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Musik, Film, Heiteres

Daniela Derntl

Diggin' Diversity

26. 9. 2016 - 19:06

Schmäh und Weh

"Ansa Woar", also "Erste Ware" heißt das Debüt-Album von Voodoo Jürgens und ist es eine der besten heimischen Indie-Platten des Jahres - samt Wienerlied, Austropop, Folk und Hörspiel-Breitseite. Unser FM4 Artist of the Week.

2016 führt kein Weg an ihm vorbei. Anfang des Jahres ist er noch in den kleinen Tschocherln aufgetreten, in denen auch seine halbseidenen Milieustudien und Dramen spielen. Im März dann in der Stadthalle vor The Libertines, im Mai erschien die erste Single "Tulln", flankiert von vielen Konzerten, wie beim Donauinselfest oder als Eröffnungsact des Wiener Popfestes.

Daniela Derntl

Jetzt, Ende September kommt das Debüt-Album "Ansa Woar", ein sprachlich und atmosphärisch dichtes Fragment der Wiener Halb- und Unterwelt. Reizvoll, real und nicht für jeden zugänglich, mit tragischen und poetischen Momentaufnahmen und viel schwarzem, skurrilem Humor.

Schmäh und Weh liegen in Wien eben besonders eng bei einander,.

Schwarze Lieder und halbseidene Hörspiele

Album anhören?!

Im Soundpark findest du eine extended Listening Session mit Voodoo Jürgens - samt Interview und allen Songs des neuen Albums.

Der 32-jährige Sänger David Öllerer ist als Voodoo Jürgens ein Gschichtldrucker mit feiner Beobachtungsgabe und ebensolcher Feder. Im blau-dunstigen Refugium der Fallotten, Bülcher, Owezahrer, Einidrara, Hallodris, Lulus und Tachinierern saugt er die Geschichten auf wie ein Tschurifetzen und seinem welken, aber liebenswürdig-lebensdurstigen Ensemble hängt er kurzerhand die Namen der Freunde seiner Eltern um - also Hapo, Nicki, Wickerl, Django, Hansi oder Gitti: "Ich muss immer Namen nehmen, die mir irgendwie vertraut sind, damit sich das nicht blöd anhört. Angenommen ich schreib Stefan hin, dann kauf ich mir das selber nicht ab. Das macht dann irgendwie keinen Sinn für mich. Komischerweise klingt das mit Namen aus dem Bekanntenkreis meiner Eltern dann so, als ob das wirklich so gewesen wäre."

3 Gschichtn ausn Cafe Fesch

Eröffnet wird "Ansa Woar" vom schaurig-schönen "3 Gschichtn ausn Cafe Fesch", die sich laut Voodoo Jürgens tatsächlich alle an einem Abend im Cafe Fesch, einem mittlerweile geschlossenen Beisl im 15. Wiener Gemeindebezirk zugetragen haben: "Es ist sozusagen die oage Hittn, wo, wenn man aufgenommen wird, sich ins Hinterkammerl setzen darf. Dann wird dort zugesperrt und dann passieren die ganz oagen Sochn."



Voodoo Jürgens sucht seine Geschichten nicht, sie passieren ihm einfach: "Man hat ja Zeit". Inspiration findet er nicht nur in dubiosen Tschumsen, sondern auch am Matzleinsdorfer Friedhof, wo er früher als Gärtner gearbeitet hat.

Heite grob ma Tote aus

"Heite grob ma Tote aus" ist also auch ein bisschen autobiografisch gefärbt. Die Nummer ist eine der wenigen, die klassisch und höchst eingängig mit Strophe-Refrain-Strophe aufgebaut sind, während bei den meisten, musikalisch reduzierten Songs der Text ganz klar im Vordergrund steht:

"Die Nummern sind so entstanden, dass ich mich einmal hingesetzt habe und einen Haufen Geschichten loswerden wollte. Ich habe Gefallen daran gefunden, Sachen zu reduzieren. Das war früher nicht immer so der Fall. Sowohl beim Text als auch musikalisch finde ich es ganz gut, wenn es ein bisschen weniger ist und nicht so überlagert."


Voodoo Jürgens sammelt Charaktere, Geschichten und Kramuri. Wertloses hat für ihn Bedeutung und wird archiviert:

"Ich besteh ja in jeder Wohnung auf einen Setzkasten. Es ändert sich immer, was da drinnen ist. Aber es sind immer so kleine Erinnerungen. Ausgflippte Zünder-Packerl sammel ich ein bisschen. Lauter so kleiner Krimskrams."

Funktioniert das Album auch wie ein Setzkasten?

"Ja, weil ich renn auch immer mit einem Biachl herum, in das ich Ideen reinschreib. Oder Wörter. Und das ist schon verwandt miteinander. Lieder setzt man ja auch zusammen."

Gitti

Wie ein roter Faden zieht sich die "Gitti" durch das Album. Wobei dem Namen laut Voodoo Jürgens keine bestimmte, real existierende Person entspricht.


