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APA/EXPA/SEBASTIAN PUCHER

Fussballjournal

The daily Blumenau. Thursday Edition, 06-04-17.

Das Problem des SK Rapid Wien ist nicht „Canadi!“, „System!“ oder „Qualität!“, sondern „Rapid!“.

von Martin Blumenau

Ich sag‘ einmal so: die öffentlichen Erklärungen zur Rapid-Krise, die den Absturz in den Tabellenkeller nach sich zog, haben mich nicht umfassend überzeugt. Einige Anmerkungen zur Vorab-Fehleinschätzung der Situation oder zu Canadis Strategie haben Hand und Fuß – einen Grund für den Fall ins fast schon Bodenlose bieten sie nicht an. Die Aufarbeitung blieb an Stich/Schlagworten ohne echte Bedeutung hängen, es war viel von Mentalität, Qualität die Rede. Alles in allem: unbefriedigend.

The daily blumenau bietet seit 2013 ebenso wie sein Vorgänger, das Journal, regelmäßig Einträge zu diesen Themenfeldern.

Ich denke, dass man ein, zwei (eher sogar drei) Schritte zurücktreten muss, um das gesamte Bild zu sehen und so an die Ursache für die schon an die Selbstaufgabe grenzende Stimmungslage zu gelangen. Damir Canadi ist der erste Coach seit Menschengedenken, der die Spielanlage der Mannschaft geändert hat. Alle seine Vorgänger (Büskens wie Schöttel oder Pacult) haben letztlich nur übernommen und leicht justiert; einige davon (Barisic) durchaus klug – allerdings: die Anforderung eine neue, zweite Idee zu installieren, wurde einer Rapid-Mannschaft seit mindestens 20, 30 Jahren nicht mehr gestellt.

Nun kann sich aus einer Umstellung immer ein Problem ergeben. Nicht jedes Team (Spieler und Trainer) schafft es – so wie zuletzt RB Salzburg – sofort eine Idee anzunehmen. Die Ochs-vorm-Scheunentor-Art und Weise völligen Unverständnisses, mit der Rapid (dessen Spieler vielleicht leiser, aber nicht blöder sind als anderswo) damit umging, war aber einigermaßen verblüffend.

So eine Reaktion ist zumeist eine direkte Folge der jeweiligen Unternehmenskultur. Und der genauere Blick auf die Vorgaben von Verein und Umfeld offenbart dann den im Pfeffer liegenden Hasen (gleich zwei Tiermetaphern in drei Sätzen, sorry…).

Zitat aus daily Blumenau 12-12-16. Jahresbilanz, Teil 1: Es ist eine Frage der Rundung:
„Rapid hat sich seine Krise komplett hausgemacht: ein ganzer Verein, von der Management-Spitze über die Mannschaft bis hin zu den Fans, glaubte, dass ein neues Stadion von ganz allein Tore schießt, schraubte Ansprüche dementsprechend und verfiel bei der erstbesten Gelegenheit in eine kollektive Depression. Ob der Mann des Halbjahres, ob Damir Canadi sie da raushauen kann, ist noch nicht gesichert.
Canadi, der aus dem seilschaftverseuchten Wien ausgezogen war um zu beweisen, dass er der beste Coach von allen ist, musste nach Wien zurückkehren, um es allen (und sich) zu zeigen. Wiewohl es klüger gewesen wäre mit Altach Herbst/Wintermeister zu werden und dann auf die Winter-Angebote aus der Schweiz/Deutschland zu warten. Mit ihm im Frühjahr hätte Altach womöglich auch noch Leicester werden können, ohne ihn geht das nicht.“

Zitat aus daily Blumenau, 07-11-16. Die Tücken der direkten Demokratie im Fall von Rapid Wien und der heute erfolgten Entlassung der sportlichen Führung:
Im Moment der Doppel-Entlassung entzieht sich die Chefetage der Verantwortung, versucht sich der Schuldfrage zu entledigen. Und schiebt dabei die Emo-Grundlage der Ultras (und der gesamten Fanbasis) vor. Das ist ebenso praktisch wie perfid. Und folgt - im Kleinen, im scheinbar unpolitischen - der populistischen Logik jener, die sich direkte Demokratie, die permanente Rücksicht auf die öffentliche Stimmungslage und wutbürgerliches Surfen auf der Volkstribunen-Welle auf die Fahnen geschrieben haben, und so den reinen Machterhalt vor etwaige inhaltliche Festlegungen stellen. Diese Art des Managements schmiegt sich dicht ans postfaktische Zeitalter an. Und wird auch die Entscheidung über die Nachbesetzung ausschließlich nach populistischen Kriterien treffen…Bei Rapid wird sportliche Führungs-Qualität nur durch Zufall oder Versehen implementiert werden können.

