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Musik, Film, Heiteres

Christiane Rösinger Berlin

Ist Musikerin (Lassie Singers, Britta) und Autorin. Sie schreibt aus dem Leben der Lo-Fi Boheme.

7. 2. 2017 - 16:59

Roter Teppich meets Kaltfront

Ist das raue Klima Berlins Schuld am jährlich bejammerten Starmangel auf der Berlinale?

Die Kaltfront aus Russland hat am Dienstag Berlin erreicht und nun schlägt die sibirische Peitsche, wie so oft Anfang Februar, auf Berlin ein.

Und lustigerweise kommen gerade in dieser Zeit, in der Berlin am kältesten und unwirtlichsten ist, die Filmstars aus allen wärmeren Gefilden der Welt nach Berlin. Oder sie kommen eben nicht: Kurz vor Eröffnung der Berlinale wird wieder gejammert, dass die großen Stars wegbleiben.

Meiden sie Berlin wirklich, weil es immer so kalt ist, oder weil sie eben lieber mit ihren Filmen nach Cannes und Venedig gehen, oder weil die Berlinale so dicht an der Oscar-Verleihung liegt? Man weiß es nicht. Ein paar kommen ja doch immer.

Und so werden auch in diesem eisigen Februar wieder viele bekannte Schauspielerinnen in dünnen, ärmellosen Kleidchen, aber mit blau gefrorenen Armen, gänsehäutig über den roten Teppich am Berlinale-Palast schreiten. Wobei der Filmfest-Dresscode zu klirrenden Berlinale-Zeiten auch schon mal von mutigen Avantgardistinnen aufgehoben worden ist. Catherine Deneuve schritt einst bei minus zwölf Grad souverän im offenen Mantel über den roten Teppich.

Roter Teppich ohne Menschen

Alexander Jonetzko - Berlinale 2011

Catherine Deneuve wird dieses Jahr auch wieder dabei sein und das ewige Gejammer über die mangelnde Stardichte kann man mit ein paar bekannten Namen kontern. Aus Hollywood reisen unter anderem Penelope Cruz, Richard Gere, Ethan Hawke, Hugh Jackman und Sienna Miller an. Ein gewisser Geoffrey Rush und Stanley Tucci sind dabei! Außerdem Kristin Scott Thomas, Ewan McGregor, Robert Carlyle – ist das nix?! Stellan Skarsgard und Robert Pattinson kommen auch nach Berlin und zahlreiche deutsche Prominente, aber die zählen nicht. Auch der Eröffnungsfilm, der französische Film "Django", über das Leben des von den Nazis verfolgten Gitarristen Django Reinhard, wär so arg unspektakulär und verbreite so gar keinen Starglam, wird geunkt.

Trotzdem ist die Vorfreude unter dem gemeinen Volk groß. Die Kartenverkaufsstellen waren schon Stunden vor der Öffnung am Montag Morgen umlagert, traditionell campierten ambitionierte Kartenjäger mit Schlafsäcken und Thermoskannen vor den Ticketschaltern in den Arkaden am Potsdamer Platz. Und auch unter den BerlinerInnen ist die Vorfreude groß, bringt das Filmfest doch immer ein bisschen Glanz in diese Zeit des gefrorenen Schneematsches und der Berliner Tristesse.

Neben all den aufgeblasenen Events wie der Fashionweek und anderen Zumutungen, ist die Berlinale ein Ereignis, an dem jeder teilhaben kann. Jeder Filminteressierte kann sich in eine der berühmten Warteschlangen stellen und für 8-10 Euro Kinokarten für fast alle Filme bekommen.
Und so geht es am 9. Februar also wieder los. 18 Filme im Wettbewerb konkurrieren um die Goldenen und Silbernen Bären. Drei Filme aus Deutschland sind im Wettbewerb, darunter ein Dokumentarfilm über das Leben des Künstlers Joseph Beuys. Josef Haders erster Film "Wilde Maus" hat es auf Anhieb in den Wettbewerb geschafft. Außer Konkurrenz feiert mit "T2" der Nachfolger des britischen Kultfilms "Trainspotting" von Danny Boyle seine Weltpremiere in Berlin.

Bär in Berliner Metro

Berlinale

Insgesamt werden in elf Berlinale-Tagen 399 Filme in vielen verschiedenen Sektionen zu sehen sein. Bei der Pressekonferenz letzte Woche stellte Festivalleiter Dieter Kosslick nicht nur die neuesten Berlinale-Merchandising-Produkte vor. (Vorweg die drängende Frage: "Wie sieht die Tasche dieses Jahr aus?" beantwortet: "Grau, filzig und auch als Rucksack zu tragen") Des Weiteren gab der immer gut gelaunte Filmfest-Chef auch das Berlinale-Motto bekannt. Die Wettbewerbsbeiträge werden in diesem Jahr nämlich von den Themen "Mut, Zuversicht und Humor" geprägt.

Die 67. Berlinale findet vom 9. bis zum 19. Februar statt.

"Du, lass dich nicht verbittern, in dieser bitteren Zeit", zitierte der Festival-Chef den alten Wolf Biermann. Denn viele Beiträge nähmen die aktuell schwierige gesellschaftspolitische Lage vorweg, antworteten darauf aber mit Lebensbejahung. Auf die Frage hin, wie sich das Festival zum neuen US-Präsidenten Donald Trump positioniere, antwortetet Kosslick nur: "Unser Programm ist Protest genug."

Ein Anti-Trump Film wurde auf die Schnelle wahrscheinlich noch nicht gedreht, der Flüchtlingsfilm als Genre ist durch, so ist man gespannt, was das politischste aller Filmfestivals zur rauen Gegenwart zu sagen hat.

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