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Der Song zum Sonntag

Was ist Zeit?

Der Song zum Sonntag: Feist - „Century“

von Philipp L’heritier

Feist wünscht sich gewisse Gefühle und steht sich danach selbst im Weg. Sie kämpft gegen wieder andere eigene Gefühle an, die dann wiederum ihr im Wege stehen.

Es ist also kompliziert, davon handeln viele gute Lieder. Sie bleiben oft nebulös, weil wer kann schon alles erklären? Wollen wir alles erklärt bekommen? Oder vage fühlen?

Demnächst erscheint unter dem Titel „Pleasure“ das fünfte Album von Leslie Feist und das titelspendende Vergnügen wird da auch oft durch verstärkt rohe Energie zum Ausdruck gebracht werden, durch Krachgitarre und live klingenden Rock-Sound. Auch über der zweiten Vorabsingle zur Platte schwebt der große Geist von PJ Harvey, und es ist gut so.

Feist singt vom Verfliegen der Zeit, von der Jugend und einer früh geschlossenen Ehe, sie tut das aber eben nicht mit dem pastellfarbenen Weichzeichner. Sie singt von der Sehnsucht nach einem fernen Morgen, eventuell das Ende eines Jahrhunderts, in dem alles schön gewesen sein wird.

Sie singt von Projektionen des Glücks in eine Person, die es vielleicht nie geben wird oder die wir dann wieder einmal überschätzt haben werden. Und dann ist es schon wieder später.

Nach etwa dreieinhalb Minuten reißt der Song ab, scheint zu Ende. Es wäre auch okay gewesen. Es wird aber besser. Nach kurzer unangenehmer, mulmig machender Stille und Pause dringt eine Orgel in den Song. Die Orgel bedienen in „Century“ übrigens die alten Homies Chilly Gonzales und Mocky.

Es folgt ein monotoner, altbekannter Bariton. Es ist Jarvis Cocker, er hat uns interessante Gedanken vorzutragen: “Century, how long is that?” fragt er. “3,155,973,600 seconds, 876,000,000 hours or 36,500 days, almost as long as one of those endless dark nights of the soul.”

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  • Auch der geschätzte Wissenschafts- und Popjournalist Thomas Kramar macht sich in der Presse am Sonntag zum jeweils selben Song seine Gedanken.

Man muss das nicht überprüfen. Es wird schon stimmen, oder so in etwa. Oder es fühlt sich zumindest so an. Wenn es in der Seele dunkel ist und die Nacht lang, dann vergeht auch die Zeit langsam.

Im Song klingt das aber gar nicht so bitter und niederschmetternd, wie es sich auf dem Papier vielleicht lesen mag. Jarvis Cockers Vortrag ist, wie das oft so seine Art ist, einen Touch zu weihevoll und bedeutsam, so dass er von der Verzweiflung und der Ernstmeinung immer leicht ins Komische, ins Augenzwinkern kippt.

Eine flatterhafte Welt, wir wünschen uns in die Zukunft, wir wollen die Zeit festhalten, die Erinnerungen und das Jetzt, und früher ist alles besser gewesen. Stimmt auch alles nicht, und auch das wissen wir manchmal.

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