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Musik, Film, Heiteres

Christiane Rösinger Berlin

Ist Musikerin (Lassie Singers, Britta) und Autorin. Sie schreibt aus dem Leben der Lo-Fi Boheme.

13. 10. 2016 - 11:00

Die deprimierende Weltlage

Man könnte angesichts des Wetters und der Weltlage vollends depressiv werden. Der kulturell interessierte Mensch kann immerhin versuchen sich mit Theater, Kino und Konzerten zu trösten, zB beim "Altas des Kommunismus".

Im Berliner Gorki Theater begann am letzten Freizeit die neue Spielzeit mit dem Festival "„Uniting Backgrounds - Theater zur Demokratie". Hier will man sich in den nächsten zwei Wochen also auf die Suche dem gemeinsamen Hintergrund machen .
Bevor aber das Spiel am Freitag Abend begann, stellte sich die neue Gorki- Kolumnistin und Publizistin Mely Kiyak mit ihrer Eröffnungsrede vor, und da war sie wieder, die deprimierende Weltlage. Kiyak benannte die Abgründe, in die wir gegenwärtig in Europa und in Deutschland schauen: Debatten über die juristische Legitimation von Schüssen auf Unbewaffnete, die Diffamierung von Schutzsuchenden als „illegale Einwanderer“, das Geschrei nach einem Abtreibungsverbot in Polen oder der Ruf nach einem Staat nur für Christen in Ungarn. Und die Parteien in Deutschland, das Feuilleton, übernähmen die Semantik der Populisten und machten sich ihre Themen zu eigen, beklagte Kiyak.

Aber auch in dieser deprimierend wahren Rede gab es einen tröstenden Punkt. Kyak sagte, die Künstler müssten diesen Unfug weder mitmachen noch mitreden: „Wir, die Zivildienstleistenden der Kultur, müssen uns die Sorgen der Besorgten nicht aneignen“.

Ute Langkafel MAIFOTO

In der Eröffnungsinszenierung „Atlas des Kommunismus“ der argentinischen Regisseurin Lola Arias standen dann Menschen zwischen neun und 85 Jahren auf der Bühne, die meisten in der DDR aufgewachsen und auf die eine oder andere Art geprägt von der Idee des Sozialismus, der nötigen Vorstufe auf dem Weg zum goldenen Zeitalter des Kommunismus.
Gemäß den Regeln des Dokumentartheaters sind die Darsteller, bis auf eine Ausnahme, keine SchauspielerInnen. Sie sind „Expertinnen des Alltags, also Laien, die persönliche Geschichten aus ihrem Leben erzählen. Als roter Faden diente die Biografie der 85-jährigen Salomea Gonin. Sie musste als Kind mit den Eltern vor den Nazis nach Australien fliehen. Als glühende Verfechterin kommunistischer Ideale kehrt sie zurück nach Westberlin dann nach Ostberlin, wo sie als überzeugte Kommunistin fast 18 Jahre lang für die Stasi arbeitete.

Auch Monika Zimmering,73, erzählte, musikalisch untermalt mit Pionierliedern, von den schönen Zeiten bei den Pionieren, von ihrem Glauben an das Ideal des Kommunismus, von ihren Erfahrungen mit dem Kommunismus, Sozialismus und der DDR. Aus der jungen Pionierin wurde eine Konferenz- Dolmetscherin und die war auch im Dienst, als Günter Schabowski sich auf der berühmten Pressekonferenz zum Thema „Reisefreiheit ab sofort“ verplapperte.

Ute Langkafel MAIFOTO

Wer nun schon seit über 30 Jahren in Berlin lebt, die DDR von Besuchen kennt, Freunde und Bekannte mit DDR-Hintergrund hat und beim Mauerfall und der Zeit danach vor Ort war, konnte angesichts des Themas leicht denken „alles schon mal gesehen, alles schon mal gehört“. Doch der irrte, denn die Leute auf der Bühne hatten teilweise ein sehr langes und bewegtes Leben und das Zuhören lohnt sich.

