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Musik, Film, Heiteres

Lukas Lottersberger

Lukas Lottersberger

Lukas Lottersberger

Politik, Alltägliches und andere Kuriositäten.

22. 9. 2016 - 10:45

Saisonal. Regional. Aber fair?

Jedes Jahr holen sich landwirtschaftliche Betriebe billige ErntehelferInnen aus osteuropäischen Ländern. AktivistInnen und KünstlerInnen in Innsbruck behandeln das Thema nun in der Lecture Performance "Feldforschung".

"Is schon wieder Weihnachten?", fragt der Vater vorwurfsvoll, als er einen Anruf von seiner Tochter entgegennimmt. Die Tochter verteidigt sich. Sie habe viel zu tun gehabt und erzählt von ihrem aktuellen Kunstprojekt, das von ErntehelferInnen handelt. Der Vater hört halbherzig zu und prompt folgt seine Assoziation zum Erzählten.

In einer Dokumentation auf Arte habe er junge Menschen gesehen, die zur Weinernte nach Frankreich gingen und eine "Mordsgaudi" hatten. Und es gebe ja auch den Trend, dass viele im Sommer auf die Alm gehen und helfen – "für fascht koa Geld!" Die Tochter will den Unterschied erklären, scheitert aber an der Ignoranz ihres Vaters.

Es ist ein fiktives Telefonat, ein Sketch aus der Lecture Performance Feldforschung – Protokoll einer mageren Ausbeute.

Erntehelfer bei der Arbeit

Wilfried Hanser

Die ErntehelferInnen, von denen die fiktive Tochter spricht, gibt es aber wirklich. Sie kommen aus Rumänien, Bulgarien, den ehemaligen jugoslawischen Republiken, der Ukraine – "aus dem Osten" eben. Dann stehen sie bei uns auf den Feldern und pflücken unseren Salat, stechen unseren Spargel, ziehen die Karotten aus dem Boden. Sie sind die ersten, die mit dem Gemüse, das auf unserem Teller landet, in Kontakt kommen. Und viele von den ErntehelferInnen sollen ausgebeutet werden.

Als Grundlage für Feldforschung dienen zahlreiche Interviews, die die GestalterInnen zum Teil selbst geführt haben. Daraus enstanden sind eben fiktive Telefonate, literarische Texte und beklemmend-melancholische Musik.

Feldforschung – Protokoll einer mageren Ausbeute

Eine musikalisch-literarische Spurensuche, der zahlreiche Interviews mit Betroffenen zugrunde liegen.

Treibhaus Innsbruck,
Premiere: 22. September 2016

Weitere Termine:
23. + 27. September
19., 20., 27., 28. Oktober

Auf den Feldern

Sónia Melo, eine der Gestalterinnen der Performance, setzt sich seit Jahren für diese Saisoniers ein, die am Feld stehen und unser Gemüse ernten. Sie hat den Großteil der Interviews geführt und dokumentiert Fälle von falscher Bezahlung, fehlenden Verträgen oder zu hohen Akontos für die Unterkunft.

Die Grundlage für die Bezahlung von ErntehelferInnen in Tirol ist ironischerweise der Kollektivvertrag für Gartenbaubetriebe [PDF]. In jedem österreichischen Bundesland gilt für ErntehelferInnen ein anderer Kollektivvertrag. Verhandelt wird dieser Vertrag von den Tiroler Gärtnern, der Tiroler Landarbeiterkammer, dem Tiroler Land- und Forstarbeiterbund und der Landwirtschaftskammer Tirol. Alle Organisationen sitzen an derselben Adresse. Die Gewerkschaft ist bei diesen Kollektivvertragsverhandlungen nicht mit an Bord.

"5,70 Euro netto in der Stunde schreibt der Kollektivvertrag eigentlich vor", erklärt Sónia die Situation in Tirol. "Doch leider wird das häufig nicht eingehalten. Nicht nur der Stundenlohn, sondern auch, was sonst im Kollektivvertrag drinsteht." Das wäre zum Beispiel eine Kostendeckelung für die Unterkunft und Bereitstellung von Arbeitsmaterial wie Arbeitsstiefel oder Regenjacken. Häufig müssten die ErntehelferInnen dafür hohe Lohnabschläge in Kauf nehmen.

Sónia sind Fälle bekannt, wo sich Arbeiter zu viert ein 16-Quadratmeter-Zimmer teilen mussten und pro Nase 130 Euro Monatsmiete verlangt wurde. "Solche Preise hat man nicht einmal in Innsbruck", kritisiert sie. Nicht selten komme es vor, dass die ErntehelferInnen sogar die Gummibänder zum Binden des geernteten Gemüses selbst bezahlen müssen.

