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Eva Umbauer

Popculture-Fan und FM4 Heartbeat-moderierende Musikjournalistin.

5. 11. 2016 - 11:01

Große Entertainer

Die Hidden Cameras, Adam Green, Jamie Lidell und Robb am Ahoi! Pop Festival. Ein guter Abend.

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Das Ahoi! Pop, das seit fünf Jahren im November im Posthof in Linz stattfindet, ist für einige von uns ein Pflichttermin, nicht nur für OberösterreicherInnen, nein, man fährt auch gern etwa aus Wien gen Westen, um ein feines Live-Musik-Programm zu erleben. Heuer war der erste Tag am Festival ein Hip Hop Tag, mit den deutschen OK Kid als Headlinern. Dann übernimmt aber schon wieder der Gitarrenpop.

OK, Robb aus Wien leiten ein wenig über von Tag eins auf Tag zwei. Robb eröffnen nämlich den Freitag am Ahoi Pop. Robb, der Deutsche mit Wurzeln im amerikanischen Chicago kam zum Studieren nach Wien, statt nach Berlin - wie quasi alle anderen - ging er in die österreichische Hauptstadt. Robb und Band bringen uns Festivalfeeling. Es groovt, der Bass geht in Ohr und Tanzbein, der kompletten Band und Robb selbst ist die Freude ins Gesicht geschrieben.

Da fällt mir Jamiroquai ein, der in den 90ern so erfolgreiche Brite. Jamiroquai, das mag für manche eine Art Schimpfwort sein, für mich und Robb absolut nicht. Robb ist zum ersten Mal im Posthof, und wenn es nach ihm geht, kommt er sehr gerne wieder. Das sollte absolut kein Problem sein.

Fotos von a_kep

Nach Robb stehen die Hidden Cameras auf der Bühne des Ahoi Pop. Auf Soul folgt Country. Country, der echte, wahre Country, der Soul des weißen Mannes und der weißen Frau. Routinier Joel Gibb und seine deutschen Mitmusiker stellen ihr brandneues Album "Home On Native Land" vor. Der Kanadier Joel Gibb hat zwar noch eine Wohnung in Berlin, die hat er aber vor geraumer Zeit alleine gelassen und zugesperrt, samt den Pflanzen auf dem Balkon, über die er sich nun Sorgen macht, ob sie noch durchalten werden, bis er dieser Tage wieder in Berlin ist.

Joel Gibb ist nämlich prinzipiell wieder heim nach Toronto gezogen, jedenfalls um sein neues Hidden Cameras Album fertigzustellen. Es ist nun da, und es ist ein Country-Album. Passend dazu trägt Joel am Ahoi! Pop einen goldenen Anzug, samt goldenen Cowboyboots.

Goldene Boots

a_kep

Stay Gold

Joel Gibb, der einsame, gar nicht so subversive, aber heute etwas distanzierte Cowboy arbeitet sich am klassischen Country-Songbook ab. Einen der beliebtesten kanadischen Folksongs covert er mit seiner deutschen Band: "Log Driver´s Waltz". Das Stück ist beschwingt und passt gut in die Set-List der Hidden Cameras. Oder umgekehrt: Songs wie "A-Woo", "In The Na" oder "I Believe In The Good Of Life" fügen sich perfekt ein in dieses neue Abum der Hidden Cameras. Ok, manche im Publikum warten auf diese Klassiker, während Joel die brandneuen, also noch wenig bis gar nicht bekannten Songs spielt, etwa seine Coverversion "Don´t Make Promises" vom tragischen amerikanischen Folkie Tim Hardin.

Joel und Band spielen aber etwa auch einen Hidden Cameras Song der ersten Stunde im neuen Gewand: "He Is The Boss Of Me", vom vor 15 Jahren erschienenen Mini-Album "Ecche Homo". Joel covert also gewissermaßen Joel. Die Pedal Steel Guitar - mehr Hackbrett und Harfe als Gitarre, weint dabei großartig. Dafür musste Joel Gibb nicht einmal jemanden aus Kanada einfliegen lassen, auch in Berlin gibt es Musiker, die dieses Instrument beherrschen. Joel Gibb und seine Hidden Cameras im Spätherbst dieses Jahres, das ist bittersüß. I should have played more hits, meint Joel Gibb nach dem Konzert zu FM4. Ach was, komm wieder, Joel, und dann, ok, more hits.

