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Chelsea Hotel

AFP

Wie lebt es sich dort, wo Lieder geschrieben werden?

In ihrem ersten Buch „Alles außer gewöhnlich. Aufwachsen im Chelsea Hotel“ erzählt Nicolaia Rips Geschichten über ihre Kindheit in einem der legendärsten Hotels der Welt.

von Christoph Sepin

Es gibt einige sagenumwobene Locations, Orte, die als Vorbilder für Lieder herhielten, als Drehorte und Schauplätze für Fotoshoots und um die zahlreiche Legenden kursieren. Aber ein Hotel in New York sticht besonders heraus, ein Hotel, das Leute wie Stanley Kubrick, Mark Twain und Iggy Pop mal ihr zuhause nennen durften. In der 222 West 23rd Street in Manhattan: Das Chelsea Hotel, eine legendäre Absteige in New York, in der über die Jahrzehnte Künstler und Künstlerinnen nicht nur Zimmer buchten, sondern auch tatsächlich Wohnungen mieteten.

Cover "Alles außer gewöhnlich"

Nagel & Kimche

„Alles außer gewöhnlich. Aufwachsen im Chelsea Hotel“ von Nicolaia Rips ist im Verlag Nagel & Kimche erschienen. Übersetzt aus dem Englischen von Kathrin Razum.

Geschichten über ausgelassene Feiern und Skandale gibt es einige über das Chelsea Hotel zu erzählen, wie geht es aber einem Kind, das darin den Großteil seines Lebens verbracht hat? Die amerikanische Autorin Nicolaia Rips versucht das in ihrem ersten Buch „Alles Außer Gewöhnlich – Aufwachsen im Chelsea Hotel“ zu beschreiben – und eine Geschichte, die es wert ist, erzählt zu werden, die hat die Autorin auch erlebt.

Through the looking glass

Es ist wie ein Ausflug in eine parallele Welt, in ein Universum, das von Künstlern und Künstlerinnen, Aussteigern und Aussteigerinnen bewohnt wird - das Chelsea Hotel in den Erzählungen von Nicolaia Rips. Mit ihren unkonventionell lebenden Eltern hat die Autorin die meiste Zeit ihres Lebens als Bewohnerin des Hauses verbracht – mit allem was da so dazugehört.

In „Alles außer gewöhnlich“ beschreibt Rips, wie das so war, als Kind zwischen Hedonismus und künstlerischen Freigeistern zu leben, eigentlich eine frühe Autobiographie der noch jungen Autorin, dann aber irgendwie auch wieder nicht. Denn was im Buch da jetzt alles genau so passiert ist, und was nicht, das hält Rips zu einem gewissen Teil offen.

Ich weiß, dass meine Lehrer, Klassenkameraden und noch einige andere die Erlebnisse, die ich hier erzähle, zum Teil nicht wiedererkennen werden, genauso wenig wie ihre Namen, die ich geändert habe. Und so sollte es auch sein, denn es sind die Geschichten meines Lebens – erinnerte, ausgedachte, an mich weitergegebene Geschichten, oft eine Kombination von allem. Sie sind so legitim wie meine Erinnerungen, die geheimnisvoll, fehlbar und so wahr sind, wie man es zu glauben beschließt.

Das Chelsea Hotel: Das Haus, in dem sich Schicksale kreuzten

Seit seiner Eröffnung vor hundert Jahren ist das Chelsea Hotel in New York ein Ort gewesen, der als Inspiration und Heimat für zahlreiche Künstler und Künstlerinnen und deren Lebensgeschichten diente. Janis Joplin hat sich dort mit Leonard Cohen getroffen, Nancy Spungen und Sid Vicious lebten dort bis zu Spungens tragischem Tod im Jahr 1978 und Arthur C. Clarke schrieb dort sein großes Werk „2001: A Space Odyssey“. Und auch jede Menge Lieder werden bis heute über das Hotel gesungen: „Chelsea Morning“ von Joni Mitchell, „Chelsea Hotel #2“ von Leonard Cohen, „Chelsea Girl“ von Nico und „Visions of Johanna“ von Bob Dylan.

Geschichten einer Außenseiterin

Da gibt es Erzählungen über ausgelassene Halloweenparties, über alternde Autoren, Tanzlehrerinnen, die aussehen wie Pippi Langstrumpf und Hotelstammgäste, die zu ungewöhnlichen Beschützern für ein Mädchen werden, das in ihrer Schule eher als Außenseiterin dasteht.

Über die Autorin

Nicolaia Rips wurde als Tochter des Autors Michael Rips und der Künstlerin Sheila Berger im Jahr 1998 in New York City geboren. An der LaGuardia Highschool für Künste war sie Redakteurin der LaGuardia Literaturzeitschrift. „Alles außer gewöhnlich. Aufwachsen im Chelsea Hotel“ ist ihr erstes Buch.

So unbehaglich ich mich in Stormés Gegenwart fühlte, erschien sie mir doch wie ein Mensch, der mit jemandem, der schikaniert wurde, mitfühlen würde. „Die Mädchen in der Schule machen sich über mich lustig.“ (…) Stormé zog an ihrem linken Hosenbein. Ein rosa Revolver war um ihren Knöchel geschnallt. „Das, Zuckerpüppchen, ist mein bester Freund. Und wenn dir irgendjemand Ärger macht, ruf Stormé an, dann kommen mein Freund und ich und kümmern uns darum.“ (…) Von diesem Tag an ging ich abends in dem Bewusstsein zu Bett, dass eine unglaublich gewaltbereite Achtzigjährige von unklarer sexueller Identität über mich wachte.

Das Chelsea Hotel bietet für das alles den perfekten Backdrop, es ist ein Zufluchtsort für Außenseiter, für Eskapisten und Menschen, die ihr Leben eben so leben wollen, wie sie es für sich selbst gut heißen. Und mittendrin steht Nicolaia Rips, die es schafft zwischen objektiven Betrachtungen und persönlichen Anekdoten nicht nur die Geschichte ihres Lebens zu erzählen, sondern einen zeitlichen Ausschnitt aus einem der ungewöhnlichsten Hotels der Welt zu dokumentieren.

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