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10. 1. 2017 - 15:43

Profiling und das Internet

Nicht nur die Kölner Polizei - Stichwort „Nafris“ - beurteilt Menschen nach ihrer Hautfarbe und Herkunft. Das sogenannte „Racial Profiling“ geschieht zunehmend auch im Internet, wo Software soziale Netzwerke durchsucht und Profile von Menschen erstellt.

Immer mehr Menschen fragen sich, welche Auswirkungen Profiling - nicht nur hinsichtlich der Hautfarbe - eigentlich auf die Gesellschaft hat.

Der kanadische Bürgerrechtsaktivist Jamil Jivani hat es auf einem TEDx-Vortrag auf den Punkt gebracht. In seiner Kindheit habe er im gleichen Haus wie seine Mutter gelebt, aber nicht in der gleichen Nachbarschaft: „Meine Mutter hatte nie einen Grund, die Polizei zu fürchten oder ihr zu misstrauen. Aber für mich war das ein großes Thema in meiner Kindheit. Ich habe in sehr jungem Alter gelernt, dass ich bestimmte Dinge anders erlebe als meine weiße Mutter, weil ich einen schwarzen Vater hatte.“

Im Oktober 2016 veröffentlichte die kalifornische Bürgerrechtsrganisation ACLU Dokumente, die belegen, dass die US-Überwachungsfirma Geofeedia privilegierten Zugang zu Facebook, Instagram und Twitter hat. Welche Hautfarbe haben User, welche Kleidung tragen sie, wie äußern sie sich politisch? Mit diesen Informationen unterstützt die Firma verschiedene Polizeibehörden bei der Live-Überwachung von Protesten und Demonstrationen. 500 Ermittlungsbehörden gehören laut ihrer Website zum Kundenstamm von Geofeedia.

Die Agentur der Europäischen Union für Grundrechte hat bereits im Jahr 2010 ein 84 Seiten dickes Handbuch zum Thema herausgegeben: „Diskriminierendes Ethnic Profiling erkennen und vermeiden“. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 habe dieses zugenommen, heißt es darin, aber zwischenstaatliche Organisationen wie die Vereinten Nationen, der Europarat und die EU würden es verurteilen.

Profiling in drei Schritten

Im ersten Schritt werden Daten und Informationen gesammelt, z.B. über ethnische Herkunft und politische Ansichten. Im zweiten Schritt werden Daten verbunden, um neue Informationskategorien zu schaffen. Das wird als „Data Mining“ bezeichnet. Die Daten können jetzt als Aggregat- oder Gruppendaten betrachtet werden, z.B. welche Personen bestimmter Herkunft und welchen Alters bestimmte politische Ansichten haben. Im dritten Schritt werden diese Informationen interpretiert, um zu einer Vermutung zu gelangen, wie sich diese Menschen verhalten. Dieser Prozess wird als „Inferenz“ bezeichnet und führt zum Beispiel zur Schlussfolgerung, dass Personen aus einem bestimmten Land mit einem bestimmten Alter häufig auf politische Proteste einer bestimmten Organisation gehen und dort möglicherweise gewalttätig sind. So entstehen Profile.

Mann vor einem Screen mit Daten für Data Mining aufbereitet

APA/AFP/CHRISTOF STACHE

"Data Mining"

Labelling und wachsendes Misstrauen

Im Handbuch der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte werden die Nachteile des Profiling beschrieben. Insbesondere das diskriminierende „Ethnic Profiling“ wird kritisch betrachtet: „Wenn sich die zuständigen Stellen zu sehr auf ein mit Stereotypen operierendes Profil verlassen, kann die Zahl einer bestimmten Straftat tatsächlich im Laufe der Zeit aus zwei Gründen zunehmen: Gruppen, die aus kriminalistischer Sicht einer Stereotypierung unterzogen werden, können sich diesen Stereotypen gemäß verhalten – ein Prozess, der in den Theorien von Soziologen und Kriminologen als „Labelling“ (Etikettierung) bezeichnet wird; ferner können Gruppen, die nicht mit bestimmten Straftaten assoziiert werden, diese begehen, während die Aufmerksamkeit der Polizei auf eine andere Gruppe gerichtet bleibt.“

Jamil Jivani beschrieb die Folgen für die Gesellschaf bei TEDx so: „Es führt dazu, dass Menschen den Cops misstrauen. Und wenn Menschen denken, dass das Gesetz nicht für alle Menschen gleichermaßen gilt, beginnen sie, ihren Regierungen zu misstrauen.“

Es sind zunehmend Computerprogramme, also von Menschen geschriebene Algorithmen, die Profile erstellen. Sie halten z.B. Menschen mit dunkler Hautfarbe für unzuverlässiger, für die dann eventuell eine Versicherungsprämie teurer oder ein Kredit nicht erhältlich ist. Im Namen des Predictive Policing, der vorausschauenden Polizeiarbeit, führen Profiling-Algorithmen auch dazu, dass vermehrt Menschen mit dunkler Hautfarbe kontrolliert und inhaftiert werden, z.B. eben auf Demonstrationen – weil Software das in Echtzeit so vorschlägt.

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