Standort: fm4.ORF.at / Meldung: "Wie Schlepper auf Facebook werben"

Musik, Film, Heiteres

Lukas Lottersberger

Lukas Lottersberger

Lukas Lottersberger

Politik, Alltägliches und andere Kuriositäten.

21. 12. 2016 - 11:48

Wie Schlepper auf Facebook werben

Fast ein Jahr hat UNHCR auf Social-Media-Kanälen beobachtet, wie Schlepper dort um Kunden werben. Daneben wurde auch ermittelt, was die Geflüchteten beschäftigt, die den Weg nach Europa bereits geschafft haben.

Mit dem Auto von der Türkei nach Griechenland: 1.700 Euro pro Person. Kinder unter zehn Jahren: zum halben Preis. Kinder unter drei Jahren: gratis.

100-prozentige Anerkennungsgarantie im Zielland.

Wir haben 25 Jahre Erfahrung!

So werben Schlepper auf Facebook um ihre "Kunden". Ein Team der UNHCR unter der Leitung der Publizistin Melita Sunjic hat in den vergangenen elf Monaten genau solche Meldungen in den Social Media gesucht, um nachzuvollziehen und zu zeigen, wie z.B. Facebook von Schleppern als Marktplatz verwendet wird.

Flucht über Balkanroute seit 2015, Grafik

APA/Walter Longauer

Flucht über die Balkanroute seit 2015

Dreiste Methoden

Was auffällt: Viele Schlepper bewerben ihre illegalen Leistungen so, wie ein normales Unternehmen seine Dienstleistungen anbietet. "Man glaubt gar nicht, was es da alles gibt", sagt Projektleiterin Melita Sunjic. "Bei manchen gibt es Bewertungen wie bei TripAdvisor, wo Kunden ihre Erfahrungen teilen und bewerten, wie gut welcher Schlepper funktioniert."

Bei arabischsprachigen Schlepper-Angeboten konzentrieren sich die Anbieter meist auf die "Dienstleistung" selbst. Afghanische Schlepper, die besonders aktiv und gut vernetzt sein sollen, greifen kräftig in die Marketing-Trickkiste und spicken ihre Angebote häufig mit falschen Versprechungen. Diese reichen von der Betonung auf die Leichtigkeit der Reise (ease of travel), bis hin zu einfachem und garantiertem Arbeitsmarktzugang im Zielland.

Schlepperwerbung auf Facebook

Screenshot Facebook/UNHCR

Werbung eines Schleppers auf Facebook

Auch der Konkurrenzkampf unter den Schleppern treibt seltsame Blüten. Man buhlt um das Vertrauen der potenziellen Kundschaft. Einige versuchen mit vermeintlichen Beweisbildern - etwa von Schleppern, die Waffen tragen oder Blutergüsse bei Flüchtlingen - Schlepper-Konkurrenten zu diskreditieren und vom "Markt" zu verdrängen. Bilder von Aufenthaltstiteln und Reisepässen sollen suggerieren, dass eine Anerkennung im Zielland sicher ist. Die Schlepper schrecken vor kaum einer Methode zurück, um Geschäft zu machen.

Melita Sunjic kritisiert die Dreistigkeit, mit der die Schlepper auf Facebook agieren, scharf. Sie sieht aber auch eine Mitverantwortung für das "Schlepperunwesen" bei der EU: "Zynisch gesagt, denke ich mir manchmal bei den Beschlüssen, die die europäischen Staaten fassen, dass da die Schleppergewerkschaft mit am Tisch gesessen ist", beklagt Sunjic. "Denn je schwieriger man den Zugang hat und je weniger legale Möglichkeiten man hat, nach Europa zu kommen, umso mehr blüht das Schlepperwesen", fasst sie zusammen.

Das Mantra, das UNHCR deshalb seit geraumer Zeit vorbetet, lautet: "Ordentliche Erstaufnahmezentren und vernünftige Verteilung in ganz Europa". Die EU hat diese Punkte zwar beschlossen, "nur sie hält sich selber nicht daran oder kann ihre eigenen Beschlüsse nicht durchsetzen", beklagt Melita Sunjic.

Großer Informationsmangel

Europa wird druch die dreisten Werbemethoden der Schlepper zum Sehnsuchtsort für Fluchtwillige. Doch für viele Flüchtlinge, die schließlich hier ankommen, folgt die große Ernüchterung. Denn: "Es herrscht ein eklatanter Informationsmangel", erklärt Melita Sunjic.

Viele wissen über den komplizierten Verlauf eines Asylverfahrens nicht Bescheid; sind überfordert mit der Bürokratie in europäischen Ländern; wissen nicht, welcher Staat für sie zuständig ist; fragen sich, warum Fingerabdrücke genommen werden - die Liste ließe sich noch lange fortsetzen.