"Gitti" war zuerst eine Solo-Nummer, in der Voodoo Jürgens beide Duett-Teile übernommen hat. Erst später kam ihm die Idee, die Nummer mit der Sängerin und Schauspielerin Eva Billisich neu aufzunehmen: "Wie das Ganze passiert ist, war eigentlich Zufall. Ich wollte meine Band ursprünglich 'Die derrische Kapelln' nennen und a Hawara aus Tulln hat gmeint: das kannst nicht machen, weil es gibt schon eine Band, die so heißt - und zwar die von der Eva Billisich. Dann hab ich mir das mal angehört und so hat das begonnen."

Alimente

Gitti kommt auch in dem Hörspiel "Alimente" vor. Hier übernimmt die Sex-Jams-Sängerin Katie Trenk den Gitti-Part, während Voodoo Jürgens ihr als Hallodri Hapo die Alimente für das gemeinsame Kind schuldig bleibt. Zu guter Letzt hat auch noch Der Nino aus Wien als Tschakl einen Gastauftritt als Gittis neuer Hawara. Eine alltägliche Geshcichte, wie uns Voodoo Jürgens erklärt:

"Das ist ein klassisches, österreichisches Drama. Das spielt sich sicher oft so oder so ähnlich ab. Man hört ja Sachen, das muss man nicht alles selber erleben. Wenn man ein bisschen aufpasst, kriegt man das schon mit."

Hansi da Boxer

Der Nino aus Wien kommt auch noch in der alten Drehorgel-Leier "Hansi da Boxer" vor, in der es um die österreichische Boxlegende Hansi Orsolics geht. Orsolics reiht sich nahtlos in das tragische Figurenkabinett des Albums ein: einst ein gefeierter Millionen-Schilling-schwerer Boxer, der von seinen "Freunden" übers Ohr gehauen wurde und als schwer verschuldeter, alkoholsüchtiger Raufbold 14 mal zu Haftstrafen verurteilt wurde und mit "Mei potscherts Leben" ein fulminantes Comeback als Sänger feierte.

Fang da nix an

Darauf folgt der gutgemeinte, sparsam mit Zupfgitarre instrumentierte Ratschlag "Fang da nix an" - der vielleicht auch dem zuvor besungenen Hansi Orsolics gilt: "In der Nummer geht es um einen Typen, der mit einer Partie herumrennt, von der er sich was verspricht. Aber jeder andere merkt schon, dass ihn das ruiniert. Nur er checkt es nicht.", meint Voodoo Jürgens.

Voodoo Jürgens

FM4 / Alex Wagner

In deiner Nähe

Neben all der Tragik der gescheiterten Existenzen findet sich auch das vielleicht schönste Liebeslied der jüngeren österreichischen Pop-Geschichte auf dem Album. "In deiner Nähe" war allerdings gar nicht als der sanft-säuselnde, aber bildgewaltige L’Amour-Hatscher geplant:

"Ursprünglich ist das in einer Zeit entstanden, in der die Flüchtlingswelle so extrem thematisiert worden ist und das viel mehr in der Luft gelegen ist, obwohl es jetzt noch immer ein Riesen-Problem ist. Aber eine Zeit lang haben sich die Menschen viel mehr engagiert dafür und in dieser Zeit ist das auch entstanden. So auf die Art, es ist wurscht, wo ich her bin, also quasi wichtig ist, dass man da ist. Das ist erst im Nachhinein so ein Liebeslied geworden."

Tulln

Natürlich findet man auch die Ode an seinen Heimatort "Tulln" auf dem Album. Eine Hymne, für die ihm trotz aller Popularität in der Gartenbau-Messestadt nur selten Rosen gestreut werden:

"Verändert hat sich nichts. Es ist immer noch alles beim Gleichen. Aber letztens habe ich in Tulln am Bahnhof jemand getroffen, der die Stöpsel aus die Ohrwaschl herausgetan hat und gemeint hat: 'Du bist der Voodoo Jürgens! Ich hab mir gerade "Tulln" angehört.' Das hab ich irgendwie ganz nett gefunden. Aber im Endeffekt ist Tulln als Stadt ja gar nicht so wichtig. Im Endeffekt ist es das Leben in einer Kleinstadt, das da skizziert wird, und das kennt man wahrscheinlich so oder so ähnlich, wenn man in einer Kleinstadt aufgewachsen ist."

Meine Damen, Meine Herren

"Ansa Woar" beginnt und endet wie ein Voodoo-Jürgens-
Konzert. Die Rausschmeißer-Nummer ist das versöhnliche "Meine Damen, Meine Herren", die mit ihrer Aufbruchsstimmung die Zuhörer gut nach Hause geleiten soll.

Wobei, die allerletzte Nummer ist es dann doch noch nicht, denn es versteckt sich noch ein Hidden Track auf dem Album. Es ist eine uralter Kassettenaufnahme des elfjährigen Voodoo Jürgens, auf der er mit einem Freund über Leberkäs-Semmeln in Brasilien gscheitwaschelt.

Seine Gabe, den Leuten aufs Maul zu schauen, und seine Liebe für pointierte Hörspiele kommt also nicht von ungefähr.

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