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Chrissi WilkensAthen

Journalistin in Griechenland

30. 4. 2016 - 19:35

No life

Schlangen, Insekten, Wildtiere und fehlender Zugang zum Asylsystem. Zehntausende Flüchtlinge harren nach der Schließung des Balkankorridors unter schockierenden Zuständen in Zeltlagern in Griechenland aus. Europa schaut weg.

Text: Chrissi Wilkens
Fotos: Salinia Stroux

Fast zwei Monate sind es her, als entschieden worden ist, den Balkankorridor dicht zu machen. Mehr als 53.000 Schutzsuchende sitzen seitdem in Griechenland fest - nicht nur in Zelten im Grenzort Idomeni, sondern in mehreren offenen Lagern im Festland oder inhaftiert auf den Inseln in den sogenannten Hot Spots. Oft unter unmenschlichen Bedingungen. Unter ihnen besonders gefährdete Gruppen wie Menschen mit Behinderungen, Hochschwangere, Krebskranke und unbegleitete Minderjährige.

Alles Schutzsuchende, die weiter wollen, entweder weil sie Familienmitglieder in anderen europäischen Ländern haben oder weil sie im Krisenland Griechenland keine Perspektive sehen. Eigentlich sollten die Flüchtlinge aus den offenen Lagern im Rahmen des Umsiedlungsprogramms schon längst innerhalb der EU verteilt worden sein. EU-Kommissar für Migration Dimitris Avramopoulos schätzt sogar, dass 70 Prozent der Flüchtlinge, die in Griechenland festsitzen, umgesiedelt werden können. Doch die europäische Unterstützung bleibt aus.
Auch Experten in Asylrecht schätzen, dass 80 bis 90 Prozent der Flüchtlinge, die sich gerade in Griechenland befinden, Verwandte in einem anderen europäischen Land haben und ein Recht auf Familienzusammenführung geltend machen könnten.

Der Anteil der Kinder und Frauen, die die letzten Monate die gefährliche Überfahrt von der Türkei nach Griechenland wagten, hat zugenommen. Überall in den Zeltlagern Griechenlands sieht man kleine Kinder und erschöpfte Mütter. Die griechische Regierung hat zwar nach der plötzlichen Schließung der Grenzen in mehreren Orten des Landes Notunterkünfte geschaffen, doch für eine humanitäre Krise dieses Ausmaßes ist das Land nicht gewappnet.

Zwei Frauen auf einer Decke im Hafen von Piräus

Salinia Stroux

Im Hafen von Piräus

In vielen dieser Zeltlager fehlt oft das Notwendigste an Infrastruktur und Leistungen. Die EU-Kommission stellte 83 Millionen Euro aus einem jüngst eingerichteten Hilfsfonds bereit. Das Geld wird an acht Hilfsorganisationen ausgezahlt, die der griechischen Regierung bei der Unterbringung und Betreuung von Flüchtlingen helfen. Wie schnell sich die Bedingungen verbessern werden und ob dies tatsächlich den Schutzsuchenden helfen wird, menschenwürdig zu leben, ist noch offen. Die griechische Regierung will zwar die Zelte durch Container ersetzen, aber es scheint ein sehr zeitaufwändiger Prozess zu sein, der nur schleppend vorangeht. Ein Teil der Flüchtlinge, die wochenlang in Zelten oder Wartehallen des Hafens von Piräus geschlafen haben, wurde während der letzten Wochen schrittweise in Wohncontainer im Lager Elaionas und in das neue eingerichtete Containerlager in Skaramangas gebracht. Gleichzeitig versuchen Solidaritätsgruppen in verlassenen öffentlichen und privaten Gebäuden menschenwürdige Unterkünfte für die Flüchtlinge zu schaffen, doch die Not ist groß.

Insbesonders gefährdete Gruppen leiden sehr unter der heutigen Situation. Wie Alan, ein 30-jähriger Kurde aus Syrien, der zusammen mit seinen Geschwistern und seiner Mutter in einer Ruine sitzt, in einer ehemaligen Kaserne im Ort Ritsona, 85 Kilometer entfernt von Athen. Das feuchte Zimmer dient ihnen als Schlafraum. Die zerbrochenen Fenster sind mit Plastikplanen provisorisch verhängt. Alan und seine 28-jährige Schwester sind beide Rollstuhlfahrer. Seit mehr als einen Monat harrt die Flüchtlingsfamilie hier aus. Sie schlafen in dieser Kammer, weil sie aus praktischen Gründen wegen ihrer Behinderung nicht in einem Zelt untergebracht werden konnten, erklärt Alan. Sie sind schockiert über die Zustände. "Ohne Fenster, ohne Türen: Dieser Platz ist nicht für menschliche Wesen. Es ist kalt, besonders in der Nacht. Es ist sehr schwierig zu schlafen. Aber was können wir machen? Vielleicht ist es besser als ein Zelt", sagt Alan. Der junge Syrer fühlt sich irgendwie privilegiert. Alle anderen der etwa 800 Flüchtlinge dieses Lagers – unter ihnen noch weitere drei Rollstuhlfahrer - schlafen in Zelten zwischen Pinienbäumen.

