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Ohnmacht in der Horrorklinik

In der toskanischen Kleinstadt Volterra wurden im Zweiten Weltkrieg psychisch kranke Menschen misshandelt. Ein Computerspiel widmet sich diesem dunklen Kapitel mutig und eindringlich.

von Robert Glashüttner

Wie schrecklich und unmenschlich behinderte Kinder und psychisch kranke Menschen in diversen Nervenheilanstalten im Zweiten Weltkrieg (und manchmal noch Jahrzehnte darüber hinaus) behandelt worden sind, das kommt teilweise erst seit ein paar Jahren ans Tageslicht. Die Wiener Stadtzeitung Falter hat Mitte März wieder einen Bericht dazu veröffentlicht.

Aber nicht nur in Österreich sind Verbrechen an Patienten begangen worden, auch in Italien. Im Faschismus während des Zweiten Weltkriegs sind etwa im Ospedale Psichiatrico in der Kleinstadt Volterra in der Toskana grausame Dinge passiert, über die viele bis heute nicht sprechen wollen. Einer, der es aber tut, ist der italienische Gamedesigner Luca Dalcò. Er hat mit seinem kleinen Team ein Spiel gestaltet, das in der ehemaligen Klinik in Volterra spielt.

Altes Psychiatriegebäude

Robert Glashüttner

Kein einfaches Vorhaben

Zunächst gab es keinen speziellen Anlass dazu, ein Spiel zum Thema psychische Krankheit und Misshandling zu entwickeln. Das Interesse wurde größer, als sich Dalcò mit immer mehr Menschen über das Thema ausgetauscht hat. Die Ausgangssituation war jedoch nicht einfach, denn wenn schon prinzipiell kaum jemand über so ein düsteres Kapitel sprechen möchte oder kann: Wie soll man dann ein glaubhaftes Computerspiel darüber gestalten? Noch dazu wo es sich dabei um ein Medium handelt, das für viele Menschen weiterhin als rein oberflächlich-unterhaltend wahrgenommen wird? Luca Dalcò ist am Anfang auf viel Widerstand gestoßen, hat sich aber von seiner Vision nicht abbringen lassen.

Entwicklerteam von "Volterra"

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Das EntwicklerInnen-Team von „The Town of Light“ (Luca Dalcò ganz links).

„The Town of Light“ ist bereits vor über einem Jahr für Windows erschienen. Noch vor dem Sommer erscheint eine stark erweiterte Version für Konsolen (Playstation 4, Xbox One). Die Mischung aus Walking Simulator und Puzzlespiel beginnt im Jahr 1938. Man schlüpft in die Rolle der 16-jährigen Renée, die an Schizophrenie leidet und in die psychiatrische Klinik in Volterra eingeliefert wird.



Überforderung und Sadismus

„Es war eine der dunkelsten Zeiten, die Hochzeit des Faschismus. Damals haben sehr viele Einweisungen in Psychiatrien stattgefunden. Psychopharmaka waren gerade noch nicht entwickelt, aber die können ohnehin nicht alle Probleme lösen. Es war eine schwierige Situation, die Klinik in Volterra zu verwalten, denn es gab viele Patienten, wenig Ärzte und keine Medikamente. Methoden, die heute als unethisch gelten, waren damals das einzige Mittel, der Situation beizukommen“, erklärt Luca Dalcò.

Diese Überforderung mit schweren Krankheiten und eine perverse Ideologie, die kranke und beeinträchtigte Menschen als Menschen zweiter Klasse abstempelt, waren eine toxische Mischung, die zu vielen Misshandlungen geführt hat. Auch im Spiel erlebt man Zwangswegsperrung, Vergewaltigung oder Operationen, die mit Folter gleichzusetzen sind. „The Town of Light“ beschränkt seine geschichtliche Aufarbeitung aber nicht auf möglichst krasse Szenen, sondern erzählt eine bedrückende Geschichte über das Überleben während der Kriegsjahre. Die Figuren sind erfunden, doch der Ort und die Geschehnisse bedrückend real.