"Da versagen die Behörden, die NGOs, vielleicht auch wir von UNHCR", meint Sunjic. Vielen Geflohenen, die wieder in ihre Heimatländer abgeschoben werden, gehe es nach der Rückkehr in die Heimat deutlich schlechter, weil alles Geld für den Schlepper ausgegeben wurde und die Situation im Heimatland sich nicht geändert hat.

Integration: Die gespiegelte Diskussion

Das UNHCR-Team hat im Zuge des Social Media Monitorings auch erörtert, wie Flüchtlinge, die bereits in Europa sind, mit ihren alltäglichen Problemen umgehen, und welche Ängste und Sorgen sie plagen. Fremdenfeindlichkeit, Spracherwerb, Familienzusammenführungen oder Rückkehrgedanken (v.a. in den Libanon oder die Türkei) sind nur einige der Themen, die unter Flüchtlingen diskutiert werden.

Ein großes Thema ist Integration. Die Diskussion, wie sie in Europa geführt wird, spiegle sich auf der Seite der Flüchtlinge wieder: "Da gibt es die einen, die sagen 'Wir sind in einem neuen Land und müssen uns anpassen.' Auf der anderen Seite gibt es natürlich jene, die meinen: 'Wir dürfen unsere Seele nicht verkaufen und müssen unsere Kultur und Religion bewahren", erklärt Sunjic. Viele Geflüchtete beschäftigt die Frage, wo Integration endet und Assimilation anfängt - und wo man sich selbst positioniert.

Ganz ohne Humor geht es dabei natürlich auch nicht. Man nimmt besonders die bereits angesprochenen, verklärten Vorstellungen und gängigen Klischees über Europa aufs Korn, die bei vielen zurück im Heimatland noch vorherrschen. Die Message lautet etwa: Europa ist eben nicht der Kontinent, wo jeder sofort eine Freundin bekommt, in einem großen Haus lebt und unerlässlich von der Staatskasse schröpfen kann, um damit den Treibstoff seines Hummers zu bezahlen.

Satirisches Posting von Flüchtlingen

Screenshot Facebook/UNHCR/FM4

Satirisches Posting: "Ich hatte keine größeren Säcke für meine Sozialleistungen"

Nicht nur die falschen Vorstellungen von Fluchtwilligen werden mit solchen humorvollen Postings aufs Korn genommen, sondern auch die Stereotype von Europäern gegenüber Flüchtlingen - Stichwort: Smartphone-Neid. Die unterhaltsamen Postings leisten einen niederschwelligen Beitrag in der Aufklärungsarbeit über die realen Umstände in Europa. Doch ein Blick in die Kommentarzeilen von Satireseiten genügt, um zu verstehen, dass nicht jedeR Satire von Realität unterscheiden kann.

Aufklärungskampagne wird ausgedehnt

Das UN-Flüchtlingshochkommissariat will seinen Kampf gegen die falschen Versprechungen und gegen "Schlepper-Propaganda" demnächst ausdehnen. Telling the Real Story adressiert bereits somalische und eritreische Flüchtlinge. Die Kampagne soll Flüchtlinge möglichst früh erreichen und ein reales Bild über die Flucht und die Lebensumstände in Europa vermitteln. Ab kommendem Jahr will man damit auch Afghanen und Arabisch sprechende Menschen erreichen.

Ziel der Kampagne ist jedoch nicht, die Leute davon abzuhalten, nach Europa aufzubrechen, unterstreicht man beim UNHCR. "Wir wollen ein klares Bild davon vermitteln, wer Anspruch auf Asyl hat; was passiert, wenn ich in Europa einen Asylantrag stelle, obwohl ich keinen Anspruch auf Asyl habe", erklärt Sunjic. "Und natürlich: welche Gefahren auf dem Weg nach Europa drohen können, die letztlich das Leben ganzer Familien ändern können."

Haftungsausschluss

Die ORF.at-Foren sind allgemein zugängliche, offene und demokratische Diskursplattformen. Die Redaktion übernimmt keinerlei Verantwortung für den Inhalt der Beiträge. Wir behalten uns aber vor, Werbung, krass unsachliche, rechtswidrige oder beleidigende Beiträge zu löschen und nötigenfalls User aus der Debatte auszuschließen. Es gelten die Registrierungsbedingungen.

Forum

Zum Eingabeformular Kommentieren

  • zarniwoop | vor 96 Tagen, 8 Stunden,

    Schon ein bisschen masochistisch?

    Wenn Melita Sunjic meint:"Da versagen die Behörden, die NGOs, vielleicht auch wir von UNHCR": Wie sollte eine mangelhafte Information in den hintersten Winkeln von Afghanistan oder Somalia über die Komplexität von Europäischen Aufnahmeverfahren mit Erfolg vermittelt werden - wenn schon hier relativ gebildete Menschen deshalb für einen Brexit stimmen, weil sie nicht gedacht hatten, dass ihre Stimme mitgezählt wird?

    Auf dieses Posting antworten