Immer wieder klagen die Flüchtlinge über Schlangen, Insekten und Wildtiere und den fehlenden Zugang zum Asylsystem. Die Familie von Alan hofft, bald nach Deutschland weiterreisen zu können, wo sich bereits der Vater und eine Schwester befinden. Bis jetzt aber konnten sie keinen Termin in der Asylbehörde bekommen, trotz ihres speziellen Zustandes. Sie müssen wie alle anderen Zehntausenden Flüchtlinge in Griechenland per Skype versuchen, sich für einen Interviewtermin in der Asylbehörde registrieren zu lassen.

Skype-Anruf-Versuch, "no answer"

Salinia Stroux

Im Zeltlager von Ritsona gibt es keinen Internetanschluss, und es mit dem Handy zu versuchen, ist zu teuer. "Ich habe es trotzdem mehrmals versucht. Ich konnte nicht durchkommen", sagt Alan. Junge Männer aus Syrien haben sogar einen mehrtägigen Hungerstreik am Eingang des Lagers gestartet. Sie fordern die Chance an einem Umsiedlungsprogramm teilnehmen zu können. Auch sie haben mehrmals erfolglos über Skype versucht, einen Termin bekommen. Die griechische Asylbehörde will in den kommenden Wochen in Zusammenarbeit mit dem UN-Flüchtlingsrat und dem Europäischen Unterstützungsbüro für Asylfragen (EASO) Asylanträge von Schutzsuchenden in den offenen Lagern aufnehmen, um den Zugang im Asylprozess zu erleichtern.

Illegal das Land zu verlassen, wie es bereits mehrere Flüchtlinge trotz der Schließung des Balkankorridors versuchen, kommt für Alan und seine Familie nicht in Frage. "Es ist sehr schwierig und sehr teuer. Um einen anderen Weg zu gehen, muss man gesund sein, auf den eigenen Beinen stehen können, laufen und springen können. Das kann ich nicht."

Ein paar Kilometer weiter, im Ort Malakasa, in einer anderen ehemaligen Kaserne, die in ein Zeltlager umgewandelt wurde, erzählt eine 36-jährige, hochschwangere Afghanin, dass sie am Abend nicht schlafen kann, weil sie Angst vor den Schlagen hat, die auch in diesem Lager in den Decken und Taschen der Menschen auftauchen. Sie schläft mit ihrem Mann und ihren 7 Kindern in einem Zelt. Sie haben sich entschieden nicht Asyl in Griechenland zu beantragen, wegen der schlechten wirtschaftlichen Situation und der hohen Arbeitslosigkeit.

"Mein Mann ist Diabetiker. Wie können wir hier in Griechenland eine Arbeit finden, um unsere Kinder zu ernähren?", fragt sie verzweifelt. Auch wenn sie in ein paar Stunden oder Tagen ihr achtes Kind zur Welt bringt, muss sie wieder ins Zelt zurückkehren. Die Situation treibt viele Schutzsuchende in den Wahnsinn. Experten berichten, dass Selbstmordversuche von verzweifelten Flüchtlingen ein tägliches Phänomen sind. Andere entscheiden sich, in ihre Heimat zurückzukehren, auch wenn ihr Leben dadurch in Gefahr gerät.

Flüchtlingsorganisationen berichten von Verhaftungen von Schutzsuchenden, insbesondere von Afghanen, deren 30-tägige Duldung bereits abgelaufen ist.

Faiq steht zusammen mit seiner Frau und dem zweijährigen Sohn deprimiert vor dem Gebäude der Internationalen Organisation für Migration (IOM) in Athen. Auch ihre Papiere sind längst abgelaufen. Sie haben sich entschieden, einen Antrag auf freiwillige Rückkehr nach Afghanistan zu stellen, obwohl sie sich damit erneut in Lebensgefahr bringen. Der Familienvater hat in seiner Heimatstadt Ghazni einem von der Taliban zum Tode Verurteilten das Leben gerettet und war somit selbst in Ungnade gefallen. Seit mehr als zwei Monaten leben sie unter unmenschlichen Bedingungen in einem Massenlager am ehemaligen Flughafen.

Für 2.000 Menschen gibt es sechs Toiletten, berichtet Faiq. Die Familie sei durch die untragbaren Lebensbedingungen krank geworden. Obwohl er Angst habe nach Ghazni zurückzukehren, sehe er keinen anderen Ausweg. Ihm sei klar geworden, dass Europa sich entschieden habe, den Kriegsflüchtlingen die Tür vor der Nase zu zu machen. "Wenn wir hier bleiben, sterben wir entweder an einer Krankheit oder an einem anderen Problem. Wenn wir nach Afghanistan zurückkehren, sterben wir ein Mal. Hier sterben wir viele, viele Mal täglich. Wir haben kein Geld, kein Essen, keine Kleidung, keine Unterkunft. Wir können dieses Leben hier nicht fortsetzen."

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