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Musik, Film, Heiteres

Christian Lehner Berlin

Pop, Politik und das olle Leben

25. 1. 2017 - 13:19

Austra

„Pop und Politik“ ist peinlich, oder? Katie Stelmanis im Interview über kollektive Depression, politische Utopien und das neue Austra-Album „Future Politics“.

Spätestens seit den 90er-Jahren gilt der Pop-Rebell als systemkonformer Agent des Neoliberalismus und sein politisches Aufbegehren als eine Geste ohne Substanz. Pop hatte gewonnen, war überall angekommen und hat genau deshalb verloren. Der Rest läuft im Werbefernsehen oder auf der Rally des politischen Gegners. So wurde aus jedem kritischen Lyric ein Wort der Anmaßung und des Privilegs. Ironie und Identitätspolitik setzten der „Message“ ebenfalls schwer zu. Man hat es halt nicht leicht als Rasta-Man in Favoriten.

Katie Stelmanis Austra

Renata Raksha

Und dann tanzten sie der Reihe nach an, die Probleme: Finanzkrise, Klimawandel, prekäre Existenz, Rassismus und Rechtspopulismus, alles Phänomene, die über die Globalisierung nun auch vor der eigenen Haustüre auftauchten. Und siehe da, Pop darf wieder politisch sein und das jenseits von Randgruppen, die sich leicht ignorieren lassen.

Kendrik Lamar, Beyoncé, Radiohead, Run The Jewels, Anohni und sogar Balladen-Queen Alicia Keys politisieren sich durch die weltweiten Charts. Viele der genannten Künstler bedienen sich dabei der Formensprache der 60er- und 70er Jahre, als der Soul zum Ventil der Bürgerrechtsbewegung wurde und der Punk das Bellen lernte.

Die kanadische Synth-Pop-Band Austra versucht nun etwas Ungewöhnliches. Auf dem dritten Album „Future Politics“ strebt Austra-Sängerin Katie Stelmanis eine Fusion von Dream-Pop und politischen Themen an. Statt Wut, Zorn und Pathos erleben wir wattierte Synths und den in der Oper geschulten Sopran von Stelmanis, eine Stimme, die engelsgleich von Entfremdung, Einsamkeit, aber auch vom Licht am Ende des Tunnels singt.

Die weltumarmenden,„lofty ideas“ (Stelmanis) hören und fühlen sich an wie ein Gegenentwurf zum Programm des neuen US-Präsidenten. Zufällig ist das Album am Tag von Trumps Inauguration erschienen. Noch vor wenigen Jahren hätte man vermutlich den Kopf über einen plakativen Albumtitel wie „Future Politics“ geschüttelt. Im Jahr 2017 ist das schon etwas anders.

Wir haben Katie Stelmanis in Berlin über „Future Politics“ befragt. Das Interview fand vor der US-Präsidentschaftswahl statt. Mitte März kommen Austra für zwei Live-Termine nach Österreich (siehe Kasten rechts).

Austra live

  • Linz | Posthof | 11.03.
  • Wien | Wuk | 12.03.

Lehner: Du hast dieses Album im Alleingang aufgenommen, in totaler Isolation, wie man liest.

Stelmanis: Ich hatte Stress mit der Band und Probleme in der Beziehung und so habe ich mich nach Montreal abgesetzt, wo ich niemanden kannte. Dort habe ich dann auch mit dem Schreiben begonnen.

Was hat diese selbstverordnete Einsamkeit mit dir gemacht?

Anfangs war es unerträglich, weil ich die letzten Jahre ständig von Menschen umgeben war. Ich weiß gar nicht mehr, wie lange unsere letzte Tour gedauert hat, aber sehr lange. Der Menschenentzug hat mich fast verrückt gemacht. Ich bin die Wände rauf.

Wie bist du zu den politischen Themen des Albums gekommen?

Über das Gefühl der Einsamkeit. Es war Winter und bitterkalt. Da ich das Apartment kaum verlassen konnte, begann ich zu kochen und viel zu lesen - zunächst Gedichte, um mich auf das Schreiben vorzubereiten. Dann kamen Bücher dazu – viel Science Fiction aber auch Politisches von Naomi Klein oder David Harvey. Ich habe mich regelrecht auf die Materie gestürzt. Die Isolation in Verbindung mit den Theoriewälzern hat dann auch die Anmutung der ersten Songs bestimmt, die ziemlich dark ausgefallen sind.

Zu welchen Schlüssen bist du gekommen?

Ich glaube wenn man einsam ist, wird man sensibler gegenüber Einflüssen von Außen, weil einem sonst ja wenig bleibt. Wir alle werden Zeugen, wie sich die Welt vor unseren Augen auflöst. Jeden Tag hagelt es schlechte Nachrichten: Umweltzerstörung, Krieg, die steigende Ungleichheit zwischen den Gesellschaftsschichten. Ich denke, wir leiden an einer kollektiven Depression. Das ist mir in der Einsamkeit viel bewusster geworden. Obwohl wir ständig kommunizieren, auf Bildschirme starren, zu jeder Zeit erreichbar sind, werden wir doch immer einsamer. Und nun suchen viele Menschen ihr Heil im Nationalismus, der natürlich keine Lösungen bringen wird. Die meisten Bücher, die ich gelesen haben, stecken aber auch voller Lösungsansätze. Es gibt so viele Möglichkeiten, aktiv zu werden und die Dinge zu verbessern.