Bei den beiden älteren Damen hat das Verschwinden der kommunistischen Ideologie und der DDR zuerst einmal eine Leerstelle auf der politischen und biographischen Lebenskarte hinterlassen. Der Kapitalismus hat wieder mal gesiegt, das Lenin -Denkmal wird auf Banausenart niedergerissen, und die beiden Frauen sind von einem Tag auf den anderen in einem neuen Land, ohne sich einen Zentimeter bewegt zu haben. Da schwingt bei beiden eine ordentliche Portion Ostalgie mit. Bis Jana Schlosser ihren Part hat.
Die 52-jährige Ex-Sängerin der DDR-Punkband Namenlos saß wegen ihrer Texte eineinhalb Jahre im DDR-Gefängnis. Kurz nachdem ihre Ausreise bewilligt wurde und sie in Kreuzberg angekommen ist, fällt die Mauer. Sie sieht das Ende der DDR recht ungerührt, freute sich über die vielen Freiräume in der zerbröckelnden DDR-Hauptstadt in den Neunzigern. Und sie freut sich, dass sie in Westberlin auch als „unangepasste Person“ eine Ausbildung zur Erzieherin machen konnte.

Ihren heimlichen Hit „Nazis in Ost-Berlin“, der sie damals in den Knast brachte, bringt sie, begleitet von den Musikern Jens Friebe und Tucké Royal im Gorki wieder auf die Bühne.
Und ihre Geschichte rückt auch die Erzählungen der alten Damen in ein anderes Licht. Salomea Gonin könnte durchaus eine gewesen sein, die die Punkband bespitzelt und für ihre Verhaftung gesorgt hatte, sagt die Sängerin. Für Oppositionelle und Außenseiter in der DDR waren Kirchen die einzigen Orte, in denen sie sich treffen konnten.Und eben dort war auch Frau Gonin für die Staatssicherheit tätig. Sie erwidert, sie habe nach 18 Jahren erst erkannt, dass sie mit geholfen habe, einen Polizeistaat aufzubauen, und habe dann ihre Zusammenarbeit sofort beendet.

Festival Uniting Backgrounds
Theater, Lesungen, Diskussionen, Performances und Installationen - noch bis am 23 . Oktober im Gorki Theater Berlin

)Wie genau es zu der späten Erkenntnis kam, wird im Stück leider nicht erzählt. Man hat den Eindruck, es wird alles ausgespart, was zu schmerzhaft wäre, oder eine der Darstellerinnen in einem ungünstigen Licht gezeigt hätte.

Ute Langkafel MAIFOTO

Die stärkste Szene hat die 52 jährige Mai-Phuong Kollath. Sie kam als Vertragsarbeiterin aus Vietnam in die DDR, ein Land von dem sie bislang nur eine Postkarte mit herrlich farbenfrohen Tulpenfeldern vor modernen Wohnblöcken kannte. Die Berichte über ihre Lebenswirklichkeit sind erschreckend. Dass die DDR kein Kuschelstaat war ist klar, aber wie schlimm man die Vertragsarbeiterinnen behandelte, wie man sie einsperrte und ausbeutete, ist erschütternd anzuhören. Kontakt zu Einheimischen war nicht erwünscht, die Anwesenheit im Wohnheim wurde streng kontrolliert und als Mai-Phoung-Kollath heiraten und kündigen wollte, musste sie dem Arbeiter -und Bauernstaat 8000 Ostmark Ablöse für sich selbst zahlen.

Dann zeigt sie noch das Bild des Sonnenblumenhauses in Rostock-Lichtenhagen, in dem sie jahrelang gewohnt hat und vor dem es nach der Wende zu den ekelhaften Neonazi-Ausschreitungen kam. Sie selbst wurde auf einem Campingplatz von dem rechten Nazi-Mob angegriffen, konnte sich aber wehren und gibt heute Workshops zum Thema.
Wobei man dann fast wieder bei den Abgründen, von denen die Gorki-Kolumnistin zu Anfang dieses Theaterabends gesprochen hatte, war.

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