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Musik, Film, Heiteres

Conny Lee

Prokrastinative Hinterstübchen des Alltags

10. 9. 2016 - 13:25

Let me talk to you

Mit Pflanzen und Tieren sprechen auf der Ars Electronica.

Mitarbeit Simon Welebil

Ars Electronica 2016

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Von der Überwachung zur Partizipation
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Let me talk to you
Conny Lee und Simon Welebil über das Sprechen mit Pflanzen und Tieren
Das Kleid der Alchemistin
Gerlinde Lang über neue Materialien für Kleidung
Die Ars Electronica 2016 on Air
Alle Geschichten und Interviews von der Ars Electronica 2016 für sieben Tage zum Anhören.

Das Ars Electronica Festival ist nicht der Ort, wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen, aber es ist der Ort, wo Fische und Bienen miteinander in Kontakt treten, wir mit Pflanzen sprechen können und uns Quallen Musik vortanzen.

ASSISIbf

Roboter, die mit Fisch- und Bienenschwärmen in Kommunikation treten, sind das Forschungsziel von ASSISIbf. Der Name steht für Animal and Robot Societies Self-Organize and Integrate by Social Interaction (bees and fish) und ist erwartungsgemäß eine Anspielung auf Franz von Assisi, von dem ja gesagt wird, er habe mit Tieren sprechen können. "Einen passenden Titel zu finden ist oft das schwierigste am Projekt. Wir haben auch kurz an Doolittle gedacht, uns dann aber dagegen entschieden.", lacht Thomas Schmickl, Professor für Zoologie an der Universität Graz und Projektkoordinator von ASSISIbf.

Ein Computerfisch mit einem realen Fisch im Aquarium

Radio FM4/Simon Welebil

Blubbubb

Um mit Fischen kommunizieren zu können, erklärt Schmickl, muss ein Roboter einem Fisch ähneln, denn die Fische in diesem Experiment können gut sehen. Der Fischdummy muss sich im richtigen Tempo bewegen, im richtigen Radius Kurven schwimmen und so wie die Tiere schwänzeln, damit sie ihn als einen von ihnen akzeptieren. Verhält er sich anders, meiden oder ignorieren sie ihn sofort. Der kleine Fischschwarm im Aquarium bewegt sich immer im Kreis, entweder im oder gegen den Uhrzeigersinn. Der Roboter erhält über Sensoren im Aquarium immer die Information, wie sich der Schwarm verhält und kann sich entweder einordnen, oder sich in die andere Richtung bewegen und so eigene Impulse setzen und den Schwarm beeinflussen. Die Bewegungsdaten werden dabei laufend ausgewertet, und der evolutionäre Algorithmus passt in ständigem Lernprozess seine Bewegungen, sein "Verhalten", den Fischen an.

Summm

Im Bienenstock hingegen ist es dunkel, daher ist die Optik der Bienenroboter irrelevant. Für das Forschungsprojekt werden Jungbienen verwendet, die in der Natur immer die Nähe zu älteren Bienen suchen, weil sie noch nicht selbst Wärme produzieren können. Die Bienenroboter tun genau das und geben einen leichten Luftstoß ab, wie es Bienen mit ihren Flügeln tun. Sind mehrere dieser Roboter in einem Stock positioniert, so versammeln sich um einen von ihnen immer besonders viele Bienen - der Schwarm entscheidet sich für einen.

Bienen und Roboter

Radio FM4/Simon Welebil

Früher oder später haben die Fisch- und Bienenroboter das Schwarmverhalten dann so genau analysiert, dass sie beeinflussen können in welche Richtung die Fische schwimmen bzw. zu welchem Roboter die Bienen sich bewegen. Bis zu diesem Punkt findet also eine Kommunikation zwischen Tier und Maschine statt. Als Nächstes treten aber die beiden Robotersysteme miteinander in Verbindung - und das würde dann zum Ergebnis haben, dass wenn zum Beispiel die Fische im Uhrzeigersinn schwimmen, alle Bienen zum vorderen Dummy kommen. Und so treten die beide Schwärme miteinander in Kommunikation.

