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Arca

Pop, Politik und die verstörenden Videos von Arca

Arca verhandelt Körperpolitik in seinen Songs zwischen zwischen Elektropop und Avantgarde. Auf seinem neuen Album singt er erstmals auch - weil Björk ihn dazu überredet hat.

von Natalie Brunner

Der aus Venezuela stammende Musiker und Produzent und Performancekünstler Arca hat diesen Monat ein neues Album veröffentlicht. Es heißt so wie er: „Arca“. Ist der Name ein Indiz, dass er sich mit diesem Album noch mehr unter die eigene Haut rückt?
Arca hat in seinem Werk immer schon Körperpolitiken verhandelt, Geschlechterrollen ausgehebelt und auch die Verletzungen thematisiert, die Menschen aufgrund ihres Genders und ihrer sexuellen Orientierung zugefügt werden.

Diese Thematiken kombiniert Arca mit einem Soundspektrum, das an der Grenze von Avantgarde und elektronischer Popmusik liegt. Arca wächst in Caracas auf, beginnt im Vorschulalter Klavier zu spielen und sich für NIN, Aphex Twin aber auch für RnB Artists wie Aaliyah zu begeistern. Mit 17 zieht er nach New York, beginnt Musik zu studieren, seinen eigenen Soundstil zu entwickeln und die Last der Diskriminierung, die er als Homosexueller in Lateinamerika erfährt, beginnt zu schwinden. Er freundet sich mit dem GHE2oGOTH1K-Kollektiv um Venus X und Shayne Oliver an, für dessen Label Hood by Air er die Musiken für Modeschauen komponiert.

Das kreative Potential und die progressive Identitätspolitik mit der GHE2oGOTH1K New Yorks Underground wie einen schwarzen Stern pulsieren lässt, zieht Musikindustrie-Schwerkaliber an, die mit offenen Ohren und intaktem Hirn durchs Leben gehen und die auf den Soundkosmos von Arca, der Genre- und Identitätsgrenzen deformiert, aufmerksam werden.

Für Kanye West co-produziert Arca 2013 die auf „Yeezus“ erschienen Nummern „I´m in it“ und „Hold my Liquor“. Er ist damals 23 Jahre alt und arbeitet bei der Produktion dieses Albums in einer Liga mit Rick Rubin, Daft Punk. Produktionen für FKA Twigs und Frank Ocean folgten. Im gleichen Jahr erscheint auch Arcas „&&&&&“-Mixtape, aufgrund dessen ihn Björk als Produzenten für ihr „Vulnicura“ Album engagiert. Auf Björks Album geht es um Heilung in einem körperlichen Zusammenhang, um die Heilung von Wunden. Björk erzählt, das sie Spaß hatte mit Arca im Studio, als sie gemeinsam Musik über die tragischsten Themen machten und, dass sie noch nie jemanden so schnell arbeiten gesehen hat. Arca meinte damals, dass ihre Art zu leben, seine Existenz seit damals sehr beeinflusst.

Zwei Jahre und ein Album später setzt sich die Geschichte der Begegnung zwischen Arca und Björk fort. Auf seinem dritten Album „Arca“ singt er erstmals, und das ist nur möglich, weil Björk den ganzen Prozess der Stimmfindung begleitet hat, erzählt Arca in Interviews. Sie sind gemeinsam im Auto gesessen haben ein Liedchen geträllert, Björk sagte, er solle auf seinen Platten singen. Arca erwiderte niemals; und so ging das Ganze los.

„Reverie“ also „Träumerei“ ist ein Todeskampf, im Video sieht man Arca als Matador und das zu tötende Tier in einer Person, er trägt eine Torerojacke, Netzstümpfe und Prothesen die ihn staksen lassen, wie einen verwundeten Faun. Die Symbolik lässt erahnen das es ein Kampf ist mit oder gegen die Konzepte von Männlichkeit und Machismo die in Lateinamerika mit einer besonderen Intensität geführt werden.

Arca singt auf Spanisch. Der Sprache, in der er gelernt hat Emotionen auszudrücken und der Sprache, in der er seine Eltern streiten und sich trennen gehört hat. Auch musikalisch schlägt das Album „Arca“ eine Brücke in die Vergangenheit von Alejandro Ghersi. In eine Zeit, als er noch nicht der über ein einzigartiges Sounduniversum gebietende Arca war. Die klassische Musik, die er als Teenager studiert hat, die Popsongs, die er als Kind gehört hat, findenden Eingang in die ständig expandierende Soundwelt seiner Produktionen.

Der Song „Piel“, zu Deutsch „Haut“, oszilliert zwischen Wiegenlied und Gebet. Arcas Produktionen sind chaotisch, dicht und sphärisch. Seine Gesangstimme ist fragil und konsistent, kein Zögern oder Brechen ist zu hören, aber eine große Zärtlichkeit

Morphende Körper mit Ketten, Prothesen und in Bondage, zwischen Unterdrückung Lust und Befreiung: Die Videos, die Arca gemeinsam mit seinem Freund, Wohnungs- und Arbeitsspartner Jesse Kanda macht, sind schmerzhaft. Im Video zu „Rumbo“ singt Arca mit einem zerschlagenen Gesicht, von dem die Kamera nicht zurückgeht. „Desafio“ ist eine Geschichte von emotionalen Missbrauch und körperlicher Gewalt.

Anlässlich der Veröffentlichung von „Desafio“ erzählt er, warum er sich für den Namen Arca entscheiden hat. Der Ausdruck bedeutet nicht nur Arche auf Spanisch es ist auch ein sehr altes Wort für einen Ritualbehälter, etwas das an sich leer ist, aber mit Bedeutung und im religiösen Kontext erhaben angefüllt werden kann, gute Metapher für einen Künstler, der starre Identitäten und Kategorien verweigert.

Arcas Partner, der bis jetzt an der visuellen Umsetzung des Konzepts „Arca“ gearbeitet hat, veröffentlicht dieser Tage erstmals selbst Musik. Unter den Namen „doon kanda“ ist heart, eine EP mit fünf Tracks auf Hyperdub dem Label von Kode 9 erschienen. Auch Kanda lässt uns sehr nah an sich, an ein Innerstes.

Die EP kommt mit einem Brief, einer Erklärung, die jedes weitere Wort unnötig macht:
ok here is my humble attempt to try and put these songs in context .. to reflect and describe what they mean to me:
axolotl is like a chant for giving it your best try

womb is maybe like the moment you’re out and you hear the world unmuffled
wings is like a conversation .. maybe with yourself, maybe between two aspects of you, or with another spirit
feline is sensual like a courtship
heart is losing someone you love and your self
and on the sound of these melodies:
my work might sometimes be coated with a layer of sharp pain like a blade to the eye or ears. but at the heart of it is always love, compassion, empathy.
I think this coating is created to protect itself, like the walls of a womb, or armor. the same way that what’s within us can protect itself and can be hard to crack. it’s kinda in my nature to always try and turn this stuff inside out and expose it.
each of the songs on this ep have this quality. the melodies are treated to cut you like a serrated knife.
but hopefully they are beautiful enough that you’d want to listen anyway.
thank you

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