Wie durch das Dickicht der Apathie brechen?

Zunächst glaube ich, dass viele junge Menschen aus ihren Wohlfühlzonen gerissen wurden. Ich bin 1984 geboren, zu einer Zeit, als Margaret Thatcher im UK regierte. Damals dachte man noch, dass unser Leben alternativlos wäre. Ich bin in der Stabilität einer kanadischen Mittelklassefamilie aufgewachsen – überall nur Sicherheit. Das prägt einen. Natürlich wurde das in den Teenagerjahren anders, aber das Grundgefühl war intakt. Heute hingegen erscheint die Welt als prekärer Ort. Wir werden weniger haben als unsere Eltern. Viele meiner amerikanischen Freunde können ihre Studentenkredite nicht mehr bedienen. Der Leistungs- und Anpassungsdruck in der Arbeitswelt ist sehr hoch. Innerhalb weniger Jahre haben sich die Rahmenbedingungen zum Schlechteren verändert. Ich habe das Gefühl, mein ganzes Leben wird von Corporations mitbestimmt. Und man spürt, dass die Last vom Kollektiv auf die Schultern des Einzelnen gelegt wird. Aber allein kann niemand etwas lösen in einer globalisierten Welt.

Katie Stelmanis von Austra

Christian Lehner

Katie Stelamanis von Austra beim FM4-Interview in Berlin.

Liegt darin der Schlüssel?

Ich habe natürlich keine Lösung für all die Probleme gefunden, aber ich habe für mich einen Weg entdeckt, der dorthin führen könnte. Ein erster Schritt ist, die Welt als als Ganzes zu begreifen und die Taten danach auszurichten. Man kann die Probleme nicht mehr als Nationalstaat lösen, sondern nur als Weltgemeinschaft. Das wissen wir schon lange, aber es zeigt sich heute mehr denn je und es betrifft heute jeden Einzelnen mehr denn je. Eine Bewegung wie Occupy darf sich nicht mehr nur auf Amerika beschränken, sie muss global agieren.

Wie kann das funktionieren?

Micah White, einer der Gründer von Occupy, hat in seinem Buch The End Of Protest beschrieben, warum die Bewegung gescheitert ist. Seiner Meinung nach hat die traditionelle Demonstrationskultur ausgedient. Mehr noch, sie stabilisiere das kapitalistische System, weil der Protest so berechenbar geworden ist. Occupy war zunächst anderes. Für einen kurzen Augenblick schien es, als hätte die Bewegung eine echte Chance, die Welt zu verändern. Aber dann fiel alles in sich zusammen, weil Occupy keine echte Gefahr für das Establishment darstellte. Die mussten das nur aussitzen. White schlägt nun vor, das System von Innen aufzubrechen. Er bewirbt sich gerade als Bürgermeister in seiner Heimatgemeinde in Oregon. Auch Bernie Sanders sagte während seiner Wahlkampagne: „Wenn ihr etwas ändern wollt, dann redet die Politik nicht schlecht, sondern bewerbt euch für ein Amt!“

Wo siehst du die Rolle des Künstlers? Die ist ja nicht unumstritten, wenn es um Politik geht.

Ich sehe mich ein bisschen in der Rolle einer Übersetzerin. Die ganzen Theoriewälzer, die ich in Montreal gelesen habe, das ist heavy stuff und schwer verständlich. Es ist doch schade, dass diese großartigen Ideen kaum die akademischen Elfenbeintürme verlassen. Das ist das letzte Mal in den 60er-Jahren passiert.

Austra Future Politics

Domino

Austra "Future Politics (Domino Rec.)

Aber die Gesellschaftskritik ist doch längst wieder in den Charts angekommen. Man denke nur an Kendrik Lamar oder an das letzte Beyoncé-Album.

Es hat einen guten Grund, warum derzeit das Thema Politik im Mainstream-Pop auftaucht. Die Menschen haben realisiert, dass es so nicht mehr weitergehen kann. Niemand kann sich mehr vor den gesellschaftlichen Problemen verstecken. Viele Popsongs zeigen diese Probleme auf. Nun fragen sich alle, wie man sie lösen kann. Gerade im Pop ist es möglich, die scheinbar unüberwindliche Gravität der Realpolitik zu überwinden und sich eine ganz andere Gesellschaft vorzustellen.

Ein gewisser Hang zum Theatralischen ist deiner Musik nicht abzusprechen. Man weiß, dass du eine klassische Gesangsausbildung hast. Rührt das daher?

Ja, ich denke schon. Ich bin nicht nur mit, sondern quasi in der Oper aufgewachsen. Mit 12 bin ich erstmals auf einer großen Bühne gestanden. Als Teenager lief in meinen Kopfhörern Puccini. Ich glaube, ich kann gar nicht anders, bei mir kommt am Ende immer Drama raus.

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