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Musik, Film, Heiteres

Christoph Sepin

Pixel, Post-Punk, Psychedelia und sonstige Ableger der Popkultur

23. 1. 2017 - 19:16

Alter ist abgeschafft

Ein Gespräch mit dem Filmemacher Olivier Assayas zu seinem neuen Sinnfindungsprojekt "Personal Shopper" mit Kristen Stewart.

Es ist von Anfang an eine beklemmende Atmosphäre, die in "Personal Shopper" aufgebaut wird. Die junge Amerikanerin Maureen, gespielt von Kristen Stewart, lebt als titelgebende Personal Shopperin für Berühmtheiten in Paris, sieht sich aber gleichzeitig als Medium ins Jenseits und versucht so mit ihrem verstorbenen Bruder zu kommunizieren – was ihr auch gelingt. Ein Geisterfilm ist "Personal Shopper" aber trotzdem nicht, eine einfache Coming-of-Age-Story einer jungen Frau aber auch nicht.

Olivier Assayas, der Regisseur und Autor von "Personal Shopper", beschäftigt sich gerne mit den Themen Identitätsfindung und Identitätskrise. Und so verbergen sich auch hinter der simplen Story seines neuesten Films komplexe Fragestellungen, die sich um Sinnfindung und das Verlorensein drehen. Was wirklich passiert und was sich nur in Maureens Vorstellung abspielt, ist nie so ganz klar – muss es aber auch nicht sein. "Personal Shopper" taucht in die Psyche seiner Protagonistin ein und versucht zu ergründen, wie es jemandem geht, der eigentlich vieles hat, aber trotzdem innerlich Leere spürt. Im Interview spricht Olivier Assayas über seine Zusammenarbeit mit Kristen Stewart, die Message von "Personal Shopper" und das große Thema Identitätskrise.

Olivier Assayas

Christoph Sepin / Radio FM4

Es gibt eine interessante Nebeneinanderstellung von der Arbeit, die Maureen macht und dem eher abstrakten, spirituellen Teil. War das von Anfang an klar, dass sie Personal Shopper sein sollte?

Ja, das ist eine Welt, in der sie zwar arbeitet, aber eigentlich gar keinen Zugang dazu hat. Es ist ein sehr entfremdender Job. Sie arbeitet in der Modeindustrie, aber sie arbeitet nicht einmal für sich selbst, sondern für jemand anderen. Von daher ist sie wie viele Leute heutzutage. Es gibt eine Gegenüberstellung zwischen dem Hier und Jetzt und dem Echo der Vergangenheit. Und das verbindet sich mit unserem Vorstellungsvermögen und der Welt unserer Gedanken. Wir sind alle irgendwie wie Maureen. Wir müssen alle einen Beruf machen, um zu überleben und die Miete zu bezahlen. Und gleichzeitig beschäftigen wir uns mit der Vergangenheit und mit Geschichte. Und das ist ein Gedankenprozess. Das ist etwas, das permanent in uns passiert. Ich glaube, dass Filme manchmal zu sehr auf der einen oder der anderen Seite sind und nicht an der Grenze dazwischen. Dabei ist die Grenze das, was interessant ist. Denn die Grenze sind wir.

Personal Shopper

Viennale

Kristen Stewart gibt eine große Performance als Maureen. Wie ist die Entscheidung auf sie gefallen?

Der Film war prinzipiell von ihr inspiriert. Ich hab das nicht ganz genau so formuliert, als ich das geschrieben habe. Aber ich glaube nicht, dass ich den Part geschrieben hätte, wenn ich nicht die Erfahrung gemacht hätte, mit ihr zu arbeiten. Damals wusste ich nicht, ob sie das machen wollte, weil das düster werden kann und sie hätte sich unwohl dabei fühlen können. Es war mir nicht offensichtlich klar, dass die Rolle für Kristen war. Aber meine Erfahrungen mit einer jungen, amerikanischen Frau in ihrem Alter waren mit ihr. Wenn ich also Maureen schreibe, dann schreibe ich auch Kristen, zumindest eine Vorstellung, die ich von Kristen habe.