Auf Joel Gibb folgt der nächste Entertainer. Adam Green aus New York, diesmal mit Mütze im orientalischen Stil. Aladdin und die Wunderlampe. "Aladdin" heißt ja das neue Album von Adam Green, und ebenso der Feature-Film, den er gemacht hat - eine neue Version des Märchens "Aladdin und die Wunderlampe" aus der großen orientalischen Sammlung "Tausendundeine Nacht".

Adam Green war wie Joel Gibb einmal beim Londoner Indie-Giganten Rough Trade unter Vertrag, und beide wurden vom Label später fallengelassen. That makes us brothers, meint Joel Gibb im FM4-Interview. Joel und Adam plaudern dann auch herzlich miteinander backstage. Vor Jahren waren die Hidden Cameras einmal die Vorgruppe zu den Moldy Peaches, der Anti-Folk Band von Adam Green und Kimya Dawson. Ja, Adam Green ist noch immer der "Kasperl" mit der guten Stimme. Aber Adam ist natürlich mehr als ein clownesquer "Kasperl", er ist vor allem der talentierte Komponist von Songs, die etwas wunderbar Romantisches an sich haben. Das hat er mit Joel Gibb gemeinsam, der mit seinem neuen Album "unschuldigere" Zeiten herbeisehnt und -singt.

Der kleine Bauchansatz von Adam Green bewegt sich ganz zart unter dem offenen Rüschenhemd, wenn er über die Bühne hüpft, und wenn er sich ins Publikum begibt, was Adam Green mehrmals tut. Ein freudiges Lächeln in den Gesichtern seiner Fans, auch wenn die Jüngeren darunter vielleicht gar nicht wissen, wer Jessica Simpson ist. Bei "Jessica Simpson" gibt Adam dann sein Mikro einfach ins Publikum, wo der Song sogleich fertiggesungen wird. Adam Green, ein alter Indierock-Held, der noch immer gern gesehen ist. Rave on, Adam!

Der Brite Jamie Lidell ist schließlich der dritte im Entertainer-Bunde dieses Ahoi! Pop Abends. Wieder ein komplett anderer Typ als Adam Green oder Joel Gibb. Ein schwer zu fassender Singer-Songwriter mit Soulstimme. Jamie Lidell ist nun - ebenfalls wie Adam Green - Vater, und er lebt in den USA, im Bundesstaat Tennessee. Manche von uns wollten die Hidden Cameras sehen, andere Adam Green, aber wiederum andere sind wegen diesem geheimnisvoll anmutenden Künstlers Jamie Lidell gekommen. Die meisten sehen aber erfreulicherweise gleich alle drei Bands. Den etwas zurückhaltenden Joel Gibb, den gleich voll nach vorne gehenden Adam Green und den faszinierenden Jamie Lidell und seine große Bühnenpräsenz.

Siehe auch:

  • Wind in den Segeln: Das äußerst hervorragende Ahoi! Pop Festival in Linz holt 2016 OK Kid, Adam Green, Ezra Furman und viele mehr an Bord.
  • Ahoi! Pop Finale: Avec, Mynth, Sophia und der unvergleichliche Ezra Furman haben das diesjährige Ahoi! Pop Festival in Linz abgeschlossen.

Jamie Lidell, dieser musikalische Grenzgänger - Electronic-Auskenner, der immer am neuesten Stand technischer Dinge ist, hier im Posthof mit einer großen anologen Soul-Show. Nein, das ist keine 70er Jahre Soul-Covers-Band, aber das ist sehr amerikanisch, sehr professionell, aber dann auch - vor allem durch den Meister selbst - wirklich beseelt, dieses einzige Österreich-Konzert von Jamie Lidell. "I don´t live to make you frown", sagt Lidell auf der Bühne, "or to not make you feel anything. I want to make you smile." So heißt auch einer der Songs am brandneuen Lidell-Album: "I Live To Make You Smile". So ist´s. So viele lächelnde Gesichter gehen hinaus in die klare Nacht, oder bleiben noch ein bisschen, um Party zu machen mit Soul, höchst persönlich aufgelegt von Posthof-Mann Gernot Kremser.

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