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Flugzeugheck

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Willkommen in der Feindseligkeit

Gestern wieder in der Wahlheimat angekommen und festgestellt, sie ist nicht mehr da. Ersetzt durch den Spuk von Theresa Mays Brexitannien.

von Robert Rotifer

Das letzte, was ein Mensch braucht, wenn sie oder er gerade mit verlegten Ohren und der üblichen Verspätung aus einem Klaustrophobie-induzierend engen, weiß-orangen Flugzeug gestiegen ist, ist ein endloser Fußmarsch durch verwinkelte Gänge über Laufbänder und Treppen, die rollen, sowie andere, die das nicht tun, begleitet von Originalgeräuschen einer Flussreise über den Jangtsekiang.

Ich trau mich wetten, niemand wird Kunde der Bank, die all die weißen Lautsprecher aufgestellt hat, aus denen jene atmosphärische Klanginstallation dringt, bloß weil sie einen im mürben Zustand mit dem Hohn ihrer globalen Imagepflege demütigt.

Aber das ist auch nur eine leere Redewendung, ich wette eigentlich nie.

Fest steht,
a) Brian Eno has a lot to answer for
b) dass die Fußgängerroute durch den North Terminal von Gatwick einzig zur Desorientierung der Passagier_innen geschaffen wurde.

Man muss kein United-Kunde sein, um zu wissen, dass Flugreisen und organisierte Entführungen große methodische Ähnlichkeiten aufweisen.

So erzählt zum Beispiel Jonathan Powell, der Ende der Neunziger Jahre für Tony Blair mit der IRA verhandelte, wie er damals von zwei glatzköpfigen Typen so lange kreuz und quer durch Belfast chauffiert wurde, bis er nicht mehr wusste, wo er war. Der North Terminal von Gatwick geht auch so. Und irgendwann dann, nach Kurve siebenundsechzig kam dann unsere Karawane zum Stillstand.

Eine Frau in einem dieser Bowler Hats, die ein misogyner Sadist sich für die weiblichen Polizeibeamtinnen ausgedacht hat, und der Sorte stich- und kugelsicherer Weste, in deren Taschen sich allerlei Werkzeug zum Fesseln und Knebeln von Menschen verstauen lässt, kam unserer Schlange entgegen.

An einer Leine führte sie einen mittelbraunen Hund, der trug ein Westchen, auf dem seine Berufsbezeichnung als Sprengstoffschnüffler ausgewiesen war.

Wie die Leser_innenschaft wenig überraschen dürfte, wurde der Hund nicht fündig. Nur zur Sicherheit, falls eine_r von uns sich doch als Terrorist_in geoutet hätte, wälzte sich aber gleich hinter der Frau mit dem Hund ein stiernackiger Fleischberg in schwarzer Uniform mit einer übergroßen Maschinenpistole im Anschlag an uns vorbei.

Eine winzige Baseball-Kappe mit Schachbrettmuster und „Police“-Aufschrift saß schief auf seiner proportional sehr kurzen Stirn, die Augen waren angestrengt zugekniffen, seine breite Kinnlade hing offen, und dabei bleckte er seine Zähne, wie zum Zeichen, dass man seiner psychischen Balance nicht allzu sehr vertrauen dürfe.

Zwei weitere Gestalten in Schwarz waren leichter bewaffnet und sichtlich gut darin ausgebildet, Touristenvisagen böse Blicke entgegenzuwerfen.

Nun war unsere ganze Reisegesellschaft auf ihrem Weg ins Flugzeug mehrfach erfasst und kontrolliert, unser Handgepäck sorgsam durchleuchtet worden. Hätte eine_r von uns dennoch eine Bombe mitgenommen, dann hätte er/sie wohl mit der Zündung nicht die Landung abgewartet.

Man war also versucht, die Leute von der Polizei darauf hinzuweisen, dass sie nicht ganz an der richtigen Stelle suchen, aber sie wirkten der Kommunikation nicht zugänglich.

Irgendwann ließen sie uns dann eh gehen und noch ein paar Ecken weiter gelangten wir schließlich zur großen Passkontrollenhalle, die schon wieder einmal umgebaut worden ist.

Und spätestens beim Anblick eines der Hinweisschilder schoss mir endlich ein, dass nicht die potenziell gefährlichen Ausländer_innen als Publikum dieses bizarren Parkurs gedacht sind, sondern die frustriert dreinschauenden Brit_innen rings um mich:

Da stand nämlich glatt „Take control with your E-Passport“ - ein unüberhörbares Echo des erfolgreichen analfixierten Brexit-Slogans: „Take Back Control“.

Theresa May hatte einst als Innenministerin versprochen, sie werde eine „feindselige Umgebung“ für illegale Einwander_innen erschaffen, und das war nun also die versprochene Feindseligkeit in Aktion.

In der Praxis richtet sie sich gegen alle, die das Land betreten. Wir sollen das Gefühl haben, dass alles getan wird, um die Bösen abzufangen, die der Insel was antun wollen.

Überall an der Decke hängen Kameras mit kreisenden Leuchtdioden drauf, deren Aufgabe nicht so sehr das Filmen selbst, sondern das Hervorheben ihrer eigenen Präsenz zu sein scheint: Hier starren elektronische Augen, und wir lassen es dich keinen Augenblick vergessen.

Genauso wie die Schlange zu den Passkontrollen so eng angelegt ist, dass sie an das beaufsichtigte Hin- und Herschreiten in einem Gefängnishof erinnert. Man kommt immer wieder den gleichen Leuten entgegen, und Lächeln tun die beim zwanzigsten Mal alle nicht mehr.

Natürlich darf niemand irgendwas davon fotografieren, das stellen die Typen mit den Maschinenpistolen sicher, sonst hätte ich zum Beispiel ein Bild von der Windows Error Message auf den Bildschirmen über der E-Passport-Kontrolle gemacht: „Your computer is low on memory“ stand da. Mit einer sehr vernünftigen Empfehlung der Software ans Home Office, das System einmal ab- und wieder aufzudrehen und die Festplatte freizumachen.

Der Grund, warum ich diese Banalitäten hier beschreibe, ist, dass all das einmal völlig anders war. Als ich mich vor langer, langer Zeit in Großbritannien verliebte, saßen an der Grenze unbewaffnete Beamt_innen in Hemdsärmeln an ihren Pulten und stellten einem freundlich zivilisierte Fragen.

Während in Österreich finster dreinschauende Figuren in Glaskobeln harrten, strahlte die britische Grenzkontrolle immer eine gewisse Gelassenheit, ja ein sympathisch souveränes Selbstbewusstsein aus.

Dabei war das für Großbritannien keine sicherere Zeit als jetzt. Es gab damals, vor 25 bis 30 Jahren, wesentlich mehr und wesentlich tödlicheren nordirischen Terrorismus als islamistischen heute (und heute wie damals kamen die Terroristen nicht von außen, sondern aus dem eigenen Land).

In der Stilisierung Großbritanniens zur scharf bewaffneten, abweisenden Festung drückt sich eindeutig was aus, und es ist nichts Gesundes. Ich kenne dieses Land nun schon sehr lange, und ich frage mich immer mehr, was aus ihm geworden ist.

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