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Musik, Film, Heiteres

Philipp L'heritier

Ocean of Sound: Rauschen im Rechner, konkrete Beats, Kraut- und Rübenfolk, von Computerwelt nach Funky Town.

19. 3. 2017 - 15:27

Ein nicht löschbares Jucken

Der Song zum Sonntag: Spoon - "Hot Thoughts"

Ein kurzer Blick, ein Schweißtropfen auf der Stirn. Sehnsucht. "Hot Thoughts" heißt das Lied und darum geht es auch. Heiß im Sinne von sexuell hochgeladen.

Gerade hat die stets solide, wenn auch nicht immer unbedingt sensationell arbeitende amerikanische Band Spoon ihr schon neuntes Album veröffentlicht: "Hot Thoughts" nennt sich auch die Platte, das will also etwas bedeuten. Insgesamt deuten Spoon auf dem Album das Wort "Indierock" etwas waveiger, elektronischer, zappeliger, bestens von Disco informiert und infiziert. Das Titelstück ist das Titelstück und also besonders symptomatisch.

Spoon

Spoon

Frontmann Britt Daniel singt davon, was ihm so durch den Kopf spukt, wenn er eine geliebte und begehrenswerte Person sieht – oder auch bloß an sie denkt. "Hot Thoughts", wieder und wieder, sie eröffnen mehr oder weniger jede zweite Zeile in diesem Stück. Sie schmelzen unseren Erzähler.

Und so muss in diesem Lied auch ein kurzes, ekstatisches "Woo!" ausgerufen werden. Britt Daniel jauchzt es voller Strom, gerade so, als wäre es ihm unkontrollierbar aus dem Körper gefahren.

Das Drumming von Schlagzeuger Jim Eno ist in den Songs von Spoon oft prominent und essentielles Element, in "Hot Thoughs" ist es dominant, es trägt das Stück. Weiter, weiter, eine Vorwärtsbewegung, Richtung Dancefloor oder vielleicht auch Richtung Schlafzimmer. Schlank, knackig, dünn, dabei doch voller Elan und Verve. Ein spröder Funk, der in den Füßen juckt.

Auch die Gitarre arbeitet konzentriert, störrisch, nervös, ansteckend, so als ob der politische Disco-Postpunk der Gang of Four von Soul und körperlichem Begehren geküsst worden wäre.

Dazu hat Producer und Experte für Zuckerschock-Psychedelik Dave Friemann Streicher und Glöckchenklang arrangiert – dennoch klingt das Stück nie überfrachtet oder süßlich zugemüllt, alles bleibt ohne Fett.

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  • Auch der geschätzte Wissenschafts- und Popjournalist Thomas Kramar macht sich in der Presse am Sonntag zum jeweils selben Song seine Gedanken.

In der Bridge wird das Tempo runtergefahren, Britt Daniel wird wohl zur Abwechslung einmal versuchen, seine heißen Gedanken ein bisschen abzukühlen. Es kann ja nicht gutgehen. Es nützt ja alles nichts. Er singt, dass er kurz mal Pause machen müsse von seinem Königreich und vom Krieg, weil er sich eben bloß mit seiner Leidenschaft befassen müsse.

Spoon schaffen es dabei, das Stück eben nicht bloß als doofe lüsterne Stalker-Fantasie dastehen zu lassen, sondern als Bekenntnis von Liebe, Ausgeliefertsein und auch Verzweiflung. Am Ende singt, schreit, jammert Britt Daniel: "You know, I think all, I think all your love is enough". Ein schmaler Grat, es tanzt sich gut darauf.

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