Es gibt Momente, in denen man sich denkt, es geht ihr miserabel in ihrem Job, dann gibt es wieder Momente, in denen sie wirkt, als ob sie ihn mag. Es ist nie ganz klar, ob es eine einfache Antwort für sie gibt.

Ja, es gibt keine. Das ist wie unsere Beziehung zur modernen Welt. Wir fühlen uns ihr ambivalent gegenüber. Wir hassen den Materialismus und die Oberflächlichkeit, auf der anderen Seite sind wir davon magnetisiert.

Ist "Personal Shopper" ein Horrorfilm?

Nein, aber ich benutze Horror-Elemente, um dem Publikum gewisse Emotionen zu vermitteln. Es ist wie wenn man ein Gemälde malt: Man braucht die Farbe rot, aber man wird nicht einfach die ganze Leinwand rot anmalen.

Personal Shopper

Viennale

Es ist interessant, dass Maureen versucht sich vorwärts zu bewegen, aber nicht weiterkommt und sie driftet irgendwie dahin, das fühlt sich an wie ein Thema unserer Zeit. Alle Möglichkeiten zu haben, aber nicht zu wissen, was man damit machen soll.

Ich bin kein Soziologe, aber ich habe das Gefühl, dass wir die Grenzen des Erwachsenwerdens zurückstoßen. Der Moment, in dem man ein Erwachsener wird, wird zurückgedrängt. Für mich hat Maureen diesen Moment immer weiter nach hinten verlegt und plötzlich kommen ihre inneren Ängste nach draußen und sie muss sich entscheiden, wer sie sein will und was sie sein will. Sie stellt sich selbst diese essenziellen Fragen danach, ihren eigenen Pfad und ihre eigene Identität durch diesen Krisenmoment zu finden. Man kann das nur so weit zurückdrängen, irgendwann kommt das alles zurück.

Leute benutzen den Begriff "Midlife Crisis", aber das Wort verliert seinen Sinn, weil diese Krise auf alle möglichen Arten auftaucht. Als "Quarter Life Crisis" zum Beispiel. Oder eben einfach als Identitätskrise. Es gibt Erfahrungen, aber das Konzept von Alter ist irgendwie abgeschafft.

Ja, das ist genau, was ich mit meinem Film "Clouds of Sils Maria" ausdrücken wollte. Wenn eine Welt existiert, in der das Konzept Alter auf einmal etwas anderes bedeutet. Diese Konzepte sind universell, die waren immer schon Teil der menschlichen Erfahrungen. Nur jetzt ändern sich die, sie formulieren sich neu. Auf eine kontemporäre Art und Weise. Das Filmemachen, Schreiben, Kunst prinzipiell kann auf interessante Art darauf zu gehen. Aber das hat mit einem ganz simplen, essenziellen Teil des modernen Lebens zu tun.

"Personal Shopper" folgt nicht den konventionellen Regeln des Filmemachens und wird letzten Endes ein Film, der einen dazu anregt, über sich selbst nachzudenken.

Ja, das ist im Großen und Ganzen worum sich der Film dreht. Filme müssen unterhaltsam sein und interessant. Wenn man eine Geschichte erzählt, soll man sie so erzählen, dass das Publikum nicht genau das bekommt, was es sich erwartet. Sonst wird das langweilig und vorhersehbar. Ich glaube, dass moderne Geschichten darauf reagieren müssen und überraschen und herausfordern. Weil so lässt man einen Dialog mit dem Publikum entstehen.

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  • simonside | vor 60 Tagen, 9 Stunden, 23 Minuten

    Gutes Interview.

    Deine Beobachtung, alle Möglichkeiten zu haben, aber nicht zu wissen was damit anfangen, trifft den Nagel auf den Kopf.

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