Ein Inspektor für alle Betriebe

Das Problem ist keineswegs unbekannt oder neu. Nur sitzen die Erntehelfer auf dem kürzeren Ast. Denn wenn einer von ihnen zu kritische Fragen stellt oder mehr Lohn verlangt, schickt der Bauer die Person einfach zurück und findet schnell Ersatz.

Ein großes Problem sei die mangelhafte Kontrolle der Betriebe. Denn bei der zuständigen Land- und Forstwirtschaftsinspektion gibt es genau einen Inspektor für Hunderte Betriebe in ganz Tirol. Und: "Die Kontrollen werden bei großen Betrieben vorangekündigt." Offiziell, damit die Unternehmen die nötigen Unterlagen rechtzeitig bereitstellen können.

Erntehelfer in Tirol

Daniela Koweindl

Auch die Handelsketten sieht Sónia als Schuldige in der Thematik. Die wenigen, großen Handelsketten in Österreich würden die Preise der Bauern drücken und viel zu große Margen berechnen. "Viele Konsumenten glauben natürlich, wenn sie mehr für regionale Produkte bezahlen, dass sie auch fair sind", sagt Sónia. Doch die Realität sehe eben anders aus und daher sei die Preisgestaltung der Handelsketten nicht gerechtfertigt. Wenn der Bauern mehr für seinen Salatkopf bekäme, der Bauer den Erntehelfern mehr bezahlen würde und für den Kunden der Preis gleich bliebe, "dann würde es für alle okay sein", fasst Sónia zusammen.

Kleine Erfolge

Nicht zuletzt ist für Sónia auch die Politik gefordert, endlich zu handeln, um faire Arbeitsbedingungen für die Saisoniers zu schaffen. "Vor zwei Jahren haben einmal 70 Erntehelfer ihre Arbeit niedergelegt, um für ihre Rechte zu kämpfen", erzählt Sónia. Doch damals hätte sich keine einzige politische Partei zu Wort gemeldet. Auch medial wurde der Protest wenig beachtet.

Inzwischen gibt es jedoch eine österreichweite Kampagne der Produktions-Gewerkschaft, die gezielt saisonale ErntehelferInnen aus dem Ausland anspricht und sie über ihre Rechte aufklären will: Sezonieri – das rumänische Wort für Saisonarbeiter. Sónia verteilt regelmäßig Flyer an ErntehelferInnen, Plakate in der Nähe der Felder verweisen auf die eigens eingerichtete Hotline für die ErntehelferInnen, wo sie in ihrer Landessprache Rechtsinformationen einholen können.

Und einige Erfolge konnten dabei bereits gefeiert werden: Beim Streik vor zwei Jahren wurde den betroffenen ErntehelferInnen im Nachhinein noch ein Betrag ausbezahlt. Auch bei Einzelfällen hat es bereits Nachzahlungen gegeben. Sónia glaubt, dass nun gegen Ende der Erntesaison wieder einige ErntehelferInnen versuchen werden, ex post und mit Hilfe von Sezonieri zu einem fairen Lohn zu kommen. "Denn am Ende der Saison haben sie ja nix mehr zu verlieren", meint Sónia.

Auf der Bühne

ErntehelferInnen kommen in der Performance nicht selbst zu Wort. Die GestalterInnen wollen in ihren Texten und Performances für sie sprechen. Das berge natürlich Konfliktpotenzial, meint Franz-Xaver Franz, einer der Gestalter und Performer: "Man begibt sich in eine 'Repräsentationstheater-Falle'." Das sei zwar gewissermaßen anmaßend, "aber andererseits sieht man ja, wie es den Leuten am Arsch vorbeigeht, und irgendwie muss man ihnen es ja erzählen", verteidigt Franz-Xaver den Modus Operandi.

Lecture Performance auf einer Bühne im Innsbrucker Treibhaus

Lukas Lottersberger / Radio FM4

Lia Sudermann, die ebenfall maßgeblich an der Gestaltung des Stücks beteiligt war, sieht das ähnlich: "Authentisches Material generiert eben viel Emotion und man muss aufpassen, wie man damit umgeht." Man bringe sich damit in eine starke Machtposition – besonders den Leuten gegenüber, die man auf der Bühne vertritt. "Die Herausforderung dabei ist natürlich groß. Die Fallhöhe auch", schließt Franz-Xaver Franz.

Feldforschung feiert ausgerechnet in einer Location namens Treibhaus seine Premiere. Ein Zufall, der den GestalterInnen zuvor gar nicht aufgefallen war. Als ich Lia und Franz-Xaver frage, ob das Absicht sei, sehen die beiden sich fast ungläubig an und beginnen zu lachen. Franz-Xaver gesteht seufzend: "Betriebsblind nennt man so was!"

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