Der SK Rapid Wien hat sich wie kaum ein anderer Fußball-Verein in Österreich seinen Fan- und Ultra-Gruppen überantwortet. Auch was die spielerische Ausrichtung, das, was heute mit dem Begriff Philosophie umschrieben wird, betrifft. Die ist äußerst diffus, wie immer wenn die Vox Pop definitionsmächtig wird, bemüht Begriffe wie Arbeit, Tradition, Einsatz und verdichtet sie zu einer (in zunehmend sakraler Sprache gehaltenen) mystisch aufgeladenen Geist, eine „Mentalität“. Für leiwand, gegen oasch. Das ist super als Banner für eine anarchische Sponti-Demo, für eine Vereins-Philosophie, der sich Präsidenten, Sportchefs und Coaches unterordnen taugt es aber – weil unkonkret und beliebig hoch zwei – genau null.

Weil aber Funktionäre und sportlich Verantwortliche zu großen Bammel davor haben, sich an diese heilige Kuh heranzuwagen und die Frage nach des Kaisers neuen Kleidern zu stellen, bleibt ein wie eine Reliquie verehrtes, weil halt irgendwie so gewachsenes Nichts, der in Unsprache geronnene Hans Krankl das übergeordnete Klub-Motto. Der Rapid-Geist, die Rapid-Mentalität. Ein Gral, an dem es nicht zu rütteln gilt; auch wenn er nichts bedeutet, für nichts steht.

Eine Unternehmenskultur, die sich um einen diffusen, vagen, nichtssagenden und auch zutiefst überkommenen Begriff herum orientiert, bringt seine Belegschaft automatisch zum Tapsen im Dunklen.

In einem solchen Verein geht es dann nämlich nicht darum, etwas zu probieren, etwas zu verändern, etwas zu riskieren, sondern in allererster Linie darum, keine Fehler zu machen. Fehler, die bei den Fans nicht ankommen und zu wilden und folgenschweren Aktionen führen können, Fehler, die selbst- und von Boulevard-Medien fremdernannte Ikonen erzürnen und dazu bringen, öffentlichkeitswirksam Geister zu beschwören. Und eine österreichweite Rapid-Community dazu bringen, sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zu einigen: grasfressen, kämpfen, Rapid-Geist zeigen.

Nur: das sind die Basics des zeitgenössischen Fußballs, hochbanale Normalität, kein USP, schon gar keine Besonderheit. Ein Schas im Walde.

Deshalb bewegt sich bei Rapid seit 20 Jahren nichts. Wird nur minimal getunet. Was manchmal (siehe Pacults Meisterschaft, siehe Barisic’ Euro-League-Lauf) auch funktioniert. Aber eben immer nur auf Zeit. Und nie eine Basis für eine Zukunft, die eine Öffnung für Neues in sich trägt, legt. Rapid ist erstarrt, und zwar in Ehrfurcht vor sich selber. Wir sind Rapid und wer seid ihr?

Damit kommt man in Österreich durch. Für Platz 2 hinter Red Bull und ein zwei internationale Spiele genügt das im Normalfall. Nun ist jemand zu Rapid gekommen (These: zufällig, aus einem Unfall heraus), der diesen Normalfall aushebeln will. Womöglich mit nicht so tauglichen Mitteln (Bockigkeit, Umgangston, Fehlpositionierung von Spielern etc…), aber einer anderen, zweiten Idee. Und droht damit in erster Linie deshalb zu scheitern, weil derlei innerhalb der Unternehmens-Unkultur der Rapid-Mentalität einfach nicht vorgesehen ist. Und diese Tradition über allem steht. Und alles blockt.

Gestern Abend hat Canadis Mannschaft geil gespielt – sagt Max Wöber, der Doppeltorschütze. Nicht wirklich, es war teilweise immer noch furchtbar, angstvoll, aufbauarm, passunsicher. Vielleicht beginnt jetzt ein Lauf, der die zweite Idee implementiert und damit – langsam, langfristig, aber dann nachhaltig – auch das nichtssagende Dogma von der Rapid-Mentalität in Offenheit umwandelt, einen bescheuklappten Geist zu einer offenen Geisteshaltung verführt. Viel eher wird die Chance aber verpuffen, und in absehbarer Zeit wieder auf einen klassischen Rapid-Coach (am besten einen Ex-Spieler, Andi Herzog etwa) zurückgegriffen, der sich wieder am alten System orientieren wird: alles auf klassisch zurückfahren, ein bissl schrauben, zufrieden sein mit Platz 2, Seilschafts-Interessen zufriedenstellen, den Fans nach dem Maul reden und es sich im Schutz der Rapid-Mentalität bequem machen. Den kleinsten gemeinsamen Nenner bedienen. Und langsam zu Tode erstarren.

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