Nach dem Krieg

Ich treffe in Volterra neben dem Chefentwickler des Spieles auch einen ehemaligen Sozialarbeiter. Angelo Lippi ist ein älterer Herr, der im Jahr 1970 begonnen hat, in der Klinik zu arbeiten. Auf die Jobausschreibung gab es wenige Bewerbungen obwohl die Bezahlung gut war. Damals war die Situation zwar nicht mehr so extrem, wie während des Krieges, doch maßgeblich verbesserte sich die Situation erst ein paar Jahre später. Es war kein einfach verdientes Geld: Lippi musste zunächst einmal mit den archaischen Zuständen an seinem neuen Arbeitsplatz umgehen lernen: „In den Siebziger Jahren hat sich viel verändert. 1975 gab es eine Revolution in den italienischen Psychiatrien. Die Leute haben Wahlrecht erhalten, das Recht, Briefe zu bekommen und zu schreiben, und sie durften auch rausgehen. Vorher waren die Leute einfach eingesperrt. Danach ging es darum, dass man ihnen hilft.“

Bevor den Patienten diese Freiheiten gewährt wurden, war das ganze Areal - 25 Pavillons und 15 Werkstätten - eine selbstverwaltete Zone. „Sie haben eine Parallelwelt aufgebaut. Alles, was es draußen gab, wollten sie auch drinnen machen“, so Angelo Lippi weiter. Es gab ein Ziegelwerk, eine Wäscherei oder eine Schneiderei. Es wurden auch Stoffe hergestellt und sogar Seidenraupen gezüchtet. Nach dem Ende der Abschottung der Psychiatrie war diese Parallelwelt nicht mehr nötig.

Altes Psychiatriegebäude

Robert Glashüttner

Fotos als Zeugen

Bekannt geworden sind die Missstände in der Klinik in Volterra zuallererst durch Ende der Sechziger Jahre veröffentlichte Fotos, die die Zustände zeigen. Ebenso wie bei der „Abteilung für entwicklungsgestörte Kinder“ am Wiener Rosenhügel und im Pavillon 15 am Steinhof, wo bis in die Achtziger Jahre hinein Kinder misshandelt wurden (siehe den dazu den Bericht vom Institut für Rechts- und Kriminalsoziologie vom März 2017), haben auch im Ospedale Psichiatrico di Volterra Fotos von den Zuständen eine erste mediale Aufmerksamkeit erzeugt, erzählt Angelo Lippi.

Die Urversion von "The Town of Light ist für Windows erhältlich. Die überarbeitete und erweiterte Version erscheint demnächst für Windows, Playstation 4 und Xbox One.

Die Reise nach Volterra erfolgte auf Einladung des Spielevertriebs Wired Productions.

Heute ist die Klinik ein gruseliger, verfallener Ort, der abwechselnd von Punks, Obdachlosen, Graffitikünstlern und neugierigen Touristen aufgesucht wird. Beim Besuch der verfallenen Pavillons in Volterra spürt man zuallererst Beklemmung sowie ein Gefühl der Unwirklichkeit, wenn man „The Town of Light“ kennt. Eines der Gebäude der Anstalt wurde naturgetreu im Game nachgebildet.

Es ist nicht einfach, sich dem Spiel zu stellen, doch die Erfahrung ist eindringlich und lohnend. Dank der Interaktivität ermöglicht „The Town of Light“ ein besseres Verständnis von vergangenen Gräueltaten und vom Psychoterror, dem die Patienten mitunter ausgesetzt waren. Heute gehören die Misshandlungen behinderter und psychisch kranker Menschen sowohl in Italien als auch in Österreich weitgehend der Geschichte an. Doch ein Computerspiel, das den Anspruch hat, sich der historischen Aufarbeitung zu widmen, ist ein wichtiger Schritt zu einer vielseitigen medialen Darstellung dieser dunklen Zeit.

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