sich gewöhnen muss:

Aus dem Alltag in die Wildnis / Wo meine Furcht erwacht
Die Dinge auf der Schwelle / Haben sich halb tot gelacht

(13. Date mit Dirk)

Der Bonustrack auf dem roten Album darf keineswegs vergessen werden, birgt er doch sozusagen eine Art umgekehrter Absolution. Der Sänger (namens Dirk) dated einen Dirk, also sich selbst, kann man annehmen. Dieser Dirk ist ein Mensch, den man nicht daten mag.

Als ich erwache ist Dirk verschwunden
Es ist schon dunkel und ich bin völlig alleine
Ich habe eine geschwollene Zunge
Und von Mücken zerstochene Beine

Nachdem sie einen schönen Tag miteinander verbracht haben, lässt er das lyrische Ich in der Dunkelheit alleine zurück. Dieser Dirk sind wir alle, oder zumindest viele von uns, die sich vielleicht einst am Westbahnhof oder in Nickelsdorf engagiert haben, Nächstenliebe gezeigt haben, nun aber, da die "schöne Zeit" vergangen ist, keinen Finger mehr rühren, nachdem die Welle der Hilfsbereitschaft abgeflaut ist.

"Die Zeit ist ein Meister aus Deutschland" wird Paul Celan paraphrasiert, der schreibt "Der Tod ist ein Meister aus Deutschland". Dass die Zeit auf der Flucht oft gegen eine_n arbeitet und daher ganz nah mit dem Tod verwandt ist, steht unausgesprochen im Raum.

DAS FAZIT

Interpretationsspielraum bietet das rote Album von Tocotronic genug. Es kann ohne zweimal darüber nachzudenken eindeutig als Album über Liebe durchgehen, vielleicht ist es auch ein Coming-Of-Age-Album, oder vielleicht sogar ein Roadtrip-Soundtrack.

Für mich ist es ein rein politisches Album, über die Flucht-Bewegungen unserer Zeit. Es ist ein wichtiger und nicht zuletzt schöner Moment die Text-Ebene des Albums auf diese Weise wahrzunehmen.

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