Mögliches Einsatzgebiet für diese Forschung wäre beispielsweise, einen dieser kleinen Bienencomputer in einem Bienenstock zu platzieren, der dann registriert, wenn sich einige der Bienen irregulär verhalten, und den Imker alarmieren könnte. Aber vor allem geht Schmickl mit ASSISIbf der Theorie nach, dass Schwärme wie Computersysteme sind und Informationen verarbeiten: "Der Hintergedanke ist - drehen wir den Spieß um und bauen den nächsten Computer wie einen Schwarm, dann haben wir vielleicht den Computer der Zukunft. Natürlich am Ende nicht mit Bienen oder Fischen, das wäre absurd, aber vielleicht mit Bakterienkolonien, wo man Milliarden kleiner Bakterien hat, die sich auch mit einfachen Mechanismen untereinander organisieren. Dann wäre schon vorstellbar, das wie Computer einzusetzen. Vielleicht spielen wir in zehn, 15 Jahren unsere Computerspiele dann auf einem Bakteriencomputer - wer weiß?"

Delphische Antworten eines Bäumchens

Dass man nicht nur mit Tieren, sondern auch mit Pflanzen sprechen kann, will Project Florence von einer Gruppe ForscherInnen und DesignerInnen von Microsoft Research zeigen. Dafür haben sie ein Bäumchen unter eine Glaskuppel gestellt und mit einem Computer vernetzt. Über eine Tastatur kann man dem Bäumchen Nachrichten schicken, die über verschiedene Lichtspektren der Pflanze übersetzt werden.

Helene Steiner vor einem Baum unter einer Glaskuppel

Radio FM4/Simon Welebil

Helene Steiner vor Florence

Mit Smalltalk etwa über das Wetter brauche man der Pflanze aber nicht kommen, meint Helene Steiner, eine der Menschen hinter dem Projekt. Die Pflanze interessiere nämlich relativ wenig, was wir so denken oder machen. Kommunikation funktioniere aber trotzdem. Die Reaktionen der Pflanzen auf Nachrichten werden nämlich gemessen, über eine Vielzahl von Sensoren, die in der Kugel verbaut sind. Sie zeichnen kleinste Veränderungen etwa in Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Gaskonzentration auf und leiten sie weiter. Aus ihnen wird dann der Gemütszustand der Pflanze herausgelesen.

Eine menschlichere Antwort auf Fragen an die Pflanze kommt dann dadurch zustande, dass der angeschlossene Rechner auf Twitter nach Antworten sucht, die auch dem Gemütszustand der Pflanze entsprechen könnten. Die Antworten, die ein Drucker ausspuckt, muten aber mitunter wie delphische Orakelsprüche an - aber man kann eigentlich von Pflanzen auch nicht verlangen, dass sie grammatikalisch korrekt twittern können.

kleiner Drucker

Radio FM4/Simon Welebil

"Is to be done you real bad let's dance... beauty is a fading flower"

Der Gedanke, der hinter Project Florence steckt, ist, diese Technologien in Zukunft vielleicht für die Landwirtschaft einzusetzen, zur Pestizidvermeidung etwa. Pflanzen sollten ihre Bedürfnisse selbst artikulieren können und damit zu nachhaltigerer Wirtschaft beitragen.

Dass Bauern oder Biologen quasi schon immer mit ihren Pflanzen kommuniziert hätten, sieht Helene Steiner auch, doch wir hätten im Lauf der Zeit in unserer Kultur vielleicht auch das Verständnis für die Pflanzen verloren. Mit den neuen Technologien könnten wir in der Kommunikation jetzt komplexer werden.

Singende Quallen

Mit ihrer Performance Aurelia 1 + Hz/proto viva sonification erforscht und übersetzt die slowenische Künstlerin Robertina Sebjanic die Kommunikation von Quallen.

Quallen in einem Aquarium

Radio FM4/Simon Welebil

In ihrer Installation werden Quallen, die in drei Aquarien schwimmen, von Raspberry-Pi-Kameras verfolgt. Deren Bewegungen werden nun in Sound übersetzt, wobei die Künstlerin auf ein Archiv mit Sounds zurückgreift, die sie selbst während Residencies auf verschiedenen Meeresforschungsstationen aufgenommen hat.

Niemand wisse bis heute, ob Quallen akustische Signale wahrnehmen können oder nicht, meint die Künstlerin, aber sie traut den Wasserlebewesen einiges zu. Angelehnt an eine Gedichtzeile Paul Celans - "es sind noch Lieder zu singen jenseits der Menschen" - sieht sie auch die Quallen als Kulturschöpfer. Mit ihrer Soundperformance übersetzt Robertina Sebjanic deren Kulturleistungen für das Publikum der Ars Electronica.

Aurelia 1+Hz / proto viva sonification from Robertina Sebjanic on Vimeo.

An Pflanzen und Tiere hat der gute Paul Watzlawick wahrscheinlich nicht gedacht, als er konstatierte "Man kann nicht nicht kommunizieren", aber in naher Zukunft können wir dieses Axiom wohl um einiges breiter interpretieren als bisher.

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